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Sigrid Steiner

Servus ...!

Sie sah mich an wie eine Fremde, so als sähe sie mich heute zum ersten Mal in ihrem Leben. Und das war ich in dem Moment wohl auch - ihr völlig fremd, wie sie mir auch. So wie sie da lag, aus dem Schlaf geschreckt, desorientiert. Wir starrten uns sekundenlang nur an, ehe ich die Sprache wieder fand und zögernd "Eva…, kennst du mich denn nicht mehr?", sagte.
Nun richtete sie sich im Bett etwas auf um mich genauer zu betrachten. Nichts! Kein Zeichen des Erkennens. Nach einiger Zeit dann. "Nein, ich kenne Sie nicht…". Ich war fassungslos und stammelte nur "Ich bin es doch, Katrin…!" Jetzt durchfuhr ein gewaltiger Ruck ihren Körper und mit einem Satz, den ich ihr aufgrund ihrer Fettleibigkeit gar nicht zugetraut hätte, war sie aus dem Bett und stand in voller Lebensgröße vor mir. "Katrin…aber nicht wirklich, du bist da…?" Grenzenloses Erstaunen zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab.
15 Jahre musste es nun wohl her sein, als wir uns zum letzten Mal sahen. Nach meiner Hochzeit, lebte ich einige Jahre im Ausland und da hatten wir uns dann völlig aus den Augen verloren. Vor wenigen Wochen hörte ich zufällig, dass Eva seit einigen Jahren an einer schlimmen Krankheit litt. Schizophrenie. Vermutlich eine erbliche Belastung, denn der ältere Bruder litt auch seit seiner Jugendzeit daran und war erst im letzten Herbst gestorben.
Eva griff nach ihrem Schlafrock, schlüpfte hinein, ergriff eilig 2 Zahnputzbecher und tat in beide etwas Nescafepulver, um sie dann mit heißem Wasser aus der Leitung aufzufüllen. Einen davon drückte sie mir in die Hand. Ich beobachtete sie genau. Außer dass sie völlig aus der Form geraten war und sich offenbar was Kleidung und Frisur betraf ziemlich gehen ließ, deutet nichts darauf hin, dass Eva schwer krank sein sollte, wie mir das erst vor kurzem erzählt worden war. Bestimmt bekommt sie starke Medikamente, ging es mir durch den Kopf.
"Ich kann es gar nicht glauben, dass du wirklich da bist," staunte Eva noch immer und dirigierte mich in Richtung Raucherzimmer, wo man vor lauter Qualm die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Ich öffnete das winzige Fenster im Raum und erntete dafür den missbilligenden Blick einer älteren Frau, die an einem Ecktisch saß und abwechselnd an zwei Zigaretten rauchte, in jeder Hand eine. Ich nahm mit Eva am Tisch in der anderen Ecke Platz. Der Qualm störte mich, weil ich seit 3 Monaten zum Kreis der Nichtraucher zählte und weil ich mich ohnehin gehörig mit der mir selbst auferlegten Abstinenz plagen musste.
