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Jochen Schachschneider

Himmelfahrt

Es hatte nichts genützt Armin hatte an zahlreichen Demonstrationen teilgenommen, sich an Unterschriftensammlungen beteiligt, Zeitungsartikel gegen den geplanten Bau des - seiner Meinung nach - überflüssigen Flughafens veröffentlicht, beträchtliche Summen Geld geopfert, er war einer Bürgerinitiative und einer Umweltschutzorganisation beigetreten, freiwillig hatte er auf vieles verzichtet; aber all das hatte nichts genützt. Zuletzt hatte er geZeit für ein Gedicht?am mit einigen Gleichgesinnten das bereits von Planierraupen verwüstete Bauland besetzt und war bald darauf von einem Trupp Polizisten brutal vertrieben worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sein Widerstand ihn bereits völlig beherrscht, war sein aussichtsloser Kampf zu seinem einzigen Lebensinhalt geworden.
Gleichzeitig hatte ein dumpfes Gefühl der Resignation von ihm Besitz ergriffen, das zum Martyrium geworden war. Andererseits verdeutlichte ihm dieses unangenehme Gefühl immer mehr, daß er in keiner Weise über den Grad der Mittelmäßigkeit hinausgekommen war. All seine Versuche in den unterschiedlichsten Richtungen waren stets an der gleichen, scheinbar unüberwindlichen Barriere gescheitert, die ihn von allen Seiten umhüllte wie die harte Schale eines Eies den Dotter. Bald hatte Armin erkannt, daß er zu eklatanteren Mitteln greifen mußte, um diese Hülle zu durchbrechen und den abgründigen, dämmerigen Tiefen der Bedeutungslosigkeit zu entrinnen.
Nun saß Armin an einem milden, sonnigen Frühlingsmorgen verborgen in einem kleinen, wie ein Dickicht anmutenden Busch, der es ihm erlaubte, das weitläufige Gelände in aller ruhe zu beobachten, ohne ihn für die Augen des Gegners sichtbar zu machen - genau so, wie er es während seines Wehrdienstes drei Jahre zuvor gelernt hatte. Die Morgenröte strich mit ihren warmen Strahlen über das Blattwerk der zahlreichen Baumkronen. Unter dem dichten Blätterbaldachin fühlte er sich wohl und geborgen. Unten am Boden blinkten die Baumscheiben abgeholzter Buchen. Genüßlich sog Armin den süßlichen Duft des frisch geschlagenen Holzes in sich hinein.
Er trug ein Gewehr bei sich: ein Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr, das er letztes Jahr während eines Kurzurlaubes in der Schweiz auf illegale Weise erworben hatte. In dem Magazin, das in der Waffe steckte, waren zwanzig Schuß; ein weiteres mit der gleichen Anzahl Munition befand sich in der Brusttasche seines Parkas, der ihn breiter und stärker erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war.
Zwischenzeitlich war leichter Wind aufgekommen, und die jungen, lichtgrünen Blätter der knorrigen Bäume begannen leise zu rascheln. Vogelmännchen lockten mit ihren unermüdlichen Liebesgesängen die Weibchen; vor ihm auf der blühenden, von rotem Klee bewachsenen Wiese flogen emsige Hummeln unentwegt brummend von Blüte zu Blüte; der Klee war teilweise zertreten und ins üppige Gras gepreßt.
Vor seinem geistigen Auge manifestierten sich Bilder ungetrübter Lebensfreude aus seiner Kindheit: Ausgelassene Versteckspiele hinter den alten Bäumen, harmlose Raufereien auf der bunten Wiese. Als Teenager hatte Armin hier für seine Freundin Blumen gepflückt. Oft war er dort mit seiner Frau Birgit entlang spaziert; in einer warmen Sommernacht hatten sie sich hinter dem Gebüsch geliebt, und nur der stille Mond war Zeuge ihrer Leidenschaft geworden.
Seine Gedanken beschäftigten sich mit Birgit. Je mehr Armin sich in seinen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen den Bau des Flughafens vertieft hatte, desto mehr hatte er sie vernachlässigt. Schließlich hatte sie ihn verlassen. Das war ein schwerer Schlag für ihn gewesen, aber er war der Meinung, daß es bei seinem erbitterten Widerstand darum ging, ein hochgestecktes Ziel zu erreichen, dem zum Wohle seiner Mitmenschen nötigenfalls alles geopfert werden mußte.
