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Marianne W. Bayer

Bastian

Bastian hastete in den Schulungsraum, die Brille blind von Regentropfen, unter dem Arm die Akte, die er noch schnell aus dem Auto geholt hatte. Er fand seinen Stuhl wieder anhand der Jacke, die über der Rückenlehne hing, zog den Stuhl so leise wie möglich zurück, um den Vortrag des Seminarleiters nicht zu stören, und nahm aufatmend Platz. Er nahm die Brille ab und tastete hinter sich in der rechten Jackentasche nach dem Päckchen Papiertaschentücher. Das Päckchen war nicht da. Und überhaupt fühlte sich der Stoff der Jackentasche fremd an. Bastian verfiel ins Grübeln. Da ging gegenüber die Tür auf, herein trat Stranski und sah ihm mit großen Augen direkt ins Gesicht das konnte Bastian spüren, auch ohne Brille. Nach einem Blick beklemmenden Wartens zog Stranski links gegenüber einen Stuhl zurück und setzte sich ebenfalls. Bastian sah hinter Stranskis Schulter die dunkle Jacke am Stuhl hängen und begriff. Der Seminarraum hatte zwei Türen. Bastian hatte früher geglaubt, er als einziger hege diese proletarische Gewohnheit, seine Jacke über Rückenlehnen zu werfen, statt einen Garderobenständer aufzusuchen. Aber Stranski, dieser aalglatte Aufsteiger, hatte diese Gewohnheit ja auch. Und während Stranski auf dem Klo oder sonst wo gewesen war, hatte Bastian regenblind die Türen, die Jacken und damit die Stühle verwechselt.

Verstohlen trocknete Bastian seine Brille an einem baumwollenen Hemdzipfel. Glücklicherweise hatten Stranski und er bis jetzt auf dem Tisch nur jungfräuliches Schreibpapier und billige Kugelschreiber vor sich liegen nichts, was sie nach dem Platztausch schmerzlich vermissen würden und auch nichts, was zu verbergen war. Beruhigt lehnte Bastian sich zurück und tat, als höre er zu. Schulungen über Qualitätsmanagement verursachten ihm immer schleichendes Unbehagen. Lief die Forderung nach mehr Qualität auf allen Ebenen nicht letztlich nur hinaus auf mehr Hektik und mehr Konkurrenzkampf? Stranski kam damit wohl besser klar als er. Bastian streifte mit der Linken den Ärmel von Stranskis Jacke, und plötzlich kam ihm der Gedanke
da er nun einmal auf Stranskis Platz saß
er wollte versuchen, sich bis zur Kaffeepause wie Stranski zu fühlen. Bastian reckte sich, atmete tief ein und sah die Welt als eine Herausforderung, die er gern annahm. Gab es eigentlich eine Geste, die für Stranski typisch war? Wie Napoleon die Hand in das Hemd über dem Bauch schieben, nein, das tat Stranski nicht. Aber er hatte tatsächlich eine typische Geste: Stranski schob oft die linke Hand in seine Jackentasche. Seltsam. Was ihm das wohl gab? Bastian probierte es, er schob die Finger in die linke Tasche von Stranskis Jacke, die an seinem Stuhl hing. Seine Fingerkuppen glitten über etwas Glattes. Was war das? Irgendein Instinkt warnte ihn, das Etwas ja nicht hervorzuholen. Ein verstohlener Blick nach links unten verriet ihm nur, dass es ein schwarzes, durchscheinendes Textil war. Es war lang, und an einem Ende befand sich unter dem Stoff etwas Gummiartiges, ganz schwach Klebriges, vergleichbar etwa den Gummiringen auf Omas Kompottgläsern. Nach mehreren Minuten des Tastens kam Bastian zu dem Schluss, dass das Ding ein Damenstrumpf war. Er versuchte, sich an gewisse Fotos zu erinnern. Mit dem Gummi machten die Mädchen den Strumpf wohl oben am Bein fest, ganz ohne Strumpfband. Seltsam, Mädchenbeine sagten Bastion nichts. Er guckte den Frauen, wenn überhaupt, nur auf den Busen. Achselzuckend stellte er die Untersuchung des Objektes ein und begann zu schreiben.