Nun erzählte ich Eva wie ich sie gefunden hatte. Es war eine kleine Odyssee. Nachdem ich von gemeinsamen Bekannten eruhr wie es um Eva stand, hatte ich erst versucht mit ihrer Schwester Kontakt aufzunehmen, was mir auch gelang, jedoch wollte sie mir nicht sagen wo sich Eva aufhält. War es falsche Scham? Traute sie mir nicht. Sie wusste doch welch zusammengeschweißtes Team wir in unserer Jugendzeit waren, dass wir gemeinsam durch Dick und Dünn gegangen waren und nichts und niemand uns hatte trennen können. Nachdem ich also von Evas Verwandtschaft keine Unterstützung bekam, stellte ich auf eigene Faust Nachforschungen an. Ich rief alle Pflegeheime in Graz und Umgebung an. Dass Eva seit einigen Jahren irgendwo im Großraum Graz lebte, wusste ich ja von unserer Bekannten. Nichts, Fehlanzeige, nirgendwo hatte man Evas Namen auf der Patientenliste. Nun begann ich mir Sorgen zu machen, hielt man sie etwa irgendwo unter Verschluss, wurde sie versteckt. Die wahnwitzigsten Ideen gingen mir durch den Kopf. Ich hatte wohl zu lange in Südamerika gelebt. Anderseits gaben wohl auch Evas Familienmitglieder Anlass zu solch abwegigen Gedankengängen, denn schon früher verhielten sie sich immer etwas seltsam, daran konnte ich mich noch sehr genau erinnern. Jedenfalls wurde ich von einer inneren Unruhe getrieben meine jahrelange Freundin in Graz so schnell wie möglich aufzutun. Also marschierte ich zum Meldeamt beim Magistrat Graz. Die Dame war zwar freundlich, forschte jedoch nach wozu ich denn den Aufenthaltsort von Frau Klemens überhaupt wissen wolle. Ich erzählte ihr, dass wir uns vor Jahren aus den Augen verloren hatten und ich erfahren habe, dass es ihr nicht gut gehe, weshalb ich gerne mit ihr Kontakt aufnehmen würde. Von meiner guten Absicht überzeugt, bediente die Sachbearbeiterin den Computer, tippte Vor- und Familienname ein, dass man meinen könnte sie habe damit bereits ihr Tagespensum erfüllt und jede weitere Aktivität grenze schon an Überlastung. Nun wollte sie das Geburtsdatum von Eva wissen. Ich dachte scharf nach. "Ich erinnere mich nur noch, dass Eva irgendwann im Februar Geburtstag hat," antwortete ich ihr etwas ratlos. "Hm, ja, also wenn Sie jetzt vielleicht noch das Geburtsjahr sagen könnten…?", sie sah mich abwartend an und ich wünschte ich könnte um die Ecke schauen, um die Daten von ihrem PC abzulesen, die sie so geheimnisvoll hütete. Ich überlegte. Eva war jünger als ich, aber um wie viel? Etwas mehr als ein Jahr dachte ich mir und nannte das Jahr 1965, was Wohlgefallen bei der Sachbearbeiterin auslöste. "Gut, dann könnte es stimmen. Den zweiten Vornamen, den wissen Sie vielleicht auch noch?" "Aber ja, natürlich, Eva hat ja einen zweiten Vornamen, hm, wie lautet der denn schnell?", überlegte ich laut. "Maria", ich glaube sie heißt noch Maria, oder?" "Ja, wenn Sie das sagen, schmunzelte die Sachbearbeiterin, dann bekomme ich da eine Auskunft die auf Ihre Beschreibung zutreffen könnte."

Die Gute machte es echt spannend. "Ja, ok, danke und wo bitte kann ich Eva Klemens nun finden?", entgegnete ich schon leicht genervt. "Hm, ich habe es zu Beginn leider ganz vergessen zu erwähnen, die Auskunft kostet € 3,00", bedauerte das Fräulein nun etwas zerknirscht. "Bitte geben Sie mir jetzt endlich die Information, ich bezahle natürlich auch diese € 3,00." Mit meiner Beherrschung war es bald vorbei. "Ja, dann wenn Ihnen das nicht zu viel ist…"? Endlich gab sie den Druckbefehl und in Zeitlupe erschien ein bedrucktes Blatt Papier im Schacht des Druckers. Ich knallte das Geld auf den Schreibtisch, schnappte mir den Zettel aus dem Drucker und war zur Tür raus, ehe das Fräulein auch nur noch einen Ton sagen konnte. Erst vor dem Gebäude lehnte ich mich an die Mauer und studierte den Ausdruck. Es handelte sich um eine Kopie des Meldezettels. Eva war in der Sigmund Freud Klinik untergebracht. Verdammt, darauf wäre ich nie und nimmer gekommen, obwohl es eigentlich nahe liegend gewesen wäre zuerst dort zu suchen. Na gut. Jetzt wusste ich wenigstens wo sie war und brauchte keine versponnenen Ideen mehr zu pflegen. Ich überlegte kurz und beschloss gleich dort anzurufen um mir ein Bild von Evas Zustand machen zu können. Was erwartete mich, wenn ich dort auftauchte.

