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Marco Frohberger

Der Geist im Flur

Ein tiefer Seufzer hallte durch den Flur.
Ana drehte sich im Bett um und fuhr sich verschlafen mit dem Handrücken über die Augen. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab. Ängstlich warf sie einen Blick auf die Zimmertür. Sie hatte etwas gehört, nur was? Konzentriert starrte sie auf die Eisblumen am Fenster, während sie neugierig in den Flur nach dem Geräusch horchte. Ihre Müdigkeit war verschwunden und auch ihr Traum. Sie zog die Decke vom Körper und verließ die mollige Wärme des Bettes. Ihre Füße tapsten auf dem Holzboden zur Zimmertüre. Vorsichtig griff sie nach der Türklinke. Sie drückte sie langsam herunter. Ein Knarzen erfüllte die Stille, sie streckte den Kopf in den Flur. Ihre blauen Augen spähten in die Leere, niemand war da - auch kein Geräusch mehr. Sie trat in den Flur hinaus und sah sich um. Ana lief zum Fenster und zog sich auf den Fenstersims hoch. Ihre Hände berührten den kalten Marmor.
Kurz darauf hüpfte sie wieder hinunter und lief den Flur entlang, begleitet von dem knarrenden Geräusch der Dielen. Fotografien zierten die Wände des Flures im ersten Stock. Portraits der Familie, von Ausflügen, auf denen spielende Kinder zu sehen waren, vornehm gekleidete Erwachsene und Eindrücke der Landschaft vor dem Grundstück. Eine der Aufnahmen zeigte den dunklen See im Winter. Ein Junge stand am Seeufer und winkte in die Kamera. Sein Gesicht war kreidebleich und das braune Haar fiel ihm in die Stirn. Es war ein verschneiter Tag. Das Mädchen hielt vor dem Bild mit dem Jungen. Erst seit kurzem begann sie sich dafür zu interessieren, wer das wohl sein konnte.
Kurz darauf verschwand sie in ihr Zimmer. Stille legte sich über das Anwesen, als wäre es menschenleer.

Ana saß am Küchentisch und wanderte mit ihren Blicken die Einrichtung der Küche ab. Ein Bouquet stand auf dem Frühstückstisch. Der Duft frisch gebrühten Kaffees breitete sich langsam aus. Sie beobachtete ihren Vater, wie er sich Zucker in eine Kaffeetasse gab.
"Ich habe ein Geräusch gehört", erfüllte ihre helle Stimme die Küche. Ihr Vater drehte sich um. Müde rieb er sich mit den Händen das Gesicht und fuhr sich durch das ungekämmte Haar. "Ein Geräusch?" Er seufzte, als hätte er diese Nacht nicht gut geschlafen. "Was für ein Geräusch?", fragte er. Sie bugsierte ohne großen Hunger die Cornflakes auf den Löffel.
"Das, was du gerade gemacht hast", antwortete sie lebhaft. Die Kaffeemaschine gab ein Röcheln von sich.
"Was habe ich denn gerade gemacht?"
"Na, das eben", sagte sie und holte tief Luft, die sie mit Anstrengung über die Nase wieder ausatmete.
"Du meinst, das Seufzen?"
Das Mädchen nickte. "Ich bin davon aufgewacht."
"Ja? Vielleicht hast du es nur geträumt?", fragte der Vater und goss sich Kaffee in die Tasse. Er setzte sich an den Tisch.
Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf, so dass ihre blonden Haare wild durch die Luft flogen. "Nein, habe ich nicht", sagte sie störrisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wo war denn das Geräusch?"
"Im Flur", antwortete sie schnell. Dann sprang sie auf und wollte gehen. Doch er rief sie zurück. "Was ist mit deinem Frühstück?"
"Ist zu matschig", sagte sie und verschwand aus der Küche.
Die Eisblumen am Fenster waren geschmolzen. Am blauen Himmel schien die Sonne, doch merklich wärmer wurde es dadurch nicht. Das Mädchen schlich vorsichtig die Treppenstufen hinauf. Ein Schauder fuhr ihr über den Rücken, als sie die Leere des Flures erkannte. Langsam schlurfte sie zum Fenster am Ende des Flures. Sie hockte sich auf den Fenstersims und betrachtete den dunklen See, der in der Winterzeit immer unheimlich aussah. Die Wasseroberfläche war glatt wie Glas und das Spiegelbild der Natur im See vermittelte den Eindruck, beides würde ineinander verschmelzen. Gedankenverloren streifte sie mit ihren Blicken durch den Flur und lehnte sich an den Fenstersims. Zwischen den Ritzen des Fensters drückte kalte Luft herein. Sie seufzte auf und verkroch sich in ihr Zimmer.

