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Gaby Schumacher

Verzaubert!

Endlich wieder einmal durch eine sehenswerte Gemäldeausstellung gehen, die anderen Besucher zu beobachten, ihre Mimik, ihre Gestik beim Betrachten eines Bildes zu deuten zu versuchen und die besondere Atmosphäre einer solchen Veranstaltung zu genießen... Ja, das hat Jasmin sich für heute fest vorgenommen. Nichts hält sie davon ab.
Sie ist frei, frei für die Welt der Vorstellung und Wünsche.

Am frühen Nachmittag verlässt Jasmin das Haus.
Aus Freude ob dieser Stunden, die ausschließlich ihr allein gehören sollen, hat sie sich schick angezogen. Sehr romantisch, so wie sie es liebt. Das weiche Tannengrün ihres weit schwingenden Kleides schmeichelt ihr. Sie fühlt sich hübsch und begehrenswert. Beschwingt macht sie sich auf den erquickenden Spaziergang durch den weitläufigen Park bis hin zur Kunsthalle. Ach, es ist schon eine geraume Zeit her, dass sie jenes Haus das letzte Mal betreten hat.

Es geht um eine Ausstellung naiver Malerei, für die sie schwärmt, seitdem sie sich überhaupt für Kunst interessiert. Mit strahlend erwartungsvollem Lächeln zeigt sie ihre Eintrittskarte vor, nimmt sie dankend zurück und betritt gespannt den ersten Saal, in dem ein paar wenige, besonders große Kunstwerke hängen. Das erste in kräftigen Farben gemalte Bild stellt den Alltag auf einem Bauernhof dar. Das nächste Gemälde zeigt einen bunten Wiesenblumenstrauß in einer halbrunden, weißen Vase vor dunklem Hintergrund. Ihr Auge genießt diese Werke unbekannter Künstler, deren Namen auch sie noch nie gehört hat.
Die leuchtenden Farben erfreuen ihr Herz.

Sie schreitet zur gegenüber liegenden Wand und bleibt dort fasziniert stehen. Ein sehr großes Gemälde, etwa zwei Meter breit und ungefähr ebenso hoch, zieht sie magisch an. Merkwürdig, sie vermag ihren Blick nicht wieder von dem Bild abzuwenden. Dabei ist gar nichts Besonders an ihm. Jasmin schaut auf eine im naiven Stil gemalte Parklandschaft.

Kein Sonnenstrahl erhellt diese Oase der Ruhe, keine bunten Blumen fesseln das Auge. Allein ein Aschenweg, der von vorne mittig in einer sanften Biegung nach hinten rechts das Panorama teilt, bildet den einzigen Blickfang in diesem Blätterwald. Der Weg lädt ein zum Verweilen in dieser Stille, dieser Ruhe, die für die Seele so erholsam ist.

Jasmin atmet tief durch.
Später dann weiß sie noch nicht einmal vor sich selber zu begründen, wieso sie nach kurzem Betrachten dieser Landschaft nicht einfach weiter gegangen ist, sich den anderen Kunstwerken gewidmet hat, die es mit Sicherheit ebenfalls wert gewesen sind, Beachtung zu finden. Doch sie rührt sich nicht von der Stelle, kann sich nicht trennen. Ihr Blick saugt sich sehnsüchtig an dem Laubgrün fest. Jasmin beachtet kaum noch die leise miteinander tuschelnden Menschen und vertieft sich zusehends in dieses Bild. Die Leute in ihrer Nähe scheinen sich zu entfernen, dann im Hintergrund zurückzubleiben, deren murmelnde Stimmen leiser und leiser zu werden. Alles um sie her verliert mehr und mehr an Bedeutung für sie, gerät schließlich gänzlich in Vergessenheit.

Jasmin kann sich dem Sog dieses Bildes nicht mehr erwehren. Sie macht erst einen zögerlichen, danach einen zweiten, dann entscheidenden Schritt auf das Bild zu, überschreitet die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum und findet sich auf eben diesem rot-bräunlichen Wanderweg wieder. Dort steht sie ganz allein und empfindet trotzdem keine Furcht, im Gegenteil. Die Bäume sind ihre Beschützer. Unter ihnen fühlt sie sich geborgen. Sicher in diesem Gefühl spaziert sie froh den Weg entlang, überlässt sich dessen Führung. Sie ahnt nicht, was sie noch an Wunderbarem erwartet.

Nach einer Weile, es mag eine halbe Stunde gewesen sein, lichtet sich die Baumgruppe. Jasmin findet sich plötzlich auf einer in gleißend helles Sonnenlicht getauchten Wiese wieder, übersät mit den schönsten Blumen, die sie sich nur vorstellen kann. Jubelnde Freude steigt in ihr auf.
"Meine Güte, ist das herrlich!", flüstert sie.
Bei diesem Anblick möchte sie singen und tanzen und tanzen und singen und selbst zu einer der leuchtenden Blüten in diesem Naturwunder werden.

Der Wunsch wird übermächtig. Sie widersteht der Verlockung nicht mehr, wirft ihren Lockenkopf zurück und beginnt sich schneller und schneller im anmutigen Kreise zu drehen. Sie gibt sich ihrem wirbelnden Tanz hin, ist bald völlig entrückt.

Woher soll sie es wissen, dass sie den Weg zur Ewigkeit, des vollkommenen inneren Friedens geht? Alles Schwere ist von ihr genommen. Die bedrückenden Gedanken sind ausgelöscht. Sie fühlt sich leicht wie eine Feder. Jasmin überlässt sich völlig diesem überwältigenden Gefühl der inneren Freiheit, das nur in tiefem Herzen entspringen kann.

Ein paar Minuten später vernimmt Jasmin aus der Ferne eine unglaublich schöne, überaus zarte Musik, die ihre Seele verzaubert. Entzückt lauscht sie diesen Klängen, hört auf das, was sie ihr zuflüstern.
"Komm!", lockt sie da eine silbrige Stimme wie die eines Engels.
"Du hast die Fähigkeit bewiesen mit dem Herzen zu sehen, mit dem Herzen zu fühlen. Dir sei etwas geschenkt, das nur wenigen Menschen zuteil wird. Sieh dort hinten das Tor. Es wird das Tor zur immer währenden Glückseligkeit genannt. Schreite hindurch und du wirst für ewig eins mit ihr."

Jasmin fragt nicht, wer da mit ihr spricht. Sie spürt im Herzen das Gute und lässt sich von ihm leiten. Dieser Stimme vertrauend, folgt sie ihr ohne Zögern und geht ein in die ewige Freude. Sie wird zu einem strahlenden Lichtwesen, das kein Gestern, kein Heute und kein Morgen kennt.

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