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Jürgen Erich Braun

Die Geschichte eines Pflastersteins

Ich bin ein kleiner halbrunder, halbkantiger Stein in einem Kopfsteinpflaster. Ich habe keine Sinne, ich atme nicht, ich nähre mich nicht, ich pflanze mich nicht fort, ich kann nicht malen, ich kann nicht musizieren, und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich meine Geschichte erzählen könnte: Also, mich gibt es bereits seit einigen hundert Jahren, im Mittelalter haben mich Straßenbauer in einen Weg in einer Stadt eingepflastert. Wer ist schon alles über mich stolziert und getrampelt: Galante Damen, Majestäten und Eminenzen, Künstler, Gaukler, Soldaten, Kinder, Greise, Bettler und auch Bauern mit ihren Pferden, Kühen und Schweinen, und mancherlei Unflat blieb auf mir liegen. Ich habe keine Ideale, mein einziger Lebensinhalt ist es hier zu liegen, eingemauert zwischen meinen Schwestern und Brüdern und wie lebendig tot. Ich träume, ach könnte ich träumen, einmal aktiv zu sein; das ist meine Vorgeschichte.

1968 ist es dann passiert, es war während der Studentenunruhen, der akademische Nachwuchs erhob sich gegen "den Muff von tausend Jahren". Durch die starken Krawalle wurde ich gelockert, ein Student ergriff mich und schleuderte mich gegen einen Polypenhelm. Das war ganz große Klasse, und kaum war ich auf dem Boden, nahm mich ein anderer und pfefferte mich gegen die Staatsdiener und so flog ich über ein Dutzend mal da und dorthin, ich war plötzlich wer, mein Dasein gewann Bedeutung, ich fühlte mich wie in Davids Steinschleuder gegen Goliath. Doch nach einigen Stunden war alles vorbei, und ich lag wieder sinnlos in der Gosse herum, erbärmlich, erbärmlich so ein ausrangiertes Plastersteinleben.

An einem frühen Morgen allerdings, als die Vöglein fröhlich die Sonne herbei- zwitscherten, schien das Schicksal mich für ein kleines Wunder auserwählt zu haben. Ein Künstler auf der Suche nach Muse und Inspiration entdeckte mich und fand in meiner angeschlagenen, alten, abgenutzten Form einen interessanten Gegenstand für sein Atelier. Er bestaunte mich und stellte mich auf einen hochragenden Marmorblock, und dann begann er mich zu bearbeiten und zu bemalen, er machte aus mir eine kleine farbenfrohe Skulptur für die Ewigkeit. Seitdem nimmt er mich mit auf seinen Ausstellungsreisen in alle Welt, und viele Menschen sehen mich und sind fasziniert.

Aber das ist noch nicht alles, denn in meines Meisters Künstlerstudio steht ein wundervoller Steinway-flügel, und ein begnadeter Pianist übt darauf die schönsten Klavierstücke der alten Meister Bach, Beethoven, Chopin, Mozart, List, Debussy, Ravel, Grieg, Rachmaninow, Tschaikowskij, Skrjabin, und ab und zu kommt auch eine holde stimmgewaltige Sängerin vorbei, und er begleitet sie zu Liedern von Schubert, Schumann, Brahms und Hugo Wolf, die so manches Gedicht von Goethe, Schiller, Heine, Mörike, Eichendorff, Rückert, Matthias Claudius und Wilhelm Müller vertonten.

So habe ich alles, was mein Herz begehrt, mein Leben hat einen Sinn, ich werde beachtet und nehme leibhaftig am kulturellen Geschehen des Abendlandes teil.

Jetzt bin ich überaus stolz und glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen, und könnte ich reden, ich würde allen meine Geschichte erzählen, aber dazu müsste ich lügen, denn ein Stein kann sich leider nicht artikulieren, und wenn das wirklich alles wahr wäre, dann wäre das ein herrlicher Traum, von dem ich mir nie hätte träumen lassen, aber um mit einem Zitat von Elisabeth Langgässer (aus ihrem "Regent: Uranus") zu schließen: "Rose ist und Nelke nimmer / wahrer als der Traum von beiden - ".

Ja, Träume sind unsterblich solange wir sie im Gedächtnis bewahren.

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