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Michael Köhn

Zuflucht

Es besteht null Hoffnung. Und Leben ist nicht zu finden, sagen Außenstehende. Ja, meterdicker Schlamm ist es, der die Suche behindert, sollte jemand suchen.
Aber man sucht nicht, nicht hinter Mauern, die wie von selber gezogen sind. Niemals in Beton, wo Herz und Seele unheilbar. Nicht hinter den dicken Panzern von Angst, nie dort, wo die von den Menschen Gemiedenen leben.

Die Mauer, diese schützende Schale, die die Frucht umschließt, ist Meter hoch und Kilometer lang. Besteht aus unzähligen Steinen, Stahl, Holz und Plastik. Und wird von argwöhnischen Menschen mit Gewehren und Hunden bewacht. Das bewahrt Frieden und Glück, glaubt man.

Doch so war das nicht ausgemacht. Damals, mit Gott. Andererseits kann Glück überall sein.
Genehmigt oder nicht.

Schon kurz hinter dem Tor mit Schranke, einem Eingang, der nie Ausgang ist, sieht man Abgründe aus Vergangenheit und gelebter Schuld.
Manchmal riecht es schon da nach Krankenhaus, sagen welche. Ist ein Sanatorium, meinen andere.
Deutschland ist es. In multikulturelle Dynamik. Ein System mit Regeln Doch unabhängig.

Ein Haus, quadratisch. Im Innenhof. Leute sitzen im Rollstuhl.
Fahren im Kreis, im Gang. Laufen unkontrolliert umher.
In einem Zimmer schreit einer. Der wohnt im ersten Stock und war einst ein hübscher Bursche, bis die Krankheit ihn hatte. Und das Alter von ihm Besitz ergriff.

Er war einmal Koch. Aus Passion. Früher.
Jetzt fühlt er sich nur noch leer und ohne Tatendrang, ist müde und schlapp. Kocht nie. Ist aber auf seine Art glücklich.
Er kann es sich nicht erklären. Das eine wie das andere. Nicht die Diagnose: Alzheimer.

Den ganzen Tag herumsitzen. Das Gesicht steif, starr. Eine Maske. Der Körper ein Stück Holz. Und die Haut verändert sich, bekommt Flecken wie eine stockige Tapete. Und ihm werden die Gliedmaßen gefühllos, als sei er tot ..., das Fortschreiten des Bösen.

Doch er ist nicht unglücklich. Nein, sein Geist brennt. Die Seele fliegt. Und er kann in Gedanken auf dem Fußballplatz sein. Oder, was noch schöner ist, zwischen den Beinen einer Frau. Und in ihm sind farbige Film, und Fotos, die er abrufen kann, wie mit einer Fernbedienung. Urlaube. Geburtstage. Feiern, wie Sylvester. Menschen, wie er will. Freunde. Seine diversen Frauen. Und Kinder. Enkel. Ehemalige Mitarbeiter. Ärzte. Und seine sportlichen Erfolge nicht zu vergessen. Olympia.
Klar, wer vergisst so was schon. Nicht mal Alzheimer persönlich. Denn es passiert alles im Kopf. Nur raus kann es nicht mehr. Na und? Darüber lachen kann er.

Und da sitzt er in seinem Schaukelstuhl und erzählt sich aus seinem Leben. Immer wieder neu und unbekannt. Und wenn ihm ein Detail wichtig ist, hebt er die unhörbare Stimme und bläst die Backen auf. Seine große Nase rötet sich, die langen Ohrläppchen schaukeln. Und seine Augen sind wie ein aufgeknöpftes Hemd.

Gut, er ist verletzt worden vom Leben. Doch immer noch Top drauf.
Der Rest ist Schweigen - und er ist unterwegs in seiner Welt, von der die Menschen nicht wirklich wissen, was darin passiert. So ist es doch. ... die denken, er warte nur noch auf den Tod. So was Blödes.
Und das gilt für den Rest der Gesellschaft in der Welt, denn nirgendwo wird die Angst weniger, - so zu werden wie er.

Er kann es nicht erklären, doch es ist so: Ich bin wie ich bin, und ich bin zufrieden, - denn glücklich kann man überall sein.
Und wenn ich den Kopf schief lege, kann ich den Himmel sehen. Das ganze Universum. Die Luft ist rein, und es herrschen Stille und Frieden. Der Rest ist entspannen.

19.02.2006 michael köhn

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