Gerade hatte ich mal wieder meinen Job gewechselt und wusste bereits, auch
hier würde ich nicht sonderlich alt werden. Lustlos durchblätterte ich die
fleckigen, zerlesenen Zeitungsseiten im Pausenraum. Plötzlich weckte eine
winzige, unter einem fettigen Daumenabdruck kaum leserliche Zeitungsannonce mein
Interesse.
"Casting - Agentur sucht männliche und weibliche Darsteller aller
Altersgruppen..."
In diesem Moment vergaß ich meinen Scheißjob, meine geschäftigen
Kolleginnen, meinen cholerischen Chef mit seiner extremen Neigung zum Selbstmitleid,
meine permanenten Kündigungsgedanken und begann von interessanten Menschen, von
Rausch und Glamour, von surrenden Kameras und kultigen Filmen zu träumen.
In meinem, aus dem Nichts geborenen, Tagtraum schwebte ich wie
selbstverständlich in einem langen, funkelnden, tief dekolletierten Abendkleid durch den
schummrigen Saal eines Varietees. Zeitlupenhaft glitt eine dicke Federboa von
meiner nackten Schulter und landete sanft vor den schwarzen Lackschuhen eines
großfüßigen, schlaksigen Gentleman. Der Herr im eleganten, schwarzen Anzug,
blieb sofort stehen, betrachtete meine Boa überaus kritisch durch seine
Lorgnette, bückte sich dann steif und reichte mir die flauschige Schlange mit
einem ungewöhnlich charmanten Lächeln entgegen. Danach zündete er sich seine
erloschene Zigarre an und blies mir so gar nicht gentlemanhaft den Rauch in die
Augen, was mich eigenartiger Weise nicht einmal störte. Amüsiert schmunzelnd
schüttelte er seinen Kopf mit dem stark pomadisierten, dunklen Haar und
schritt von dannen. Der Blick, den er zurück ließ, signalisierte mir unverhohlen,
dass dieser alte weibliche Trick zu plump sei, um einen Mann seines Formates
aufzugabeln. Das störte mich nicht nur sehr. Es ärgerte mich. Vor Scham lief
ich rot an, stand wie erfroren mitten im vernebelten Saal und starrte ihm
nach. Grinsend drehte er sich immer wieder nach mir um. Es kam, wie es kommen
musste. Den Kopf noch rückwärts gerichtet, stieß er an das mit vollen
Sektgläsern beladene Tablett eines Oberkellners in blauer Uniform. Als es unüberhörbar
klirrte und klimperte, lachte ich überhaupt nicht damenhaft.
Mein Chef saß mir sicher schon eine Weile schweigend gegenüber und sah mich
seltsam, die linke Augenbraue nach oben gezogen, leicht mit den Nasenflügeln
vibrierend, an.
Kein gutes Klima für berauschende Träume.
Am Abend rannte ich zum Casting. Der hässliche, große Saal war überfüllt.
Mädchen wie Fotomodelle fotografierten schöne, junge Menschen, die aussahen als
seien sie schon längst beim Film. Die Doppelaufnahmen, einmal von vorn und
einmal von der Seite mit einer Nummer vor dem Bauch erinnerten eher an Fotos
für eine Verbrecherkartei. Mein enttäuschtes, finsteres Gesicht lichteten sie
nur einmal ab. Das bedeutete sicher nichts gutes. Desillusioniert zog ich von
dannen. In einem Knastfilm wollte ich sowieso nicht mitspielen. Trotzdem
wartete ich die nächsten drei Wochen gespannt auf eine Nachricht. Dann ärgerte
ich mich über meine dumme Eitelkeit und träumte weiter davon, wie ich in einem
glitzernden, funkelnden Kleid, ellenbogenlangen Handschuhen und dieser
Wahnsinnsboa durch einen vernebelten Saal schritt. Immer mehr angenehme Details
malte ich mir aus. Eine gefüllte Sektschale in der Hand lehnte ich mich lässig
an die stilvolle Bar und nippte teuren Champagner, den mir noble Herren
spendierten. In meinen Träumen wurde ich glücklicherweise nie besoffen. Von Tag zu
Tag begann ich meine illustren Fantasien mehr zu genießen. Andere Leute
bewundernd, ließ ich mich bewundern. Wie angenehm können doch Träumereien sein.
Aber irgendwann langweilten mich meine Träume, eben weil sie nur Träume
blieben. Ich wurde traurig. Die öde Realität bekam mich deprimiert zurück. Aber
eines späten Abends klingelte doch noch das Telefon und eine frische,
jugendliche Stimme bestellte mich anderntags in die Garderobe, ein passendes
Abendkleid und Schuhe und etc. auszuwählen. Unter etc. verstand die französische
Kostümbildnerin lange Handschuhe, ein mit Perlen besticktes Täschchen, eine
flauschige Federboa, falschen Goldschmuck und eine kunstvolle Perücke. In dieser
traumhaften Staffage schwebte ich schließlich wirklich durch einen schummrigen
Filmsaal an eleganten Damen und Herren vorüber und die Kamera filmte leise
surrend mit. Lässig an die Bar gelehnt, nippte ich fasziniert an meinem
Apfelsaftchampagner. Nach drei Drehtagen bekam mein Filmtraum oder mein Traumfilm
mehr Realität als mir lieb war. Meine Federboa glitt mir wahrhaftig in einem
unachtsamen Moment von der Schulter und schwebte vor riesengroße, lackschwarze
Füße. Die Szene, die dann folgte, kannte ich schon. Der Mann aus meinen
Tagträumen war zu Fleisch und Blut geworden, er existierte, er reagierte. Das war
geradezu unheimlich. Etwas hatte ich allerdings nicht in meinen Tagträumen
gesehen. Da saßen und standen schwarz und braun Uniformierte überall zwischen
den eleganten Herrschaften im Saal. Sie pöpelten nicht nur meinen charmanten,
jüdischen Boa - Kavalier an, sondern alle befrackten Herren. Nicht einmal
vor den wunderschönen Damen zeigten sie Respekt. Und dann zerschlugen sie den
Saal und die Menschen. Diese reale, unreale, Wüstenei erschreckte mich
zutiefst. Fast fliehend kehrte ich in meinen unspektakulären Alltag zurück.
So kann es einem ergehen mit Tagträumen.
Übrigens habe ich schon einen neuen Traum. Ich bin aber nicht sicher, ob ich
unbedingt möchte, dass er wahr wird.
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