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Jürgen Erich Braun

Die Nacht um die Ohren schlagend in Daimler- Town

Es dämmert, die letzten Sonnenstrahlen entschlafen sanft über dem Schattenspiel der Stadt, die Nacht nimmt das Tageslicht freundschaftlich in ihrem Schoß auf, der Vollmond sitzt majestätisch auf seinem würdevoll erhobenen Silberthron, am Firmament funkeln die Sterne im gleißenden Schimmer etwas Unendlichkeit; jetzt malen die Leuchtreklamen die hereindringende Dunkelheit mit grellen, bunten Farbenformen, die lebhaft rhythmisch wie zu dem Gang einer geheimnisvollen Musik aufleuchten, aus.

Ein etwas Angeheiterter lallt mit seinem Heilig's Blechle und wundert sich, daß es nicht anspringt.

Ich bummle am Hauptbahnhof herum, die Menschen sind geplänkellos. Um diese Zeit herrscht noch ein durchaus kräftiger Verkehr hier. Gerade ist ein Zug aus München eingefahren, die Leute klönen bei Ankunft und Abfahrt, es wird hektisch. Punkt 23.34, der Orient Express Paris Est bahnt sich ins Gelände ein. "Stuttgart Hauptbahnhof, hier Stuttgart Hauptbahnhof", ruft eine feminine Stimme aus. Bombastische Stimmung, Familien treffen sich wieder, was für eine fidele Freude, sie reden in aller Damen und Herren Länder Sprache, Stuttgart hat ein internationales Flair.

Der Bleistift wird stumpf. Nachdem ich einen Bahnbeamten um einen Bleistiftspitzer bitte, greift der hilfsbereit in die Tasche und lächelt freundlich, das habe er schon vorausgeahnt, daß ich komme. Wie schön könnte jetzt eine kleine Unterhaltung mit diesem Rheinländer sein, aber er muß weiter.

Der Zug fährt ab, tolle Atmosphäre, die Menschen winken und strahlen zuversichtlich. Ich flüchte in die nächste Beiz, suche mir ein stilles Eckchen und trinke ein paar Bierle, dann werde ich mich irgendwo hinlegen und versuchen, etwas zu schlafen. Da schwankt so ein Betrunkener auf mich zu, welche Gemeinschaft, aha er will meinen Stift, aber ich schribble doch gerade, und außerdem ist er fast wieder stumpfipus.

Ich reime vor mich hin: "Stuttgart, das ist meine Stadt, wo's so hübsche Mädchen hat... "Genüßlich schlürfe ich mein Bier, "wenn sie frisch, frei nach...." Hoppla, der Saufkumpan von vorhin, der meinen Blei haben wollte, kommt wieder auf mich zu, er will irgendeinem Weibsbild seine Adresse aufschreiben. Ich zögere, er zückt ein Messer, ich freue mich: "Prima, kannst Du meinen Bleistift spitzen", er schaut wütend drein, ich gebe den Stift lieber freiwillig her und süffle weiter, noch ein Bier, ich fliege, aber finanziell bin ich jetzt vollständig bankrott.

Gemeinheit, die Bahnpolizei schmeißt uns Fahrkartenlose glatt aus dem Bahnhofsgelände hinaus, und dabei wäre es hier trocken und warm. Ich improvisiere schnell, daß ich auf jemanden warte, aber das hat alles keinen Sinn, ein kleiner Mann regt sich ziemlich auf: "Wenn ich euch Bullen einmal erwische, könnt ihr euer blaues Wunder erleben!" "Da müssen andere kommen", schnauzt ein Ordnungshüter in der aufgestapelten Polypen-Menge überlegen zurück. "Moment, ich habe etwas liegen lassen", sage ich zu einem Saalschutzmann, er ist nett und ich kann rasch in das Lokal zurücklaufen, doch kaum sitze ich 3 Minuten, ist er schon wieder da. "Haben Sie es gefunden?" fragt er sarkastisch, ich spüre, daß ich keine Chance habe und verlasse fluchtartig den Hauptbahnhof.

Draußen ist es sehr kühl geworden, und betteln kann ich jetzt auch nicht mehr, also werde ich mir ein Biwak suchen. Ich marschiere durch den Stadtpark, Stuttgart ungefähr halb 4 in der Nacht wundersam, kein Mensch ist mehr am Theatergelände zu erspähen, ich knie hier an einem Brunnen und lösche meinen Brand, das gelbe Scheinwerferlicht flackert in ihm wie Flammen, die die Skulpturen ringsherum als lebendige Fabelwesen erscheinen lassen. "So 'ne Nacht, so wunderschön wie heute...."

Ich steige die Theatertreppe hinan zur Tür, ich habe einen guten Rundblick auf die Bildhauerarbeiten, und vor allem die Lebewesen, die hier um diese frühe Zeit rascheln und zirpen, versetzen mich fast in eine Euphorie. Auf dieser Treppe, wo die feinen Leute nur ihre Kippen hinwerfen und ihre Schuhe abdrücken, und die herrenlosen Hunde hinpinkeln, will ich mir jetzt eine Runde Schlaf genehmigen.

Da, wie aus heiterem Himmel zwei Einheimische, sie werfen sich Hölderlin- und Schillerzitate um die Ohren, in diesem Volk ist jeder ein Dichter, nur der Schwabe hat die Gabe. Die Frösche mischen sich quakend, die Teichhühner glucksend und die Enten schnatternd in das Plauschen mit ein, während die Schwäne erhaben ihre Bahnen ziehen, es ist wie im Märchen. Hilfe, jetzt kommen zwei riesige Doggen auf mich zu, ich verziehe mich in Richtung Neues Schloß.

