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Jessica - Lilith Emons

Grün das Gras

Wie grün das Gras, früher, doch gewesen. So grün auf der Leinwand, so satt, so lebhaft, so daß man die Augen schließen wollte, das frische, taubedeckte Gras roch, so daß man nur die Hand ausstrecken brauchte, um die feuchten Spitzen der Halme auf der Handfläche zu spüren.
Wie hatte man seine Kunst bewundert, ihn staunend gelobt. Erklärt, daß nur wenige Menschen die Fähigkeit besäßen, mit so wenigen Pinselstrichen die Natur einzufangen, so wie auf einem Foto, nur noch natürlicher, so wie in einer Fantasiewelt, und doch nicht. Das war schön gewesen. Jetzt nicht mehr. Jetzt war es vorbei.
Er träumte nur noch von dem Vergnügen, das er verspürte, wenn er den Pinsel in seine Hand nahm, wenn die Finger sanft den Stiel des Pinsels umschlossen, nicht einmal mit Kernseife konnte man die Farben von seinen Händen waschen, Schicht für Schicht auf seinen Händen, jeder Farbklecks für einen Augenblick Freiheit, denn Freiheit ... das war es für ihn. Malen war Freiheit.
Schluß. Freiheit hatte man ihm genommen.
Einfach so.
Tag für Tag saß er nun auf einem Stuhl, in seinem Zimmer, vor seinem Fenster und träumte die Farben, die er dort einmal, in seinem Garten, gesehen hatte. Er haßte es, wenn jemand zu ihm kam, zu dem Hilflosen, der auf die Stimmen angewiesen war, die er mittlerweile haßte. Sein Gesicht ganz dicht am Fensterglas, konnte seinen Atem hören, das erwärmte Glas spüren, das Gras riechen und schmeckte nur die salzige Feuchtigkeit.
Es klopfte nicht, als die Tür aufging, er hörte genau das leise Quietschen der Scharniere, genau die gedämpften, federleichten Schritte auf dem Teppich. Keine große Person, klein und leicht, mit kurzen Schritten. Kleine Hand, die sich um seine schloß. Weiche Strähnen ihrer Haare streiften seine Wange.
Seit dem Tod seiner Freiheit hatte seine Schwester ihn nicht mehr in seinem Zimmer besucht, schon fast vergessen hatte er sie. Er vermutete Unwissenheit, er dachte, sie könne nicht verstehen, wäre verwirrt und hätte Angst, genau wie er. Doch zu lange vermißte er ihre Gegenwart, um noch zu wissen, daß sie schon immer etwas anders war.
Leise fuhr ihr kleiner Finger seine Schläfe herab. Augenbrauen, dann Nasenwurzel.
Ich habe ein blaues Kleid an, so blau wie ein Sommerhimmel, mit weißen Tupfen, genau wie kleine helle Wolken, sagte sie plötzlich mit ihrer glockenhellen Stimme.
Seine fünfjährige Schwester? Er kannte sie nicht mehr, kannte nicht mehr ihre seltsame Stimme, ihre seltsame Art zu sprechen, und beinahe hätte er über diese Verwunderung hinweg sein Schicksal vergessen ... fast, aber da war es wieder.
Konnte einfach nicht loslassen, beide konnten nicht.
Kannst du sie sehen? fragte seine Schwester.
Er stieß sie von sich weg. Er haßte sie plötzlich und genauso wie die anderen. Wie kann sie es nur wagen! Mit ihm. Ihre verdammten. Späße zu treiben.
Kannst du sie sehen? Fragte seine Schwester noch einmal.
Nein, schrie er, nein! Ich kann nie mehr etwas sehen, nie mehr.
Jeder kann sehen! Komm mit, ich will dir etwas zeigen.
Sie nahm seine Hand.
Er wollte sich widersetzen, wollte es, konnte nicht, sie war so stark.
Draußen spürte er den Wind pfeifend um die Häuserecke sein Haar durchzausen, sie gingen weiter durch Straßen, sie führte ihn sicher, er hatte Angst.
Sie gingen lange, er hörte die schrecklich lauten Motorgeräusche von Autos, die ganz scharf an ihm vorbeifuhren, so glaubte er. Menschen stießen ihn an, schrien, lachten. Alles war so laut, so furchtbar laut.
Er konnte nicht mehr, er wollte nicht mehr, nie mehr, nach Hause, nur nach Hause, ins Zimmer, zu seinem Schicksal, er durfte es nicht zu lange warten lassen, aber nein, es würde nie aufhören auf ihn zu warten.
Ein kleiner Schritt wieder, nach dem letzten. Eine Qual.
Plötzlich ist es stiller. Sie gingen nicht mehr auf dem Pflaster des Bürgersteigs, keine rempelnden Menschen, schrille Menschenstimmen. Da waren Vögel. Da war Gras, er hörte, daß es feucht war durch den Morgentau, er hörte, wie die kleinen Spatzen ein Bad in einer Vogeltränke nahmen. Er hörte den Frühling.
Komm, wir setzen uns, sagte sie nur, hier ins Gras, gemeinsam mit dem Frühling.
Weißt du noch ... begann sie.
Im Frühling machen sie immer ein Picknick im Park, spielen Ball, lachen viel, lassen ihre Haut von den ersten Sonnenstrahlen braun werden.
... siehst du die Blumen im Gras, die du für mich gepflückt hast, weil es meine Lieblingsblumen sind? Mit ihren zarten, roten Blütenblättern?
Verdammt! Nein! Ich kann nicht sehen! Nie mehr! NIE!
Er spürte ihren Atem auf seinen Wangen, der versuchte seine Tränen zu vertreiben.
Und als er sich wieder beruhigt hatte,
endlich,
begann sie die kleinen Farbtöpfe, aus ihrem Rucksack zu holen, die sie genommen hatte. Kurz vorher. Aus dem Schrank. Im Keller. Dort. Dort, wo nun seine Bilder, Pinsel, Farbtöpfe, Leinwände und Staffeleien standen. Die er nicht mehr brauchen wollte.
Sie kniete sich vor ihn, öffnete das Hellblau und tauchte ihren Finger in das halbvolle Töpfchen und tauchte in den Frühling ein, der bereits um sie herum erwacht war, und plötzlich konnte er diesen kühlen, feuchten Streifen im Gesicht spüren.
Blau wie der Himmel über uns.
Noch eine Farbe, noch ein Streifen.
Grün wie die Wiese, auf der wir sitzen.
Noch eine Farbe. Punkte.
Für die Blumen, die roten.
Sie gab ihm das Gelb. Er nahm es, betastend. Tauchte seinen Finger ebenfalls in das zähflüssige Gelb, und malte seiner Schwester den Frühling ins Gesicht, mit den schönen Zeiten, die sie hier im Park verbracht hatten, mit den Spielen, die sie gespielt hatten und irgendwann, als es schon dunkel war, die Farben verblassten, die Schwester eingeschlafen, war er glücklich.
Ich kann sie wieder sehen, die Farben, ich kann ihn wieder sehen, den Frühling.
Das Gras ist so grün und das Licht ist hell. Ich kann es hören, es ist schön.

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