Literarisches / GästeFür Zugestiegene: Startseite 
[Absurdistan - Der Wochenrückblick] [Zeit für ein Gedicht?] [LiteraturWettbewerbe] [Veranstaltungen] [LiteraturChat] [Buchwelt] [Allerlei & Tipps]


 Alle Gast-Autoren

 zurück zur Auswahl dieses Künstlers

 HITLISTE - Stimm mit!

zurück zu: Gäste
Werbung:
Bist Du Single? Suchst Du einen netten Partner? Hier warten über 390.000 aktive Mitglieder auf Dich. Melde Dich jetzt an!
Auftragsgedichte:
Du möchtest Deine/n
Liebste/n überraschen?
Jeder Euro rettet Kinderleben!
Joschi Anzinger

Bahnsteig neun

Ich will ja nicht jammern, keinesfalls will ich das, aber ich muss mich einmal bei wem beschweren, sagte ein Mann plötzlich am Bahnhof zu mir, muss einiges loswerden, beschweren ist vielleicht nicht die richtige Formulierung, sondern ich möchte nur so einiges anbringen, und abhaken.
Also, meine Frau beklagt sich auch schon ständig bei mir. Sie sagt, behauptet, ich sei ein richtiger Defätist, das meint sie in letzter Zeit immer, und ständig wirft sie mir das vor, das bedeutet also, theoretisch und praktisch, wie soll ich nun sagen, ich weiß es selber nicht, ich weiß nicht was das heißt. Der Intercityzug Rosenkavalier, aus München, in Richtung Wien, fährt in vier Minuten auf Bahnsteig zwo ein.
Ich bin nämlich weit weniger polyglott als ich aussehe. Ja wirklich, ich habe nicht die geringste Ahnung, in welcher Region der Erde dieses Land liegt. Vielleicht ist es eine kleine Insel im Indischen Ozean. Polyglott. Oder es sind irgendwelche Wilde, die Polyglotten, faszinierend anzuschauen, bei einem Kurzurlaub, veranstaltet von Polonäse Reisen, hin und zurück mit Hot Air, um ein Butterbrot, kostet ja nichts mehr die Fliegerei heutzutage. Auf jeden Fall wäre ich ein richtiger Deist, behauptet mein Nachbar, das weiß ich was das bedeutet, das kommt vom Lateinischen, Deismus, oder aus dem Griechischen, Deisdos, und es ist der Glaube an einen Gott, der allem seinen Lauf läßt, sagt auch meine Frau, weil ich immer sage, dass alles so kommt, wie es kommen muss, und dass alle Apparaturen, die uns durch das Leben begleiten, oder verfolgen, je nach dem, sich ändern, ob wir es wollen oder nicht.
Nur ganz kurz, ein winziges, einfaches Beispiel, sie haben doch noch ein paar Minuten Zeit, oder? Wann fährt ihr Zug? Aha, sie warten auf jemanden, auch recht, meine Maschine, der Wiener Philharmoniker, fährt in etwa zwanzig Minuten, wenns stimmt, ich muss nur aufpassen, wenn er aufgerufen wird. Wissen sie, an den sogenannten einfachen Dingen kann man ja schon erkennen, dass das Einfache nicht immer einfach und belanglos ist, und das Schwierige noch weit schwerer sein muss. Es fängt ja stets im Kleinen an, aber man will es ja nicht wahrhaben, und ich weiß auch nicht, ob das von mir wie folgt Geschilderte, bei ihnen, vor ihrer morgendlichen Jogaübung, oder nachher geschieht. Der Regionalzug zwo null zwo Richtung Schärding fährt in fünf Minuten auf Bahnsteig sieben ab.
Jedenfalls morgens, wenn sie das Bad betreten und zum Waschbecken gehen, fängt es schon an. Der Einhandmischer zum Beispiel. Abgesehen davon, was für ein gräßliches Wort das ist, und dass es von dem Apparat hunderte Variationen gibt. Ich meine die Dinger mit dem Hebel, ja genau die. Zur Dusche drehen ist heiß, zum Fenster schwenken ist kalt, da muss man doch, das müssen sie zugeben, jeden Morgen Milimeterarbeit machen, wenn sie ehrlich sind. Die meisten Hebeln funktionieren auch nur ruckartig, und schon hat man sich die Finger verbrannt, man regelt zurück, wieder ruckartig, und es kommt Wasser in arktischer Temperatur herunter. Da hab ich mir doch die alten Hähne gelobt. Hahn, das könnte ein Stück von Zuckmayr sein. Der Hahn von Naserkret, oder so ähnlich. Aber die meisten Waschbecken haben jetzt so einen einhändig zu bedienenden Hebel, der irgendwie wie ein Knüppel in einem Segelflugzeug, also wie sagt man heutzutage dazu, Joystick, glaube ich, ausschaut. Also ein Patrick Joystick, könnte man sagen, würden wir darwinistisches Kabarett machen. Der Eilzug Donaukurier, aus St. Pölten, Richtung Salzburg, Planankunft siebzehnuhrvierzig, hat fünfzehn Minuten Verspätung und fährt um siebzehnuhrfünfundfünfzig auf Bahnsteig zehn ein.
Das gleiche gilt für die Armatur in der Brause. Das muss man tagtäglich trainieren, langsam nach links, dann langsam nach rechts drehen. Und nicht zu viel Schräglage, zwecks Trudelgefahr. Man kann auch auf einer Skala die Temperatur voreinstellen, wie auf einem Wendezeiger im Cockpit. Dreißig Grad, Nord Nordost, Vorsicht Vergaservereisung. Unlängst hab ich bei Freunden Duschen dürfen, da hab ich diesen Wendezeiger auf fünfundsechzig Grad eingestellt und es kam trotzdem nur lauwarmes Wasser herunter. Rien ne va plus, hab ich mir gedacht, hast auch schon bessere Zeiten erlebt. Nichts geht mehr.
