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Jürgen Heimlich

An Austrian Werewolf in Berlin

Wie ich diese Vorwürfe hasse... Dauernd fahren sie mir mit ihren lächerlichen Argumenten in die Schnauze, und verdattern mich zu irgendwelchen debilen Kursen. Arbeitsmarktservice! Da kann ich ja nur lachen drüber. Aber leider ist es nicht besonders lustig, auf´s Abstellgleis geschoben zu werden.
Österreich ist überhaupt kein Land der Seligen mehr. Da wird überall nur gemotzt und geraunzt, dass sich die Balken biegen. Am meisten regen sich die auf, die ohnehin viel zu viel haben. Ich hab´ langsam genug von dieser schwarz-blauen Schwachmatenliga. Ich will nach Berlin. Dort soll´s wenigstens ein bisserl lustiger sein.

Gesagt, getan. Ich bin da. In Berlin. Und ich bin gut drauf. Ich bin voller Energie. Schmeiße mich gleich zu den sogenannten Arbeitsagenturen. Da muß es doch was geben für einen Menschen mit so großer Schnauze. Ich bin Kommunikationsexperte! Wenn ich die Schnauze aufreiße, laufen alle davon, weil sie meine Argumente zum Brüllen komisch finden, ha ...

Sie haben nichts für mich, behaupten sie. Mein Gott; das kenn´ ich schon von Österreich. Da hab´ ich übrigens mein Talent entdeckt. Ich bin kein Kriecher, sondern ein Reißer. Kein Aufreißer. Ein Reißer!
Wenn der Vollmond sich zeigt, gerate ich in die Gänge. Tagsüber bin ich nur ein harmloser Arbeitsuchender, der nichts zu sagen hat. Ich wälze mich in meinem Stigma, und schimpfe vor mich hin, wenn mich keiner hören kann. Ich starte den Turbo, und heule den Mond an. Ja, ihr verfluchten Nadelstreifenträger, ihr aufgemotzten Geldzähler! Ich komme und reiße euch den Arsch auf. So schnell könnt ihr gar nicht schauen.
Der Wilfried war ganz schön entsetzt, als ich bei ihm aufgetaucht bin in voller Montur. Der hat sich glatt angeschissen vor Angst. Der Wilfried ist mein Ex-Chef, und hat mich seinerzeit rausgeworfen. Einfach so, von einem Tag auf den anderen! Mit mir nicht, Willy! Ich reiße das Maul auf, und brülle so laut, dass er um Gnade fleht. Er ist schreckensbleich, und will sich in einem Schrank verstecken.
"Wir sind nicht beim Wolf und den sieben Geißlein", schreie ich, und fahre meine Krallen aus.
Der Wilfried versteht das natürlich nicht, weil er nur ein Brüllen vernehmen kann.

Die Österreicher sind sowas von von der Rolle. Trauen sich nichts mehr. Machen das Maul nicht auf. Schlucken alles nur herunter. Und dann sind sie krank, und bringen sich auch noch gern selbst um.
Ich hab´ genug von dieser Zurückhaltung. Als Werwolf bin ich endlich wer! Da traut sich keiner, mich Sozialschmarotzer zu nennen. Ich zeige meine Beißerchen her, und sie stehen Parade vor mir.
Ich tue ja keinem was. Ich bin ja kein Unmensch in Wolfsgestalt. Ich will ihnen nur ein bisschen Angst einjagen. Und dann habe ich noch einen Zettel im Maul, den ich ihnen vor die Füße werfe, und auf dem eine Botschaft steht:
"Ich gehöre nicht zum alten Eisen. Ich reiße mir den Arsch für einen Job auf, wenn´s einen gäbe..."
Ja, ich hoffe der Kerl kapiert das. Der Wilfried hatte nur das Pech, das er mich erkannt hat. Hinter meine Wolfsgestalt schauen konnte. Das habe ich ihm eigentlich gar nicht zugetraut.
"Thomas?"
Ich pinkelte ihm ans Bein.
"Thomas. Du kannst dich nicht verstellen. Ich kenne dich." Ach, du meine Güte. Der hat alles im Griff. Durchschaut alles. Macht mächtig Kohle. Und dann hat er einen Herzinfarkt. Und ich besuche ihn zwei Tage später im Spital.

"In Berlin musst du´s versuchen", rät er mir, der von Schläuchen drapiert ist.
"Die haben zwar auch keinen Job für dich; aber die hören dir vielleicht wenigstens zu..."
Ja, ich habe seinen Tipp befolgt und sitze am Potsdamer Platz. Ich zeige den herumstreunenden Obdachlosen meine Beißerchen. Ich zeige mich auch zutraulich, und sie streicheln mich. Liebe Menschen sind das. Dann schwindle ich mich in das Arbeitsagenturgebäude, und verstecke mich im Schrank. Habe ich von Wilfried gelernt.

Und am nächsten Tag bin ich da, ohne dass sie mich aufrufen müssten.
"Wissen Sie, wie ich hierher gekommen bin?"
"Ne, das weiß ich nicht. Sie müssen sich anmelden, wenn Sie neu sind."
"Ich bin nicht neu. Bin ganz der Alte. Zu Ihren Diensten!"
Ich streue dem Typ Rosen.
"Und ziehen Sie sich was an. Sie machen den Leuten Angst, die Arbeit suchen."
"Ach so, Männchen. Ich mache den Leuten Angst? Verdrehen Sie da nicht irgendwas. Sie sind es doch, die den Leuten Angst machen. Weil Sie nichts tun. Nur herumdrucksen, und wie ein Schwachmat bestenfalls 1€-Jobs zu vergeben haben. Was halten Sie von einem Wolf, der im Tiergarten Fleisch an die Löwen verteilt?"

Eine Minute herrscht völlige Stille. Dann wird es dem Pseudo-Berater zu viel.
"Verschwinden Sie endlich, lieber Herr! Gehen Sie von dannen. Machen Sie die Fliege, wenn Sie mich richtig verstehen."
"Wenn der Mond ganz stille steht, und voll ist, dann komme ich und Sie können sich auch nicht mehr hinter nicht existierenden Jobs verstecken!"
Ich schreie, und es wird leider kein Brüllen vernehmbar. Vielmehr kommen nach wenigen Minuten ein paar Männer und stecken mich in eine seltsame Jacke.

Nunmehr muß ich auf den nächsten Vollmond warten, bis ich mich aus dieser unangenehmen Situation befreien kann. Dann werde ich wieder den Rückzug nach Wien antreten. Es hat sowieso nichts genutzt. Was habe ich von meinen Fähigkeiten als Werwolf, wenn sie keiner anerkennt? Ich bin für die Allgemeinheit ja nur ein durchgedrehter Kerl, der Märchen erzählt. Dabei bin ich Kommunikationsexperte, zum Deibel! Ich stecke euch alle in den Sack, und nicht ihr mich. Das kann ich euch versichern.

Wenn ich aber aus dem vergitterten Fenster schaue, werde ich innerlich ganz ruhig: Zwei Nußbäume durchflutet vom Licht der Sonne, und der Schnee glitzert herrlich. Ich atme tief durch und träume von der Herrlichkeit der Welt abseits von dubiosen Arbeitsagenturen ...

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