Literarisches / GästeFür Zugestiegene: Startseite 
[Absurdistan - Der Wochenrückblick] [Zeit für ein Gedicht?] [LiteraturWettbewerbe] [Veranstaltungen] [LiteraturChat] [Buchwelt] [Allerlei & Tipps]


 Alle Gast-Autoren

 zurück zur Auswahl dieses Künstlers

 HITLISTE - Stimm mit!

zurück zu: Gäste
Werbung:
Ärzte ohne Grenzen: Jeder Euro rettet Kinderleben. Jetzt klicken und helfen. Bist Du Single? Suchst Du einen netten Partner? Hier warten über 390.000 aktive Mitglieder auf Dich. Melde Dich jetzt an!
Auftragsgedichte:
Du möchtest Deine/n
Liebste/n überraschen?

Michael Köhn

Muttertag

Die IchSuche, die MutterSuche: Woher-ich-komme-suchen, - das ist mir die älteste und verzweifelste Suche.
Oft genug hatte sich über meine Existenz der Schatten meines abwesenden Ichs gelegt. Und es gab Zeiten, da deckte dies Suchen danach alles ab, was mich ausmachte. Ich hatte zwar all die Härte um mich selbst zu suchen und zu finden, doch negativ war, dass das zwar frei mein Herz massierte, doch nicht mein Hirn, nicht den Verstand. Also enttäuschte ich dann jene, die in weniger guten Zeiten zu mir hielten.
In den Momenten Suchens war mir alles egal: es war mir das Ding vor jeglichen Dingen, - das IchSuchen, MutterSuchen, MichSuchen, woher-alles-kommt-suchen. Wovon die handelten, die ich fand, waren die Lieben an sich, das versäumte Leben, die erlittenen Tode, das verpasste Sterben. Und mit den jeweils gefunden Scherben konnte ich zumindest die zerlöcherten Fahrbahnen in meinen gehabten Leben auffüllen. Was wollte ich mehr, als diese Erinnerungen?
Doch auch das Erinnern vermag mir diesen Zustand nicht mehr zu holen.
Es zeigte mir lediglich die Differenz, die ich immer wieder vergeblich zu überwinden versuchte und die ich doch nie voll erwischen konnte. Lediglich in der Lüge des Traums und dessen Wiedererzählen kam ich dem nahe.
Ein Traum wie ein schlauchartiger möbelloser Flur, an dessen einer Seite Türen offen standen. Benutzte ich die Türen nicht, stand ich vor einer Wand. Darin ein Loch, aus dem ich hätte abstürzen können...
Oft ging ich trotzdem hindurch, hinein in eine dämmerige Hügellandschaft. Längst Verstorbene wandelten auf sandigen Wegen. Meine Mutter.
Ich erkannte sie immer sofort. Ihre schlanke Gestalt. Ihr Gesicht, wie auf einem alten Bild. Die Maske, derer ich mich von ihrem Sterbebett erinnerte, hatte sie abgelegt. Sie lächelte. Einen hellen Strickpullover trug sie um die Schultern. Die Brille mit den goldenen Bügeln. Eine Hand stützte sich auf einen Spazierstock. Ihre Augen blitzten. Die Wangenknochen standen indianisch über dem vollen Lippenmund. Die Haare duftig, wie frisch vom Frisör. Ihre Haut sonnenbraun und gar nicht faltig, wie zuletzt. Sie trug ihren Lieblingsschmuck und offenbarte sich mir wie in den frühen Fünfzigern.
Wenn sie mich bemerkte, blieb sie jedes Mal stehen und sah mich aufmerksam an. Ich begann unter ihrem Blick immer zu schwitzen, legte eine Hand auf mein Herz, und zog sie schnell wieder weg. Sie sollte nicht denken, dass ich krank wäre. Ein Fehler, ich weiß, denn sie hatte immer Angst um mich gehabt, egal, was ich tat und wo.
Ich trat näher, und als ich nahe genug war, legte sie ihre Hand auf meine Schulter; sie lächelte mich an, wie immer. Ich räusperte mich und mußte einen Moment der Schüchternheit überwinden.
Es blieb uns nur dieser kurze Moment. Immer. Und schon stieg wieder diese Unruhe von irgend woher auf. Wie der Nachklang eines entfernten Radios summte ein tiefer Ton. Staubfäden schoben sich vor mein Sehen.
Meine Mutter hatte den Mund halb offen und bewegte die Lippen: etwas hatte wie ein Frage geklungen, wie immer.
War das nun überhaupt eine Frage gewesen, die Beantwortung meiner Suchfrage, oder ein Abschiedsgruß? Ich hatte, später und immer wieder, noch nie soviel vergebliche Zeit der Aufklärung einer solchen Sache geopfert.
Ein kaum spürbarer Luftzug trug meine Mutter plötzlich mit sich fort. Ich sah noch ihre winkende rechte Hand, den Spazierstock, ihren rufenden Mund - von weit her diese Frage fragend? Schweigen. Doch die Hügellandschaft sah ich noch, die sandigen Wege - dann nichts mehr.
Ich legte den Kopf schief und schloss die Augen. Ich wusste, es war alles eine Täuschung. Es war lediglich ein Traum - mein wesen(s?)loser Blick, an mir vorbei, der auf das Bild an der Wand traf.
Öl, frühe Periode, später Fünfzigerjahre: Frau in Strickjacke mit Spazierstock vor Hügellandschaft.

2003 by michy

Falls er Dir gefallen hat, dann stimm' für diesen Beitrag.

zurück

Werbung:

Mitarbeit...
Du willst diese Online-Zeitung mitgestalten? Schick mir Deine Gedichte, Kurzgeschichten, CD-Kritiken, Buchbesprechungen - oder vielleicht ganz was Neues? Erlaubt ist, was Spaß macht und keinen kränkt oder geschmacklos ist.

Schreib', was Dich bewegt: leitner@wiend.at


http://www.wiend.at
E-Mail:leitner@wiend.at