Der Flur war leer. Heute Nacht war Vollmond und das fahle Licht warf groteske Schatten an die Wände. Draußen blies ein leichter Wind. Stille beherrschte das Haus, alle schliefen in ihren warmen Betten. So auch das Mädchen, im Arm ihren Teddy, der sie in dieser Nacht in ihren Träumen begleiten sollte. Auf dem Boden lag überall Spielzeug, Buntstifte und auf dem Schreibtisch des Kinderzimmers angefangene Zeichnungen. Darauf waren Vater und Mutter zu sehen, neben ihren Eltern war sie gemalt und dann noch ein schwarz gekleideter Junge an der Hand des Mädchens. Das Bild zeigte eine glückliche Familie. Luftballons trug der Wind in den Himmel, Wölkchen trieben davon und das Haus der Familie war mit fröhlichen Farben angestrichen.
Das Mädchen schreckte hoch, als wieder ein unheimliches Seufzen die Stille im Flur störte. Hellwach starrte sie zur geschlossenen Zimmertüre. Mit leisen Schritten näherte sie sich der Türe, drückte die Türklinke, um den Kopf in den Flur zu stecken. Ihre Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt. Sie fürchtete sich. Mit vorsichtigen Schritten trat sie hinaus und sah zum Fenster am Ende des Flurs. Ihr Schlafanzug ließ sie unschuldig wirken. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken und starrte weiterhin zum Ende des Flurs.
"Ich bin Ana und wer bist du?", flüsterte sie, damit sie ihre Eltern nicht weckte. Eine vom fahlen Mondlicht beschienene Gestalt schreckte unvermittelt auf. Ana sah sie unverwandt an, betrachtete sie von oben bis unten. Die Gestalt verharrte vor dem Fenster, ihr Gesicht lag im Dunkeln. Sie starrte sie mit ihren neugierigen Augen an.
"Ich bin Daniel." Ana hörte nur mit Mühe seine Worte. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen und fühlte sich von ihm gefangen.
"Was machst du hier?", fragte sie. Zwischen den beiden lag eine gewisse Anspannung. Daniel war nervös, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Er sah unsicher aus dem Fenster und beantwortete dann ihre Frage.
"Ich sehe mir den See an", begann er, während sie ihm mit ihren fragenden Blicken begegnete. "Er ist schön dunkel, das Mondlicht spiegelt sich in seiner Oberfläche, die so zärtlich in diesem Licht erscheint, als könnte man sie streicheln", fuhr der Unbekannte fort. Die Anspannung begann zu weichen. In den Augen ihres Gegenübers erkannte sie, dass er Vertrauen fasste.
"Wohnst du hier?", fragte Ana und kniff die Augen zusammen, um ihn besser zu erkennen. Doch das Dunkle umgab ihn wie eine schwarze Hülle. Der Fremde zögerte. Er rieb sich nachdenklich über die Stirn.
Er nickte. "Ich habe hier gewohnt." Seine Stimme war sanft. "Es ist so viele Jahre her, dass ich hier am Fenster stand und den See betrachtete", grübelte er. Ana trat einen Schritt näher heran, während er erschrocken zurücksetzte.
"Ich will dein Gesicht sehen." Der Junge stieß mit dem Rücken an den Fenstersims, er konnte nicht weg. Unsicher trat Ana dennoch näher.
"Ich kenne dich", sagte er bestimmt. "Du wohnst hier, mit deinen Eltern zusammen. Ich sehe dich hin und wieder, wie du unten im Garten spielst. Auf der Schaukel und wenn du um den See spazierst, manchmal allein, manchmal mit deinem Vater." Daniel sah aus dem Fenster.
Ana trat zur Seite, als sein Gesicht vom Mondlicht leicht gestreift wurde. Daniel zuckte zusammen. Die Nähe des Mädchens bereitete ihm noch Unbehagen.
"Du bist der Junge", sagte sie aufgeregt. Rasch drehte sie sich um und zeigte auf das Foto an der Wand. So schnell sie sich dem Jungen wieder zuwandte, so war er auch schon wieder verschwunden. Ana erfasste eine unheimliche Kälte. Sie wollte nicht glauben, dass sie geträumt hatte. Es schauderte sie, als sie sich dem Fenster näherte und etwas spürte, das sie mit Worten nicht zu beschreiben vermochte. Schließlich kroch sie zurück ins Bett, um zu schlafen.

