Es hatte nichts genützt
Armin hatte an zahlreichen Demonstrationen teilgenommen, sich an Unterschriftensammlungen
beteiligt, Zeitungsartikel gegen den geplanten Bau des - seiner Meinung nach - überflüssigen
Flughafens veröffentlicht, beträchtliche Summen Geld geopfert, er war einer Bürgerinitiative und
einer Umweltschutzorganisation beigetreten, freiwillig hatte er auf vieles verzichtet; aber all das
hatte nichts genützt. Zuletzt hatte er geZeit für ein Gedicht?am mit einigen Gleichgesinnten das bereits von
Planierraupen verwüstete Bauland besetzt und war bald darauf von einem Trupp Polizisten brutal
vertrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sein Widerstand ihn bereits völlig beherrscht, war
sein aussichtsloser Kampf zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden.
Gleichzeitig hatte ein dumpfes Gefühl der Resignation von ihm Besitz ergriffen, das zum Martyrium
geworden war. Andererseits verdeutlichte ihm dieses unangenehme Gefühl immer mehr, daß er in
keiner Weise über den Grad der Mittelmäßigkeit hinausgekommen war. All seine Versuche in den
unterschiedlichsten Richtungen waren stets an der gleichen, scheinbar unüberwindlichen Barriere
gescheitert, die ihn von allen Seiten umhüllte wie die harte Schale eines Eies den Dotter. Bald hatte
Armin erkannt, daß er zu eklatanteren Mitteln greifen mußte, um diese Hülle zu durchbrechen und
den
abgründigen, dämmerigen Tiefen der Bedeutungslosigkeit zu entrinnen.
Nun saß Armin an einem milden, sonnigen Frühlingsmorgen verborgen in einem kleinen, wie ein
Dickicht anmutenden Busch, der es ihm erlaubte, das weitläufige Gelände in aller ruhe zu
beobachten, ohne ihn für die Augen des Gegners sichtbar zu machen - genau so, wie er es während
seines Wehrdienstes drei Jahre zuvor gelernt hatte. Die Morgenröte strich mit ihren warmen
Strahlen über das Blattwerk der zahlreichen Baumkronen. Unter dem dichten Blätterbaldachin
fühlte er sich wohl und geborgen. Unten am Boden blinkten die Baumscheiben abgeholzter Buchen.
Genüßlich sog Armin den
süßlichen Duft des frisch geschlagenen Holzes in sich hinein.
Er trug ein Gewehr bei sich: ein Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr, das er letztes Jahr während
eines Kurzurlaubes in der Schweiz auf illegale Weise erworben hatte. In dem Magazin, das in der
Waffe steckte, waren zwanzig Schuß; ein weiteres mit der gleichen Anzahl Munition befand sich in
der Brusttasche seines Parkas, der ihn breiter und stärker erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit
war.
Zwischenzeitlich war leichter Wind aufgekommen, und die jungen, lichtgrünen Blätter der
knorrigen Bäume begannen leise zu rascheln. Vogelmännchen lockten mit ihren unermüdlichen
Liebesgesängen die Weibchen; vor ihm auf der blühenden, von rotem Klee bewachsenen Wiese
flogen emsige Hummeln unentwegt brummend von Blüte zu Blüte; der Klee war teilweise zertreten
und ins üppige Gras gepreßt.
Vor seinem geistigen Auge manifestierten sich Bilder ungetrübter Lebensfreude aus seiner
Kindheit: Ausgelassene Versteckspiele hinter den alten Bäumen, harmlose Raufereien auf der
bunten Wiese. Als Teenager hatte Armin hier für seine Freundin Blumen gepflückt. Oft war er dort
mit seiner Frau Birgit entlang spaziert; in einer warmen Sommernacht hatten sie sich hinter dem
Gebüsch geliebt, und nur der stille Mond war Zeuge ihrer Leidenschaft geworden.
Seine Gedanken beschäftigten sich mit Birgit. Je mehr Armin sich in seinen scheinbar
aussichtslosen Kampf gegen den Bau des Flughafens vertieft hatte, desto mehr hatte er sie
vernachlässigt. Schließlich hatte sie ihn verlassen. Das war ein schwerer Schlag für ihn gewesen,
aber er war der Meinung, daß es bei seinem erbitterten Widerstand darum ging, ein hochgestecktes
Ziel zu erreichen, dem zum Wohle seiner Mitmenschen nötigenfalls alles geopfert werden mußte.