Vielleicht hätte Bastian in der Kaffeepause sogleich dynamisch auf Stranski zuschreiten und sich mit einem Lächeln für die Verwechslung der Stühle entschuldigen sollen. Aber er zog es vor, mit seiner Kaffeetasse am Fenster zu stehen. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne kam hervor, eine reizende graugetigerte Katze tummelte sich draußen auf der Wiese, und als Bastian endlich nach Stranski Ausschau hielt, saß der schon bei seiner richtigen Jacke und hatte auch ihrer beider Schreibkram auf dem Tisch ausgetauscht. Erleichtert setzte sich Bastian auf den Platz, der ihm bestimmt war. Er nahm aus seiner rechten Jackentasche wie gewohnt ein Papiertaschentuch und putzte sich die Nase. Dann schob er, getrieben von einer belustigenden Erinnerung, die linke Hand in die linke Tasche, die nun leer sein sollte.

Seltsam da war wieder so ein glatter Stoff, aber schöner diesmal, irgendwie pelzig, und über ein kleines walzenförmiges Gebilde gespannt. Wieder warnte ihn ein Instinkt, das Objekt nur ja nicht auf den Tisch zu legen wer weiß, was Stranski alles mit sich herumschleppte, und auch noch in fremder Leute Taschen! Verstohlen schaute Bastian nach unten, betrachtete das kleine graubraune Ding in seiner hohlen Hand. Es war eine tote Spitzmaus. Ganz einfach Katzen fingen manchmal Spitzmäuse, fraßen sie aber nicht, weil Spitzmäuse im Unterschied zu Hausmäusen schlecht schmeckten. Und Stranski hatte in der Kaffeepause draußen der Katze diese Beute abgenommen und sie leise in Bastians Tasche geschoben. Bastian dachte nach. Er ahnte, dass der schwarzseidene Damenstrumpf für Stranski etwas Besonderes war, eine angenehme Erinnerung, ein Muntermacher in langweilichen Sitzungen, ja, eine Quelle schöpferischer Ideen. Er ahnte auch, dass Stranski dafür eine Spitzmaus nicht von einer Hausmaus oder Feldmaus unterscheiden konnte, für Stranski war die Maus einfach grauenhaft und sollte ihn, Bastian, warnen: Verrate niemandem Stranskis süßes Geheimnis, sonst wirst du deines Lebens in dieser Firma nicht mehr froh!

Aber das war jetzt so weit weg. Bastian strich mit dem Daumen über das zarte Fellchen. Das arme Tierchen, hoffentlich hat die Katze es gleich totgemacht und nicht erst lange herumgeworfen. Er dachte an die weißen Mäuse, die er als Junge gehabt hatte, und an die eine, besonders zahme, die ganz freiwillig in seiner Jackentasche geblieben war an Omas Kaffeetafel und mit ihren Pfötchen Kuchenkrümel fraß. Bastian lächelte versonnen, er schob das tote Tierchen in die Tasche zurück und beugte sich wieder über seine Notizen.

Als der Schulungsleiter geendet hatte, meldete Bastian sich zu Wort. Bastian strahlte, er sprühte, er schlug die Gründung eines regionalen Biotechnologiezentrums vor! Stranski blickte erstaunt zu ihm auf. Hatte Stranski etwa erwartet, dass Bastian jetzt bleich und würgend in seinem Stuhl hing?
Nach der Schulung zog Bastian seine Jacke an, nahm seinen Aktenkoffer, trat vors Haus und bückte sich, um die tote Spitzmaus dort zwischen das Herbstlaub zu legen. Als er sich aufrichtete, ging Stranski an ihm vorüber.
"Ach, Herr Stranski," rief Bastian, "Sie haben mich da auf einen wunderbaren Gedanken gebracht! Ich muss mir unbedingt einen sibirischen Zwerghamster kaufen!"

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