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Holger Blauhut

„Spuren der Wikinger in Dänemark"

hieß eine Broschüre, die mir neulich in die Hände fiel. Tatsächlich, Dänemark gab es noch. Die tapferen Nordmänner hatten widerstanden und mussten keine wie auch immer geartete Umbenennung ihres Landes befürchten. Dabei wäre es ja nicht geblieben. Das Land, umgerechnet im Verhältnis dänischer Krone zum Euro, wäre nur noch ein Siebtel und ein Schatten seiner selbst. Auch das Fadøl wäre seiner letzten Prozente beraubt worden. Nicht auszutrinken.
Angeregt durch obige Broschüre und dem Glauben, dass die Dänemark nicht ewig standhalten kann, luden wir den Kofferraum voller Lebensmittel und lenkten unser Auto Richtung Flensburg. In Schleswig nahmen wir die Spur der Wikinger auf und besichtigten das Museum Haithabu. Die Vitrinen mit leckeren Schlehen- und Pflaumenkernen, Schweine- und Rinderknochen sowie appetitanregenden Fischresten brachten unseren Magen in Bewegung. Das Museumscafé hatte natürlich geschlossen. Ebenso sämtliche weitere Gaststätten in und um Schleswig. Es gab zwar Ausnahmen, aber in diesen wurde die Zubereitung warmer Speisen zwischen 14 und 17 Uhr generell verweigert.
So machten wir uns knurrend auf den Weg nach Ribe, Skandinaviens ältester Stadt. Die Anfänge der Stadt ähneln der Geschichte Haithabus, nur hat Ribe dann länger durchgehalten.
Plötzlich tauchte in dem Dauerregen am Wegesrand eine Kro auf und wir beschlossen ungeachtet unseres gut gefüllten Kofferraumes einige Kronen gegen Nahrung zu tauschen.
In dem Gasthaus befanden sich ein Fernseher, eine Frau und ein Mann. Die beiden Menschen waren wohl schon umgerechnet worden, wenn auch in verschiedene Richtungen. Der Mann war kaum zu sehen, machte diesen Nachteil aber durch Temperament und schauspielerische Gabe wett, während die Frau eine ganze Familie verkörperte. Wir konnten zwischen Wiener Schnitzel und Hackbraten wählen und nahmen einstimmig ersteres. Dazu gab es eine Kanne Tee. Während sich die Mägen füllten und beruhigten, nutzte mein Kopf die Zeit, den möglichen Preis zu überschlagen. Ich schätzte den deutschen Preis, rundete großzügig auf, rechnete in Kronen um, rundete wieder auf, addierte einen Skandinavien-zuschlag und rundete auf den nächsten Hunderter auf. Zufrieden wagte ich einen Gang auf die unbeleuchtete Toilette. Dann kam die Rechnung. Mein Algorithmus wurde vernichtend geschlagen und wir suchten den nächsten Geldautomaten auf.
In Ribe bezogen wir eine Bed & Breakfast-Suite in einer der schönen kleinen Gassen im Stadtzentrum. Die Größe der Suite verhielt sich reziprok proportional zum Frühstück. Es gab keins. Das war aber nicht schlimm, hatten wir doch unseren Kofferraum. Den Vormittag verbrachten wir durch Ribe spazierend und im historischen Museum am Odinsplatz.
Weiter führte uns der Wikingerpfad nach Jelling. Hier lassen sich heidnische Eitelkeiten in wahrhaft riesigen Ausdehnungen betrachten. Zwei Grabhügel, Bergen nicht unähnlich, zieren das Zentrum der Häuseransammlung namens Jelling. Einer der Grabhügel war als letzte Ruhestätte für König Gorm geplant und es wäre auch so gekommen, hätte sich sein Sohn Harald Blauzahn nicht taufen lassen. Nun versuchte er das Grabmal in ein christliches zu verwandeln und baute eine Kirche zwischen die Hügel. Gorm musste in einen Sarg unter den Kirchenboden umziehen. Da Blauzahn als Christ nicht mehr mit Grabhügeln prahlen konnte, ließ er einen eng beschriebenen Runenstein neben die Kirche setzen.