Ihm selbst war aufgefallen, daß er seit der Trennung von seiner Frau gefühlsmäßig abgestumpft
war. Es hatte Zeiten gegeben - vorwiegend während seiner Jugend - da hatte er verlorenen Dingen
wochenlang nachgetrauert, doch nun berührte ihn kaum noch etwas. Seine unbezähmbare
Verbissenheit und Bitternis bewirkten, daß er unausstehlich wurde und zuweilen
Ekel vor sich selbst empfand.
Das Geräusch knackender, morscher Äste im dunklen Unterholz riß ihn aus seinen Gedanken: Ein
Reh flüchtete tiefer in den finsteren Wald, aufgescheucht von den Landvermessern. Wie Armin
vermutet hatte, waren sie zu früher Stunde gekommen, um ungestört ihre Arbeit verrichten zu
können. Das muntere Zwitschern der zahlreichen Vögel war plötzlich verstummt, als hätte jemand
auf einen imaginären Knopf gedrückt und sie abgeschaltet. Gespenstische Stille hatte sich wie ein
alles
verschluckender Mantel über den eben noch voller Leben erfüllten Wald gelegt. Die zauberhafte
Idylle war der von Menschen geschaffenen, nüchternen Realität gewichen.
Eine Frau und drei Männer betraten das öde Baugelände, das mit einem hohen Stacheldrahtzaun
hermetisch abgeriegelt war. Unter ihnen befand sich ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter
Polizist, der aufmerksam um sich blickte, den Mann im Busch jedoch nicht bemerkte. Armin
entsicherte sein Gewehr, legte die Waffe an und zielte zunächst auf den Polizisten. Bereits jetzt
verspürte er Schuldgefühle, aber ihm blieb keine andere Wahl mehr; es mußte sein. Er konnte und
wollte nicht
mehr zurück, obwohl im bewußt war, daß er Unrecht mit Unrecht beantwortete. Mit der Natur
konnte man keine Kompromisse eingehen! Deren waren bereits zu viele geschlossen worden, und
mit jeder mühsam erzielten Vereinbarung war ein Stück unwiederbringlicher, empfindlicher Biotope
zerstört worden.
Armin zog den Abzug durch, das Gewehr knatterte, eine grelle Stichflamme schoß aus der
Mündung; die Menschen fielen um wie gefällte Bäume, wie die Spieße eines Mikadospiels. Ihr
Aufschlagen auf dem Boden war zwar lautlos, aber es hinterließ schmerzhafte Stiche in seiner
Brust, so, als sei er es, der da von den Gewehrkugeln getroffen worden sei. Er verabscheute Gewalt
und hätte es nie für möglich gehalten, daß er in eine Situation kommen könnte, in der er keine
andere Lösung fand, als zu gewalttätigen Mitteln zu greifen. Dennoch feuerte er in blindem Wahn
das ganze Magazin leer.
Wenig später kroch Armin aus seinem Versteck hervor und ging zu den Toten. Seine Mission hielt
er für erfüllt. Mit düsterer Miene setzte er sich neben die leblosen Körper und wartete, bis man ihn
abholen und ihn mit seiner unvermeidlichen und mehr als gerechten Strafe belegen würde.
Während seiner Verhaftung leistete er keinen Widerstand. "Ich gestehe alles", waren die ersten
Worte, die über seine blassen Lippen kamen. Er hatte schwere Schuld auf sich geladen und war sich
dessen bewußt. In einem kahlen Raum im Polizeipräsidium hockte er später resigniert auf einem
Stuhl, wobei Armin die Blicke des hinter ihm stehenden Amtsarztes sowie eines Polizeibeamten auf
sich gerichtet fühlte, während er die Fragen des Haftrichters über sich ergehen ließ.
"Was hat Sie zu dieser Wahnsinnstat veranlaßt?" fragte der Richter.
"Ich wollte den Bau des Flughafens verhindern"; antwortete Armin stereotyp.
Der Richter schaute ihn teils mitleidig, teils angeekelt an. "Und Sie glauben wirklich, daß Sie durch
den Mord an einigen Landvermessern das Vorhaben verhindern können? Die Menschen, die Sie
getötet haben, sind zwar nicht zu ersetzen, wohl aber in ihrer Funktion austauschbar. Ganze
Heerscharen warten darauf, in die Bresche springen zu können, die Sie geschaffen haben."
