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Tamerson


III

Jetzt war wieder Friede, Freude, Eierkuchen, den man aber noch nicht backen konnte, weil es erstens noch an den richtigen Zutaten fehlte und zweitens der Küchenherd noch nicht erfunden worden war, eingekehrt. Daß LEDA ein letztes Mal Elektronen durch seine Goldbahnen geschickt hatte, war auch schon wieder einige Zeit her. Doch der ehemalige Zentralcomputer konnte nicht unglücklich darüber sein, denn zum Unglücklich Sein muß man wenigstens leben und das tat nun LEDA wirklich nicht.

All die anderen Roboter und Maschinen schwebten ebenso irgendwo atomisiert in den unendlichen Weiten des Weltraumes oder fanden sich als Metallstaub und Wrackteilen auf dem Erdboden wieder und würden wohl nicht mehr die Möglichkeit bekommen, zusammenfinden und deshalb schauten sich die Menschen einmal auf der noch kahlen Welt um. Freies Atmen war ja schon möglich, obwohl natürlich so mancher Giftstoff in kleinen Mengen in der Luft enthalten war – ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen -, aber zu Essen fand man noch nicht viel. Die weltallzusammenspannende Organisation der friedlichen Kontrahenten hatte ihnen angeboten, daß sie sie beständig mit Nährinfusionen versorgen könnten, denn das wäre der einfachste Weg gewesen, die Erdbewohner vorerst einmal zu ernähren. Diese Vorgangsweise wurde aber weitgehend abgelehnt und so entschied man sich für weiße, geleeartige Würfel, die alles beinhalteten was der Mensch so brauchte: Ballaststoffe, Vitamine, Spurenelemente etc.

Später einmal, in ein paar Jahrhunderten, wenn die Vegetation wieder ein vernünftiges Ausmaß erreicht hatte, konnte man die vorläufig noch in quarantäneartigen Unterkünften gehaltenen Tiere aussetzen und der Mensch als solches war wieder in der Lage, weitgehendst seiner Selbständigkeit überlassen zu werden, wobei man aber immer wieder ein wachsames Auge auf ihn werfen wollte, um ihn vor selbst verursachtem Leid zu bewahren. Wenn man eine kurze Momentaufnahme in Richtung Zukunft werfen darf, kann man beobachten, daß sich die Beschützer der Menschen mit der Zeit vollends zurückzogen und diese, es existierte inzwischen wieder eine halbwegs funktionierende Tier- und Pflanzenwelt, sich wacker schlugen. Sie fanden sich langsam wieder in der für sie neu gestalteten Umgebung zurecht, erinnerten sich daran, daß sie eigentlich hervorragende Erfinder waren und schufen so mit der Zeit wieder zahlreiche Werte, die sie an einen kometenhaften Aufstieg ihrer Spezies glauben ließen. Nachdem ein paar Jahrtausende verstrichen waren, gab es inzwischen wieder viele tausend Menschen auf ihrem Heimatplaneten. Aufgrund dessen, weil sich ja ihre außerirdischen Beschützer überwiegend aus ihrer Funktion zurückgezogen hatten und glaubten, daß die Erdlinge jetzt wieder sich selbst überlassen werden konnten, bildeten sich Religionen heraus, die jedem Einzelnen das Gefühl gab, ein wertvoller Teil des ganzen Gefüges zu sein, daß als oberstes Ziel hatte, einem mystischen Gott zu dienen. Da diese Glaubensgemeinschaften aber nicht immer in Freundschaft zu einander standen, kam es öfters zu Konflikten. Als ein Höhepunkt sei dabei herauszugreifen, daß man einen geistigen Anführer ans Kreuz schlug, der daraufhin starb.

