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Michael Köhn

Requiem für einen Säufer

Ihn wollte das Leben beißen und quälen, - er sich den Dreck des Lebens und der Straße ausspülen, den Glanz des Mondes. Und dann: seit er nicht mehr trank, war es einsam um ihn und ihm fiel nichts mehr ein was leben lohnte, nur die schon gehabten Unsinnigkeiten, wenn überhaupt...
Er meinte, er habe einen Fehler begangen, denn nicht rechtzeitig wurde ihm klar, dass das wahre Leben eigentlich nur Sonntags vormittags stattfand, - in den Kneipen, oder im Kulturkanal arte.
Egal wo er war, er blieb ein Hohlgefäß. Ein Fass, - Körper, der Kontur, Muskeln und Körperlichkeit zu Gunsten von Fett und Aufgeschwemmtheit verloren. Die Unförmigkeit später Jahre, bis dass die Pelle platzt wie ein altes Sofakissen, der Kopf quoll, bis er zerknallte.
Irgendwas stimmte nicht.
"Mein Geist furzt mir andauernd dazwischen - ganz ohne Grund."
Der hatte Recht damit, eben weil etwas nicht stimmte. Doch wiederum lag der falsch, was das Furzen betraf, denn Kurt hatte zu diesem Zeitpunkt Verdauungsprobleme - vom Saufen, schrieb Dr. Meyer ihm in ein Rezept.
Der Meyer hatte dieses Rezept nie datiert, warum auch immer, und Kurt hatte es nie eingelöst, denn die Suffmaschine war zur Zeit schon wieder über Kurts Leben hinweggefegt wie ein Düsenjäger.
Nicht saufen trocknet aus, dass weiß doch jeder.
Kneipenlärm, Gläsergetöse und traurige Melodien, die Stimme von Greta, seiner Wirtin, die immer klang als hätte sie Rasierklingen im Hals, zum Blutwalzer verschmolzen, vom Rauchen, zu etwas, dass aus der Musikbox dröhnte, zu Hildegard Knef: "...für mich solls roten Rosen regnen..." Gretas Lieblingstitel.
Das dudelte die halbstündlich einmal; sonst war sie freundlich und sauber und brachte überpünktlich das nächste Bier. Saß er bei Greta, entstand in ihm bald diese allgemein zugesoffene Zufriedenheit eines segensreichen ersten Schlucks, der längst ein zweiter, dritter war.
Und Greta wurde ihm vollends zu Heiligen, wenn sie einen Schnaps umsonst ausschenkte.
"Oh, Mann," brüllte Kurt dann entzückt.
"Oh, Mann," entnervend immer wieder und anschließend: "Suggar in the morning - suggar in the evening!" Ja, soviel lächerliche Freude für eine selbstzerstörerische Überdosis.
Ließ die Wirkung nach, wollte er vom Dach springen, sich, überschnappend, den Kopf wegschießen, oder alles zusammen. Schuldgefühle, weil zuhause die Frau wartete.
Er nannte sie immer nur die Frau!
"Ich fühle mich so schrecklich schuldig!" jaulte er.
Schuldig, weil er sie im Stich gelassen hatte, diese getreue Speckrolle. Kahl, fett und immer krampfhaft bemüht dem alten Schlucker ein Heim zu geben, dass war sie.
Zehn Jahre später ist sie schon acht Jahre tot.
"Begrab mich nicht, Kurt, verstreu meine Asche im Wind!"
Sie stand bei ihm auf dem Fernseher, in einer alten Whiskyflasche, die er bei den Franzosen, er arbeitet früher in der Kaserne, geklaut hatte. Da war die Gallone noch voll und ihm, als Trinkmenge, das Maß aller Dinge.
"Wenn auch ich weg bin," bat er, "werft das Teil in die Spree." Man fand Briefe.
Kurt hatte Briefe angefangen und nie abgeschickt. Geburtstagsgrüße, Briefe an Freunde, und hasserfüllte Seiten auf alles und jeden; vor allem ans Sozialamt, das Arbeitsamt, usw. Von seinem Alltag war darin zu erfahren, vom banalen Leben, so was, dass überall vorkommt.