"Es ging mir weniger darum, Menschen zu töten, als vielmehr durch ein drastisches Ereignis auf
das unglückselige Projekt aufmerksam zu machen und so eine Diskussion gegen den Flughafenbau
in Gang zu setzen", erläuterte Armin.
"Diese von Ihnen beabsichtigten Diskussionen gibt es doch schon seit langem", entgegnete der
Richter, wobei er seine hohe Stirn runzelte.
"Sicher, doch sie sind seit einiger Zeit leise geworden und werden nun hoffentlich wieder neu
entfacht", erwiderte Armin trotzig mit leiser Stimme.
Dies war der Beginn eines stundenlangen, zähen Verhörs über den genauen Tathergang, der ihn
während der anschließenden Haft ständig verfolgte und ihn auch noch viele Jahre später
beschäftigen sollte.
Als sie ihn aus dem Gefängnis entließen, war er ein alter Mann, dreiundsechzig Jahre alt,
verbraucht, mit einer restlichen Lebenserwartung von nur noch wenigen Jahren. Die Zeit hatte tiefe
Furchen in sein graues Antlitz gegraben. Armin wußte, daß er vom Leben nichts mehr zu erwarten
hatte. In den letzten Jahren seiner Haft hatte er oft den Tod herbeigesehnt, aber wie so vieles zuvor,
war ihm auch dieser Wunsch versagt geblieben.
Wie im Traum ging er durch die belebten Straßen, ohne auf seine Umgebung zu achten. Sein
starres, maskenhaftes Altersgesicht zeigte keinerlei Regungen angesichts der unglaublichen
Technik, deren Ausgeburten jeden Winkel des Ortes bevölkerten. Dennoch mußte er feststellen, daß
sich die Verelendung der Großstädte, die sich schon während seiner Jugend abgezeichnet hatte,
ungeachtet des technischen Fortschritts weiter ausgebreitet hatte. Die Stadt, das war für ihn stets
der Abschaum gewesen, und die in ihr umherirrenden Menschen das kriechende, sich unkontrolliert
vermehrende, dumpfe Gewürm, das sich durch übelriechendes Aas fraß; und nun war auch er
wieder ein Teil davon. Die Fenster der zahlreichen Hochhäuser glichen finsteren Augenhöhlen
verblichener Schädel.
Es war ihm nicht möglich, die wiedererlangte Freiheit zu genießen; zu lange hatte er zwischen
erdrückenden Gefängnismauern gehockt und die modrige Luft in der Haftanstalt geatmet. Dem
Drängen eines unbestimmten Gefühls nachgebend, stieg Armin an einer Haltestelle in einen Bus,
der ihn aus der Stadt hinausfuhr; aus der Stadt, in der er zweiundvierzig Jahre gelebt hatte, in
einem Getto zwar, aber statistisch erfaßt in der amtlichen Einwohnerzahl; einer Stadt, in der er
zweiundvierzig Jahre dahingesiecht war; ein ausgestoßener, vereinsamter Bürger, dem seine
Mitmenschen fremd geworden waren und der für sie ebenfalls ein Unbekannter war.
Der Bus hatte inzwischen die Endstation erreicht. Nachdem Armin ausgestiegen war, stellte er
nach einigen kurzen Blicken befriedigt fest, daß er in der Nähe des Waldes angelangt war, der vor
vielen Jahren Ausgangspunkt seines Schicksals gewesen war. Armin war begierig zu erfahren, was
mit dem Gelände geschehen war, in dem er in seiner Jugend die verhängnisvolle Tat begangen
hatte, die ihm zweiundvierzig Jahre seines Lebens gekostet hatte. Aufregung begann sich seines
alten, schwachen Körpers zu bemächtigen, und er zitterte ein wenig. Er hatte nicht die geringste
Ahnung, wie sich das
unheilvolle Projekt in der Vergangenheit weiter entwickelt hatte. Im Gefängnis hatte man ihm zwar
Zeitungen zu lesen gegeben, die Berichte jedoch, die sich mit seiner Tat und dem Bau des
Flughafens auf jenem Gebiet befaßt hatten, waren aus den Seiten herausgeschnitten worden. Seine
Fragen nach dem Grund dieser unverhohlenen Zensur waren ihm nicht beantwortet worden. Er
vermutete dahinter irgendeinen obskuren Psychoterror, der von seinen mitleidlosen Aufsehern
ausgeheckt worden war.
