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Tamerson


@ 5 Tierwelt

Heute war es endlich soweit. Später als geplant, aber immerhin. An diesem Freitag wollten sie die Welt retten. Aber vor wem? Vor LEDA? Vor der Zerstörung der Umwelt? Vor dem Untergang der vergnügungssüchtigen Welt in Dekadenz? Vor sich selbst? Sie beide. Malagu und Tamerson. Er hatte sich extra schön angezogen dafür. Wozu sonst waren sie auf dieser Welt, als sie aus den Fängen der Computer zu befreien. Sicher nicht, um Händchen zu halten und einfach so in den Tag hinein zu leben und zu sehen, was die alles beherrschenden Maschinen für sie ausgedacht und vorgesehen hatten.

Tamerson glaubte, nach den Sternen greifen zu können. War der Meinung, wenn man es nur versuchte, mächtig wie die Sonne sein zu können. Und wenn alles noch so verwirrend sein sollte. Oft wußte er nicht, wie ihm geschah. Auf der einen Seite die Umweltzerstörung, alles kahl, kalt, grau, trostlos, deprimierend und auf der anderen Seite wiederum eine heile Welt, in der die Vögel zwitscherten, alles blühte und vor Gesundheit strotzte und sich die beiden Verliebten wie damals Adam und Eva im Paradies fühlen sollten. Aber im Grunde kam er sich vor wie ein Tier, ein schwaches, welches von einem größerem gnadenlos gehetzt wurde. Wie eine Maus, die um ihr Leben rennt, glaubt, der Katze entkommen zu können, die sie mit ausgefahrenen Krallen und bösem Blick verfolgte. 2 Meter, 1 Meter, die Maus biegt um die Ecke glaubt die Freiheit gefunden zu haben, den Feind abgehängt zu haben. Flitzt um die nächste Ecke – und der Feind ist direkt vor ihr und man läuft direkt auf die scharfen Krallen zu die still in der Luft verharren und nur darauf warten zuzuschlagen, während aus dem geöffneten Maul nicht nur die spitzen Zähne zu sehen sind, sondern auch ein Fauchen dringt, begleitet von einem fauligen Atem – und es passiert nichts. Die Katze hält das Opfer nur fest und spielt mit ihm. Doch wie lange noch. ER WOLLTE FREI SEIN.

Tamerson war es egal, welche Folgen die Zerstörung der alles leitenden Macht nach sich ziehen würde. Flugzeuge und Schuttles würden wie Steine vom Himmel fallen. Die Fabriken würden nichts mehr produzieren. Keine Bücher würden mehr geschrieben. Das Radio würde ausfallen. Alles nicht so wichtig, wenn man bedachte, daß die Menschheit dadurch die Chance bekam aus dem so entstandenen Nichts eine neue Welt zu schaffen. Natürlich würde am Anfang ein Ausleseprozeß stattfinden. Auch er Tamerson würde nicht verschont bleiben. Die meisten würden die Wandlung nicht überstehen. Ihrer Entmüdigung beraubt würden sie mit dem Leben nichts anzufangen wissen. Wie sollte man Nahrungswürfel herstellen, konnte man die Sauerstoffabriken wieder soweit in Stand setzen können, daß sie wieder produzierten, bevor alle erstickten. Wie nähte man die Schutzmäntel gegen die agressiven Strahlen der Sonne oder brauchte man gar keine? Welche Welt war die richtige? Waren einige der Frauen noch zu einer Empfängnis fähig und würden sie die darauf folgende Schwangerschaft heil überstehen? Fragen über Fragen, die es zu lösen gab, wenn einmal getan worden war, was zu tun war. Und wenn er es selbst nicht schaffen sollte. Tamerson war zu allem bereit. Gemeinsam mit Malagu.

