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Michael Köhn

Textauszug aus dem authentischen Roman: Knast, Leben und andere strafbare Versuche...

Kapitel:
Maßregelvollzug

Schwäche war es, die ihm Schrecken, Angst und Panik gebar. Darmknarzende Furcht revoltierte seinen Unterbauch und aufsteigende Nebel früher Sommermorgen düsterten zusätzlich seine Seele.
Ein Held musste man sein, in diesem Leben hier, es Tag um Tag zu ertragen.

Extrem eng war der Durchgang auf der gesamten Länge.
So schmal, dass menschliche Wesen, die sich hier notgedrungen entlang bewegten, nicht ohne gegenseitige Behinderung aneinander vorübergehen konnten.
Vielleicht maß der Flur soeben einen Meter. Betrachtet von der Wand, hinter der die Zellen lagen, bis zu dem in Brusthöhe um den Lichthofschacht geführten Seitengitter.
Lediglich regelmäßige nischenförmige Buchten, die man alle zwei Meter zu den eisenbeschlagenen Zellentüren einbelassen, brachten dort zusätzlich noch cirka zwanzig Zentimeter Stehfläche.
Niemand half solch Extraraum in jenem Augenblick.
Vier Paar Männerbeine, deren Füße in grauen Socken, Schuhe, derbe, dunkle, identische kreppbesohlte Leisetreter; vier zu den Beinen, den Füßen gehörige Oberkörper, sanguin einer, zwei pyknisch, einer athletisch, es fehlte ein Leptosom.
Jeder der Anwesenden in grüner Jacke, mit durchgewetzten Ärmeln links wie rechts; darunter trugen sie schwarze Hosen, seitlich mit Biesen. Wie mit Meißel in Köpfe gehauen die schmallippigen Münder.
Zwei Feistgesichte darunter, zwei hager, - kurz gehaltenes Schädelhaar bei allen, mützengedeckt im geschilderten Jackengrün, die Kappenfront mit blankpoliertem schwarzen Lackschirmchen; gleiche Brüder?, denen sich andere identisch gekleidete Figuren, hier drunter auch ein Leptosom, zuordneten; die gemeinsam eine andere Person mitschleppten.
Und endlich, als dieser Mensch zum Tragen zu schwer, den achtlos hinter sich her schleiften. Der sich jedoch, gegen solch gewollt unbequeme Beförderung, vehement auskeilend, kopfstoßend, unkontrollierte Boxhiebe schlagend, zur Wehr setzte. Doch die schlurften fluchend und sonst unbeeindruckt ihre beschwerliche Last über den augenscheinlich sauberen, nach unzähligem Auftrag von Wachs muffenden Linolboden fort. Hin zur Treppe, die eine Etage nach oben führte.
Doch dahin wollten die gar nicht, drei Stockwerk nach unten strebten die, um dort verschnaufend, eine Winzigkeit Pause einlegend im räumigen Parterre, vorläufig zu enden; - um sich hernach, zwanzig Schritt weiter Richtung Norden, über nochmals elf Stufen hinab, einen Einlass ins Kellergewölbe zu eröffnen.
Noch, und später in einzelnen sekundenkurzen Augenblicken, herrschte unheilvolle Stille. Lediglich das Keuchen aus fünf aufgerissenen Mäulern, das durchbrach stoßweise die tiefe Atemlosigkeit.
Am geräuschvollsten hechelte der, den sie getragen hatten.
Ein Todesjappsen, das Schwitzen, der Gestank weil er sich eingekotet; ein röchelndwortlosstummstinkender Protest gegen das ihn traktierende System war es und ist er.
Und alle wussten: noch soeben hatte der, lautstark und handgreiflich, gegen die ihn beherrschende Staatsform angetobt. Der schlug in einer Zelle, die man im Vollzugsgesetz Haftraum nannte, alles kurz und klein.
'Knastkoller', hieß es hier seit jeher lapidar.
Der Irrsinn in ihm entstand als er die schriftliche Ablehnung auf sein Gnadengesuch erhielt. Heute morgen war das schon. Er schiss gerade.
Der Stationsbeamte warf den beurkundeten Wisch ohne ein Wort zu sagen aufs Bett. Als er gelesen, was wichtig war, begann die Unregelmäßigkeit denken. Der Wechsel von Verzweiflung und Hoffen.
Er betete, beschwor Teufel und Herrn - und das in dieser Reihenfolge, - dass das alles ein Irrtum sei...
Doch Klarheit endlich. Und dem folgte sein persönliches Standpunkte erkennen: Justiz war Rachejustiz, genau wie der Begnadiungssenat; ein Hohn, dieser Staat.
