Literarisches / GästeFür Zugestiegene: Startseite 
[Absurdistan - Der Wochenrückblick] [Zeit für ein Gedicht?] [LiteraturWettbewerbe] [Veranstaltungen] [LiteraturChat] [Buchwelt] [Allerlei & Tipps]


  Aktuelle Gast-Autoren:

 Alle Gast-Autoren

 zurück zur Auswahl dieses Künstlers

 HITLISTE - Stimm mit!

zurück zu: Gäste
Werbung:
Bist Du Single? Suchst Du einen netten Partner? Hier warten über 390.000 aktive Mitglieder auf Dich. Melde Dich jetzt an!
Auftragsgedichte:
Du möchtest Deine/n
Liebste/n überraschen?
Jeder Euro rettet Kinderleben!

Robert Novotny

WIR ASOZIALEN.....

Neulich überraschte mich mein zwölfjähriger Sohn mit der ernüchternden Botschaft, er sei der einzig Soziale in unserer Familie. Seine Antwort auf meine Frage, was ihn zu dieser lächerlichen Ansicht bewogen hätte, war mehr als verblüffend.

Er habe, so begründete er, im Wörterbuch geblättert und dort unter „asozial“ die Definition „ ..gegen die menschliche Gesellschaft gerichtet...“ gefunden. Mutter, so argumentierte er weiter, hacke ständig auf ihm herum, bloß weil er angeblich seine Schulaufgaben nicht ordentlich mache - seine sechsjährige Schwester malträtiere ihn ohnehin zu jeder Sekunde ihres Beisammenseins und ich, sein Vater, schrecke nicht einmal davor zurück, das Kritisieren der gesamten Menschheit zu meinem Berufe zu machen.

Was ihn beträfe, ertrüge er geduldig Mutters Attacken; hätte sich nie eine Schwester gewünscht und für meinen Beruf könne man ihn schon gar nicht verantwortlich machen. Ergo dessen ergebe sich automatisch, dass nur ihm die Ehre des Gegenteils, nämlich „sozial“ zu sein, gebühre. Verkündete dies und schritt abfälligen Kopfschüttelns aus meinem Arbeitszimmer.

Seine skurrile Logik stimmte mich nachdenklich; und während ich krampfhaft versuchte, meine offensichtlich fehlgeschlagenen Erziehungsmethoden geistig zu analysieren, durchblätterte ich mehrere Fachbücher der Seelenkunde. Mit dem Erfolg, daß meine Zweifel immer größer wurden. Auch diverse Telefonate mit befreundeten Psychiatern brachte nicht mehr ein, als die fragwürdige Diagnose, „..es mangle ihm an Aufmerksamkeit“.

Purer Unsinn, dachte ich. Aus meiner Sicht hatte der provokante Kerl einen Gedankesknoten gebunden; mit dem schändlichen Ziel, mich vor eine unlösbare Aufgabe zu stellen. Die Last dieser Erkenntnis ruhte, angesichts der drohenden Ausweglosigkeit, wie ein Mühlstein auf meiner Gesinnung.

Obwohl ich den gesamten Nachmittag opferte, gelang mir keine auch nur annähernd gleichwertig erscheinende Gegenstrategie. Meine Gemahlin wich der Problematik von Vornherein aus; bezeichnete sein Ansinnen als pubertäres Aufmüpfen und flüchtete sich in lauthalses Bemängeln seiner letzten Englischarbeit.

Gegen zehn Uhr abends beschloß ich resignierend, meine matt gewordene Gedankenschärfe durch Beiziehen andergeistiger Elemente aufzufrischen. So stieg ich hoffnungsvoll in den Keller und goß, in orakelhafter Zeremonie, einige Humpen Wein in meine Kehle. Mit dem Ergebnis, daß sich meine Fähigkeit des kontrollierten Handelns, sehr bald auf die Motorik des Füllens und Leerens von Bechern reduzierte.

Erst als das Faß absolut nichts mehr her gab, kam die ersehnte Wende. Was ich nicht mehr konnte, gab mir Mutter Natur - gnädig in Form einer göttlichen Inspiration. Und während ich selig trunken die Suche nach unserem ehelichen Schlafgemach aufnahm, reifte die Eingebung, meinem Kinde eine beispiellose Lektion zu erteilen, in mir zur ausgeklügelten Sozialtherapie. Zufrieden kichernd erreichte ich, nach einigen Irrläufen, schließlich meine Liegestatt, auf der ich unverzüglich samt Rock, Hose und Schuhen niedersank. Euphorisch den kommenden Geschehnissen entgegenfabulierend, schlief ich irgendwann ein.