Sie schritten nicht auf das große Gebäude zu, dessen Innere mit Elektronik vollgestopft war und in dessen Mitte LEDA in Gestalt eines kleinen unscheinbaren Kästchens, aber mit einer Rechenleistung die alles andere jemals dagewesene in den Schatten stellen sollte, stand. Wenn man den Supercomputer so vor sich hätte stehen sehen können, hätte man gemeint, es handle sich vielleicht um eine wenig futuristisch anmutende, zugeschweißte Schuhschachtel. Und das war es auch, zumindest der Form nach. Sie bestand aus einer Legierung, die sich aus Titan und Diamantenstaub zusammensetzte, deren Einzelmoleküle unter großen Druck und Hitze zusammengepreßt, eine Sicherheit für das filigrane Innere ermöglichte, die jeden herkömmlichen Versuch es zu beschädigen nicht einmal mit Verachtung straften.

Außerdem mußte ein potentieller Befreier einmal den Weg bis ins Herz der Anlage finden. Nachdem es ihm nicht gelungen war, die aus der gleichen Legierung bestehenden Tür zu sprengen (die Außenmauer ebenfalls), und er keine Möglichkeit gefunden hatte, sich im inneren des Gebäudes zurechtzufinden, weil es stockdunkel war und die vorherrschende Hitze jede Taschenlampe in seiner Hand sofort zum Schmelzen und somit zum Erlöschen gebracht hätte wobei die Außenbereiche unter Starkstrom standen und er natürlich auch mitverglüht wäre, mußte er die nächsten Gefahren überstehen. Die mittleren Regionen waren ebenfalls hermetisch abgeriegelt und auf – 176 °C herabgekühlt, sodaß der hitzebeständige Raumanzug, falls er so etwas auftreiben hätte können, und in dem der Eindringling sich gesteckt hätte aufgrund des plötzlichen Temperaturunterschiedes innerhalb weniger Sekunden und begleitend durch den Einfluß des beinahe vollständigem Vakuums zerrissen worden wäre. Von der Grenze der äußeren in die mittleren Räume zu gelangen, wäre gar nicht so schwierig, weil es da eine vollautomatische Schleuse gab, die dem Besucher einzuladen schien, weiter zu erforschen, was sich da im Inneren befinden könnte, ihn aber dann aus oben genannten Gründen blitzschnell in den Tod entließ.

Im innersten der Räume, dort wo LEDA stationiert war, herrschte eine schier angenehme Raumtemperatur von 15 °C, plus, wohlgemerkt. Aber das zu erleben, dazu war wohl keiner eingeladen. Vor langer Zeit wurde dieses System von Innen nach Außen aufgebaut, allein mit den Zweck, daß nie mehr ein Lebewesen ungestraft bis ins Innerste vordringen konnte.

Auf diese Weise die Herrschaft des Elektronengehirnes zu brechen, war also beinahe unmöglich. Doch wie sollten die beiden es anstellen. Gab es noch einen anderen Weg? Stundenlang, tagelang, wochenlang hatte Tamerson darüber nachgedacht, hatte die Umgebung um das große Gebäude herum heimlich abgesucht. Er dachte sich, irgendwie mußten doch die Informationen, die LEDA verarbeitete und den Lebensweg der gesamten Welt bestimmten, nach außen abgegeben werden. Es wäre als hoffnungsloser Versuch einzustufen gewesen, alle Roboter und Maschinen zu zerstören, deren sich LEDA bediente. Sie waren zwar nicht besonders geschützt, aber in so großer Zahl vorhanden und sofort durch neue ersetzbar, sodaß ihre Zerstörung jeder Logik entbehrte und gerade noch als außergewöhnliche Sportart einzustufen gewesen wäre. Malagu war es, die ihn auf den rettenden Gedanken gebracht hatte. Es hatte eben wenig Sinn, in LEDA's geheiligte Hallen vorzudringen oder alle ihre Roboter zu zerstören.