Insekten tummeln sich im Neonlicht, ich lehne meinen Rücken an die am Boden stehende Lampe, es ist angenehm, das Ungeziefer massiert mir die schmerzende Hinterflanke. Ich kann mich nicht länger beherrschen, ich muß dringend einem menschlichen Urbedürfnis nachgehen. Kodak, Kodak blitzt eine Leuchtreklame höhnisch von ferne. Ein historischer Augenblick ? Na ja, geschmacklos.

Die ersten Maschinen rattern, schnell weiter Richtung Johanniskirche; der verträumte Feuersee ist wahrlich eine Idylle um diese Zeit. Erschöpft lege ich mich ins Gras.Diesige Nebelschwaden senken sich herab, es regnet, das Getier sucht schleunigst Schutz. Nur eine halbtote Amsel am Wasserrand und ich bleiben ausgelaugt liegen. Augenblick, das Tier bewegt den Schnabel, hat es etwa auch so Hunger wie ich. Aber wieso liegt es im Wasser ? Vielleicht zur Schmerzlinderung und Verwesungsgestankredu-zierung ? Ich kann dieses Dahinsiechen nicht länger mit ansehen und flüchte. Moment, was sehen meine trüben Augen, da liegt eine halbe Brezel am Teichrand, war den Wasserkreaturen sicherlich zu salzig, vielleicht sind sie aber auch übersättigt. Hervorragend, ich gehe zu der Amsel zurück und will mit ihr meinen Schatz brüderlich teilen, doch sie nimmt nichts mehr an, sie starrt nur regungslos nach oben, sie weiß instinktiv, daß es für sie keinen Ausweg mehr geben wird und wartet auf den Tod als Erlösung. Die halbe Brezel war eh ungenießbar, ich spucke sie schleunigst wieder aus. Ich durchsuche die Abfalleimer und entdecke tatsächlich ein paar alte Zwiebeln, ich würge sie hinunter, wrääh scheußlich, aber mein knurrender Magen fordert seinen Tribut. Ich flüchte vor dem immer stärker werdenden Regenguß zu einem abbruchreifen efeuumzogenen Haus, mit markanten Sprüchen wie "Weg mit der Jugendpolizei" vollgesprayt. Die ausgebrannte Ruine ist wie geschaffen für die Beschreibung meines Zustandes, doch als ich eintreten möchte, bricht alles zusammen, ich jage weiter, natürlich sind auch die Kirchen verschlossen.

Die Vögel beginnen ihre regsamen Morgenmelodien zu zwitschern, der Mond verschwebt im magischen Dunstsaum der Nacht, Aurora erhebt sich mit röslichen Fäden langsam über den östlichen Anhöhen des Talkessels, der Himmel versiegelt seine Schleusen, die Wolken wandern windwärts weiter, die Sterne verblassen in dem Morgengruß: es klart auf. Der Erdboden ist erfrischt und die Keime geweckt. Sehnsüchtig recken sich die Pflanzen den zarten Sonnenstrahlen entgegen, in den Bäumen und Büschen regt sich das Leben. Es ist eine Offenbarung der verzauberten Natur. Meine Hand wischt die letzten Regentropfen von der durchnäßten Stirn. Die Amsel vom Feuersee hat es überstanden, sie ist hinüber, nur noch ein Federknäuel treibt an der Oberfläche, "Kumba ya my Lord, kumba ya". Ich eile weiter, plötzlich prallen zwei Autos zusammen, sofort strömen alle Leute, die in der Nähe sind, hin. Die Fahrer sind aufgeregt, ihre Karren sind total demoliert, im Hintergrund höre ich die neunmalklugen Sprüche Umstehender: "Motor volln's abstellen, Umweltverschmutzung, Sauerei...." ich will sie gar nicht alle aufzählen, morgen steht's sicher in der Zeitung.

Ich schlendere durch die Parkanlagen des Schloßgartens zu den Schachspielern, hier sind die Denker unter sich, interessante Mentalitäten, ich werde wieder richtig wach und verfolge eine Zeit lang die Partien, dann tragen meine Füße mich weiter zum Theatersee. Wie herzig, eine Schwanenfamilie. Es ist wie Urlaub. Ich setze mich auf eine Parkbank, auf dem Hauptbahnhofsdach sichten meine Sehknospen einen überdimensionalen Stern, den eräugt man auf allen Straßen unserer Erdkugel.

Ich dichte: " StuttgART: PARTner der Welt !

Früher war Stuttgart ein herrlicher Stutengarten

zwischen Wald und Reben mit erfrischenden Mineralquellen.

Heute ist Daimler- Town voll Abgas, Abfall, Abwasser,

wie ein ausgelatschter Schuh, der erstickend gen Himmel stinkt -

Stuttgart ist eine riesige Baustelle. Überall wühlen die Bagger gefräßig

und hämmern die Preßluftbohrer gierig in die wehmütig klagende Erde,

überall muß der Verkehr umgeleitet werden.

Die Innenstadt ist von einem einzigen Lärmpegel geschwängert.

Der brausende Moloch dröhnt kraftfahrzeugüberladen,

Maschinen pluggern in donnernden Rhythmen.

Das verzagte Getier flüchtet scheu und ängstlich

in die letzten grünen Nischen der Parks und Gartenanlagen.

Und wenn der Ab-Gaskessel Kaputtgart irgendwann in die Luft fliegt,

wird der Hauptbahnhof mitsamt seinem blauen Runenstern

wie eine Himmelfahrtsrakete ins All geschleudert.

Dann werden die Wesen von den anderen Planeten

über dieses plutokratische Symbol sagen:

" Das war ihr Gott ! "

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