Die Cornflakes waren sämig geworden und Ana rührte lustlos darin herum. Verstohlen beobachtete sie ihren Vater, der wie üblich an seinem Kaffee nippte, während er die Zeitung las. Ein Poltern war oben zu hören. Kopfschüttelnd versank ihr Vater wieder in seine Lektüre. Ana wandte sich ihrem Vater zu.
"Der Junge vom See war heute Nacht da." Der Mann sah seine Tochter stirnrunzelnd an.
"Welcher Junge?", fragte er irritiert.
"Na, der Junge auf dem Foto im Flur", erklärte Ana.
Jetzt wurde er neugierig und beugte sich nach vorn.
"Er war wo?"
"Im Flur. Ich habe mit ihm geredet."
Sorgenfalten erschienen auf seiner Stirn.
"Du hast ihn im Flur gesehen?" Ein Staunen lag in seiner Stimme.
Ana nickte, als wäre es nichts Besonderes. "Er heißt Daniel", sagte sie.
"Daniel", murmelte ihr Vater. Er erinnerte sich an das Foto im Flur. Der Junge, der am See stand und in die Kamera winkte. "Und du hast mit ihm gesprochen?"
"Ja."
"Was hat er gesagt?"
"Er hat hier gewohnt", antwortete Ana, während sie mit dem Löffel in der Schüssel spielte.
Entsetzen machte sich bei Anas Vater breit. "Er hat uns um den See spazieren gehen sehen", fuhr sie fort. Unschuldig schaute sie ihren Vater an.
Der Vater seufzte. "Es war sicher nur ein Traum."
"Nein, es war kein Traum." Der Löffel fiel klirrend in die Schüssel. "Er stand oben im Flur, am Fenster", sagte sie trotzig, stand auf und lief nach oben.