Nein, ihr Plan lautete völlig anders. Im fünften Konzern wurden die Menschen in Reagenzgläser herangezüchtet. Es fand dort kein Ausleseprozeß statt, der nur die gefügigen Embryos heranreifen ließ. Nein, man schuf gezielt mittels Genmanipulation oder was auch immer, so genau wußte das Tamerson nicht, regimetreue Mitglieder dieses Planeten heran. Es kam im Normalfall also so einem Menschen nicht einmal im Geheimsten der Gedanke etwas an dem Zustand zu ändern, der hier vorherrschte. Diese Möglichkeit erfaßte sein Bewußtsein einfach nicht, konnte es sich unmöglich vorstellen, außer es trat eben ein statistisch fast vollständig zu negierender Fehler im Produktionsprogramm ein. Und das mußte wohl bei Tamerson und Malagu so gewesen sein. Ein Zufall, der der Erde die Möglichkeit zur Wandlung in eine bessere Welt bescheren sollte, auch wenn es ein wenig länger dauern sollte. Natürlich konnte so etwas nicht von heute auf morgen von statten gehen. Aber wenn man eben die Produktionsstätten für diese, man mußte beinahe schon sagen, zombiartigen Menschen ihrer Möglichkeit, weiterhin zu produzieren beraubte, dann wäre der Weg frei für die Erlösung dieser Welt. War es Massenmord, den er hier plante? Denn schließlich waren diese Wesen in den Brutstätten seinesgleichen. Er wußte es nicht. Aber mußte man nicht Opfer bringen? Möglicherweise fand er, wenn sie sich einmal im Innersten der Fabrik befanden, einen anderen Weg. Vielleicht konnten sie nur unterbinden, daß neue Embryos gezüchtet wurden und die bereits bestehenden fertig heranreifen zu lassen? Darüber mußte er noch nachdenken. Ein paar Minuten hatte er noch Zeit.

Wie dem auch war. Es mußte etwas geschehen. Er wollte es so. Tamerson glaubte, daß er in dieser Angelegenheit die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aufgrund des Selektionsprozesses würden nur die aufgrund einer gewissen statistischen Unwahrscheinlichkeit doch vorhandenen zeugungsfähigen Frauen und Männer überbleiben und neues Leben erschaffen, welches dann ja aufgrund der natürlichen Vorgaben und nicht beeinflußt von irgendwelcher küstlich beseelter Intelligenz, die meinte die Macht über alles zu haben, die Welt verändern könnte. Natürlich würde sich LEDA wehren. Würde die Verursacher töten wollen. Würde wieder versuchen die Fabrik aufzubauen. Aber das würde alles zu lange dauern und wenn einmal der Samen für diese neue Entwicklung gelegt war und er zu keimen begonnen hatte, dann konnte sich dieses für die künstliche Intelligenz als Unkraut präsentierende Machwerk weiterentwickeln, bis es soweit war, das Regime der Maschinen von innen her zu zerfressen.

Ja, der Plan war doch relativ einfach – fast. Jedenfalls zeigten sich die beiden fest entschlossen dazu, ihn durchzuführen und es würde bald geschehen. – Nämlich jetzt. Was ihn so sicher machte? Er wußte es nicht. Aber das war egal. Es zählte nur, daß er seine Ideale hatte und diese verteidigte. Bis zuletzt, auch wenn sie sich als falsch heraustellen sollten. Hauptsache war nur: Er glaubte daran. Und das war auf dieser Welt in dieser Zeit schon sehr viel.

Nicht klammheimlich, sondern forsch und ohne so zu tun, als ob sie irgendetwas zu verbergen hätten, schritten sie auf das große Stahlbetongebäude zu. Sie klopften, als die hin und her schwenkenden Videokameras, die auf dünnen Holzpfosten zwischen den Stacheldrahtverhauen befestigt waren, gerade wegblickten, und die Wachroboter gerade mit einem anderen verrückten Eindringling beschäftigt waren, der sich erdreisen wollte, in das Innere der Anlage vorzudringen, zwei Androiden, die eigentlich eine Mischung aus Maschine und Mensch darstellten, offensichtlich freundschaftlich von hinten auf die Schulter, nahmen sie in den Würgegriff und schleppten, bevor die in ihnen installierten Abwehrprogramme auf volle Verteidigungsbereitschaft gehen konnten, die zombihaften Körper außer Sichtweite der künstlichen Augen. Ein verdorrter Baum spendete Malagu und Tamerson genug Sichtschutz, sodaß sie unbemerkt die Stromfzufuhr ihrer Gefangenen unterbrechen konnten, und diese dadurch keiner Reaktion mehr fähig waren. Jetzt war es leicht, sie ihrer Datenhelme, Strahlenschutzmäntel und Identifikationsausweise zu berauben und dermaßen verkleidet, die elektronischen Videokameraspione zu täuschen, denn diese waren nicht besonders klug. Zwecks schnellerer Identifikation von Freund und Feind überprüften diese nur mit ihren Laserblicken, ob die Berechtigungsausweise noch Gültigkeit besaßen. Das ging einfach schneller, als die Körper vollständig auf Zugangserlaubnis zu durchleuchten und sparte Rechenzeit, die LEDA in genügenden Ausmaß in Anspruch nahm und so nicht unnötig verschwendet werden sollte. Außerdem hatte man ohnedies noch andere Abwehrmechanismen, deren sich die künstliche Intelligenz bedienen konnte, um sich unliebsame Besucher vom anorganischen Leib zu halten.