Meine Inspiration hatte binnen kürzester Zeit, unser gesamtes Familienleben umgekrempelt. Beseelt vom Gedanken, Menschen mit Arbeit und der damit verbundenen finanzielle Absicherung zu beglücken, engagierte ich eine Köchin, zwei Gouvernanten für meine Tochter, vier Nachhilfelehrer für meinen Sohn und mehrere Halbtagsgärtner für unsere Balkonpflanzen. Darüber hinaus zwei Schreibkräfte für meine Manuskripte sowie einen arbeits– wie obdachlos gewordenen Schauspieler als Hauswart, Gelegenheitsbutler und Empfangschef. (So etwas hatte ich mir schon immer gewünscht)

Der neue Butler hatte natürlich kein eigenes Heim, dafür einen Riesenschnauzer namens Killer und sechs Katzen. Also mußte umgehend ein Häuschen gebaut werden. Um es halbwegs menschenwürdig zu gestalten, erhielt es einen stattlichen Wintergarten, dem allerdings unser einziger Apfelbaum zum Opfer fiel und den kümmerlichen Rest unseres Gartens, auf schattige zwei Meter schrumpfen ließ.

Die heftigen Proteste meiner Gemahlin waren, in ihrem Gewicht, geradezu lächerlich, angesichts der gewaltigen Schar von Handwerkern, welche durch dieses Bauprojekt ebenfalls Arbeit und somit Brot für sich und ihre Familien von mir bezogen.

Die Ausgaben explodierten; im gleichen Tempo schwanden unsere Ersparnisse. Unbezahlte Rechnungen stapelten sich bald gleichermaßen, wie die täglich eintreffende Flut von Werbezettel - und wurden auch wie diese behandelt - mit der segensreichen Folge, die Aufmerksamkeit von Gerichten auf mich zu ziehen.

Ein Umstand, der Wasser auf meine Mühlen brachte; hatte ich doch erreicht, neben meiner bescheidenen Belegschaft nun auch die Besatzung ganzer Ämter mit zu ernähren. Dies trieb meine Euphorie derart voran, dass ich fällig gestellte Kredite, ja sogar gerichtliche Zahlungsbefehle und Steuervorschreibungen absichtlich ignorierte; mit dem Gelingen, einen beachtlichen Teil der vollziehenden Staatsgewalt zusätzlich unterhalten zu dürfen. Was zählten schon ein paar lächerliche Hunderttausend für ein Häuschen, im Verhältnis zu den millionenschweren Unterhaltskosten eines Beamtenheeres!

Exekutoren kamen und gingen. Einziger Nachteil, sie gaben keinen Kredit und ihr Verständnis zu meinem Treiben war gering. Fehlendes Bargeld glichen sie unverschämt durch rigorose Beschlagnahme von Mobilien aus. Ein Tatsache, die unser Familienglück allmählich ins Wanken brachte.

Meine Gemahlin drohte mit Scheidung; im Zimmer meines Sohnes fanden sich Broschüren von Sekten und unsere Tochter begann Liebesbriefe an Bill Gates zu verfassen - und das im Alter von sieben!

Die Situation gipfelte schließlich beim dreisten Versuch eines Gerichtsvollziehers, meine Schreibmaschine zu pfänden. Ich trieb ihn wutentbrannt unter dem Beistand von „Killer“ aus dem Haus. Leider war dieser Streich nur kurz von Erfolg gekrönt – denn er kehrte wieder, gesäumt von bewaffneten Polizisten. Als die versuchten mir Handschellen anzulegen, kam es zum Eklat. Ich holte kurzerhand aus und rammte meine geballten Fäuste in die nächstgelegene Magengrube.

Die Reaktion war spektakulär. Denn nicht der vermeintlich getroffene Staatsscherge klappe röchelnd zusammen, sondern meine entnervte Gemahlin schnellte wie eine Cobra hoch; bezeichnete mich aufröhrend als wahnsinnig gewordenen Trunkenbold und umklammerte dabei meinen Hals, als gelte es, den Leibhaftigen selbst zur Strecke zu bringen.

So begann ich, mangels Sauerstoff, wir toll mit Armen und Beinen herumzuschlagen, was bewirkte, dass wir unter lauthalsem Getöse aus dem Bette, direkt vor die Füße unseres Sohnes kollerten, der mit entsetztem Blick soeben unser Schlafzimmer betreten hatte.

Mir wurde schlagartig bewußt, dass ich „gottlob“ nur geträumt hatte. Und während unser Sohn sich kopfschüttelnden Blickes zurückzog und meine Gemahlin kreischenden Gehabes auf mir herumtrommelte, genoß ich das Gefühl, bloß asozial zu sein....

Falls er Dir gefallen hat, dann stimm' für diesen Beitrag.

retour

Werbung:

Mitarbeit...
Du willst diese Online-Zeitung mitgestalten? Schick mir Deine Gedichte, Kurzgeschichten, CD-Kritiken, Buchbesprechungen - oder vielleicht ganz was Neues? Erlaubt ist, was Spaß macht und keinen kränkt oder geschmacklos ist.

Schreib', was Dich bewegt: leitner@wiend.at


http://www.wiend.at
E-Mail:leitner@wiend.at