Wer sollte denn hier sonst begnadigt werden, wenn nicht er?
Ein überlauter Knall, hinein in seine hospitalisierte Lebensstille, der umtoste seinen eben noch rhythmisch leisen Gedankenschlag und sein Leben drehte sich plötzlich zum Tode hin; er wollte sein Sein verschieben und fing an.
Das Waschbecken zuerst.
Er riss es aus der Verankerung, wuchtete es auf die Knie, über den Kopf, schmetterte es durch das geschlossene Fenster gegen das engstehende viereckige Gittergeflecht an.
Tausend Scherben. Große, kleine, spitz scharf, brauchbare Tötungsinstrumente: 'Man wird noch hören!'
Fensterglasreste, zu feinsten Splittern mutiert, die hatte er im Haar, in den Falten seiner blauen Anstaltskleidung, zwischen Hemd und pissgelb weißer Unterwäsche vorn, die am Hintern braun war wie Rost am Kiel eines weitgereisten Schiffs, dass der Überholung in einer Werft bedurfte.
Porzellan, nicht Meißen, fragmental im Raum; die Splitter flogen durchs Fenstergitter, drei Stockwerk hinab auf den Hof. Glas und Keramikkleinteile zerstäubten dort Nebel bildend, netzten, wie feuchte, einen Knastbeschließer, der fünf Meter weiter, eventuell waren es sechs, neben einem schmuddelig aussehendem hölzernen Wachhaus stand; der dort versonnen und unschuldig am Geschehen, am Kippen einer Zigarette sog.
Die interne Hausordnung für uniformtragende Dienstkräfte verwehrte ihm die Möglichkeit, sich ins Schutzhaus zu stellen. Deshalb, weil er dort nicht stehen, schon gar nicht sitzen durfte, traf den Hofposten ungeschützt weißer Staub. Glassplitter auch und noch mehr, und er hörte erneut unheilvolles Klirren.
Der Schließer wusste sogleich das noch was zu erwarten sei. Ein alter Hase war er, der jeglicher Jagd auf seine Gesundheit bisher unbeschädigt entkommen war. Die Vorsehung auch diesmal. Und keine Sekunde zu spät erfolgte sein Rückzug in die Schutzhütte. Rechtzeitig, bevor handtellergroße, scharf gezackte Toilettenbeckenteile das Dach der Bude ramponierten; die löcherten den Platz zentimetertief, auf dem er eben noch gestanden.
Ein Blick aus der Wachbude nach oben hoch, und richtig, es folgten im Rhythmus wie eine Kirchturmglocke schlug Bruchstücke von Schrankteilen, die nach wuchtigem Aufprall zerfaserten, hurtig auf dem Hof umhersprangen wie Flüchtende, die dem Knast entkommen wollten, die dann langsamer wurden, taumelten, von rechts nach links, nach vorn, nach hinten torkelten, schwer Betrunkenen ähnlich, die unbeirrt einen Weg nach Haus suchten, bevor sie fielen, liegen blieben. Dann kam federleichtes Bettzeug; Frau Holle besaß sowas, genau dass schüttelte er aus, - ein Rupfensack, um der Wahrheit die Ehre zu geben, war es.
Es folgte grobes Leinen. Das flog ohne jeglichen Inhalt und wurde von einem kräftigen Nordostwind abgetrieben, einen Weg zur Mauer findend, um dort Sekunden zu schweben, höher zu steigen, fünf Meter zum Stacheldraht bewehrten Betonkranz überwindend und flüchtig war.
Rasch aufeinander flogen Schüssel, Teller, Gabel, Löffel, sechs sieben Bücher, die Anstaltsbibel. Eine zerfledderte Hausordnung hinterdrein. Pause!
Anschließend eine Hose, wessen auch immer, die Jacke eines Strafgefangenen, - noch mit feinen Splittern Fensterglas in den Falten. Ein blaues Anstaltshemd, am Kragen sichtbar mit Blut verschmiert. Ein Schuhputzkasten, der ehemalige Inhalt hinterdrein. Eine Klobürste mit Untersatz, - Scheiße am Griff. Teile eines zerbrochenen metallenen Zellenspiegels, der sowieso seit Jahren blind und unnütz hier, endlich der sperrholzene Stuhlsitz, von hunderten Ärschen in tausend Jahren abgeformt. Einzelteile einer Tischplatte. Das Gröbste war geschafft!
Die Unterwäsche, vorn weißgelb, hinten rostbraunweiß, behielt er an. Warum?, - die bot keinerlei Schutz vor dem was nun geschah...