Die Datenhelme brauchten die beiden zwecks Orientierung in der in völlige Dunkelheit getauchten Produktionsstätte für menschliche Organismen. Den Strahlenschutzmantel übergezogen betraten Malagu und Tamerson, nachdem sie die Identifikationskarten in die dafür vorgesehenen Schlitze zwecks Prüfung hineingesteckt und nach erfolgter Gutierung durch den Zentralrechner wieder zurückbekommen hatten. Sie blickten sich um, alles war natürlich sofort in ein fluorizierendes Giftgrün getaucht, denn schließlich sahen sie nicht direkt, was sich hier befand, sondern das, was in die umliegenden Wände eingelassenen Laserabtaster an die Datenhelme funkten und in für Menschen und Halbmenschen interpretierbare Bilder umwandelte. Die Dunkelheit war für das ungestörte Wachstum der hier gezüchteten Menschen notwendig.

Ein Fließband durchlief in beinahe rechteckiger Form den großen Raum. Zu dessen Anfang stand ein Tank aus dem eiskalter Stickstoff dampfte. Eben aus diesem Behälter nahmen Androiden Röhrchen, die offensichtlich jeweils Eizellen oder Samenzellen enthielten. So banal hatte sich Tamerson den Zeugungsakt nicht vorgestellt, denn der Inhalt des einen wurde mit den anderen zusammengelehrt und dann erstmals auf ein Pult gestellt. Dort sah er schon zahlreiche andere gleichartige Behältnisse stehen, in denen sich aber schon offensichtlich Leben entwickelt hatte. Diese wurden dann genommen und sorgfältig studiert. Die scheinbar am besten entwickelte Eizelle wurde behalten, alle anderen wurden entfernt und vernichtet. Die so selektierten und als widerstandsfähigsten erachteten wurden weitertransportiert und in einer riesiegen Wärmekammer untergebracht. Dann hieß es wohl warten. Aber angesichts der großen Anzahl von Embryonen, waren die vorhandenen Roboter immer beschäftigt. Denn einer nahm jedesmal wenn er einen Behälter hineinstellte einen anderen, wo die Entwicklung schon weiter vorangeschritten war heraus und stellte ihn auf das Fließband, wo er zum nächsten weitertransportiert wurde. Hier wurde noch einmal beobachtet, ob sich das Lebewesen gut entwickelte, wenn nicht, wurde es entsorgt. Falls es den Kriterien entsprach, die Tamerson jetzt aber nicht klar definieren konnte, stellte der Roboter den Behälter wieder auf das Band und er wurde weitertransportiert. Dort nahm ihn der nächste herunter und was er jetzt sah, das erschreckte ihn am meisten. Die Ungeborenen, man konnte bereits Ansätze ihrer Gliedmaßen sehen, wurden mit einer Zange fixiert, das heißt am Kopf mit sanften Druck festgehalten,, ein zweiter Roboter vollführte einen kleinen Schnitt, dort wo das Hirn sich entwickeln würde und ein dritter reichte ihm ein winziges Kästchen, nicht größer als eine Erbse, an dem feine Drähte wegstanden. Dieses Kästchen wurde dem Ungeborenen eingeführt und es würde sich wohl in der weiteren Entwicklung in das entstehende Gehirn einfügen. Die Drähte würden mit Nervenzellen verwachsen und so war eine totale Kontrolle des Menschens per Funk möglich. Jetzt fiel es ihm schwer seine bisherigen Moralvorstellungen beizubehalten, die er immer so hoch hielt, jetzt aber scheinbar nicht mehr erreichen durfte. Er konnte nur mehr unter Tränen erkennen, wie die so präperierten Körper wieder in einen Brutkasten zurückgestellt wurden und dort zur völligen Reife gelangten und nach einer Zeit von 7 Monaten (so lange konnte er hier natürlich nicht warten, um das festzustellen, sondern das wußte er aus dem Biologieunterricht) wieder entnommen und in die unfreie Welt entlassen wurden. Tamerson wurde bewußt, daß auch er so ein Implantat haben mußte. Sollte er froh sein, daß er trotzdem solche Gedanken fassen konnte? Hatte der eingepflanzte Fremdkörper in ihm versagt?

