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Theodor Much

Adonis
Eine fast wahre Geschichte

Auf Anraten meines guten Freundes N. Ebbich betrat ich an einem grauen, wolkenverhangenen Herbsttag die Klinik für Ganzheitsmedizin und Schönheitsvorsorge "True Beauty". Als Mann in den besten Jahren hatte ich bisher - wie der tägliche wohlgefällige Blick in den Spiegel mir bewies - eigentlich nicht den geringsten Anlaß, mich noch mehr zu verschönern oder mir Sorgen um die Gesundheit zu machen: weswegen ich also N. Ebbichs Rat gefolgt bin, weiß also der Kuckuck.

Am prunkvollen, mit Marmor verzierten Patientenschalter wurde ich sogleich von einer bezaubernden, großbusigen, ewig lächelnden Blondine in Empfang genommen, die - nach Aufnahme meiner Personalien (und einigen diskreten Fragen nach Beruf, Einkommen und Bankverbindungen) - mich in ein elegant möbliertes Wartezimmer führte, an dessen blendend weißen Wänden Ölgemälde niederländischer Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts zu bewundern waren.
Nach nur kurzer Wartezeit - ich war ja erfreulicherweise der einzig wartende Klient - bat mich die entzückende Blondine in ein geräumiges, helles, modernst ausgestattetes Ordinationszimmer einzutreten, mich komplett zu entkleiden und auf einer Untersuchungsliege Platz zu nehmen. Folgsam entsprach ich ihren Anweisungen, entkleidete mich und sprang elegant und elastisch auf die in Mattgrün gehaltene Liege.

Nun betrat ein wahrer Gott in Weiß den Raum. Der groß gewachsene Mediziner, ein auffallend hagerer Mensch mit stechenden blaßblauen Augen, einer weißen (Einstein-) Mähne und einem gepflegten schwarz gefärbten Spitzbart umkreiste mich zunächst dreimal wortlos, fühlte meinen Puls, betrachtete eingehend meine Zunge und schaute mir - mit Hilfe einer Lupe - die Augen. Dann betastete er mit zarten langgliederigen Händen meine Haut, klopfte mit geballter Faust einige Körperstellen ab, ließ wieder von mir ab, umkreiste mich erneut, räusperte sich und begann mit einer tiefen beruhigenden Stimme auf mich einzureden. Er erklärte mir mit großem Ernst, was für ein Glück ich hätte, gerade noch rechtzeitig in seine Obhut gekommen zu sein und daß er mir - anders als die ahnungslosen Schulmediziner - mit Sicherheit werde helfen können, sämtliche schwere Leiden zu kurieren.

Auf meinen schüchternen Einwand, daß mir - soweit ich es beurteilen könne - nichts fehle, meinte er belehrend, dass es äußerst gefährlich sei, die deutlichen Anzeichen einer frühzeitigen Alterung, verminderter Leistungsfähigkeit und die vielen in mir schlummernden Entzündungsherde - alles Folgen einer unsinnigen Polioimpfung in meiner Kindheit - zu ignorieren.
In diesem Augenblick wurde mir bewußt, wie wenig ich bisher für meine Gesundheit getan hatte und wie groß der diesbezügliche Nachholbedarf sei. Ich bat ihn daher inständig, alles Menschenmögliche gegen diesen von ihm diagnostizierten Körperverfall zu unternehmen.

Nachdem ich mich wieder anziehen durfte - was mir trotz frühzeitiger Vergreisung ohne fremde Hilfe gelang -, erläuterte mir der Gott in Weiß die große Bedeutung von Vitaminen, Mondeinfluß, Mozartblüten und Edelsteinen für Körper und Geist und erwähnte beiläufig, daß eine von ihm unlängst erfundene, garantiert naturbelassene Vitamin-Mozartblüten-Creme - selbst zu diesem sehr fortgeschrittenen Zeitpunkt meines Verfalls - imstande sei, all die von ihm bei mir diagnostizierten Leiden zu kurieren. Dankbar für diesen therapeutischen Hinweis bat ich ihn händeringend, mir sein Wundermittel zur Verfügung zu stellen, ein Ansinnen, das er nach kurzem Zögern offensichtlich akzeptierte, denn er beauftragte die entzückende Blondine, mir eine Großpackung der Creme auszuhändigen. Ergeben schüttelte ich ihm die Hand und versprach hoch und heilig, die Medizin gewissenhaft nach Anweisung zu verwenden.

Nachdem wir uns herzlich voneinander verabschiedet hatten, wankte ich auf altersschwachen Beinen zum Empfangsschalter und erhielt dort gegen Barzahlung - es waren läppische 1000 Euro (für Untersuchung, Beratung und Medizin) - eine versilberte 50-Gramm-Dose der kostbaren Creme.
Zum Abschied ermahnte mich die bezaubernde Blondine, die Creme zweimal täglich in die Bauchhaut einzumassieren und wünschte mir mit allerliebster Stimme "gute Besserung".