Ein verzweifelter Schrei von ihm, der kippte dann, ein gurgelndes Zähneputzen am Vormittag, ein Löwenbrüllen aus Männerkehlen war die Antwort; ein unmissverständlicher Befehl in hartem Ton.
"Ab in den Keller - mit Musik!", als die Zelle im dritten Obergeschoss geöffnet wurde und eine hungrige Meute Schergen einließ. Männer, die sich mutig gegen den Randalierer warfen. Klatschen von Gummiknüppeln, die einen Körper aufarbeiteten wie einen lange getragenen Pelz, der modisch aufgepeppt werden sollte, dem durch freundlich systematische Schläge Staub und Ungeziefer ausgetrieben werden sollten.
Hier, dies angegraute muffige Fell sollte gewendet werden. Und das genau so, wie man zuvor monatelang die aufmüpfige Seele dieses Menschen entkernte.
"Hinten die Treppe runter!"
"Schnell - schnell, bevor die Freistunde einrückt!"
Einer packte sein verdrehtes Bein, ein anderer erwischte den linken Arm, drehte, zog, bis das Gelenkfutter schaurig knirschte. Einer schlug ihm Zähne tief in's Genick, so dass sein Blut hoch aufspritzte, - von hinten über die Augen und sein Sehen beeinträchtigend.
Dann, halb bewusstlos, schliffen sie ihn hin. An den Treppenabgang ran; die Stufen runter mit Schmackes, mit Musik sagten die.
"Lass doch endlich den Kopf los! Das wird schon."
Zwei Mann, jeder an einem Bein, zogen ihn die Treppe abwärts.
Den Schädel konnte er in dieser Position nicht lange unbehelligt halten. Jede einzelne Stufe malträtierte seinen Hintern; die rutschte ihm wortwörtlich den Buckel entlang, sprang ihm endlichst lustvoll, mit der scharfkantigen Seite, an den Kopf. Sein Geist driftete ab. Und in dem Moment einer Unkonzentriertheit biss er sich auf die Zunge.
Blut rann jetzt auch aus seinem Maul. Und Tropfen um Tropfen hinterließ er auf der Treppe eine Spur.
Die zwei bisher untätigen Schließer folgten schnobernd der Losung. Die waren Hetzer, die angeschossenes Wild zum Abschuss bringen würden; ja, leichte Beute war er, der gegenwärtig Ohnmächtige.

Wie auf Kufen glitt der ganze Kerl; ein von zwei Steuerleuten leicht beherrschbarer Schlitten auf harschem Schnee. Spuren legte er für die Nachfolger.
"Lauf voraus und sperr die Kellertür auf!" "Die Beruhigungszelle auch und vergiss nicht - schließ vor!"
Da musste er heimlich grinsen in der Ohnmacht; denn einmal schon hat er die Fänger überlistet, als die vergaßen vorzuschließen.
Ein geschickter Dreh, als sie ihn in die Sonderzelle zur Behandlung stellten, - ein wendiger Boxer am Seil war er, der seinen Gegner narrte, einen Sidestep und er hatte sie in der Falle, - riegelte die Zelle ab. Und drinnen trommelten drei Mann ans Blech, derweil er saß und eine Zigarette drehte. Nach dem Rauchen sperrte er auf...
Zwei Rippen gebrochen, drei Zähne futsch, dass war sein Lohn.

