Ein Schriftstelleur hat's schwör oder Das unstete Leben der Lektoren
Buchverlage sind, entgegen anderslautenden Meinungen, überhaupt nicht
neugierig darauf, daß ihnen selbsternannte Nachwuchsautorinnen und -autoren
irgendwelche vollgekritzelten Papierstöße zusenden, die sie in grenzenloser
Selbstüberschätzung als Buchmanuskripte bezeichnen. Nein, die Verlage
fördern und pflegen lieber Altbewährtes, wobei diese Vorgangsweise die Frage
im Raum stehenläßt, wie es dazu kam, daß ehemals auch jung, neu und
unbekannt Gewesenes überhaupt die Chance bekam, sich zu bewähren. Vermutlich
liegt es daran, daß die Verlage damals wie heute den Papierwust von ihren
Lektorinnen und Lektoren zumindest oberflächlich beschnüffeln lassen, in dem
Bewußtsein, daß die Hausautoren unverschämterweise und entgegen allen
vertraglichen Vereinbarungen eines nicht mehr allzu fernen Tages unter der
Erde liegen werden. Dann ist es zu spät, mit der Nachfolgersuche zu
beginnen.
Daß die hoffnungsfrohen Autoren arme Schweine sind, steht jedenfalls außer
Zweifel. Aber auch die Lektoren haben, bei näherer Betrachtung, in ihrem
Dasein wenig zu lachen, sind sie doch schlecht bezahlt und müssen sich für
das Wenige ihre Augen und ihre Nerven ruinieren. Die Nerven deshalb, weil
natürlich vieles von dem, was ihnen vorgelegt wird, von eher zweifelhafter
Qualität ist, und kaum haben sie ein Manuskript vom Tisch, liegen zwei neue
in der Post.
Nichtsdestotrotz finde ich, daß sich viele von ihnen zu sehr gehen lassen
und ihr Leben offensichtlich nicht im Griff haben. Ich schließe dies aus dem
rein äußerlichen Zustand der Manuskripte, die ich selber schon eingeschickt
und von einem mehr oder weniger freundlichen Brief begleitet wieder
zurückbekommen habe.
Punkt 1: Sie rauchen zuviel, das riecht man sofort beim Öffnen des Kuverts,
wobei Frau A. vom Verlag M. Zigarren den Zigaretten vorzieht. Es müssen
übrigens ganz schöne Kaliber sein, denn immerhin paßt durch das Brandloch
auf Seite 23 meines Manuskripts locker eine Zehn-Schilling-Münze.
Grundsätzlich habe ich es mir angewöhnt, Rücksendungen von Verlagen nur im
Freien zu öffnen. Es genügt, daß die herausrieselnde Asche mir einmal meinen
Teppich versaut hat.
Punkt 2: Sie trinken zuviel - und nicht nur Kaffee; das sieht man an den
Rändern und Flecken auf dem Papier. Beliebt sind Wein (roter mehr als
weißer) und Kognak. Bier in größeren Mengen ist im Kommen. Mein Manuskript
vom Verlag S. ist ab Seite 136 nahezu unleserlich und stinkt impertinent
nach abgestandenem Gerstensaft. Was ich aber überhaupt nicht vertrage, ist
dieser picksüße Kirschlikör, mit dem Frau H. ihre Gehirnwindungen und 24
Manuskriptblätter verklebt hat.
Punkt 3: Sie ernähren sich traditionell und somit ungesund, das beweisen die
zahllosen nach Butter, Bratöl, Fleischschmalz und Grammeln riechenden
Fettflecken. Eines meiner Manuskripte ist stichflammenartig in Rauch
aufgegangen, als ich es in der Nähe einer brennenden Kerze abgelegt habe.
Weit vernünftiger ist Frau L., die Fisch in zahlreichen Variationen
zuspricht. Freilich wäre es mir lieber, wenn sie ihn in Zeitungspapier und
nicht in mein Manuskript eingewickelt hätte. Und auch der gebratene
Tintenfischfangarm war nach dem Posttransport eher unappetitlich.
Punkt 4: Sie verwenden billige Parfums und Deos und gehen äußerst
verschwenderisch damit um. Besonders beliebt sind Produkte der Richtung
Duftbäumchen und WC-Ente. Herr F. hingegen scheint sein Rasierwasser
eigenhändig aus der Sickergrube zu schöpfen.
Punkt 5: Sie führen ein zügelloses, unmoralisches Leben. Ich möchte gar
nicht darüber sprechen, welche Arten von Flecken ich sonst noch auf meinen
zerknitterten Blättern gefunden und welche Rückschlüsse ich daraus gezogen
habe. Spannend ist es allerdings schon, wenn ich untrüglich ein
Zusammentreffen mehrerer mir schon bekannter Flecken und Duftnoten in einem
Manuskript feststelle. Na ja, man kennt sich halt in der Branche.
So, jetzt habe ich es vermutlich geschafft, sämtliche Lektorinnen und
Lektoren dieses Universums gegen mich aufzubringen. Kein Wunder, daß ich
keinen Verlag finde, der meine Texte abdrucken möchte. Aber bevor ich
speichelleckend zu Kreuze krieche bleibe ich lieber mein eigener Verlag, und
mein eigener Lektor. - Da fällt mir ein, ein Krügel Bier und ein Schmalzbrot
wären jetzt genau das Richtige ...
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