Ihm selbst war aufgefallen, daß er seit der Trennung von seiner Frau gefühlsmäßig abgestumpft war. Es hatte Zeiten gegeben - vorwiegend während seiner Jugend - da hatte er verlorenen Dingen wochenlang nachgetrauert, doch nun berührte ihn kaum noch etwas. Seine unbezähmbare Verbissenheit und Bitternis bewirkten, daß er unausstehlich wurde und zuweilen Ekel vor sich selbst empfand.
Das Geräusch knackender, morscher Äste im dunklen Unterholz riß ihn aus seinen Gedanken: Ein Reh flüchtete tiefer in den finsteren Wald, aufgescheucht von den Landvermessern. Wie Armin vermutet hatte, waren sie zu früher Stunde gekommen, um ungestört ihre Arbeit verrichten zu können. Das muntere Zwitschern der zahlreichen Vögel war plötzlich verstummt, als hätte jemand auf einen imaginären Knopf gedrückt und sie abgeschaltet. Gespenstische Stille hatte sich wie ein alles verschluckender Mantel über den eben noch voller Leben erfüllten Wald gelegt. Die zauberhafte Idylle war der von Menschen geschaffenen, nüchternen Realität gewichen.
Eine Frau und drei Männer betraten das öde Baugelände, das mit einem hohen Stacheldrahtzaun hermetisch abgeriegelt war. Unter ihnen befand sich ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Polizist, der aufmerksam um sich blickte, den Mann im Busch jedoch nicht bemerkte. Armin entsicherte sein Gewehr, legte die Waffe an und zielte zunächst auf den Polizisten. Bereits jetzt verspürte er Schuldgefühle, aber ihm blieb keine andere Wahl mehr; es mußte sein. Er konnte und wollte nicht mehr zurück, obwohl im bewußt war, daß er Unrecht mit Unrecht beantwortete. Mit der Natur konnte man keine Kompromisse eingehen! Deren waren bereits zu viele geschlossen worden, und mit jeder mühsam erzielten Vereinbarung war ein Stück unwiederbringlicher, empfindlicher Biotope zerstört worden.
Armin zog den Abzug durch, das Gewehr knatterte, eine grelle Stichflamme schoß aus der Mündung; die Menschen fielen um wie gefällte Bäume, wie die Spieße eines Mikadospiels. Ihr Aufschlagen auf dem Boden war zwar lautlos, aber es hinterließ schmerzhafte Stiche in seiner Brust, so, als sei er es, der da von den Gewehrkugeln getroffen worden sei. Er verabscheute Gewalt und hätte es nie für möglich gehalten, daß er in eine Situation kommen könnte, in der er keine andere Lösung fand, als zu gewalttätigen Mitteln zu greifen. Dennoch feuerte er in blindem Wahn das ganze Magazin leer.
Wenig später kroch Armin aus seinem Versteck hervor und ging zu den Toten. Seine Mission hielt er für erfüllt. Mit düsterer Miene setzte er sich neben die leblosen Körper und wartete, bis man ihn abholen und ihn mit seiner unvermeidlichen und mehr als gerechten Strafe belegen würde.

Während seiner Verhaftung leistete er keinen Widerstand. "Ich gestehe alles", waren die ersten Worte, die über seine blassen Lippen kamen. Er hatte schwere Schuld auf sich geladen und war sich dessen bewußt. In einem kahlen Raum im Polizeipräsidium hockte er später resigniert auf einem Stuhl, wobei Armin die Blicke des hinter ihm stehenden Amtsarztes sowie eines Polizeibeamten auf sich gerichtet fühlte, während er die Fragen des Haftrichters über sich ergehen ließ.
"Was hat Sie zu dieser Wahnsinnstat veranlaßt?" fragte der Richter.
"Ich wollte den Bau des Flughafens verhindern"; antwortete Armin stereotyp.
