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Marianne W. Bayer

Berenice, oder: Herrin über Leben und Tod

Nina liebte es, Puppen Namen zu geben. Sie brauchte jedes Jahr mindestens eine neue Puppe, um einen neuen Namen nehmen zu können. Sie probierte, ob man auch die alte Puppe neu benamsen konnte, wenn man ihr die Haare abschnitt. Ihr Bruder hatte es leichter. Er gab seinen vielen Plastiksoldaten Namen, und bei Soldaten war es klar, dass sie irgendwann erschossen wurden, dann standen andere Soldaten mit neuen Namen wieder auf. Nina verlieh jeder Puppe Geburtstag und Lieblingsfarbe. Als sie älter wurde, gab sie jeder Puppe einen Freund. Der Freund kam zwar nicht vor, aber jedes Puppenmädchen besaß ein kleines Stück weißer Pappe, auf dem ein Jungengesicht aus dem Versandhaus-Katalog aufgeklebt war, und darunter stand in winziger Schrift sein Name. Nina überlegte, ob blonde Jungen zu blonden Mädchen passten oder im Gegenteil besser zu schwarzhaarigen. Um das auszuprobieren, musste die Puppe sich am Plastiktelefon mit ihrem Freund verkrachen und einen neuen kriegen.

Als Nina zwölf wurde, tat sie die Puppen auf den Speicher. Aber die Sucht des Namengebens blieb. Jetzt waren es eben keine Puppen mehr, sondern erfundene Mädchen in Ninas Kopf. Nina verlieh jedem eine Haarfarbe und Frisur, einen Beruf und natürlich einen Freund. Und jedes Mädchen heiratete und bekam ein Kind, was wieder Anlass zu Namengebung und kurzer Beschreibung war. Wollte Nina Romanschriftstellerin werden? Die wenigen Begegnungen mit Romanen, die sie auf der Hauptschule hatte, belehrten sie eines besseren. Für die Schule musste sie Jugendromane von Rororo-Rotfuchs lesen und einen richtigen Roman - ich glaube, er war von Heinrich Böll. Die Romane waren furchtbar ausführlich, man wusste immer, was der Held sah und hörte - fehlte bloß noch, dass man erfuhr, wann er aufs Klo ging! Bei Nina war das anders. Ihre Heldinnnen hatten eine Namen, einen Geburtstag und einen Beruf des Vaters, sie waren dünn oder dick, wählten eine Haarfarbe, die ihnen stand, verkrachten sich mit ein oder zwei besten Freundinnen und zwei oder drei Lovern, heirateten, bekamen zwei oder drei Kinder - und während diese Kinder heranwuchsen, verlor Nina meist das Interesse. Wenns hochkam, ließ sie die Heldin noch um die 40 herum an Autounfall, Brustkrebs, komplizierter Geburt oder Selbstmord aus Eifersucht sterben. Das Ganze war so kurz und bündig, dass es nicht einmal ein JULIA-Romanheft gefüllt hätte.

Nina wäre gern Fotografin geworden, aber davon gab es zu viele. Sie fand eine Lehrstelle als Friseuse. Und trotz des langen Stehens und der müden Füße war sie glücklich. Das Schneiden und Färben von Haaren gab ihr die Chance, immer neue Menschen zu machen, wie schon an den Puppen geübt. Aber leider machte das Friseurgeschäft zu - die Kundinnen hatten mit beginnender Wirtschaftflaute kein Geld mehr für ihre Haare. Nina blieb nichts anderes übrig, als ihren Freund zu heiraten und ein Kind zu kriegen. Es wurde ein Junge. Nina nannte ihn Lorenz Daniel und sah, dass sein blondes Haar nur langsam wuchs. Leider entwickelte sich der ganze Lorenz Daniel sehr langsam, wie es Jungenart ist. Er wollte weder aufs Klo noch aufs Töpfchen. So hockte Nina mit ihm zu Hause und haute Lorenz Daniel heimlich. Nina hing regelrecht durch. Ihre Mutter wollte sie aufmuntern und riet ihr, doch mal in die vielen schönen Serien reinzuschauen, die es jetzt im Fernsehen gab. Aber seltsam - obwohl die Mädchen in den Serien ganz ähnliche Dinge taten wie die Mädchen, die Nina sich früher im Kopf ausgedacht hatte, fand Nina am Fernsehen wenig Freude. Sie wollte nicht gucken, sondern selber Menschen machen - ja, das war der springende Punkt!

