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Karen Grant

Das Gespinst Unserer Lieben Frau

Mister Do stand hinter dem Ladentisch, wie er es meistens tat. Tag für Tag, aber nie bis in die Nacht hinein so wie andere es machten. Er lauschte auf den Verkehr draußen auf der Straße – die Stimmen der Menschen und Maschinen summten wie ein verrückt gewordenes Orchester in der zur Zeit recht angenehmen Herbstluft.
Er blinzelte mit wachen Augen über den Rand seiner Brille mit dem dicken Rahmen aus schwarzem Plastik ( ein interessantes Material, wie er fand) und faltete gelegentlich die Hände, wenn er etwas oder jemanden interessantes entdeckte.
Was interessant war und was nicht, oblag Mister Dos ganz eigener Einschätzung und Beurteilung der Dinge. Sehr oft erschienen ihm Personen, Gegenstände und Ereignisse als ausgesprochen beachtenswert, die sonst niemand sah, die einfach so unscheinbar waren, daß sie niemandem auffielen.
Er verstand es die kleinste Äußerlichkeit eines Menschen zu beachten und davon auf seinen jeweiligen seelischen Zustand zu schließen – zum Beispiel die junge Frau, die in eben diesem Augenblick seinen Laden betrat, trug ein Kleid, an dessen Saum zwei winzig kleine Fädchen herunter hingen und auch an ihrer Jacke gab es lose Nähte, die sie selber vermutlich noch gar nicht bemerkt hatte und vielleicht niemals bemerken wird. Doch Mister Do sagten sie ganz eindeutig, daß diese Frau eben an diesem Tag, in diesem Moment nichts so sehr fürchtete, wie die Auflösung aller Dinge und daß sie nun zu ihm kam um dieser Zerfaserung ihres Lebens Einhalt zu gebieten, oder vielmehr von Mister Do gebieten zu lassen.
Natürlich hätte ihm das auch der verzweifelte, entschlossene Ausdruck in ihren Augen sagen können, doch Mister Do war da nicht kleinlich – nein, es waren die Fäden, und der kalte Wind, den sie hereinbrachte, als sie die Ladentür aufstieß und das kleine lustige Glöckchen zum bimmeln brachte, die ihm sagten, daß diese Frau sein Geschäft wohl nur mit einer seiner braunen Papiertüten, auf denen der grüne Abdruck seines persönlichen Geschäftsstem-pels leuchtete, verlassen würde. Was allerdings der Inhalt dieser Tüte sein würde, das freilich konnte Mister Do noch nicht bestimmt sagen – dazu mußte er sie erst die Regale ansehen und eine Wahl treffen lassen.
Für gewöhnlich dauerte diese Prozedur nicht länger als eine viertel Stunde – in besonders schwierigen Fällen konnte es aber auch so sein, daß die Leute am nächsten Tag und dann wiederum am nächsten Tag zu ihm kamen, ehe sie wußten, was sie brauchten. Einmal hatte ein Mann sogar eine ganze Woche gebraucht, um zu sehen, was ihm helfen konnte. Und manchmal überließen sie auch Mister Do die Wahl, was nicht einfach für ihn war.
Nun, es hatte sich schon für jeden etwas gefunden und da wird es auch niemals eine Ausnahme geben.
Er sah ihr dabei zu, wie sie zuerst ein wenig verwirrt die vielen Kästchen, Fläschchen und Tiegel und all die vielen Figürchen in den Regalen betrachtete. Die Plastik und Seiden-blumen schienen ihr zu gefallen und auch die Jadetiere und die bunten Vogelfedern.
Sie hob hier und da etwas aus dem Regal, drehte und wendete es in der Hand, wog es und stellte es zurück. Es gefiel ihm, daß sie nicht als erstes auf das Preisschild schaute – zu viele machten das und meinten dann ein bestimmter Betrag wäre zu hoch für ihr Glück.
Es schien sie nicht zu stören, daß er sie beobachtete, oder sie bemerkte es gar nicht.
Ihr Gesicht beruhigte sich und sie lächelte weil ihr gefiel, was sie sah. Alles gefiel ihr. Aber sie erinnerte sich, daß sie wegen etwas ganz bestimmten gekommen war.
„Mein Mann ist kein guter Mensch.“ sagte sie mit leiser fester Stimme. So wie sie vielleicht auch verkünden würde, daß der Kirschbaum hinter ihrem Haus im Herbst all seine Blätter verloren hat, dacht Mister Do und meinte damit, daß sie es wie eine unumstößliche Tatsache mitteilte, die sie zwar bedauern aber nicht ändern konnte.
Sie sagte das auch nicht unbedingt zu ihm. Sie sagte es sich selber. Es war endlich an der Zeit das zu erkennen und es zu vergessen.
Vergessen ist wichtiger als man denkt, dachte Mister Do und ging zu ihr und blieb ne-ben ihr vor dem mittleren Regal stehen.
Vorsichtig, um nichts umzustoßen, fischte er eines der Kästchen vom vierten Regal herunter.
Das war genau das richtige. Dazu brauchte er auch gar nicht erst wissen, was ihren Mann zu einem schlechten Menschen machte. Das hier würde helfen.
„Soll ich es Ihnen in eine Tüte packen?“ fragte er. Sie nickte.
Natürlich, denn auf der Tüte war einer seiner grünen Stempelabdrücke. „Fünf Dollar, bitte. Sie können die Medizin im Essen oder in einem Glas zu Trinken auflösen. Und achten Sie darauf, daß niemand sonst seine Medizin nimmt. Gesunde Men-schen brauchen sie nicht.“ ermahnte er sie und nahm den Geldschein entgegen, den sie ihm reichte.
Sie fragte nicht warum er das sagte und wie der Inhalt wirken würde. Jemand mußte sehr viel Gutes über ihn gesagt haben. Wie sehr ihn das freute. Es war doch nett, wenn die Leute Gutes sagten und ihn zu schätzen wußten.
Nachdem sie fort war dauerte es auch schon nicht mehr lange und Mister Do konnte seinen Laden schließen. Er hielt es nicht wie die anderen, die noch bis lang in die Dunkelheit geöffnet hatten. Er war lieber zu Hause und ließ die Welt am nächsten Morgen wieder herein.
Es dauerte ein Woche bis sie wieder zu ihm kam und Mister Do wußte sofort, daß sie Gutes zu sagen hatte.
Ihre Kleider waren in bester Ordnung und der Wind war mild. Kein loses Fädchen weit und breit und er sah ganz genau hin.
Einen guten Tag wünschte er ihr und sie lächelte zurück. Sie brachte ihm das Kästchen zurück. Jemand hatte Gutes über ihn gesagt und auch, daß er sich freute, wenn man ihm die leeren Kästchen, Tiegel und Fläschchen zurückbrachte anstatt sie in den Müll zu werfen.
Er sagte dann zwar jedesmal, das sie sie auch behalten könnten, aber sie waren ihm doch sehr willkommen, denn so mußte er nicht so oft neue kaufen

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