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Ilse Scherr

Individuelle Wahrheit
oder
Tod eines Dichters

Herbert ist unter der Last seiner Begabung zusammengebrochen.

10431 Seiten Papier haben ihn unter sich begraben.
Lyrik und Essays geben ihm etwas Bewegungsfreiheit, dafür türmt sich aber die Belletristik gewichtig auf den von zu wenig Fleisch umlagerten Rippen seines Oberkörpers.

Eine Pappendeckel-Ecke kantet in Herberts linkes Nasenloch. Er muß deshalb den Kopf in unangenehmer Seitenlage halten.

Schwerfällig sind die Bewegungen des alternden Mannes. Seine vom Tippen auf den Tastaturen eines Schriftstellerlebens flachgedrückten Fingerkuppen versuchen verzweifelt, die papierene Last wegzuschieben.

Wieder rutschen aus der umgestürzten Stellage, unter welcher sich Herbert befindet, Kaskaden glatten Papiers. Lemminge am Abrund - unaufhaltsam nachrückend - nachdrückend.

Herbert keucht, verflucht jene 10213 von den 10431 Blatt, die er kartoniert und - im Moment sehr zu seinem Leidwesen - auch foliert hat.
Er hat keine Mühen gescheut, sogar den Weg zum Arbeitsamt gefunden und Aushilfsarbeiten akzeptiert, um sich - der Nachwelt zuliebe - eine so teure Form des Konservierens seiner geistigen Wirksamkeit erlauben zu können. Einer Wirksamkeit, deren Genialität für Herbert unzweifelhaft ist.

Sogar jetzt, in seiner unguten Situation, fällt ihm ein wunderbarer Prosasatz an. Der Titel zu einem Essay: "Schmerz aktiviert die Energie des Willens!'

Apropos Schmerz!
Die Absagen, welche ihm 117 von 119 Verlagen erteilten, die er nacheinander dazu ausersehen hat, seine Werke, demnächst Weltliteratur, zu veröffentlichen, sind zwar psychischer Natur, doch - bei genauer Betrachtung, Urheber des physischen Schmerzes, dem Herbert zur Zeit unerbittlich ausgesetzt ist:
In Fetzen gerissen füllen deshalb 78 dieser A4-formatigen Dornen im Fleisch eines jeden Schriftstellers Herberts Papierkorb. Einige schludern am Schreibtisch herum, andere liegen zerknüllt am Fußboden.

Jene Absage, welche Herbert zum Wurfgeschoß zusammengeknüllt, gemeinsam mit einem Kultstein - Rosenquarz, dient dem Wohlbefinden - nach dem Briefträger geschmissen hat, liegt draußen im Flur. Naß glänzend zeigen sich zäh fließende, dunkelrote Spuren auf kühlem Rosa, doch ist der Rosenquarz unbeschädigt. Allerdings nur teilweise zu sehen. Der Rest steckt in der Schädeldecke des Briefträgers. Kein Wunder, daß dieser mausetot ist, ein unschuldiges Opfer von Herberts Literatur. Es war schließlich seine Pflicht, Herbert die 118. Absage zu überbringen.
Im Fallen hat der Briefträger Herberts Stellage umgerissen.

Der Menschenauflauf, der sich im Flur bildet, das aufgeregte Tappen, unterdrückte Aufschreien und die Sirene des Rettungswagens, all das bemerkt Herbert nicht so recht. Nur ein wenig flackerndes Blaulicht kann erkennen - es reflektiert im Spiegel gegenüber dem Fenster.

Oder nein - das ist kein Blaulicht! Das ist - ein blauer Engel! Auf einer in sanften Brauntönen - heimaterdebraun - gehaltenen Wolke schwebt er auf Herbert zu.
Blauer Engel? Herberts Hirn signalisiert Erinnerung. Da war doch was? Musik! Doch nicht die rauhe Stimme der Zarah Leander ist es, die ihn sanft umschmeichelt.
Es ist eine männliche Stimme, eine mit Kärntner Dialekt - jenem Dialekt, dessen weicher Klang den Mundartteil seiner Dichtkunst maßgeblich beeinflußt hat.

"Zeit is", sagt der Blaue. "Zeit für Kärnten - für a Begegnung zwischen uns".

"Zeit daß'd es learnst, de Kunst da Begegnung", denkt Herbert. Er sagt es nicht, denn zum Sprechen fehlt ihm die Kraft.

Doch Engel hören alles. Auch Gedanken:
"Die tendenziell immerwieder festzustellende Selbstghettoisierung einzelner Bereiche der Kärntner Kultur....", kontert der Engel.
"Der Schriftsteller?" haucht Herbert.
"Schriftsteller? Oja, besonders der Schriftsteller! Alles Einzeller, nichts da, was sie einigt!". Der blaue Engel läuft ein wenig rot an, der ärgerliche Farbton läßt seine Aura ins Lila schwanken.

"Selbstdarsteller!" denkt Herbert und meint die Schriftsteller.

Der Engel mißversteht:
"Ich bin kein Selbstdarsteller. Ich bin Kärntner! Vom Scheitel bis zur oberösterreichischen Sohle!"

"Komisch, denkt Herbert. Ich auch. Ich bin auch Kärntner - trotz meines oberösterreichischen Vaters. Aus Traunkirchen war er, mein Vater. Vielleicht hab ich deshalb nie eine Förderung erhalten - als halber Ausländer, will sagen Nichtkärntner?"

