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Sigrid Steiner

Das zweite Gesicht

„Nun mach doch nicht so ein Gesicht – Kind. Du gehst schließlich nicht zu einer Beerdigung sondern zu deiner Hochzeit!“ Sandras Mutter blickte sie bei diesen Worten vorwurfsvoll an.
„Ich will und will ihn aber nicht heiraten – und du weißt das ganz genau“, trotzte das Mädchen und zwängte sich mühsam in das hautenge Hochzeitskleid. Der Traum aus schneeweißer Seide betonte ihre zierliche Figur und verlieh ihr ein nahezu engelhaftes Aussehen.
„Du siehst hinreißend aus – wie eine kleine Prinzessin“, schwärmte die Mutter und lockerte Sandras Haarband, so daß ihr die blonden Locken in voller Pracht auf die Schultern fielen. Sandra warf einen Blick in den Spiegel und schnitt eine Grimasse.
„Und, was habe ich letztendlich davon? Ich muß diesen alten Knacker heiraten, nur damit meine Familie ihren gesellschaftlichen Status bewahren kann. An mich denkt dabei niemand“, schmollte sie und stieg in ihre hochhackigen Pumps.
„Aber Kind, Horst liebt dich doch aus tiefstem Herzen, ich verstehe gar nicht was es an einer Ehe mit ihm auszusetzen gibt.“
„Außer dass i c h ihn nicht liebe noch eine ganze Menge mehr!“
Sandra hatte keine Lust sich ständig die guten Ratschläge ihrer Mutter anzuhören. Ihr Vater, Leiter eines Pharmakonzerns hatte sich und die Firma hoffnungslos verschuldet und erwartete nun von seiner einzigen Tochter, dass sie den um 30 Jahre älteren Millionär Horst Klein heiratete.
`Sandra Klein..., wie das schon klang`, dachte sie bitter. Das Schlimme an der Sache war nicht nur sein fortgeschrittenes Alter, sondern es fanden sich absolut keine gemeinsamen Interessen. Sie liebte die Berge, er verbrachte seine Urlaube lieber auf seiner Luxusjacht und kreuzte über die Meere. Dazwischen jagte dann ein wichtiger Empfang den anderen.
Während Sandra viel für Pferde übrig hatte, fürchtete sich Horst vor ihnen. Kennengelernt hatte sie ihn vor knapp einem Jahr. Damals hatte sie ihre Eltern in die Oper begleitet. Natürlich war er von ihrer jugendlichen Frische angetan gewesen und hatte daraus auch kein Hehl gemacht. Immerhin zählte sie erst 21 Jahre.
Sandra betrachtete sich noch einmal ausgiebig von allen Seiten im Spiegel und seufzte. Sie hatte dieses Opfer auf sich genommen und nun war es zu spät für einen Rückzieher.
Ihr Vater sah zur Tür herein.

„Sandra, dein Bräutigam wird langsam ungeduldig.“
Ja, Paps – ich komme.“

Ein bewunderndes Raunen ging durch die Menge der Hochzeitsgäste als Sandra am Arm ihres Vaters die Kirche betrat. Der Organist spielte „Ave Maria“ und Sandra dachte, wie schön doch alles wäre, wenn sie nun auch noch den Mann ihres Herzens heiraten könnte.
Der Pfarrer vollzog die Trauung – die Ringe wurden getauscht – und alle jubelten dem Paar, das nun Mann und Frau war, zu. Hände wurden geschüttelt, Sandras Mutter zerdrückte ein paar Tränen und dann hatte der Spuk ein Ende. Ob Horst ahnte wie es tatsächlich um ihre Gefühle für ihn bestellt war...? Oder war er wirklich so von sich selbst eingenommen, dass ihm dieser Gedanke erst gar nicht in den Sinn kam?

Der Chauffeur hielt die Wagentür der schweren Limousine auf und winkend fuhren sie davon. Das Ziel der Hochzeitsreise hatte selbstverständlich Horst bestimmt. Eine Woche Urlaub auf seiner „Princess“ inmitten der traumhaft schönen Karibik. Natürlich...was hatte sie denn erwartet, etwa dass er mit ihr die Flitterwochen in den Bergen verbrachte?
„Na, mein Liebes,“ wandte er sich ihr nun mit einem sanften Lächeln zu.
„Wir werden eine herrliche Woche verbringen. Freust du dich?“
„Ja, natürlich Horst“. Es fiel Sandra schwer unbeschwert zu wirken, aber sie war entschlossen ihr Bestes zu geben.

Horst`s Privatjet, ausgestattet mit allem erdenklichen Komfort, würde sie binnen weniger Stunden auf die Bahamas bringen. Sandra lehnte sich tiefer in ihren Sitz. Sie versuchte sich zu entspannen, aber statt dessen machte sich plötzlich Unbehagen breit.
Sie kannte es nur zu gut dieses bestimmte Gefühl in ihrer Bauchgegend. Schon als Kind hatte sie sich stets darauf verlassen können. Etwas bahnte sich an. Was es war vermochte sie noch nicht zu sagen. Unruhig starrte sie auf die immer kleiner werdende Landschaft unter ihr. Auch als die Maschine einige Stunden später zur Landung ansetzte fühlte sie sich nicht besser. Sie wußte von ihrer Fähigkeit manche Ereignisse vorauszuahnen.