Ende 1979 war Schluss vom Traum, vom anderen Leben. In einem unvollendeten Brief wirft er sich Versagen vor, dass er sich eingerichtet habe in Kotze, Scheiße und Urin. Er hasste sich wohl dafür selber.
Depressiv war er. Die manchmalige Fröhlichkeit, dass nahm ihm sowieso keiner ab. Und dazu fällt auch niemanden der ihn kannte etwas ein. Der ganze Mann war eben ein Novembermorgen - der sich tagtäglich in Berlin erstreckt, ein früher Tod im Mai, in den der Herbst bereits Einzug gehalten hat.
Noch Fragen? Kaffee? Oder lieber Wasser? Diese Spielchen waren Kurts Übung bei nächtlichen Sturmangriffen.
Und damit - und besoffen bis an die Halskrause - überlebte er. Kurt der Fremdenlegionär, der eroberte mit 'Kongo -Müller' Dschibutti. Seine dortige Angst hatte er nie vergessen.
Bei seiner damaligen Anwerbung zur Legion war auch eine Flasche Rum im Spiel, die er in Karlsruhe auf einer Bank geleert hatte. Seine eigene Version dazu will er allerdings nicht erklären; er fänds aber gut, wenn andere eine andere Meinung dazu hätten. "Denn es geht schließlich immer nur ums Ficken, Sterben, Tod; um Krankheit, Eiter, Kotze, - um eine Kugel im Gedärm und um das ewig geile Geschlechtsteil."
Seinen gesamten Sold hatte Kurt regelmäßig in einem Puff in Nairobi verfickt; sich dabei Tripper, Syph und Pickel am Arsch geholt. Kurt hatte alles mitgenommen, was nach Verfall und Untergang roch.
Und natürlich denkt man - vermutlich nach seinem Tod, sein Leben wäre am Schmiedefeuer gemacht, schmutzig, rau, rostig; ein Sein aus Dantes Höllenfahrt und schlechtem Blut geformt.
Das stimmte nicht ganz: "Bück dich!" - und sein Hintern erzählte eine andere Geschichte; der war voll vernarbt.
Die Wunden in Falten und Poren konnte man nicht verdecken, die wurden in dieser Stellung erst herausgebracht, - die waren Kurt wichtig wie die eintätowierte Nummer am Unterarm, und damit posierte der, - falls man ihn denn ließe.
Der vernarbte Arsch, die Tätowierung, dass ist Zeitgeschichte. Ihm Porträt Leidens, - eine deutsche Schuld an sich, für die er Wiedergutmachung kassierte; doch auch die war in die Jahre gekommen.
Und als er alt war, wie das Geld, sein Resümee: "Es ist doch so: Keiner bleibt immer jung. Nur die Schuld bleibt!"
...und dann war Schluss?
Schluss war, als ihm der Hoden austrocknete, die Vorhaut ins Nirgends entwich, als junge Frauen mit dem Finger auf ihn zeigten - weil er hinter ihnen hergepfiffen.
Schluss war, als die neuen Nazis auf der Straße ihre Arme reckten und "Sieg Heil" brüllten.
Yepp, da war Schluss, und Kurt stürmte rein in die nächste Kneipe - und hatte in den Bierschaum hinein eine Fotze gemalt... Immer wieder fragt man sich, wo er die Kraft zu leben überhaupt her hatte... Um dann zu konstatieren, dass das vergebliche Liebesmüh sei. Ein paar Blumen auf dem Friedhof täten's auch, - denn schon öfter hatte Kurt einen ernsthaften Selbstmordversuch unternommen. Eigentlich von Anfang an, sein Körper zeugte davon, und so hat er auch in seinem Abschiedsbrief zitiert.
Sein Abschied hinterlies eine Art Baustelle seiner Persönlichkeit. Ein widersprüchlicher Kerl, mal verletzlich, dann wieder grobklotzig, mal reflektierte er die Mechanismen des Saufens und wollte aufhören - um sein Leben umzukrempeln, dann war es ihm wieder egal und er ging über alle eben erst gestellten Vorsätze locker hinweg.
Kurt entgiftete im jüdischen Krankenhaus.
Lange hatte er das nicht überlebt; er gönnte sich die Aufmerksamkeit eines Kopfschusses.

2002 michy

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