Zu Hause angekommen - meine Frau war gerade beim Friseur - eilte ich sofort in das Badezimmer und betrachtete mich im Lichte der neuen medizinischen Erkenntnisse eingehend im Spiegel. Erstaunt über meine bisherige Ignoranz im Umgang mit dem eigenen Körper bemerkte ich sogleich mehrere graue Strähnen in meinem ansonsten blonden Kopfhaar, außerdem einige braune Flecken an meiner welken Gesichts- und Brusthaut, einen kleinen Bierbauch und ein schlaffes, offensichtlich vorzeitig geschrumpftes Genitale. Doch das alles konnte mir nichts ausmachen, denn ich wußte ja, daß all diese ersten Anzeichen des körperlichen Verfalls - dank der neuen Wundercreme - bald Vergangenheit sein würden.

Schon nach zwei Wochen gewissenhaft durchgeführter Selbstbehandlung bemerkte ich ein wohltuendes Kribbeln im Brust- und Genitalbereich; den neuerlich etwas vermehrten (harmlosen) Haarausfall brachte ich mit dem beruflichen Streß der vergangenen Tagen in Zusammenhang.

Nach weiteren zwei Wochen - in der Zwischenzeit bemerkte ich eine deutliche Größenzunahme meiner Brüste und einige kahle Stellen auf meinem Schädel - bat ich telefonisch um einen neuen Termin in der "True Beauty Klinik". Noch am gleichen Tag empfing mich der Gott in Weiß in seinem noblen Büro. Erneut mußte ich auf der grünen Liege entkleidet Platz nehmen, und nach eingehender Untersuchung - dieses Mal unter Hinzuziehung einer älteren und sehr kompetenten Spezialistin für die alles durchdringende universelle Energie - teilte mir der Arzt freudenstrahlend mit, daß all die von mir angegebenen Erscheinungen in Wirklichkeit positiv zu bewerten wären, weil natürlich einsetzende Entgiftungsmechanismen meines Körpers, die dank der Creme nun langsam in Gang kämen, gewisse - unbedeutende - Nebenwirkungen erzeugen. Er empfahl mir seine Creme ab sofort dreimal anstatt zweimal täglich anzuwenden und auf Grund der neuen Untersuchungsergebnisse, in Zukunft auf eiweißhaltige Nahrungsmittel, Kaffee, Tee und Kartoffeln zu verzichten und mir außerdem - dringend - sämtliche Zähne (die er als Entzündungsherde, infolge von Amalgamplomben, diagnostizierte) reißen zu lassen.

Dankbar für seine brillante Diagnostik stimmte ich all dem zu und bat ihn, unverzüglich ans Werk zu gehen.

Erleichtert, entgiftet und zahnlos beglich ich drei Stunden später meine Schulden (dieses Mal waren es nur 2000 Euro für Diagnose und Zahnextraktion) und verließ beschwingten Schrittes die Klinik für Ganzheitsmedizin und Schönheitspflege.

Dann vergingen weitere drei Wochen, die ich zum Teil - aus beruflichen Gründen - im Ausland verbrachte. Abgemagert, völlig kahl und zahnlos, dafür aber mit gewaltigen Brüsten versehen (um die mich so manche Sexbombe beneiden würde), kehrte ich heim und konnte zu meiner großen Freude feststellen, daß inzwischen ein Großteil der häßlichen braunen Gesichtsflecken verschwunden war. Stolz präsentierte ich das erfreuliche Ergebnis meiner lieben Frau, die aber von den großen therapeutischen Fortschritten weit weniger begeistert war als ich und sich auch über meinen neu aufgetretenen Mundgeruch und praktisch nicht mehr vorhandene Genitale maßlos aufregte.

Ich beschloß daher erneuert, den Gott in Weiß aufzusuchen, der mich aber - weil gerade auf einer Kongreßreise unterwegs - erst zwei Wochen später empfangen konnte und nach eingehender Untersuchung sich vom Ergebnis seiner therapeutischen Bemühungen begeistert zeigte.

Die geringfügigen Nebenwirkungen der Therapie erklärte er mir völlig überzeugend mit der derzeit ungünstigen Konstellation der Gestirne und der seit Wochen verstärkten Sonnenaktivität. Zusätzlich empfahl er mir einen Antitachyonenblocker zum Schutz vor der so gefährlichen Weltraumstrahlung und den von ihm gerade neu entwickelten Entschlackungstee zur Stärkung des Immunsystems und Bekämpfung der schädlichen Hefepilze im Organismus zu erwerben. Sicherheitshalber verkaufte er mir auch noch einen wertvollen, in allen Regenbogenfarben glitzernden Diamanten, den ich bei Vollmond über Nacht unter die Zunge stecken sollte.

Eine Stunde später beglich ich dankbar meine Schulden für Ordination, Antitachyonenblocker-Anwendung, Diamanten und Entschlackungstee (alles zusammen zum Sonderpreis von 7501 Euro) und begab mich auf direktem Weg nach Hause, wo ich zwei Briefe vorfand: ein Abschiedsbrief meiner lieben Frau und die Kündigung seitens meines Arbeitgebers.

Epilog

Verjüngt, gesund und fit wohne ich seit einer Woche gemeinsam mit meinem neuen Freund (einer ehemaligen Patientin der "True Beauty Klinik") unterhalb der Brücke am Strom, der unsere schöne Stadt durchfließt, und hoffe, wenn alles gut geht und ich morgen die erste Rate der Notstandshilfe erhalte, mir endlich einen neuen Büstenhalter der Größe XL leisten zu können.

Entnommen aus: Noah & Co. Und andere Geschichten. Eine Satire / Theodor Much

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