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Sigrid Steiner: Bye, bye Deutschland ! Auswandern um jeden Preis
Sigrid Steiner

Andere Länder, andere Sitten ...

Der Österreicher Peter F. lebt seit etwa einem Jahr in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays und hält sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser. Zu seinen Brötchengebern zählt auch die Deutsche Maria S., seit kurzem mit einem Argentinier verheiratet und schon seit Jahren in Paraguay resident. Beide vereisen oft und in dieser Zeit erfüllt Peter F. seine Aufgabe indem er das ländliche Anwesen der Eheleute hütet. So auch im Sommer des letzten Jahres. Maria F. befindet sich auf Heimaturlaub in Deutschland und ihr Mann Juan Carlos hält sich geschäftlich in Buenos Aires auf. Eines Abends, als wieder alle gemütlich bei unserem Stammtisch zusammen sitzen, bringt Peter F. das Gespräch auf seine deutsche Chefin. Er wundert sich sehr über die diesmal ungewöhnlich lang andauernde Geschäftsreise von Juan Carlos. Länger als 2 Wochen sei der Mann noch nie weg gewesen und es komme ihm in letzter Zeit ohnehin alles seltsam vor. Wir können das nicht wirklich nachvollziehen, wissen auch zu wenig über die Umstände Bescheid. Jedenfalls bringt Peter F. während des Abends noch mehrmals das Gespräch darauf und alle Versuche ihn zu beruhigen scheitern. Als Erster verlässt er die Runde.
Eine Woche später, wir sitzen wieder zusammen, stößt Peter F. die Tür zum Gastraum auf und ruft aufgeregt "Bingo", dabei streckt er zitternd den Daumen in die Höhe. Wir verstehen nicht sofort was er uns mitteilen will. "Ich habe es ja gewusst und jetzt habe ich ihn gefundenů", stammelt Peter F. unzusammenhängend und lässt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. Er hat nun die ungeteilte Aufmerksamkeit der ganzen Stammtischrunde.
"Na, der Argentinier, sie hat ihn im Garten vergraben, in dem neuen Blumenbeet, ich habe euch doch letzte Woche davon erzähltů" Verständnislos schüttle ich den Kopf. Peter F. ärgert sich über soviel Begriffsstutzigkeit meinerseits und beginnt ausführlich zu erzählen. Es habe ihm einfach keine Ruhe gelassen, er habe es förmlich gespürt, dass da etwas nicht stimme und so sei ihm die Idee gekommen, im Garten zu graben. Ich habe Peter F. zwar als sehr sensiblen Menschen kennen gelernt, ihm solch phantasievollen Handlungen aber nie zugetraut. Bestürzt folgen wir seinem Bericht. Im neu angelegten Blumenbeet, nur etwa einen halben Meter unter der Erde, da sei er rasch fündig geworden. Nicht betreten solle er es hat ihm Maria S. vor ihrer Abreise noch aufgetragen, weil ja alles frisch bepflanzt sei und erst anwachsen müsse. Die Hand habe er freigelegt, dann sei er auf und davon um zuerst uns über seinen grausigen Fund zu informieren. Jetzt aber könne er nicht mehr länger bleiben. Schnell zur Polizei will er, um seine Mitteilung zu machen. "Um Gottes Willen", rufen alle wie aus einem Hals. Bloß das nicht! Die paraguayischen Gesetze sind etwas anders als bei uns und da wird bei jedem Verbrechen sofort der Erstbeste, der auch nur irgendwie verdächtig erscheint, festgenommen. Aber es hilft nichts, Peter F. lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und noch ehe es jemand verhindern könnte springt er auf und stürmt aus dem Lokal.
Etwa zwei Stunden später der verzweifelte Anruf. Peter F. steht an der Mautstation und wird vom Militär am Weiterfahren gehindert. Die spanische Sprache beherrscht er nicht und kann deshalb auch keine Erklärung abgeben, warum er auf der Ladefläche eine Leiche spazieren fährt. Ich frage nicht lange nach, springe ins Auto und lege die wenigen Kilometer bis zu Mautstation in Rekordzeit zurück. Immer wieder frage ich mich, warum um alles in der Welt er nun den toten Argentinier im Auto herum chauffiert.