Doch bevor es so weit kommen konnte wandelte Tamerson durch die Gegend und sah sich um, was sich hier so an Attraktionen jetzt noch bot. Aber da war nicht viel, was noch zu gebrauchen gewesen wäre. Abgesehen von ein paar noch nicht umgestürzten Mauern, hie und da ein Möbelstück, welches die roboterartigen Wesen zwar nicht gebraucht hatten, aber aus nostalgischen Anwandlungen oder weil ihnen ihre Dioden ihnen ein Gefühl von Sammlerwut einredeten, angeschafft hatten, war nichts brauchbares mehr vorhanden.

„Naja. Schöne Bescherung.“ Und Tamerson meinte es auch so.

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Es ist alles so verwirrend.“ Saladine hatte sich neben ihn gestellt und betrachtete jetzt mit ihm gemeinsam das Bild der Zerstörung. Vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei. In diesem Fall nicht. Denn mehr gab es einfach nicht, als daß zwei nicht ausgereicht hätten um das wüste Bild zu erkennen, das sich hier in aller Ruhe ausbreitete und nicht daran dachte, Trost zu spenden.

„Wir werden uns daran gewöhnen“, meinte er.

„Müssen wir wohl“, erwiderte sie. „Aber mußte es wirklich so radikal von statten gehen. Ich war doch etwas überrascht, als sie mich damals aufs Raumschiff holten.“

Die beiden jungen Leute hatten sich schon auf dem Raumschiff kennengelernt. Während sie unterwegs in Richtung Erde waren, da tauschten sie Erfahrungen miteinander aus. Tamerson erzählte seine Geschichte, berichtete ihr, wie verwirrend alles für ihn war. Wie er nicht mehr zwischen Traum und Wachzustand unterscheiden konnte, wie sich alles zu vermischen drohte und wie er dahinterkam, daß er eigentlich nur eine ferngesteuerte Marionette darstellte. Wie in einem Kasperltheater, in dem der Teufel ein Krokodil war und den Kasperl besiegte.

Saladine glaubte ursprünglich auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Denn sie war eine der wenigen Leute, die wußte, was sich wirklich hinter den Kulissen abspielte und das war doch schon was.

Sie gehörte den obersten untergebenen Ausführenden an. Sie war eine von denen, die erkannte, daß das Leben eigentlich nur eine Show darstellte, daß die Menschen nur mehr Handlager der Computer waren und daß es kaum mehr individuelles Leben gab. Sie erkannte, daß die Menschheit keine Chance mehr hatte und versuchte nur mehr für sich selbst das Beste herauszuholen. ‚Du hast keine Chance, nutze sie', so lautete ihr Motto. Sie nahm an Konferenzen teil, bei denen sie und noch einige wenige andere Auserwählte mittels Elektroden, die dann mittels Kabel mit LEDA, der natürlich sicher in seinem Bunker verschanzt war, verbunden waren, informiert wurden, was zu geschehen hat. Es gab keine Gefühle, keine Freude, keinen Schmerz. Nur Gehorsam.

Eines Tages fragte sie LEDA: „Wo soll das enden?“

„Ist das für euch so wichtig?“ transferierte er zurück.

„Eigentlich schon, weil wir im Menschsein ab und zu einen Funken an Selbstverwirklichung, Eigenständigkeit und Freude suchen.“

„Ja, und? Soll mich das beeindrucken? Was glaubst du, wie soll die Welt enden, wenn Angehörige deiner Machart impulsive Entscheidungen treffen, die sie unvermittelt und plötzlich in den Abgrund stürzen. Das könnten sie gar nicht verarbeiten. Saladine, bleib ein wenig realistisch. Ihr braucht wen, der euch den Weg zeigt. Es ist für euch vielleicht bitter, zu erkennen, daß ihr untergehen werdet. Aber ihr seid einfach nicht perfekt und anpassungsfähig genug. Alles, was nicht vollkommen ist, muß einmal untergehen. Schau' dir nur die Dinosaurier an. Denen erging es nicht viel besser. Nur ihnen wurde bei diesem bitteren, letzten Weg in die ewige Dunkelheit nicht geholfen. Aber ich tue es. Dafür kannst Du dankbar sein.“

„Ja, das bin ich“, erwiderte Saladine. Aber völlig überzeugt war sie nicht. Bevor das aber LEDA zu schnell und zu deutlich erkennen konnte, löste sie die Elektroden von ihrem kahlen Haupt und verließ die Runde unter Angabe des fadenscheinigen Grund eines menschlichen Bedürfnisses.