Einmal sah Nina ein Buch „Das Mädchen aus dem Clan der Wölfe“. Das Buch war dick, und Nina konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Tagelang schlief und aß sie kaum, gab Mann und Kind nur einsilbige Anworten. Das Mädchen aus dem Clan der Wölfe hatte drei Lover aus verschiedenen Clans überlebt und sieben Kinder geboren, von denen vier jung starben. Und am Ende, mit 50 und grauem Haar und dem sicheren Gefühl, bald zu sterben, war sie die weise Frau und durfte für ihre Enkel und andere Babys der Siedlung die Namen auswählen. (Ninas Mann hingegen wollte nicht einmal ein zweites Kind - er sah ja, wie nervös sie schon die Erziehung des langsamen Lorenz Daniel machte!) Sicher, das Leben von Wolfmädchen war ekelhaft - mit Vergewaltigung durch fremde Krieger und mit geschmolzenem Tierfett, aus dem man sich Seife, Wundsalbe und Lippenrot selbst herstellen musste - und doch hatte dieses kurze, volle Leben etwas für sich. Nina verlor sich darin und fasste nie wieder Fuß in ihrer Dreizimmerwohnung.

Da dies hier weder Wolfmädchenroman noch Sozialdrama werden soll, sondern eine kurze, wenn auch lehrreiche Geschichte, sind wir gezwungen, zehn Jahre zu überspringen. Nina ist jetzt 35 und besitzt nichts außer ihrem Tabak zum Selberdrehen und ihrer immer noch schönen, vollen, straffen Figur. In Torstens Hochhauswohnung hat sie sich eingenistet gemäß dem uralten Tausch des Weibes, Körper gegen Dach. Da sitzt sie nun und cremt sich die Füße, die noch immer wund sind vom Wandern und Betteln. Ob Torsten mich schon satt hat? fragt sie sich bang. Jeden Abend nach der Arbeit sitzt er vor dem Computer. Er hat ein Mittelalter-Spiel, das kann man per Internet mit Menschen rund um den Erdball spielen. Die bunten Bildchen auf dem Bildschirm locken Nina näher.
„Ach Torsten - bring mir das doch auch mal bei!“
Torsten ist skeptisch. Frau und Computer? Aber Nina zappelt vor Begeisterung: Jetzt sind die Würfel gefallen: Torsten soll ein Ritter werden!
„Toll! Da brauchst du aber auch einen neuen Namen. Du heißt Frederik,“ sagt Nina. „Und sag mal - gibt es auch Burgfräuleins? Ich möchte ein Burgfräulein werden. Ich heiße Berenice.“
Torsten ist platt. Berenice - er weiß nicht einmal, wie man das schreibt.
„Aber die Würfel sagen, du bist in einer niederen Kaste geboren,“ wendet er ein.
Nina überlegt: „Macht nichts. Gib acht, Frederik, da kommt ein Drache, versteck dich! Der Drache kann jetzt mal meinen Vater töten. Dann kannst du mich als Pflegekind annehmen und mir den neuen Namen Berenice geben. Und bald bin ich vierzehn und mannbar, und dann....“
Und Frederik sieht aus, als ob er begreift: Das ist seine Berenice für immer. Fünf Jahre älter als er und nur Hauptschule und, na ja, ihre drei Kinder von zwei Männern hat sie in Pflege geben müssen - aber was solls? Frederik und Berenice. Zusammen sind wir unschlagbar.

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