ES greinte. ES wimmerte. Lina hörte ES schon vor der Wohnungstür. Sie kannte das. Kaum kam sie
fünf Minuten später als gewöhnlich nach Hause, greinte ES. Lina regte das nicht sonderlich auf.
Sicher war das Futter alle. Sie ging zum Käfig, streichelte den wuscheligen Kopf. "Ist gut, ich bin ja
schon wieder da. Frischen Fisch habe ich Dir mitgebracht. Den magst du doch besonders gerne. Und
Wasser hast du auch kei-nes mehr. Warte einen Moment, ich hole neues." Sie füllte den
Wassernapf, schob ihn durch die Eisenstäbe. ES fauchte, schlug nach ihr. "Laß das," zischte Lina.
"du hast keinen Grund, so giftig zu mir zu sein. Klar, der Auslauf fehlt dir. Das hast du dir selbst
verdorben. Mich beißt man nur einmal. Also, halt die Klappe!" Sie ging in die Küche, packte die
Einkaufstüten aus. ES jaulte. Durchdringend jaulte ES. Lina hastete in das Zimmer zurück. Gab
IHM mit der Holzstange einen heftigen Schlag. ES rollte aufjaulend in die Ecke. Blieb regungslos
liegen. "So! Müssen erst die Nach-barn etwas erfahren? Die helfen dir auch nicht. Finde dich damit
ab. Hättest du dich mir gegenüber besser benommen, bräuchte ich dich nicht einzusperren. Na ja,
viel-leicht begreifst du das irgendwann." ES wimmerte leise. Lina setzte in der Küche die Pfanne auf
den Herd, legte den Fisch in das heiße Fett. Sie starrte auf die springenden Fettbläschen.
Ganz am Anfang hatte sie ES über alles geliebt. Mit IHM gekuschelt, jede Stunde mit IHM
verbracht. Dann fühlte Lina sich immer mehr eingeschränkt. Sie konnte nicht mehr tun, was sie
wollte, mußte Rücksicht nehmen, sich nach IHM richten. Lina hörte auf, sich intensiv um ES zu
kümmern. Lebte, soweit es ging, ihr eigenes Leben. Aber ES beanspruchte sie immer mehr, Lina
fühlte sich bevormundet. Als sie sich heftig wehrte, trat ES nach ihr, biß sie. In den Arm. Bis auf den
Knochen. Lina mußte die Wunde nähen lassen. Ihr Arzt machte den Vorschlag, ES in einen Käfig zu
stec-ken. Besser noch, ES einschläfern zu lassen. Zum Selbstschutz. Lina wollte ES nicht
einschläfern lassen. Lina wollte ES nicht einsperren. Als ES aber immer mehr in ihr Leben eingriff,
entschloß sie sich für den Käfig. Einschläfern brachte sie nicht über das Herz. Schließlich lebte ES
mit ihr zusammen, seit sie denken konnte. Sie ließ ei-nen großen Käfig anfertigen. Fast zimmergroß.
Auslauf sollte ES schon haben. ES wehrte sich, versuchte zu beißen. Aber mit dem großen
Holzprügel gelang es ihr doch, ES in den Käfig zu treiben. Anfänglich schrie ES tagelang. Lina
wußte, daß sie sich nicht beeindrucken lassen durfte. Überhörte ES. Fütterte und tränkte ES gut.
Das Schreien ging ins Greinen und Wimmern über. Damit konnte Lina leben. Ihr Leben leben.
Endlich! Es war für beide die beste Lösung.
Im Nebenzimmer war es inzwischen ruhiger geworden. Lina wendete den Fisch. Lauschte nach
nebenan. Es war ruhig. Zu ruhig. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schob die Pfanne neben die
Kochplatte, wollte nachsehen. Der Käfig war leer. Lina überfiel Panik. Rannte in die Küche zurück.
Dort stand ES vor ihr. Wirrer Blick im verzerrten Gesicht. Mit dem großen Messer. Lina blieb nur
noch Zeit, "Mutter!" zu flüstern.
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