Die Stationsschwester war sehr nett und wunderte sich über meine Bedenken Eva könnte es nicht gut gehen. "Aber nein, Frau Klemens ist gut ansprechbar und fühlt sich wohl bei uns." Über meine Frage ob ich sie besuchen könne, wunderte sie sich wohl noch mehr. "Ja, natürlich, warum denn nicht…?" Ich hatte das Gefühl nun eine Erklärung abgeben zu müssen und informierte die Schwester kurz, dass wir uns viele Jahre nicht gesehen haben und ich ganz bestimmt eine "andere" Eva in Erinnerung habe, und dies der Grund sei weshalb ich anrufe um mich ein bisschen besser vorbereiten zu können. Nun schien die Schwester zu verstehen und zerstreute meine Bedenken. "Kein Problem, ihre Freundin ist medikamentös gut eingestellt - es geht ihr gut, glauben Sie mir, kommen sie ruhig zu Besuch. Ihre Freundin wird sich bestimmt freuen." Ich bedankte mich für die Auskunft und legte auf. Es war halb vier am Nachmittag und nun ritt mich der Teufel. Jetzt wo ich endlich herausgefunden hatte wo Eva war, wollte ich sie auch gleich sehen. Ich überlegte nicht lange, winkte ein Taxi heran und ließ mich zur Klinik fahren. Dort angekommen wurde es mir wieder ein wenig mulmig. Was, wenn sie sich nun doch nicht freut mich zu sehen? Wir haben so lange nichts voneinander gehört. Dann gab ich mir einen Ruck wischte alle Zweifel beiseite und machte mich auf die Suche nach der Station die mir die Schwester genannt hatte. Ein Pfleger half mir freundlich durch das Labyrinth von Gängen, ehe ich dann etwas außer Atem vor dem gesuchten Zimmer stand. Entschlossen drückte ich die Klinke, hielt die Luft an und betrat das Krankenzimmer. 4 Betten und in jedem schlief Jemand tief und fest. Erleichtert atmete ich wieder aus. Eine kurze Galgenfrist. Auf Zehenspitzen inspizierte ich die Namensschilder der Betten. Schon beim zweiten las ich Evas Namen. Ich warf einen Blick auf die schlafende Gestalt, deren Konturen sich unter der Bettdecke deutlich abzeichneten. Eva war doch immer eine sehr zarte Person mit maximal 50 kg gewesen. Hier lag aber Jemand der gut gerne 80 kg oder auch mehr wog. Zugedeckt bis über beide Ohren, konnte ich das Gesicht nicht ausmachen. Vorsichtig tippte ich an die Decke, dort wo ich die Schultern vermutete. Sofort wurde die Bettdecke zurückgeworfen und ein verschlafenes, stark aufgedunsenes Gesicht schaute mich verwundert an. "Ja, und nun sitze ich dir gegenüber," schloss ich meinen Bericht. In diesem nach Zigarettenrauch stinkenden Kämmerchen und trinke mit dir Nescafe aus dem Zahnputzbecher, fügte ich in Gedanken dazu. Während wir uns unterhielten rauchte Eva eine Zigarette nach der anderen. Die Neue wurde am noch qualmenden Stummel angeraucht und Eva dazwischen von starken Hustenanfällen geschüttelt. Ich unternahm einen vorsichtigen Versuch. "Du rauchst aber schon viel, hm, und der Husten…?" "Ja, in der Nacht bekomme ich Sauerstoff, aber na ja, was soll ich denn sonst den ganzen Tag lang tun." Es gelang mir nur schwer mein Entsetzen nicht zu zeigen. Eva war einfach nicht mehr Eva so wie ich sie vor vielen Jahren kannte. Das bildhübsche Mädchen mit den blonden Locken und der Traumfigur, um die sie alle beneideten. Mir gegenüber saß eine Frau, mit stark gealterter Haut, 30 kg Übergewicht, fettigen Haaren im schlappenden T-Shirt unter dem bei jeder Bewegung die die üppigen Brüste mangels BH ungustiös hin- und her schwappten. Ich konnte es nicht glauben und immer wieder schob sich das Bild eines lebensfrohen, abenteuerlustigen hübschen Mädchens - zu allen Schandtaten bereit - vor mein inneres Auge. Wie konnte so etwas passieren? Es verlangte mir einiges ab, meine Gedanken vor Eva zu verbergen, die auf mich trotz allem einen hellwachen Eindruck machte. Anfangs wusste ich nicht