Das ungewohnte Gehen strapazierte ihn mehr, als er angenommen hatte. Seit einer Ewigkeit hatte
er seinen Körper nicht mehr belasten können. Erschöpft erreichte er endlich eine Anhöhe, von der
aus er das gesamte Gelände überschauen konnte. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, glaubte er
seinen Augen nicht zu trauen: alles war so, wie er es in Erinnerung behalten hatte. Nichts hatte sich
verändert: jeder Baum, jeder Bach, jeder Erdhügel, ja jeder einzelne Grashalm schienen noch immer
an den Stellen zu sein, wie er sie in seinem Gedächtnis behalten hatte. Es herrschte eine
beglückende Stille; lediglich das
kumulative Summen und Brummen zahlloser Bienen sowie das Zwitschern der Vögel erfüllte den
Äther.
Während Armin solche Entdeckungen machte, brachen Wogen schönster Erinnerungen über seine
vor Freude trunkene Seele herein. Die über alle Maßen grandiose Hochstimmung bewirkte, daß sein
durch die lange Haft träge gewordener Geist kaum noch äußere Einflüsse wahrnahm. Von dem
Kreischen der Triebwerke des riesigen Passagierflugzeugs, das sich über ihm langsam dem
Flughafen näherte, nahm er keine Notiz. Armin war völlig mit seiner Gedankenwelt beschäftigt.
Allzu lange hatte er von den wonnigen Bildern der Vergangenheit zehren müssen. Gierig wandelte
er auf alten, unvergessenen Pfaden, erfüllt von einer unglaublichen Leichtigkeit.
Nichts hatte sich verändert. Ununterbrochen durchfuhr ihn dieser erfreuliche Gedanke wie ein
wohliger Schauer. Selbst die Menschen schienen nicht gealtert zu sein. Diejenigen, denen er
begegnete und die ihm bekannt waren, schauten ihn freundlich an, nicht wie jemanden, den man
nach langer Zeit wiedersieht, sondern mit dem alltäglichen, teils oberflächlichen, freundlich
distanzierten Wohlwollen, als hätte er erst gestern noch ihre Wege gekreuzt.
Allmählich begann das Licht dieses unvergeßlichen Tages zu verblassen; die langsam in einem
Meer purpurner Glut versinkende Sonne verfärbte sich blutrot; die heiße Abendluft, in der bizarre,
phantastische Gebilde, diffuse Fata Morganen entstanden, flimmerte; eine erlösende Mattigkeit
breitete sich in seinem Körper aus. Armin fühlte sich leicht und unbeschwert, wie niemals zuvor,
ebenso frei wie die zahlreichen schwarzen, krächzenden Vögel, die hoch über ihm gemächlich ihre
weiten Kreise zogen, als ob sie auf ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis warteten.
Nichts hatte sich verändert? - Armin sah ihm bekannte Gesichter, denen er schon vorher begegnet
war, die aber plötzlich jünger geworden waren. Es war faszinierend: er erkannte, daß die Zeit
mitnichten stehengeblieben war, sondern augenscheinlich auf rätselhafte Weise zurückgedreht
wurde. Sein ganzes Leben schien sich in umgekehrter Reihenfolge und in rasender Geschwindigkeit
zu wiederholen. Doch die Bilder wurden - je tiefer sie in die Vergangenheit tauchten - immer
undeutlicher. Nur schemenhaft erkannte er in weiter Ferne, wie durch einen milchigen Schleier,
eine junge Frau, seiner Mutter ähnelnd, die einen Säugling in den Schlaf wiegte.
Wunderliche Musik erklang - wie Glockengeläute - zunächst ganz leise, dann allmählich lauter
werdend. Ein letzter, kurzer Atemzug hauchte seinem schwindenden Bewußtsein die furchtbare
Erkenntnis ein, daß er in ein Reich geraten war, dunkel und jenseits jedweden menschlichen
Ermessens, aus dem es endgültig keine Rückkehr mehr gab.
Du willst diese Online-Zeitung mitgestalten? Schick mir Deine Gedichte, Kurzgeschichten, CD-Kritiken, Buchbesprechungen - oder vielleicht ganz was Neues? Erlaubt ist, was Spaß macht und keinen kränkt oder geschmacklos ist.