Der Richter schaute ihn teils mitleidig, teils angeekelt an. "Und Sie glauben wirklich, daß Sie durch den Mord an einigen Landvermessern das Vorhaben verhindern können? Die Menschen, die Sie getötet haben, sind zwar nicht zu ersetzen, wohl aber in ihrer Funktion austauschbar. Ganze Heerscharen warten darauf, in die Bresche springen zu können, die Sie geschaffen haben."
"Es ging mir weniger darum, Menschen zu töten, als vielmehr durch ein drastisches Ereignis auf das unglückselige Projekt aufmerksam zu machen und so eine Diskussion gegen den Flughafenbau in Gang zu setzen", erläuterte Armin.
"Diese von Ihnen beabsichtigten Diskussionen gibt es doch schon seit langem", entgegnete der Richter, wobei er seine hohe Stirn runzelte.
"Sicher, doch sie sind seit einiger Zeit leise geworden und werden nun hoffentlich wieder neu entfacht", erwiderte Armin trotzig mit leiser Stimme.
Dies war der Beginn eines stundenlangen, zähen Verhörs über den genauen Tathergang, der ihn während der anschließenden Haft ständig verfolgte und ihn auch noch viele Jahre später beschäftigen sollte.

Als sie ihn aus dem Gefängnis entließen, war er ein alter Mann, dreiundsechzig Jahre alt, verbraucht, mit einer restlichen Lebenserwartung von nur noch wenigen Jahren. Die Zeit hatte tiefe Furchen in sein graues Antlitz gegraben. Armin wußte, daß er vom Leben nichts mehr zu erwarten hatte. In den letzten Jahren seiner Haft hatte er oft den Tod herbeigesehnt, aber wie so vieles zuvor, war ihm auch dieser Wunsch versagt geblieben.
Wie im Traum ging er durch die belebten Straßen, ohne auf seine Umgebung zu achten. Sein starres, maskenhaftes Altersgesicht zeigte keinerlei Regungen angesichts der unglaublichen Technik, deren Ausgeburten jeden Winkel des Ortes bevölkerten. Dennoch mußte er feststellen, daß sich die Verelendung der Großstädte, die sich schon während seiner Jugend abgezeichnet hatte, ungeachtet des technischen Fortschritts weiter ausgebreitet hatte. Die Stadt, das war für ihn stets der Abschaum gewesen, und die in ihr umherirrenden Menschen das kriechende, sich unkontrolliert vermehrende, dumpfe Gewürm, das sich durch übelriechendes Aas fraß; und nun war auch er wieder ein Teil davon. Die Fenster der zahlreichen Hochhäuser glichen finsteren Augenhöhlen verblichener Schädel.
Es war ihm nicht möglich, die wiedererlangte Freiheit zu genießen; zu lange hatte er zwischen erdrückenden Gefängnismauern gehockt und die modrige Luft in der Haftanstalt geatmet. Dem Drängen eines unbestimmten Gefühls nachgebend, stieg Armin an einer Haltestelle in einen Bus, der ihn aus der Stadt hinausfuhr; aus der Stadt, in der er zweiundvierzig Jahre gelebt hatte, in einem Getto zwar, aber statistisch erfaßt in der amtlichen Einwohnerzahl; einer Stadt, in der er zweiundvierzig Jahre dahingesiecht war; ein ausgestoßener, vereinsamter Bürger, dem seine Mitmenschen fremd geworden waren und der für sie ebenfalls ein Unbekannter war.
Der Bus hatte inzwischen die Endstation erreicht. Nachdem Armin ausgestiegen war, stellte er nach einigen kurzen Blicken befriedigt fest, daß er in der Nähe des Waldes angelangt war, der vor vielen Jahren Ausgangspunkt seines Schicksals gewesen war. Armin war begierig zu erfahren, was mit dem Gelände geschehen war, in dem er in seiner Jugend die verhängnisvolle Tat begangen hatte, die ihm zweiundvierzig Jahre seines Lebens gekostet hatte. Aufregung begann sich seines alten, schwachen Körpers zu bemächtigen, und er zitterte ein wenig. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie sich das unheilvolle Projekt in der Vergangenheit weiter entwickelt hatte. Im Gefängnis hatte man ihm zwar Zeitungen zu lesen gegeben, die Berichte jedoch, die sich mit seiner Tat und dem Bau des Flughafens auf jenem Gebiet befaßt hatten, waren aus den Seiten herausgeschnitten worden. Seine Fragen nach dem Grund dieser unverhohlenen Zensur waren ihm nicht beantwortet worden. Er vermutete dahinter irgendeinen obskuren Psychoterror, der von seinen mitleidlosen Aufsehern ausgeheckt worden war.