Und erst bei den Toiletten. Da ist es haarscharf das Selbe. Da ist heute überall der Spülkasten unter Putz, in solche Toiletten gehe ich erst gar nicht hinein. Da lautet doch ein weltbekanntes Gedicht, eingemauert in der Wand, ist der Spülknauf ganz aus Gold...! Das Zitat stammt nicht aus der Glocke, und auch nicht aus dem Zauberlehrling. Sonst ist es ja meistens der Zauberlehrling, aber diese Passage ist aus der Bürgschaft, ich bin mir dessen sicher.
Es hat sich der Standard überall geändert. Bei der Bahn, schauen sie einmal beider Bahn. Ich habe mich schon oft darüber beklagt, aber ich fahre so gerne mit der Bahn, ich hab ja sonst nichts, ich bin ja angewiesen auf sie, abhängig könnte man fast sagen, aber es gibt zu wenig Schalter bei der Bahn, was sag ich den, es gibt einfach viel zu wenig Schalter. Schaun` sie, Bahnhöfe gibt es genug, Bahnhöfe mit zehn oder zwölf Schaltern, aber nur zwei oder drei sind offen, wenns gut geht - wenns gut geht. Alle anderen Schalter sind geschlossen, oder es wird abgerechnet, umgebaut oder ausgebildet. Ja, das haben die sich fein ausgedacht, da kommt der komische Kauz, geschwind abrechnen, rasch ausbilden. Oder, was am Häufigsten vorkommt, die Schalter sind überhaupt nicht besetzt, und was ist die Folge? Schlangen, überall Schlangen, durchs ganze Reisecenter. Das ist auch so ein Irrsinnswort. Reisecenter. Schlangenzentrum wäre treffender.
Bei der Post ist es doch ebenso. Viel zu wenig Schalter, viel zu wenig Telefonzellen. Einige in Umbau, einige nicht in Betrieb, die meisten geschlossen, und die Folge ist, ebenfalls Schlangen. Abends, um fünf, da können sie hingehen wo sie wollen, alle Telefonzellen besetzt, und wenn sie mit Glück eine freie finden, ist sie kaputt. Total außer Betrieb. Da hängt dann immer so ein hilfloses Schild davor: Außer Betrieb, und darüber prangt, zerstöre es nicht es könnte ein Leben retten. Der Regionalzug eins eins drei aus Bad Ischl, fährt in Kürze auf Bahnsteig elf, und der Eilzug Wolfgang Amadeus Mozart, aus Wien, Richtung Hamburg, fährt mit sechs Minuten Verspätung in acht Minuten auf Bahnsteig zehn, ein.
Dauernd ändert sich was. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, muss man es sich schon wieder abgewöhnen. Die Computerprogramme ändern sich fast monatlich. Kaum haben wir das Faxen können, kommen sie mit dem Internet daher. Ja müssen wir den das alles haben? Was müssen wir den noch alles lernen, ich sage ihnen, irgendwann kracht uns das alles auf den Kopf.
Der Intercity Wiener Philharmoniker, aus Paris, Richtung Budapest, fährt planmäßig in fünf Minuten auf Bahnsteig neun ein. Das ist meine Maschine, sagte der Mann, der die ganze Zeit über auf mich eingeredet hatte. Es ist Zeit für mich, und es hat mich gefreut, dass sie mir eine Weile zugehört haben. Ich, hatte kein einziges Wort zu ihm gesagt, wollte ihn auch nicht unterbrechen, sondern mich dem Geschehen überlassen. Wir saßen in der Halle des Bahnhofes zufällig nebeneinander auf der selben Wartebank und er redete und redete und stellte auch keinerlei Fragen an mich, sondern ich hatte ständig das Gefühl, er wolle mich sowieso nicht zu Wort kommen lassen.
Im Aufstehen sagte er noch, lassen sie sich eines gesagt sein, junger Mann. Es haben sich in unserem Land nicht nur die Apparaturen geändert, wie ich schon sagte, sondern auch die Menschen haben nachgelassen, und das ist bedauerlich. Wir sind doch so eine fleißige Industrienation, und wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen, aber es war eine eindeutige Warnung, ein Schuss vor den Bug sozusagen, merken sie sich das. Aber sie sind ja noch jung, und sie haben an schlechte Zeiten keine Erinnerung, und er lächelte dabei nicht. Adieu, sagte er, und alles Gute, meine Maschine wartet nicht. Leben sie wohl, stammelte ich, und gute Reise. Aber er eilte schon zur Stiege, in Richtung Bahnsteig neun, und war im Kopfbrei verschwunden, und ich stand da, und wusste nicht, wie mir geschah.

Falls er Dir gefallen hat, dann stimm' für diesen Beitrag.

zurück

Werbung:

Mitarbeit...
Du willst diese Online-Zeitung mitgestalten? Schick mir Deine Gedichte, Kurzgeschichten, CD-Kritiken, Buchbesprechungen - oder vielleicht ganz was Neues? Erlaubt ist, was Spaß macht und keinen kränkt oder geschmacklos ist.

Schreib', was Dich bewegt: leitner@wiend.at


http://www.wiend.at
E-Mail:leitner@wiend.at