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Kristin Raphaela Otti

Lebwohl

Er stand immer noch dort. Es mußten jetzt über zwei Stunden vergangen sein. Sie kniff die Augen zusammen, taxierte den Mann, der ihr vom Büro bis zur Wohnung gefolgt war. Sein Gesicht war zu undeutlich, verschwommen. Ein Fremder unter Fremden.

Sirenengeheul. Ihr Kopf ruckte nach rechts, sie begann zu lächeln. Sie würde sich ihre Neugier nie abgewöhnen können. Wie denn auch, sie stammte aus einem kleinen Kaff, Fliegendreck auf der Landkarte. Wenigstens mit schönem Namen. So bedeutend. Und irgendein Dichter soll dort einmal Rast gemacht haben. Sicher versehentlich. Und sie war ja jetzt in der großen Stadt, natürlich verglichen mit den gewaltigen Metropolen ein Kuhdorf, aber immerhin alle fünf Minuten Sirenen freihaus.

Ihr Blick wanderte zurück zu dem Mann, der mitten auf dem Gehsteig stand und zu ihr hochstarrte. Sie war sich sicher, daß er sie nicht sehen konnte aber dennoch. Frösteln. Hinter ihr schrillte das Telefon. Sie fuhr zusammen.

Aufgelegt. Typisch Großstadt. Hier heißt es nicht "verwählt", sondern "bumm!". Sie starrte einige Sekunden unschlüssig auf das Telefon und wandte sich dann wieder dem Fenster zu. Er ist sicher weg. Er war nie da. Nur ein Hirngespinst. Nichts anderes. Der Gehsteig war leer. Papierfetzen im Wind.

Kalt. Sie hüllte sich enger in ihre Regenjacke, hastete den Gehsteig entlang. Die grauen Wolkengebilde hingen regenschwer am Himmel. Alles um sie herum wirkte unwirklich. Licht vor einem Gewitter.

Der Wind wurde stärker, riß mit tausend Händen an ihrem Haar. Sie lief gebückt weiter, eine unförmige Gestalt. Vor der Buchhandlung blieb sie stehen. Er hatte ein neues Buch geschrieben. Wahrscheinlich genauso kommerziell wie das letzte. Viel Gefühl, noch mehr Tränen. Sie begann zu überlegen. Ihr Geld würde reichen.

Sein Spiegelbild war verzerrt. Regentropfen liefen die Auslage entlang und ließen das Abbild des Mannes verschwimmen. Grüne und blaue Schlieren. Sie konnte sich nicht bewegen. Ein plötzlicher Windstoß. Sie drehte den Kopf zur Seite, stolperte einige Schritte weiter. Ein Sturm. Typisch in dieser Stadt. Vom Winde verweht. Er war fort.

Die graue Plastiktasche zerrte an ihrer linken Hand. Sie hatte es gekauft. Lektüre, bei der man nicht denken muß. Einfachgestrickte Worte ohne große Bedeutung. Sie schlich das Trottoir entlang, hatte ihn schon vergessen. Am Blumenstand vorbei. Warten Sie!

Ja, Sie! Sie blieb stehen. Starrte die Fremde, die auf sie zueilte, an. Eine Lilie für Sie! Nein. Kein Geld, es ist bezahlt. Wie? Ihr Bruder. Unmöglich.

Sie prallte von der Blumenverkäuferin zurück, begann zu laufen. Regentropfen. Und Tränen. Immer mehr. Kälte.

Ihre Hand zitterte. Die Tür ging nicht auf. Das Schloß war alt. Rost. Sie seufzte, sah auf. Ein Schatten kam auf sie zu. Sie zuckte zurück, stand mit offenem Mund vor dem Tor. Dunkelheit ballte sich im Türglas zusammen. Drohend. Griff nach ihr. Weg. Nur weg.

Kann ich helfen? Nur der immer lächelnde Bursche von nebenan. Die Schwärze war wieder zu einem Gesicht geworden. Du bist kalkweiß. Sie starrte ihn an. Alles in Ordnung? Er starrte zurück. Warte! Ich mache auf.

An ihrer Wohnungstür trennten sie sich. Dunkelblondes Haar, grüne Augen. Sein Name? Sie wußte ihn nicht. Hier kennt man einander nicht.

Ihr Blick fiel auf ein Kuvert. Blütenweiß. Kein Absender, keine Adresse. Für Werbung zu fein. Nicht öffnen. Es ist von ihm. Neugier.

Geschmacklos. Eine Karte mit einem schwarzen Kreuz. Mein Beileid. Sie saß bewegungslos auf dem Boden. Ihre Knie hatten nachgegeben. Lebwohl. Gestochene Schrift. Wunderschön. Und so bekannt. Aber er ist tot. Lebwohl.

Das Telefon ließ sie zusammenfahren. Sie erhob sich, zitterte. Das Läuten erlosch, starb. Sie glitt zum Fenster. Trance.

Er war wieder da. Sie erstarrte vor Angst, erkannte sein Gesicht. Nein. Unmöglich. Sie begann zu weinen. Erst gestern. Gestern. Er hob die Hand.

Das Telefon läutete abermals. Sie schrak vom Fenster zurück, glitt zum Telefon. Nahm ab. Stille. Ein gedehntes Seufzen. Lebwohl, meine Schwester.

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