An der Mautstation herrscht Aufruhr und ich werde sehr misstrauisch beäugt, ehe ich erklären kann, dass ich nur für die Verständigung zuständig bin und mit der Sache absolut nichts zu tun habe. Peter F. bekomme ich vorerst nicht zu Gesicht. Ein ranghöherer Offizier, bittet mich nun etwas freundlicher, aber mit strenger Miene ihm in sein Büro zu folgen. Dort erfahre ich, dass Peter F. vor knapp einer Stunde mit dem Leichnam auf der Ladefläche die Mautstation passieren wollte, so als sei seine Fracht nichts Außergewöhnliches und man konnte aufgrund des Verständigungsproblems keine Erklärung von ihm bekommen. Ich ersuche den Offizier mich mit Peter F. kurz reden zu lassen und verspreche für Aufklärung zu sorgen. Unsanft wird Peter F. von einem anderen Uniformierten in den Raum gestoßen und trotz der angespannten Situation ersuche ich den Offizier um angemessene Behandlung. Peter F., völlig erledigt, erzählt, dass er unter Anweisung der Polizei den toten Argentinier an Ort und Stelle vollständig ausgraben musste. Angesichts der späten Stunde wurde Peter F. dann die Wahl gelassen, den Toten die restliche Nacht vor Ort zu bewachen oder aber ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen. Am Morgen könne er ihn dann im Krematorium abgeben, dort würde man in der Zwischenzeit Bescheid geben.
Ich musste mich einfach verhört haben. Die Aufforderung einen Toten zu bewachen oder mit nach Hause zu nehmen, dass schien mir selbst in einem Land wie Paraguay unmöglich. Peter F. versicherte mir die Wahrheit zu sagen und ich übersetze seine Geschichte dem Offizier, allerdings mit sehr gemischten Gefühlen. Völlig unbeeindruckt greift er zum Telefon und nach zwei Minuten scheint die Angelegenheit erledigt. Wir können gehen. Ich hatte schon mit unser beider Verhaftung gerechnet und bin völlig perplex. Peter F. steigt wortlos in seinen Wagen und ich fahre ihm hinterher. Er wohnt in einem kleinen Häuschen am Ortsrand von Asuncion und parkt den Wagen mit seiner wertvollen Fracht direkt im Vorgarten. Über den toten Argentinier, dessen Anblick ich mir lieber erspare, wirft er eine Abdeckplane und geht ins Haus. Ich folge ihm noch immer sprachlos und auch ihm fällt es schwer die Praktiken der paraguayischen Ordnungshüter zu verstehen. Am nächsten Morgen bringt Peter F. den toten Argentinier ins Krematorium und wie vorhergesagt ist man dort über den "Neuzugang" bereits informiert.
Peter F. geht noch einmal zum Grundstück der nunmehrigen Witwe. Der arme einheimische Nachbar tut ihm leid, lebt er doch nur in einer Hütte mit Lehmboden, ohne Kühlschrank und nur sehr spartanisch eingerichtet. Am Grundstück von Maria S. befindet sich ein mehr oder weniger ausrangierter Eisschrank und Peter F. ist überzeugt, dass er dem Nachbarn damit eine große Freude bereiten kann. Gemeinsam schaffen sie das Gerät in die Hütte des alten Mannes. Der strahlt vor Glück und bedankt sich ununterbrochen bei seinem Gönner.
Kurze Zeit meldet sich Maria S. von Deutschland aus am Handy von Peter F. Wie das Wetter denn so sei und ob alles seine Ordnung habe, will sie wissen. Peter F. hat nur noch ein Ziel, er will sie in Sicherheit wiegen und so zurück nach Paraguay locken. Hier soll sie ihre gerechte Strafe bekommen. Für Peter F. steht außer Zweifel dass Maria S. ihren Mann getötet hat. Ihre Rückkehr kündigt Maria S. für den übernächsten Tag an.
Noch am Abend desselben Tages wird Peter F. fest genommen. Jemand hat beobachtet wie er den Kühlschrank in das Haus des Nachbarn geschafft hat und dies als Diebstahl bei der Polizei angezeigt. Sofort bin ich zur Stelle und versuche das Missverständnis aufzuklären. Ich habe keine Chance Peter F. bleibt inhaftiert und auch der sofort engagierte Anwalt sieht vorerst keine Möglichkeit Peter F. aus dem Gefängnis zu bekommen. In Paraguay wird Diebstahl streng bestraft, beinahe so streng wie Mord. Die sich in Sicherheit wiegende Maria S. wird noch bei ihrer Ankunft am Flughafen verhaftet und verbringt viele Jahre in einem paraguayischen Gefängnis. Die Gefängnisse in Paraguay sind absolut menschunwürdig, höchstens zur Tierhaltung geeignet. Peter F. schnappt nach 3 Monaten über, seine Freilassung steht unmittelbar bevor. Heute lebt Peter F. wieder in Deutschland. In einer Nervenheilanstalt die er wohl Zeit seines Lebens nicht mehr verlassen wird ...

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