Und jedesmal wurde sie kurz davor von jener seltsamen Unruhe erfaßt. Genau wie jetzt auch.

Ein sportliches Cabrio, erwartete sie bereits am Rollfeld und brachte sie vorbei an riesigen Palmenhainen direkt zum Privatsteg der „Princess“.
Beim Anblick der Jacht wußte Sandra plötzlich was sie die ganze Zeit über so beunruhigt hatte. Sie betrachtete das Luxusschiff, von dem Normalsterbliche nur träumen konnten.
`Jammerschade um das hübsche Ding`. Sandra hatte allen anderen etwas voraus. Sie wußte, es würde die letzte Fahrt der Princess sein ... und wenn sie es nicht verhinderte auch die allerletzte von Horst.
`Aber wollte sie es überhaupt verhindern? Wäre sie denn nicht mit einem Schlag alle Sorgen los und als durchaus angenehme Begleiterscheinung auch noch reich?
Solche und ähnliche Gedanken schossen durch Sandra`s Kopf, während Horst ihr Gepäck an Bord bringen ließ. „Horst – ich habe schreckliche Kopfschmerzen und fühle mich ziemlich unwohl.“ Vielleicht könnten wir ja eine Nacht im Hotel verbringen?“ unternahm sie einen zaghaften Versuch. Horst musterte sie besorgt.
„Du wirst doch nicht krank, Kleines?“
„Aber nein“, beschwichtigte ihn Sandra. Es ist nur... es war eben ein aufregender Tag und...“ sie brach ab, unsicher ob sie auch glaubwürdig wirkte.
„Schon gut Kleines“, Horst streichelte ihr sanft übers Haar.
„Ich lasse dir im „Plaza“ eine Suite reservieren. Du schläfst dich richtig aus und morgen stechen wir dann in See. Ich verbringe die Nacht lieber an Bord der „Princess“ – du kommst doch alleine zurecht, nicht wahr?“ Sandra nickte rasch und sah ihn stumm aus großen Augen an. Sie hatte viel erwartet, aber dass er sie ausgerechnet in ihrer Hochzeitsnacht allein lassen würde, das überstieg ihre Vorstellungskraft. Nun lag es an ihr. Sollte sie ihn warnen... oder sollte sie den Dingen ihren Lauf lassen? Sie war weder kalt noch berechnend, aber vielleicht entschied sie gerade deshalb nicht ins Schicksal einzugreifen.

Eine Stunde später hatte Sandra ihre Suite im „Plaza“ bezogen und rekelte sich wohlig in der Badewanne. Es ist Schicksal, sagte sie sich immer wieder und schloß die Augen. Er hätte mir ohnehin kein Wort geglaubt.
Ohrenbetäubendes Sirenengehäul unterbrach jäh ihre Gedanken. Sandra griff nach dem Badetuch und stürzte auf den Flur. Dichter Rauch schlug ihr entgegen.
`Verdammt – das Hotel brennt... sollte ich meine Vorahnung falsch gedeutet haben`, schoß es Sandra durch den Kopf. Es war der letzte Gedanke, ehe sie hustend zusammenbrach und das Bewußtsein verlor.

„Frau Klein...“, drang eine männliche Stimme wie durch Watte in Sandras Bewußtsein. „Wie fühlen Sie sich?“
Sandra hatte Mühe ihre Augenlieder zu heben. Ihr Blick traf den des Arztes, der sich besorgt zu ihr herab beugte und beruhigend auf sie einredete. Denn Sinn der Worte erfaßte sie noch nicht.
„Wo bin ich?“ brachte sie krächzend hervor. Ihr Hals schmerzte bei jedem Wort und ihr Blick irrte im Zimmer herum. Draußen war es dunkel, die Vorhänge vorgezogen – es war Nacht.
„Sie hatten Glück im Unglück und sind bei dem Hotelbrand mit einer leichten Rauchgasvergiftung davon gekommen“, gab ihr der Mann im weißen Kittel bereitwillig Auskunft.
„Versuchen Sie noch etwas zu schlafen. Das Einzige was Sie im Moment brauchen ist Ruhe.“ Sandra atmete tief durch und schloß erschöpft die Augen.
`Das Schicksal hatte es gut mit ihr gemeint.`

„Wie fühlen Sie sich Frau Klein...? Ich bin der Chefarzt“, stellte sich der sympathische junge Mann Sandra vor. Sie mußte einige Stunden tief und fest geschlafen haben, denn nun schien die Sonne ins Krankenzimmer. Der Chefarzt zog sich einen Besucherstuhl ans Bett und fühlte Sandras Puls. „Na, das Schlimmste haben Sie beinahe überstanden, lächelte der Arzt zuversichtlich. Sandra nickte schwach.
„Hat man meinen Mann schon verständigt?“, hörte sie sich selbst fragen.
Der Arzt wurde ernst. „Frau Klein... Sie müssen jetzt sehr tapfer sein. Die Jacht Ihres Gatten ist im Morgengrauen explodiert. Es hat niemand überlebt.“

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