Das ungewohnte Gehen strapazierte ihn mehr, als er angenommen hatte. Seit einer Ewigkeit hatte er seinen Körper nicht mehr belasten können. Erschöpft erreichte er endlich eine Anhöhe, von der aus er das gesamte Gelände überschauen konnte. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: alles war so, wie er es in Erinnerung behalten hatte. Nichts hatte sich verändert: jeder Baum, jeder Bach, jeder Erdhügel, ja jeder einzelne Grashalm schienen noch immer an den Stellen zu sein, wie er sie in seinem Gedächtnis behalten hatte. Es herrschte eine beglückende Stille; lediglich das kumulative Summen und Brummen zahlloser Bienen sowie das Zwitschern der Vögel erfüllte den Äther.
Während Armin solche Entdeckungen machte, brachen Wogen schönster Erinnerungen über seine vor Freude trunkene Seele herein. Die über alle Maßen grandiose Hochstimmung bewirkte, daß sein durch die lange Haft träge gewordener Geist kaum noch äußere Einflüsse wahrnahm. Von dem Kreischen der Triebwerke des riesigen Passagierflugzeugs, das sich über ihm langsam dem Flughafen näherte, nahm er keine Notiz. Armin war völlig mit seiner Gedankenwelt beschäftigt. Allzu lange hatte er von den wonnigen Bildern der Vergangenheit zehren müssen. Gierig wandelte er auf alten, unvergessenen Pfaden, erfüllt von einer unglaublichen Leichtigkeit.
Nichts hatte sich verändert. Ununterbrochen durchfuhr ihn dieser erfreuliche Gedanke wie ein wohliger Schauer. Selbst die Menschen schienen nicht gealtert zu sein. Diejenigen, denen er begegnete und die ihm bekannt waren, schauten ihn freundlich an, nicht wie jemanden, den man nach langer Zeit wiedersieht, sondern mit dem alltäglichen, teils oberflächlichen, freundlich distanzierten Wohlwollen, als hätte er erst gestern noch ihre Wege gekreuzt.
Allmählich begann das Licht dieses unvergeßlichen Tages zu verblassen; die langsam in einem Meer purpurner Glut versinkende Sonne verfärbte sich blutrot; die heiße Abendluft, in der bizarre, phantastische Gebilde, diffuse Fata Morganen entstanden, flimmerte; eine erlösende Mattigkeit breitete sich in seinem Körper aus. Armin fühlte sich leicht und unbeschwert, wie niemals zuvor, ebenso frei wie die zahlreichen schwarzen, krächzenden Vögel, die hoch über ihm gemächlich ihre weiten Kreise zogen, als ob sie auf ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis warteten.
Nichts hatte sich verändert? - Armin sah ihm bekannte Gesichter, denen er schon vorher begegnet war, die aber plötzlich jünger geworden waren. Es war faszinierend: er erkannte, daß die Zeit mitnichten stehengeblieben war, sondern augenscheinlich auf rätselhafte Weise zurückgedreht wurde. Sein ganzes Leben schien sich in umgekehrter Reihenfolge und in rasender Geschwindigkeit zu wiederholen. Doch die Bilder wurden - je tiefer sie in die Vergangenheit tauchten - immer undeutlicher. Nur schemenhaft erkannte er in weiter Ferne, wie durch einen milchigen Schleier, eine junge Frau, seiner Mutter ähnelnd, die einen Säugling in den Schlaf wiegte.
Wunderliche Musik erklang - wie Glockengeläute - zunächst ganz leise, dann allmählich lauter werdend. Ein letzter, kurzer Atemzug hauchte seinem schwindenden Bewußtsein die furchtbare Erkenntnis ein, daß er in ein Reich geraten war, dunkel und jenseits jedweden menschlichen Ermessens, aus dem es endgültig keine Rückkehr mehr gab.

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