Im Moment kam er zu sich, die heisse Hatz war wohl beendet? Verschwommen sah er die Handlanger, hörte undeutlich einen Befehl, und wusste ihn sogleich; - so quälte er den kaputten Leib auf die schmerzenden Knie, dann, sich an den Türrahmen klammernd, vollständig in die Höhe.
"Zieh deine Klamotten aus!", trompete einer.
Ja, ja, sagtest du doch schon, dachte er.
Es war heut immer ein und dieselbe durchdringende Stimme, die jeweils das Kommando gab. Ein sächsischer Dialekt, ein ehemaliger 'Gänsefleisch' der Zonengrenze?
"Öeffnen se moal deen Gofferroam", musste er im Angedenken grinsen. Und der erste Knüppelstreich traf ihn wuchtig hinterm rechten Ohr.
Warum bloß immer hinter den Ohren, war nicht woanders Platz genug?
Er hob die Hände über den Kopf, stand wie im amerikanischen Western der ertappte Viehdieb. Er beugte den Arm und wollte das Hemd greifen, um es über den Schädel ziehend abzustreifen, als ihm der Stift kurz unterhalb der Schulterrotation über den Arm zischte.
Knochentrocken dümpelte die Röhre, morsch schon seit Jahren, unter dem Oberarmfleisch. Reste von Muskeln, eigentlich nur geschrumpelte Pelle, so brach es auch: knack! Holzig trocken, ohne viel Aufsehen.
Dass war's erstmal, Freunde.
Der Schmerz, der unweigerlich folgen musste, war auf dem Weg zu seinem Hirnabtaster wohl eingeschlafen. Jedenfalls merkte er in der rechten Extremität nichts von der totalen Zerstörung seiner Beweglichkeit.
Derweil, und während er Rachegedanken aburteilte, sich ihm Fragen stellten, wie er die Peiniger bestrafen könnte, - nebenbei lauernd auf Schmerz wartend, der nicht kam, hatte ihm einer der Folterer blitzschnell den Schlüpfer runter auf die Oberschenkel gezogen.
Ein halbes Pfund Knastfraß, das ihm gut verdaut rückwärtig im Linnen hing, hatte die hurtigen Bemühungen des tatkräftigen Wärters jäh gestoppt.
"Mensch! - der hat sich eingeschissen, Lanz!", gellte es.
"Herrgott, das ist doch nicht das erste Mal, dass sich hier jemand einscheißt", beruhigte ein anderer.
Die Hose hatte er runter, das Hemd aus, nackt stand er und gebeugt, wartend auf den Fangschuss.
"Stell dich vor den Türrahmen!", der Befehler.
Er tat's. Er wusste, - grinste.
Er stand locker, wippend in Kniekehlen, in den Hüften, um nachgeben zu können, wenn der Schlag traf.
Jedoch, er hörte nichts, spürte null, als eine Riesenfaust ihn urplötzlich hob, ihn trug, ihn flog, - bis das Gitter am Fenster ihn stoppte.
Nackt und einfach zwecklos lag er, und ohne Sinn.
Das Arschloch tat ihm beim Erwachen weh.
Er griff nach hinten und dachte die Vollzugsknute wär noch in ihm. Doch nichts war, niemand da; indes, er wusste, sie hatten es erneut getan.
"Schweine! Vergewaltiger! Ihr Schweine!!!" brüllte er.
"Ihr perversen Schweine!", gellte sein Schrei seitdem, - die Bruchstelle tat ihm jedes Mal weh, wenn er schrie. Ein Darmriss, diagnostizierte der Anstaltsarzt Tage später.
"Das stopfen wir mal gleich zu." Und der Sanihelfer holte Nadel und Faden.
"Sie sollten aber dabei mehr acht geben, mein Lieber!" Und er sah den Arzt die obszöne Handbewegung zeigen: vier Finger der Linken, neben dem Zeigefinger der Daumen, die hohle Hand zum Loch geformt, die flache andere deckelte die Öffnung klatschend, - erzeugte einen Ton wie Körper, die sich im schweißnassen Liebesspiel trafen.
All die Umstehenden lachten und auch der Arzt war sichtlich froh, seiner Lacher wegen?
Gut, Kurt war zu alt um wegzulaufen, weit über dreißig war er und fünfmal hatten sie ihn im Loch schon vorgenommen - und er wusste, das Leben war keine Kantine in der man sich kostenlos satt fraß...
Er packte den Arzt am Jackenrevers, wendete ihn sich frontal zu und schlug ihm in schneller Abfolge dreimal hart in die Fresse; dann hatten sie ihn.
Ein verzweifelter Schrei noch, der kippte dann, ein gurgelndes Zähneputzen am Vormittag, ein Löwenbrüllen aus Männerkehlen war die Antwort, ein unmissverständlicher Befehl in hartem Ton: "Ab in den Keller mit Musik!" und eine hungrige Meute Schergen, die sich mutig dem Randalierer entgegwarfen.
Klatschen von Gummiknüppeln, wie gehabt, wie oft schon gehabt, die einen Körper aufarbeiteten gleich einem lang getragenen Pelz, der modisch aufgepeppt werden sollte, dem durch systematische Schläge Staub und Ungeziefer ausgetrieben; ein angegraut muffiges Fell gewendet, die ehemalige Hülle poliert, so wie monatelang schon die aufmüpfige Seele dieses Menschen.
Darauf hat er gewartet und es war geschehen: Mond, Sonne, Sonne und Mond in gleicher Größe, gleicher Helligkeit; Tag wie Nacht. Zwei für immer Eins, jawohl, für immer und ewig. Gleich einer reifen Frucht pflückte er, fraß was er konnte.
Lust und Schmerz, hell wie dunkel, Bruder gleich Schwester, Zwillinge in seinem Körper, einem Geist, dem Denken; Bewusstsein endlich!