In der Nacht setzte Nieselregen ein. Kleine Rinnsale bildeten sich auf der Fensterscheibe. Der Flur war in Dunkelheit getaucht.
Ana versteckte sich frierend in einer Nische. Ganz klein machte sie sich, rieb sich die Oberarme warm, obwohl sie einen dicken Pullover trug. Ana lehnte mit dem Rücken an der Wand. Die Ärmel ihres Pullovers reichten bis über die Hände, damit die kühlen Finger wieder Wärme gewannen. Auf einmal hörte sie ein Seufzen im Flur und ihr erschrockener Blick sah zum Fenster. Daniel war wieder da und blickte hinaus auf den See. Obwohl es so dunkel war, sah Ana doch, dass auch er in einem dicken Pullover steckte. Er verhielt sich still, versuchte nicht aufzufallen. Ana stand auf und näherte sich ihm. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, drehte er sich um und sah sie an. Still stand sie vor ihm, beobachtete ihn neugierig.
"Hallo", begrüßte er sie. Sie lächelte ihn offen an.
"Hallo", begrüßte sie Daniel. "Ich habe auf dich gewartet."
"Musst du nicht im Bett liegen, Ana?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, muss ich nicht", antwortete sie munter. "Kannst du morgen mit mir frühstücken?" Ihre Stimme klang unschuldig.
Daniel sah sie verblüfft an.
"Aber Ana…" Er holte tief Luft. Unbeholfen warf er einen Blick über die Schulter hinaus auf den dunklen See, um Zeit zu haben, eine passende Antwort zu finden.
"Ana, das geht nicht", sagte er enttäuscht.
"Aber wieso nicht?" Ana senkte traurig den Kopf.
"Es geht einfach nicht." Anas Blicke folgten seinen suchenden, die sich im Flur verloren.
"Bitte! Ich möchte dich meinem Vater zeigen", sagte sie starrköpfig.
"Deinem Vater? Du hast ihm von mir erzählt?" Ana sah seine ungläubigen Augen.
Die Kleine nickte. "Er glaubt mir nicht." Daniel wurde unruhig und die Gefahr, entdeckt zu werden, größer.
"Er wird dir nicht glauben, Ana."
"Wieso nicht?"
"Weil ich nicht das bin, was du vielleicht glauben möchtest."
Daniel drehte sich um und sah aus dem Fenster. Ana trat einen Schritt näher an ihn heran, voller Hoffnung, ihn umstimmen zu können.
"Was bist du denn?"
Auf die Frage hin sah er Ana mit großen Augen an, die soviel zu erzählen hatten. Die Zeit hatte er aber nicht. Ana starrte ihn neugierig an wie etwas, das sie zuvor noch nicht gesehen hatte. Doch das wurde Daniel schnell unangenehm, da er befürchtete, dass sie mehr sehen konnte, als er wollte.
"Ich bin, was du siehst", antwortete er. Ana hingegen schien die Antwort nicht zufrieden zu stellen.
"Woher kommst du?"
Daniel seufzte, wie in jener Nacht, als sie ihn am Fenster entdeckt hatte. Es war kein Seufzen der Erleichterung, eher das Ergebnis seines Leidens, dem er ausgesetzt war. Nur zusehen zu können, wie der Winter die Landschaft veränderte und der Sommer das Leben zurück brachte.
"Ich habe hier gewohnt", begann er seine Geschichte. "Es war vor vielen Jahren. Mit meinen Eltern lebte ich hier, genauso wie du. Dieses große Haus. Der Garten. Nichts Wesentliches hat sich hier geändert", erinnerte er sich. Eine wohlige Wärme ging von der Kleinen aus. Daniel hatte den Glauben daran verloren, noch einmal einen Freund gewinnen zu können. "Wir hatten da unten eine Schaukel. Manchmal schubste mich mein Vater an, an anderen Tagen meine Mutter. Der Rasen, der feucht vom Tau am Morgen war. Es roch, als würde die Natur bestätigen, dass es ihr gut ginge. Wir hatten einen kleinen Hund. Mit ihm ging ich im Wald spielen. Im See konnte man im Sommer schwimmen gehen, so warm war das Wasser. Es war herrlich", schwärmte er. Ana hörte aufmerksam zu. Die Geschichte nahm das Mädchen ein. "Doch nur ein Tag, der veränderte alles. Es war im Winter. Der Frost hatte alles überdeckt. Die Fenster waren mit Blumenmustern aus Eis besprenkelt. Im Haus roch es nach Kuchen und Plätzchen. Ich baute mit meinem Vater draußen vor dem See einen Schneemann", erzählte er stolz. "Später, als ich allein unten am See war, riefen mich meine Eltern zum Essen. Ich wollte noch das Eis prüfen, ob man Schlittschuhlaufen könne. Aber dann…", brach er auf einmal ab. Ein Schauder durchfuhr ihn.
"Dann…?", wartete sie ungeduldig auf die Fortsetzung.
"Ich kann mich an nichts mehr erinnern." Er schüttelte den Kopf.
Das Ungewisse ließ ihn nicht ruhen. Aufgewühlt suchte er mit seinen Blicken durch das Fenster den See, als würde er auf jemanden warten.
"Was ist mit deinen Eltern?"
"Auch wenn ich sie jeden Tag vor Augen habe, vermisse ich sie." Seine Augen füllten sich mit Tränen, die Ana in der Dunkelheit kaum erkennen konnte. Unvermittelt fuhr ihre Hand vor und griff nach der seinen. Zuerst schreckte er zurück, doch dann weigerte er sich nicht mehr. Die mollige Wärme war wie eine Umarmung. Das Vertrauen in ihren Bewegungen, diese einzigartige Freundschaft, die die beiden verband. Daniel war nicht mehr allein.
Die beiden gingen durch die Dunkelheit der Nacht. Am Bild vorbei, das den Jungen zeigte. Ana sah stolz zu ihrem neuen Freund auf, mit dem sie Hand in Hand den Flur entlang spazierte. Kurz darauf verblassten ihre Silhouetten mit der Stille.