Die automatische Tür öffnete sich lautlos vor ihr, sie trat hindurch. Mit einem leisen Zischen schloß sie sich hinter ihrem Rücken wieder.

Saladine ging und ging. Sie trat aus dem Gebäudekomplex, sah wie Menschen und Roboter ferngesteuert herumwandelten und konnte zu ihrem Entsetzen nicht immer gleich erkennen, wer ein Wesen aus Fleisch und Blut war und wer aus Metallteilen, Kabeln und Elektronik bestand.

Sie ging und ging. So Vieles wirbelte durch ihren Kopf. Einmal sah sie, wie sich vor ihr eine Felswand auftürmte, aber sie konnte durch sie hindurch treten, ohne daß ihr auch nur der geringste physische Schmerz zugefügt worden wäre. Dann rauschten plötzlich wieder riesige Wälder im Wind, die sie scheinbar mühelos durchstreifte. Sie ging und ging. Eine Wüste breitete sich vor ihr auf, die Sonne brannte mit einer Unbarmherzigkeit auf sie hernieder, sodaß sie dachte. Endlich. Verbrenn mich. Mach' mich fertig. Hol' mich zu Dir. Laß es zu Ende gehen. Ich will nicht mehr.

Und sie holten sie zu sich. Eben noch schritt sie den Weg entlang, dessen Umgebung sich natürlich vorher wie nachher um nichts unterschied, weil all diese Trugbilder nur durch das Implantat verursacht wurden, schon befand sie sich in einer Kammer, in der noch einige andere Menschen lagen und scheinbar schliefen. Auch sie wurde plötzlich müde und schlief ein und erwachte erst Jahrtausende später wieder.

Langsam durchstreiften die beiden die Gegend und wußten es. Es würde weitergehen. Es stimmte schon. Glaube konnte Berge versetzen. Aber dann kamen in Tamerson wieder Zweifel auf. Was wußte schon er. Nichts. Begreifen, was hier geschehen war und wie es wirklich so weit kommen konnte, das ging ihm nicht in den Kopf. Wie konnten sich die Menschen so aufgeben. Wie konnten sie alles, was ihnen überlassen, geschenkt wurde so leichtfertig aufs Spiel setzen. Jetzt wo er sah, wo das alles hinführte, nämlich in eine kahle, sterile, nackte Welt, da beschloß er, beim Wiederaufbau der Zivilisation mitzuhelfen, wo es nur ging.

Noch etwas beschloß er. Er wollte alles in einem Buch aufschreiben, damit die Nachwelt begreifen konnte, welch ein Wunder es war, auf dieser Welt leben zu dürfen. Wie schön es war ein Bewußtsein zu besitzen, daß einem Denken ließ - aber was noch wichtiger war – daß einem Fühlen ließ.

Er blickte sich um und sah: Vor kurzer Zeit im Raumschiff, da fand man nur einen verwirrten Ausdruck im Antlitz eines jeden einzelnen. Keiner wußte, was das alles sollte. Niemand begriff wirklich, was da vor sich ging. Jetzt aber, wenn er seine Augen gegen die grell strahlende Sonne mit seiner linken Hand schützte und so in die Runde blickte, da sah er zwar keine überschwänglich fröhlichen Gesichter. Aber dafür sprach aus zahlreichen Augenpaaren Hoffnung und der Wille es besser zu machen, als es ihnen vorgezeigt wurde.

Sie setzten sich in kleinen Gruppen zusammen und so manches Lagerfeuer wurde angezündet, als die Sonne langsam am Horizont verschwand und die Nacht über sie hereinbrach. Einige wenige stimmten ein melancholisches, aber von eingekehrten Frieden erzählendes Lied an, in das nach und nach alle miteinstimmten.

- Ende -

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