Von Jelling fuhren wir nach Fünen und übernachteten im Goldberghaus bei Bogense. Eine freundliche Dogge empfing uns und wies den Weg in das dunkle und zu kalte Zimmer. Am nächsten Morgen wurden diese Unzulänglichkeiten aber durch ein gutes Frühstück kompensiert. Und wir hatten Stärkung nötig, stand der doch dritte Tag Kultur hintereinander auf dem Plan.
In Glavendrup erwarteten uns gleich zwei regionale Superlativen. Die größte der bewahrten dänischen Schiffssetzungen und die längste Runeninschrift Dänemarks. Das Wetter orkanierte uns einmal quer durch und über die Geschichte. Das schien Thor irgendwie nicht zu gefallen, jedenfalls begann er, der die Steine geweiht hatte, kräftig zu donnern und den Hammer zu schwingen. Deshalb zogen wir uns eiligst in unseren Faradayschen Käfig zurück und verließen den Ort.
Wir umrundeten Odense, besuchten Kerteminde und fanden schließlich Ladby. Hier hatten findige Dänen zu musealen Zwecken ein Schiffsgrab geöffnet und zugänglich gemacht. Im Grab sahen wir eine längliche Vertiefung in der Erde, aber von einem Schiff keine Spur. Es gab reichlich deutschsprachige Schilder, die darüber Auskunft gaben, welche Dinge dort einmal waren, jetzt aber nur noch durch einige Rest-Ionen Anwesenheit vortäuschten. Wir verließen Grab und Fünen und fuhren gen Osten. Vor einigen Jahren musste man für die Fahrt von Fünen nach Sjaelland noch eine Fähre benutzen. Nun gibt es über den Belt eine Brücke. Um die Wikingerromantik nicht aussterben zu lassen, werden die Reisenden ausgeraubt. Den Hinweis darauf erhielten wir vor Befahren der Brücke. Nun hatte ich 18 Kilometer Zeit, meinen Preisalgorithmus zu verbessern. Ich rundete, nahm die Länge der Brücke dazu, das Alter der Königin und rundete wieder. Es half nichts. Das Debakel war noch größer als beim letzten Mal.
Das Quartier für die nächsten beiden Nächte fanden wir in Sorö. Ein Zimmer, das an Größe alles je Gesehene spielend unterbot. Dafür wurden wir gleich mit Tee und Kuchen empfangen und auch das Frühstück war üppig und spannend. So kosteten wir von seltsamer Rosenmarmelade. Es lag wohl an meinem Schnupfen, dass ich keinen Unterschied zur Leberwurst feststellen konnte.
Am Sonntag soll man ruhen oder nichts Vernünftiges tun. Wir fuhren nach Jyderup und ich spielte dort ein Schnellschachturnier. Im letzten Jahr war das Turnier noch sehr stark besetzt. Es spielten sogar zwei Großmeister mit. Dieses Jahr waren die Preisgelder kräftig gekürzt worden und so wurde es mehr eine Regionalmeisterschaft. Ich war also der Exot des Turniers und mir wurde auch sofort eine besondere Position zugewiesen. Nach drei Runden fand ich mich alleine am Tabellenende wieder. Das empfand ich dann doch als zuviel der Ehre und Aufmerksamkeit und ich gab die rote Laterne zügig an einen Dänen weiter. Der war weniger bescheiden und gab sie nicht mehr ab.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Gedser und von dort mit der Fähre nach Rostock. In Gedser erlebten wir das Märchen vom Hasen und Igel auf dänisch. Es gibt dort eine Straße, an deren Ende jeweils Schilder mit der Aufschrift „Zentrum“ in Richtung des anderen Endes zeigen. Aber Gedser hat gar kein Zentrum.
Nach dieser Reise verstehen wir die Vehemenz des Nordmännerkampfes gegen den Euro. Vergleichbare Preise müssen hier das pure Entsetzen auslösen.

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