Ana saß am Küchentisch und fuhr sich mit dem Zeigefinger durch ihr Haar. Der Duft frisch gebrühten Kaffees erfüllte die Küche. Schritte kamen näher. Ihr Vater stellte sich an den Küchentisch und entdeckte das Bild, das vor einer Schüssel lag. Er musterte den Inhalt des Bilderrahmens und sah dann zu Ana auf, die sorgloser als zuvor wirkte.
"Was ist mit dem Bild?" Verwundert sah er seine Tochter an. Ana betrachtete das Foto.
"Das ist Daniel", antwortete sie munter. "Er ist mein Freund."
"Daniel?" Der Vater schluckte schwer. Er wurde nervös. "Wieso hast du es abgenommen?"
"Damit er bei mir ist."
Ana fiel auf, dass ihr Vater nach den richtigen Worten suchte. So kannte sie ihn nicht. Er wusste immer auf alles eine Antwort, doch diesmal schien er eine Antwort in der Kaffeetasse zu suchen.
"Hast du diesen Daniel wieder gesehen? Heute Nacht?"
Ana nickte freudig. "Ich wollte ihn heute mitbringen, aber er sagte, es ginge nicht." Sie sah den verwirrten Blick ihres Vaters.
"Mitbringen?", fragte er. Er versuchte von den Gedanken wegzukommen, die in seinem Kopf spukten. Es gelang ihm nicht. "Was ist denn heute Nacht passiert?"
Ana sah ihn mit großen Augen an. "Er war wieder da, am Fenster zum See. Es hat geregnet und er konnte nicht wie sonst auf den See schauen. Daniel war traurig. Er erzählte mir, dass er früher mit seinen Eltern am See spielen war und einen Schneemann baute. Irgendwann konnte er sich an nichts mehr erinnern", erzählte sie Daniels Geschichte. Daniel, der Junge am Fenster.
Fassungslos darüber, was ihm seine Tochter soeben erzählt hatte, schlug ihr Vater die Hände über den Kopf. Tränen schossen in seine Augen.
"Warum weinst du, Papa?"
Ana stand von ihrem Stuhl auf und lief um den Tisch zu ihrem Vater. Sie umklammerte ihn mit ihren Armen. Er versuchte sich zurückzuhalten. Aber es war schwer, so schwer wie die Erinnerungen auf ihm lasteten.
"Wie kommst du auf so eine Geschichte?" Während er auf die Antwort wartete, wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht.
"Er erzählte sie mir."
"Ich kann es nicht glauben, Ana."
"Papa, was ist denn?"
"Daniel ist, er war dein Bruder." Die Wahrheit tat weh. "Wir wollten warten, bis du älter bist und es verstehen würdest. Er wollte damals nicht reinkommen, der Winter hatte den See zugefroren, aber nicht fest genug. Als wir ihn holen wollten, fanden wir ihn nicht, bis wir eine Stelle im See entdeckten, die eingebrochen war", erklärte er mit zitternder Stimme. Anas Augen füllten sich mit Tränen. Beide brachten keine Worte mehr hervor.

Ana kauerte sich an das Fenster im Flur. Sie war allein. Das Licht im Zimmer ihrer Eltern war erloschen, es war dunkel im Flur. Nur das fahle Mondlicht sickerte durch das Fenster, um schwache Schatten an die Wand zu werfen. Lange hatte sie diese Nacht auf Daniel gewartet, aber er kam nicht. Die Müdigkeit erfasste Ana, ihre Augenlider wurden schwerer, das Gähnen war ein Zeichen, ins Bett zu gehen.
Enttäuscht über die dramatische Geschichte um ihren Bruder, versuchte sie die Gedanken fortzuwischen. Doch bevor sie in ihr Zimmer ging, kehrte sie noch einmal um. Es ließ ihr keine Ruhe. Ana lief durch den Flur, bis sie das Fenster zum See erreichte. Sie streckte sich, um aus dem Fenster nach unten sehen zu können. Daniel aber fehlte. Enttäuscht wollte sie umkehren, als er plötzlich vor ihr stand. Ihr trauriges Gesicht wich einem Lächeln.
"Du bist noch wach?" Daniel flüsterte, um niemanden zu wecken.
Ana nickte euphorisch. "Ich weiß jetzt, wer du bist."
Daniels angespannter Blick löste sich nun. "Ana, es tut mir Leid."
Sie schüttelte den Kopf. "Du bist mein Bruder", japste sie leise, als wäre sie außer Atem. Doch plötzlich folgten ihrer lebendigen Art Tränen. "Du bist ertrunken, unten im See."
Ein Gefühl der Erleichterung überkam Daniel. Eine ungewisse Vergangenheit verwandelte sich nun in eine Wahrheit, nach der er schon so lange gesucht hatte. Daniel nahm seine weinende Schwester zum Abschied in die Arme. Wenig später beobachtete Ana ihren Bruder, wie er in die Dunkelheit des Flures spazierte und darin verschwand.

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