in welche Richtung ich unser Gespräch lenken soll, wie weit sie mir würde folgen können. Ich versuchte es einfach, erzählte von früher, erwähnte die eine oder andere gemeinsame Schandtat aus unserer Jugendzeit und siehe da, Eva erinnerte sich an alles und Jeden. Sie hatte keine Probleme Verknüpfungen zu ihrem früheren Leben herzustellen. Jetzt war ich nicht mehr zu halten nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass Eva voll aufnahmefähig war. "Komm, zieh dir schnell etwas an und dann gehen wir ins Cafe nebenan", schlug ich ihr vor und Eva war sofort einverstanden. Schnell dämpfte sie die eben erst angerauchte, ich weiß nicht mehr wievielte Zigarette, achtlos aus und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Hatte ich nun erwartet das Eva in Straßenkleidern zurückkehren würde, so wurde ich enttäuscht. Zwei Minuten später stand sie wieder vor mir, lediglich den Schlafmantel hatte sie gegen eine ausgefranste und abgetragene Strickjacke getauscht und ihre Füße steckten in merkwürdig ausgetretenen Schuhen die ihr bis zum Schienbein reichten - mitten im Hochsommer. Was soll`s dachte ich mir. Eva lebte hier hinter diesen Mauern in einer eigenen mir völlig fremden Welt. Hauptsache war doch das sie sich wohl fühlte und diesen Eindruck vermittelte sie mir jedenfalls. Auf dem Weg zum Lift begegnete uns eine Schwester die anhand Evas Aufmachung wohl erkannte, dass Eva ausgehen wollte. Wortlos öffnete sie die Tür zu einem Nebenraum und holte einen elektrischen Rollstuhl, in dem Eva wie selbstverständlich Platz nahm. Ich staunte nicht schlecht. Wozu um alles in der Welt brauchte Eva einen Rollstuhl? "Zwei Jahre ist es her, begann Eva unaufgefordert zu erzählen, da wollten sie mich zurückschicken nach Wien, in diese Klinik aus der ich kam. Das wollte ich nicht. Ich wollte hier bleiben. Hier fühlte ich mich sicher. Also ging ich in den 2. Stock hinauf und sprang aus dem Fenster." Ich riss die Augen auf. "Wie du sprangst aus dem Fenster?", fragte ich nach. Eva lachte. "Na aus dem Fenster gesprungen bin ich halt und wie du siehst hat es geholfen, ich durfte da bleiben. Leider habe ich mir dabei beide Fersenbeine zertrümmert - irreparabel. Seitdem bin ich, wenn ich mal raus will, auf dieses Ding hier angewiesen." "Mensch Eva, wie konntest du denn einfach so aus dem Fenster springen ?", diesmal gelang es mir nicht meine Bestürzung zu verbergen. Hatte ich mich vor einigen Minuten noch gefragt ob es wirklich erforderlich war, dass Eva hier stationär behandelt wurde, so war das jetzt wohl die Antwort darauf. Ich wusste zu wenig über das Krankheitsbild der Schizophrenie, aber einfach aus dem Fenster zu springen um seinen Willen durchzusetzen, schien mir nun doch nicht normal. Inzwischen waren wir im Cafe angelangt und ich wechselte schnell das Thema. Im Plauderton erzählte ich Eva von meinem Leben im Ausland, von den Kindern die mittlerweile erwachsen waren und von meiner Scheidung. Eva hörte mir interessiert zu, lachte mit mir und gab völlig logische Kommentare dazu ab. Als wir etwas von unserer alten Vertrautheit zurück gewonnen hatten, wagte ich mich einen Schritt vor. "Eva, warum lebst du hier drinnen?", ich deutete auf den Betonblock nebenan. "Warum nicht in einem kleinen hübschen Appartement, oder einer Wohngemeinschaft?" Eva sah mich an als hätte ich soeben ihr Todesurteil verkündet. "Niemals!" schrie sie so laut, dass alle anderen Menschen die sich noch im Lokal befanden interessiert zu uns herüber sahen. "Ich bleibe hier und zwar für den Rest meines Lebens. Da draußen, und jetzt fuchtelte sie wie wild mit beiden Armen in der Luft herum, da ist alles schlecht und böse." Ihre Augen glitzerten vor Erregung und ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen weil ich diese Frage gestellt hatte. "Ok, ok, versuchte ich die aufgebrachte Eva zu beschwichtigen, war ja nur so eine Idee von mir. Du hast ja völlig recht, hier musst du dich um nichts kümmern, bekommst sogar dein Essen serviert, zwinkerte ich ihr zu." Langsam entspannte sich Eva wieder und bestellte ein Glas Rotwein. Die vielen und starken Medikamente ging es mir durch den Kopf. Aber diesmal hütete ich mich davor meine Gedanken auszusprechen. Nichts lag mir ferner als Eva unnötig aufzuregen. Während ich noch überlegte welches Thema unverfänglich sei, begann Eva von sich aus zu erzählen. Der Ausbruch lag gerade einmal 5 Minuten zurück aber ich war sicher Eva hatte ihn bereits wieder vergessen. Sie lebte nun schon etwas mehr als 2 Jahre hier und es gefiel ihr. Die dicken Mauern gaben ihr Sicherheit. Von der Außenwelt hatte sie sich nahezu völlig zurückgezogen. Mein Besuch, so überraschend er war, war auch der einzige seit langer Zeit, sah man von den gelegentlichen Pflichtbesuchen ihrer Schwester einmal ab. Alle zwei bis drei Monate ließ sie sich für eine Stunde blicken, fragte wie es denn so ginge und weg war sie wieder. Aber Eva vermisste nichts. Es war gut so wie es war. Mir lief es kalt über den Rücken als ich sie so reden hörte. Meine Freundin Eva, die seinerzeit vor Übermut und Energie nur so gebrodelt hatte, kaum still halten konnte, saß nun einige Jahre später in der Klapse und fuhr das "mit der Welt abgeschlossen" Programm. Ich konnte es nicht fassen. Kein Radio, kein Fernsehen und auch keine Zeitung. Sie wollte nicht wissen was außerhalb ihrer Welt vorging. Kein Interesse. Das musste ich erst einmal verdauen. Ich konnte mir ein solches Leben einfach nicht vorstellen. Spontan ergriff ich Evas Hand. "Eva, wenn du irgendetwas brauchst, wenn ich irgendetwas für dich tun kann, lass es mich wissen!" Eva lächelte mich an und entzog mir sanft ihre Hand. "Danke, aber ich habe alles was ich brauche", sagte sie schlicht und das Lächeln kam aus ihrem tiefsten Inneren. Mir wurde wieder kalt. Irgendwie hatte ich das Gefühl alles falsch zu machen. Eva winkte der Kellnerin und ließ es sich nicht nehmen auch meine Rechnung zu begleichen. Das war mir noch obendrein unangenehm weil ich genau wusste, dass sie ja kaum Geld haben konnte. Dennoch ich ließ ihr ihren Willen. "Komm, ich bringe dich zurück auf die Station, schlug ich vor und erntete dafür wieder ein mildes Lächeln. "Danke, nein ich komme selbst zurecht mit meinem Ferrari", versuchte sie zu scherzen. Ich hörte sehr wohl die Warnung in ihrer Stimme. Also verabschiedeten wir uns im Cafe und ich versprach ihr sie bald wieder zu besuchen. "Ja, sagte sie, komm bald wieder," und es klang ehrlich. Ich sah ihr noch nach bis sie mit ihrem Rollstuhl um die Ecke bog. Dass ich sie nicht mehr wieder sehen würde, kam mir in diesem Augenblick nicht in den Sinn. Aufgewühlt von dem Wiedersehen fuhr ich nach Hause. Am nächsten Tag schon rief mich Eva an und erkundigte sich ob ich gut heim gekommen sei. Ich war überrascht und erfreut zugleich. Wir plauderten noch ein bisschen, dann legte ich auf. Zwei Tage später rief sie mich wieder an. "Katrin, du kannst nicht mehr kommen." Ich erschrak. Was war geschehen. "Katrin es tut so weh, wenn ich dich sehe, dein normales Leben, das du führen kannst. Du kannst dich verlieben und alles machen was mir versagt ist. Bitte komm nicht mehr her, ich ertrage es nicht. Wir leben in unterschiedlichen Welten und so soll es bleiben. Es tut mir einfach zu sehr weh…!" Danach lauschte ich noch eine Weile dem Besetztzeichen, ehe ich den Höher auflegte. Wie recht sie doch hatte. Ich verstand sie so gut.

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