Gebieterisch zeigt in diesem Moment der linke Zeigefinger des gedankenlesenden Engels nach oben. Hoch in den Wolken erscheint ein Presseartikel. Titel:
"Das Weiße im Auge des Gegners...."

Herbert erschrickt, will nicht lesen - doch als schwere Regentropfen, einer kalten Dusche gleich, fallen die Buchstaben aus dem Artikel herunter auf Herbert. Das zwingt sein ermattendes Gehirn, das Geschriebene in sich aufzusaugen.
Herbert erkennt: Das Kulturland des blauen Engels ist ein Wunderland. Dabei hat es der Schriftsteller längst aufgegeben, sich zu wundern.

Jetzt, wo's aus ist mit ihm, wo sein letztes Stündlein naht - jetzt, nach 29 Jahren vergeblicher Bemühungen um vaterländischen Beistand - jetzt soll auf einmal alles gut werden? Alles auf einmal?
Das erstemal in seinem Schriftstellerleben begehrt Herbert auf. Stellt sich wider ein Kulturland, das sich nie Zeit genommen hat für ihn. Nie!
Mit Gedankenblitzen fetzt er den Artikel auseinander, brennt Zeichen ohnmächtiger Wut in das überdimensionale Zeitungspapier, welches ober ihm schwebt, wie zum Hohn begleitet von der Sphärenmusik gerecht verteilter Fördergelder für die Kulturschaffenden seines Heimatlandes.

Wieviel sind das nur?
Herbert schätzt:
499.000 von den 560.000 Einwohnern? Davon 498.997 Unentdeckte, subjektiv förderungswürdig.
980 davon fallweise gefördert. Jedenfalls in den letzten 29 Jahren. Herbert hat sie mitgezählt.
Die restlichen siebzehn, so schätzt Herbert, kontinuierlich. Mit Landesmitteln, finanziellen und politischen. Zusätzlich erhält alle vier Jahre ein Auserwählter einhundertzwanzigtausend Schilling! Einer unter jenen Kärntner Literaten, welche bis dahin von den Medien anerkannt und damit hochgetragen wurden.

Nun - Herbert befand sich nie auf der Sonnenseite kulturellen Geschehens. Weder bei den Slowenischsprechenden noch unter den Deutschsprachigen! Achja, Herbert ist auch zweisprachig! Seine Mutter ist Kärntner Slowenin. Noch schlimmer, er ist dreisprachig! Doch daß er auch englisch spricht, stört niemanden.

"In welchen Himmel ich kommen werde, wenn ich jetzt sterben muß?"
Plötzlich ist diese Frage für Herbert sehr wichtig.
"In den oberösterreichischen? In den slowenischen? Oder gar in den steirischen, weil ich dort geboren bin. Nun ja, seit dem Schulalter bin ich Kärntner. Aber- womöglich noch immer nicht waschecht?
60 Jahre Leben mit einer falschen Ideologie? Heimattreu, dem Lindwurm ergeben. - Der Hergott möge entscheiden..."

Noch einmal hebt Herbert den Blick. Die Wut von vorhin hat in den himmlischen Zeitungsartikel ein Muster gebrannt. Das Muster zeigt die Silhouette einer Goldhaubenfrau. Warum nur? Ach ja, die haben heuer eine Menge Förder-Geld bekommen, die Goldhaubenfrauen. Dehalb ...
Herberts verlöschendes Lebenslicht läßt jetzt keine Gedanken mehr zu. Nicht einmal einen kleinen Geistesblitz für oder gegen die Frauen, deren Traditions-Häupter im Abendlicht glänzen ...
Oder? Was sonst bedeutet dieser Streifen Horizont, den Herbert durch das Fenster erkennen kann, eine orange leuchtende Silhouette über dunklem Untergrund? Gold aus dem Kärntner Politfüllhorn? Nein, das war mehr rot ...

Ins schwindende Bewußtsein des Dichters blitzt zum ewigen Abschied die Bläue des einzigen und wirklich echten Förderhimmels. Der blaue Engel verschmilzt gerade mit ihm ...

Es ist also ein hoffnungsfroher Seufzer, fast eine Lobpreisung, dieser letzte Atemzug im Leben des Herbert.

Obwohl: Der blaue Engel kam ein wenig zu spät für Herbert. Pech.
Noch größer ist das Pech, daß Herbert jenen Brief nicht mehr entgegennehmen konnte, der wenige Minuten nach dem Dahinscheiden des Dichters per Eilboten ins Haus gebracht wurde: Die Zusage eines renommierten deutschen Verlages, Herbert als schriftstellerische Entdeckung des - noch - herrschenden Jahrhunderts mit seinem Gesamtwerk unter Vertrag zu nehmen!

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Wir werden ihm zu Ehren eine Gedenktafel anbringen - hier, wo er lebte und werkte, verkündet der eilig herbeigerufene Pressesprecher des blauen Engels nach kurzer Flüsterpause mit seinem Herrn.
"Ja", strahlt der blaue Engel überirdisch. Seine Aura wechselt zu den Farben des Regenbogens: "Die Heimaterde werde ihm leicht"

"Tote Dichter sind gute Dichter!", strahlt auch der Presse-Engel, soweit farblose Engel zu strahlen vermögen: "Übrigens, nehmt endlich das viele Papier von seinem erhabenen Dichterkopf. Wir brauchen Fotos."


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