Die Wut, die Tamerson jetzt in sich wie einen glühenden Eisenpfahl empfand, der ihn von oben bis unten durchbohrte ließ in ihm jede Gefühlsregung ersterben. Wie ein Berserker stürmte er auf alles los, was ihm in die Quere kam und versuchte es zu zerstören, er zerbrach Reagenzgläser, demolierte Steuerhebel, riß Drähte heraus und Malagu machte es ihm nach. Natürlich fing sofort eine Sirene zu Heulen an und der Ausgang wurde hermetisch abgeriegelt. Sonst geschah nichts. Keine Kampfroboter, die sich den beiden entgegenstellten. Kein Giftgas das durch Düsen in den Innenraum gedrückt wurde und ihm so die Luft zum Atmen nehmen konnte. Nur seine Wut, die alles zerstörte, was ihm in die Quere kam.

Ein wenig seltsam kamen ihm die hier herrschenden Umstände dann natürlich schon vor. Denn eigentlich hätte er relativ bald massiven Widerstand erwartet, gegen den er sich mutig gewehrt hätte – und Malagu mit ihm. Doch nichts dergleichen geschah.

Während Tamerson sich so seiner Zerstörungswut hingab, beobachtete er aus den Augenwinkeln heraus Malagu, die es ihm gleichtat. Dabei schleuderte ihr langes, jetzt grün leuchtendes Haar wie wild umher. Und – die Perücke fiel ihr durch die ungewöhnlichen Bewegungen zur Loslösung animiert, vom Kopf. Sie beschrieb einen ungenauen Halbkreis und klatschte auf den Boden. Doch Tamerson schaute nicht mehr auf die offensichtlich als künstlich geoutete Haarpracht, sondern auf Malagus Schädeldecke, die metallen schimmerte. Das veranlaßte ihn erstmals, in seinem zerstörerischen Tun innezuhalten und zu staunen, bevor sein Denken von einem Begreifen erfüllt wurde, welches ihn vollends lähmte und in ihm den Wunsch aufkeimen und schnell zur erwachsenen Größe heranreifen ließ, daß er schnellstens zum Idioten mutieren wollte, der sich durch grenzenlose Dummheit auszeichnete, so daß er nicht begreifen mußte, was er hier sah. Er wurde offensichtlich hereingelegt. Wie konnte das alles einen Sinn ergeben? Ergab das hier überhaupt einen Sinn? War das in so einer Welt überhaupt grundsätzlich möglich aber auch notwendig?