Sicherheitsraum, in dem er vegetierte.
Ein nicht mehr als Fünfmarkstück großes Loch sparte die ansonsten eisenbeschlagene Tür. Als Spion bezeichnete man solchen Durchbruch.
Täglich ein zwei Augen davor, - stündlich hunderte.
Ein rechtes, ein linkes, ein Gerechtes, eins von Rechts wegen links. Jemanden wachmüdes Auge; Eins-zwei, ein Seelenspiegel, - die Strafpraxis? Nein, das nicht, eher mannigfach persönliches Interesse solch perverser Überwachung; Strafrichteranordnung...
Und deswegen auch das Loch in der Decke der gefliesten Zelle, auf deren Boden er sich krümmte; Panzerglas abgedichtet, das Schreie tötete. Heute und gestern - und wie damals, sein Geschrei.
Eine Kamera überwachte ihn hier im Keller. Die aufmüpfige individuelle Person wird begutachtet, bis dass das Gute sich scheidet.
'Es gibt hier nichts Ureigenes', sagte ihm diese neuzeitliche Form der Tötung.
Er, der gläserne Häftling.
Ein immer kleineres durchleuchtbares Subjekt, von einem immer kleineren, beinah unsichtbarem, Objekt beobachtet. Ein nichtöffentlicher Mensch im öffentlichen Raum...
Sogar ein Entleeren hinein in die Lücke im Kachelboden, sein Scheißen, Pissen in ein sauerätzendes Ablaufrohr, dass wurde vom Apparat dokumentiert, wurde achtundvierzig Stunden aufbewahrt; wohl deswegen, damit sein jammervoller Zustand später von perversen Wärtern nachzuspüren wäre?
Er, der vermeintliche Unmensch, legitim Apparaturen vorgeführt, - von menschlichen Tieren bewacht, von Robotern? Sicherheit vor Freiheit, am Ort unendlichen Schreckens. Jaja, das Recht hatten die. Und ab nun war er behütete sorglose Unfreiheit in der Alltagswelt Knast, - Bank von England, Fort Knox; Maßregelvollzug...
Er war von den Psychiatern dringendst veröffentlicht. Unschuldig entprivatisiert. Er hier, der war plötzlich das Gold der Erde; der verlor zwar soziale Konturen, ein paar Zähne, beschädigt wurde ihm die Darmwand und vieles andere und blaue Flecken schmückten ihn überall, die nun grünlich schienen. Doch was war das schon, - nichts; denn ab nun wird er sich selber misstrauen... Zusätzlich neu bestrafen - und resozialisiert endlichst: - er kann ja vielleicht doch 'mal entlassen werden?

2002 michy

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