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Marta Bern

Der Tagtraum

Gerade hatte ich mal wieder meinen Job gewechselt und wusste bereits, auch hier würde ich nicht sonderlich alt werden. Lustlos durchblätterte ich die fleckigen, zerlesenen Zeitungsseiten im Pausenraum. Plötzlich weckte eine winzige, unter einem fettigen Daumenabdruck kaum leserliche Zeitungsannonce mein Interesse.
"Casting - Agentur sucht männliche und weibliche Darsteller aller Altersgruppen..."
In diesem Moment vergaß ich meinen Scheißjob, meine geschäftigen Kolleginnen, meinen cholerischen Chef mit seiner extremen Neigung zum Selbstmitleid, meine permanenten Kündigungsgedanken und begann von interessanten Menschen, von Rausch und Glamour, von surrenden Kameras und kultigen Filmen zu träumen. In meinem, aus dem Nichts geborenen, Tagtraum schwebte ich wie selbstverständlich in einem langen, funkelnden, tief dekolletierten Abendkleid durch den schummrigen Saal eines Varietees. Zeitlupenhaft glitt eine dicke Federboa von meiner nackten Schulter und landete sanft vor den schwarzen Lackschuhen eines großfüßigen, schlaksigen Gentleman. Der Herr im eleganten, schwarzen Anzug, blieb sofort stehen, betrachtete meine Boa überaus kritisch durch seine Lorgnette, bückte sich dann steif und reichte mir die flauschige Schlange mit einem ungewöhnlich charmanten Lächeln entgegen. Danach zündete er sich seine erloschene Zigarre an und blies mir so gar nicht gentlemanhaft den Rauch in die Augen, was mich eigenartiger Weise nicht einmal störte. Amüsiert schmunzelnd schüttelte er seinen Kopf mit dem stark pomadisierten, dunklen Haar und schritt von dannen. Der Blick, den er zurück ließ, signalisierte mir unverhohlen, dass dieser alte weibliche Trick zu plump sei, um einen Mann seines Formates aufzugabeln. Das störte mich nicht nur sehr. Es ärgerte mich. Vor Scham lief ich rot an, stand wie erfroren mitten im vernebelten Saal und starrte ihm nach. Grinsend drehte er sich immer wieder nach mir um. Es kam, wie es kommen musste. Den Kopf noch rückwärts gerichtet, stieß er an das mit vollen Sektgläsern beladene Tablett eines Oberkellners in blauer Uniform. Als es unüberhörbar klirrte und klimperte, lachte ich überhaupt nicht damenhaft.
Mein Chef saß mir sicher schon eine Weile schweigend gegenüber und sah mich seltsam, die linke Augenbraue nach oben gezogen, leicht mit den Nasenflügeln vibrierend, an.
Kein gutes Klima für berauschende Träume.
Am Abend rannte ich zum Casting. Der hässliche, große Saal war überfüllt. Mädchen wie Fotomodelle fotografierten schöne, junge Menschen, die aussahen als seien sie schon längst beim Film. Die Doppelaufnahmen, einmal von vorn und einmal von der Seite mit einer Nummer vor dem Bauch erinnerten eher an Fotos für eine Verbrecherkartei. Mein enttäuschtes, finsteres Gesicht lichteten sie nur einmal ab. Das bedeutete sicher nichts gutes. Desillusioniert zog ich von dannen. In einem Knastfilm wollte ich sowieso nicht mitspielen. Trotzdem wartete ich die nächsten drei Wochen gespannt auf eine Nachricht. Dann ärgerte ich mich über meine dumme Eitelkeit und träumte weiter davon, wie ich in einem glitzernden, funkelnden Kleid, ellenbogenlangen Handschuhen und dieser Wahnsinnsboa durch einen vernebelten Saal schritt. Immer mehr angenehme Details malte ich mir aus. Eine gefüllte Sektschale in der Hand lehnte ich mich lässig an die stilvolle Bar und nippte teuren Champagner, den mir noble Herren spendierten. In meinen Träumen wurde ich glücklicherweise nie besoffen. Von Tag zu Tag begann ich meine illustren Fantasien mehr zu genießen. Andere Leute bewundernd, ließ ich mich bewundern. Wie angenehm können doch Träumereien sein. Aber irgendwann langweilten mich meine Träume, eben weil sie nur Träume blieben. Ich wurde traurig. Die öde Realität bekam mich deprimiert zurück. Aber eines späten Abends klingelte doch noch das Telefon und eine frische, jugendliche Stimme bestellte mich anderntags in die Garderobe, ein passendes Abendkleid und Schuhe und etc. auszuwählen. Unter etc. verstand die französische Kostümbildnerin lange Handschuhe, ein mit Perlen besticktes Täschchen, eine flauschige Federboa, falschen Goldschmuck und eine kunstvolle Perücke. In dieser traumhaften Staffage schwebte ich schließlich wirklich durch einen schummrigen Filmsaal an eleganten Damen und Herren vorüber und die Kamera filmte leise surrend mit. Lässig an die Bar gelehnt, nippte ich fasziniert an meinem Apfelsaftchampagner. Nach drei Drehtagen bekam mein Filmtraum oder mein Traumfilm mehr Realität als mir lieb war. Meine Federboa glitt mir wahrhaftig in einem unachtsamen Moment von der Schulter und schwebte vor riesengroße, lackschwarze Füße. Die Szene, die dann folgte, kannte ich schon. Der Mann aus meinen Tagträumen war zu Fleisch und Blut geworden, er existierte, er reagierte. Das war geradezu unheimlich. Etwas hatte ich allerdings nicht in meinen Tagträumen gesehen. Da saßen und standen schwarz und braun Uniformierte überall zwischen den eleganten Herrschaften im Saal. Sie pöpelten nicht nur meinen charmanten, jüdischen Boa - Kavalier an, sondern alle befrackten Herren. Nicht einmal vor den wunderschönen Damen zeigten sie Respekt. Und dann zerschlugen sie den Saal und die Menschen. Diese reale, unreale, Wüstenei erschreckte mich zutiefst. Fast fliehend kehrte ich in meinen unspektakulären Alltag zurück. So kann es einem ergehen mit Tagträumen.
Übrigens habe ich schon einen neuen Traum. Ich bin aber nicht sicher, ob ich unbedingt möchte, dass er wahr wird.

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