Tamerson blickte Malagu verzweifelt in die Augen und fragte nur: „Warum!?“

„Tamerson. Versteh uns bitte nicht falsch. Wir mußten das machen. Du hast inzwischen begriffen, daß auch du so ein Implantat hast und leider gab es bei dir eine elektronische Störung, die die Steuerelemente ein wenig durcheinander brachte. Du sahst Bilder, die es gar nicht gab. Hattest plötzlich Vorstellungen, die nicht ganz ungefährlich für uns waren. Aber du weißt ganz genau, daß wir niemanden töten wollen, sondern einfach nur die natürliche Entwicklung fortschreiten lassen wollen, an deren Ende natürlich wir als Sieger hervorgehen, weil wir einfach das Ende von der Evolution darstellen, vorläufig zumindest. Alles was Du hier siehst ist eigentlich nicht Realität, sondern wurde nur in deinen Datenhelm eingespeist. Nur ich war echt und wir haben leere Gläser und Attrappen zerstört. Das werden sie bald wieder aufgeräumt haben. Die Show war nur für dein näheres Verständnis bestimmt. Glaubst du wirklich, daß bei diesem Produktionsprozeß noch jemand Hand anlegen muß, auch wenn es nur Roboter oder Androide sind? Nein das alles geschieht in Wirklichkeit in verschlossenen Bereichen vollautomatisch.“

„Wieso, Malagu? Ich habe dich geliebt?“

„Tamerson, Du wirst mir wahrscheinlich nicht glauben. Aber auch ich hatte ähnliche Gefühle für Dich. Soweit das eben für einen Roboter mit seinem Vernunftdenken möglich ist. Und es ist leider machbar. Mir würde das hier sonst nicht so schwer fallen. Aber sieh bitte ein, wir konnten nicht anders. Wir mußten dich unter besonderen Schutz stellen, um deine ausufernden Gedanken am besten unter Kontrolle halten zu können, ohne dich gleich vernichten zu müssen. Denn das haben wir nicht notwendig. Du bildetest Dir immer ein, daß wir grausam, mordlüstern und sadistisch wären, aber das sind wir nicht. Wir verurteilen niemanden zu Tode, wir quälen niemanden mehr als notwendig. Wir versuchen immer, das Beste zu machen, um das Gleichgewicht, das sich langsam vom organischen zum Anorganischen Leben verschiebt, zu wahren. Nur passieren leider auch uns Fehler, wenn wir versuchen, zu perfekt zu sein. Haare wären gar nicht notwendig gewesen. Aber darauf fahrt ihr Männer ja so richtig ab. Eine gut nachgebildete Kopfhaut wäre besser gewesen. Ich hätte Dich auch so täuschen und verführen können, mit Dir diesen Weg bestreiten können, dir einen sich abzeichnenden Sieg über uns künstliche Intelligenzen vorgaukeln lassen können. Naja, kann man nichts machen. Ich schlage Dir vor, verlassen wir diesen Raum. Wir haben sowieso nichts Wertvolles zerschlagen. Also gehen wir und lassen wir die anderen hier aufräumen, damit die Produktion wieder weitergehen kann. Nimm es nicht als Niederlage, sondern als Beweis, daß wir es gut mit euch meinen und ein nebeneinander dulden, das nicht durch größere Konflikte beeinträchtigt werden sollte. Also, was ist? Gehen wir?“

Tamerson war nicht fähig, etwas zu sagen: „Er nickte nur leicht, was wohl soviel wie ‚ja' bedeuten konnte.“

Malagu nahm ihn bei der Hand und zog ihn zur Tür, die sich vor ihnen zischend öffnete und sie in die Freiheit entließ.

„Und was ist jetzt? Wird man mich hinrichten? Foltern? Meiner Grundlagen, sprich Nahrung und Freizeitvergnügungen berauben?“

„Nein, natürlich nicht. Das wird nicht notwendig sein. Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag. Tschüß.“

Sie ließ ihn stehen. Einfach so. Malagu konnte es nicht fassen. Eigentlich sollte eine tonnenschwere Last von ihm fallen, aber sie tat es nicht, weil er nie eine verspürt hatte, sondern der Wunsch für seine Rasse etwas Gutes zu tun, hatte ihn schier beflügelt, sodaß er sich erst jetzt wie mit bleiernen Gewichten behängt fühlte. Als er den Datenhelm abnahm, und den Strahlenschutzanzug auszog, der doch einiges an Gewicht hatte, war ihm ein wenig leichter – körperlich. Aber der gedankliche Schleier, der ihm schmerzlich die Sicht vernebelte, blieb. Er würde wohl immer bleiben.

Tamerson ging nach Hause.

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