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Manhattan Transfer

Als Vera erwachte, war ihre Brust noch ganz beschlagen vom Schlaf, würde ich schreiben, hätte ich die Wahl. Sie steht auf, dreht ein, zwei Runden im Zimmer und läßt sich wieder auf den Matratzen nieder, die wir am Abend sorgfältig gegeneinander drückten, damit die Traumkapsel nicht verloren geht. „Willst du Kaffee?", frage ich und erhebe mich, ohne auf eine Antwort zu warten. Mein Schwanz hängt Richtung Teppich. Er bewegt sich im Rhythmus meiner Beinbewegung. Als ich heute Nacht in ihr war, denke ich, war die Nacht eine schöne. Und, denke ich weiter, wären wir erstarrt im Zittern, hätte es ein gutes Bild gegeben. Eins, daß nicht zu malen oder zeichnen gewesen wäre. Vielleicht eins für die Kamera. Aber es hätte uns erschossen, glaube ich. Ich glaube viel, wenn sich eine Art von Pathos einstellen läßt. In Frankreich, wir lagen im Sand und hatten Rotwein getrunken, saß sie plötzlich auf mir. Ich erstarrte und sah nur noch einen von Flugzeugen und Windböen gezeichneten Himmel, so eine Art von Phalanx, die sich aufstellt, wenn man sich bewußt ist, daß man da, ich meine hier und irgendwie nur Betrachter, postumer Chronist einer Schönheit, die ihresgleichen suchen, etwas andres absuchen müßte. Das weiß man und deshalb nimmt man einen weiteren Schluck Wein. Vera folgt mir in die Küche, setzt sich an den Tisch und bittet um Kaffee, den ich ihr mit einer liebevollen Geste reiche.
„Milch", sagt sie, „ist das Wichtigste im Kaffee, sonst ist der Morgen verdorben."
Ich grinse und schließe die Wohnungstür hinter mir. Ich laufe zum Briefkasten, trage die Worte an den Tisch und öffne einen Brief. Der Freund schreibt, daß er liebt. Der Rest ist Grammatik. Vera blättert in der Zeitung. Sie sucht nach einer besser bezahlten Arbeit. Hin und wieder nippt sie an der Tasse Kaffee, während ich den Brief ein drittes Mal lese.

Sie hat sich mit der angelesenen Zeitung auf den Balkon gesetzt und begutachtet die Kästen, in die sie Samen für zehn Quadratmeter pflanzte. „Sie werden bald platzen", sagt sie und gießt Wasser nach. „Und wenn sie platzen, wird es Erde regnen, das erste Mal wird es Erde regnen, hier bei mir!"
Ich setze mich auf den Stuhl ihr gegenüber. Zwischen uns der Tisch. So ein einfaches Ding aus härtestem Plastik, ein wenig Stahl dazwischen. Darauf eine grüne Decke. Zerschmolzene Flächen, wo Teelichter zu lange brannten, um uns und den Freunden das Licht für die Nächte zu geben. In Irland, als wir im Ring of Kerry, einer durch und durch begrünten Gegend, einander die Haare zerwühlten und die Sonne uns sah, wie wir ineinander, war jedes Wort eine Nichtigkeit, ein Kurzschluß.
„Ich möchte mit dir schlafen.", sage ich.
Vera steht auf, geht zurück in die Wohnung, zieht sich, legt sich nackt auf die Matratzen und verharrt in einer schlafenden Pose. Ich komme über sie. Denke, daß sie die Burg, die zu erstürmen ist. Wir tragen uns, signieren mit unseren Zungen des anderen Anteil an Zeit und fallen vornüber. Es ist ein Ringen. Zweikampf, wenn man will, aus dem jedoch kein Sieger hervortritt. Das sind nicht die Küsse und die anschließende Tötung. Das ist nicht dieses: du der Raum, ich die Ankunft. Das ist Geschichte. Wenn ich sie küsse, ist das auch Geschichte. Aber kein Mauerfall. Als wir in einer schreienden Pose für kurze Zeit still stehn, fällt mir die Fotographie ein. Dieses einfache Bild, als wir auf der Fähre von der Freiheitsstatue nach Manhattan fuhren und einander Liebe sagten. Wie im Film, dachte ich damals, so etwas Wirkliches, so eine perfekte Einstellung, in der nichts fehlt.

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