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Marilyn

Neben mir sass Marilyn.
Marilyn Monroe sass neben mir und überschwärmte mich mit Sex-Appeal, Wärme und Unschuld; dann zuckte die Welt und sie verwandelte sich in ein Mädchen mit dunklen, langen Haaren; ihre Oberweite entschwand fast gänzlich und Kantigkeit hielt Einzug.
Die Kantigkeit schüttelte ihr Haar und sah mich erwartungsvoll an. Nein, eher siegesgewiss.
Ich winkte ab und deutete nach vorne, wo uns eine namenlose Professorin schon mit etwas unwilligen Seitenblicken bedachte.
Die nächste Stunde war beschissen.
Wir hatten Latein bei verschiedenen Professoren. Ich hatte damit kein Problem, doch sie kam weder mit dem Fach noch mit dem Professor zurande.
Als ich zurück in die Klasse kam, sass sie mit dem Kopf zwischen den Armen versteckt an unserem Platz und hatte abgeschaltet.
Ich kannte das schon: jetzt war Elvis dran.
Sie liebte Elvis, schon deswegen hatte sie seine Videos studiert, jede Geste und jedes Zucken seiner ach so lasziven Mundwinkeln.
Sie wusste aber auch, dass ich ihn nicht ausstehen konnte und das war das Einzige, dass sie jetzt aufmuntern würde; also liess ich eine weitere ihrer höchstpersönlichen Interpretationen über mich ergehen.
Nach der Schule wollte keine von uns so recht nach Hause gehen, sie war die Privilegiertere und hatte noch etwas Geld für den Rest des Monats über; also beschlossen wir, ein bisschen auf asoziale Schmarotzer zu machen und uns mit einer Flasche Ribiselwein in den Stadtpark zu setzen.
Das war bei uns schon eine ganze Menge an Provokation des spiessbürgerlichen Bürgertums, eigentlich das Höchstmass.
Wir flenzten uns also in die Sonne uns sprachen Wichtiges. Doch so wichtig konnten diese Gespräche niemals sein, dass ich nicht einen grösseren Teil meiner Aufmerksamkeit auf die Btrachtung ihres Gesichtes verwandte.
Sie hatte ein Gesicht, so ein Gesicht, bei dessen Beschreibung man kläglich scheitert, will man nicht Phrasen dreschen. So a là: eigentlich nicht schön, doch alle Teile zusammengenommen...
Ich würde sie ja auch nicht so betrachten können, wie es für eine Beschreibung vielleicht notwendig gewesen wäre - so wie man halt jemanden beschreiben möchte, in den man sich verliebt hat.
Ich war ja schliesslich ihre Freundin.
Und sie hatte wundervolle grüne Augen.

Die Flasche Ribiselwien hatte sich konstant ihrem Ende zugeneigt.
Und wir spürten rein gar nichts.
Kein bisschen Benebelung.
Also Planänderung, sie schlug mir vor, doch mit zu ihr zu kommen, dort hätte sie leichter Zugang zu allfälligem Nachschub - auch in dieser Hinsicht war sie bevorzugt, sie hatte was keiner ihrer Altersgenossen haben konnte, nämlich das Obergeschoss ihres Elternhauses für sich allein.
Mit eigenem Eingang.
Der Himmel auf Erden und eigentlich wusste nur ich, dass dahinter eine seltsam kühle, anteilnahmslose Familienkonstellation steckte.
Die Flasche Frizzante murmelte liebliche Monologe.
Ich konzentrierte mich auf die Betrachtung des Etiketts, um nicht auffällig ihr Gesicht anzustarren.
Mein Betrunkensein war bis jetzt immer desaströs verlaufen, ich hatte jedesmal die Schwelle zum Wegkippen übersehen und mir nächstentags geschworen, angesichts der aufgetreten Peinlichkeiten den Rest meiner Pubertät doch lieber enthaltsam zu verleben.
In diesem Gedankengang hatte ich mich verlaufen, als sie die Hand auf meine Hand legte.
Ihre Lippen waren fast so wunderschön wie ihre Augen; deswegen küsste ich sie.
Oder auch nicht.

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