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Nikola Hahn

Die Farbe von Kristall (Textauszug)

Prolog

Der Wind hatte nachgelassen, aber es regnete noch. Auf dem Weg zwischen den Gräbern lag nasses Laub. Es roch nach Vergänglichkeit. Victoria hatte gewußt, daß er da sein würde. Sie blieb neben ihm stehen. Er hielt den Kopf gesenkt; von seinem Hut tropfte der Regen. Der Grabstein glänzte im Licht einer Laterne. Die Rosen hatte der Sturm zerstört.

„Ich werde Frankfurt verlassen“, sagte sie.
„Wann?“ fragte er leise.
Sie kämpfte gegen die Tränen. „Sobald das Urteil gesprochen ist.“
Er sah sie an. „Sie sind stark, und Sie werden darüber hinwegkommen, Victoria. Über das - und alles andere.“
„Das haben Sie schon einmal zu mir gesagt, Herr Braun.“
„Und hatte ich denn nicht recht?“ sagte er lächelnd.

Kapitel 1

Frankfurter Zeitung

und Handelsblatt

Zweites Morgenblatt - Freitag, 26. Februar 1904

Dem „Petit Parisien“ wird von seinem Berliner
Korrespondenten der Inhalt einer Unterredung mitgeteilt, die
der deutsche Reichskanzler Graf Bülow dieser Tage mit
einem französischen Besucher gehabt hat. Nachdem der
Reichskanzler bestritten hatte, daß Deutschland irgendwelche
schwarzen Pläne in China oder im nahen Orient habe, gab er
einen kleinen Exkurs über Weltpolitik. Deutschland ist
friedlich und wünscht wesentlich seinen friedlichen Einfluß in
der Welt auszuüben. Nicht als Eroberer, sondern als
Kaufleute erscheinen wir bei den nächsten wie bei den
entferntesten Nationen. Die Verantwortlichkeit für die
Richtigkeit dieser Äußerungen hat der „Petit Parisien“ zu
tragen. Unbülowisch klingen sie übrigens nicht.


Hermann Lichtenstein legte die Zeitung beiseite und sah aus dem Fenster: ein trister, verregneter Wintertag, aber auf der Straße herrschte reges Treiben. Das Rattern der Droschken und Fuhrwerke und das Geschrei der Zeitungsjungen drangen bis in den ersten Stock hinauf. Lichtenstein schaute zur Hauptwache hinüber, an deren verlassenen Anblick er sich noch immer nicht gewöhnt hatte. Das Klingeln des Telephons riß ihn aus seinen Gedanken. Er nahm den Fernsprecher vom Haken.
„Hier Pianofortefabrik Lichtenstein & Co - Wer dort? ... Ah, Herr Consolo! Herzlich willkommen in Frankfurt! Ihr Konzert heute abend? Selbstverständlich werde ich Sie beehren, mein Lieber! Zusammen mit meiner Gattin und meiner ältesten Tochter. Bitte? Sie suchen etwas Besonderes? Ich glaube, ich kann Ihnen helfen ... einen Bechstein, wunderbar im Klang, erlesen in der Verarbeitung. Vergangene Woche ausgeliefert ... Ja, ich habe Zeit. Ich erwarte Sie in meinem Kontor. Ende.“
Ein älterer Mann kam herein. „Ich wollte fragen, ob ich zu Tisch gehen kann, Herr Lichtenstein? Frischer Kaffee steht nebenan auf dem Ofen.“
„Danke, Anton. Ich habe gerade mit Herrn Consolo telephoniert. Er logiert im Frankfurter Hof und möchte sich den Bechsteinflügel ansehen.“
Der Auslaufer strich sich über sein schütteres Haar. „Dann werde ich so lange warten.“
Lichtenstein schüttelte den Kopf. „Soll ich dir jeden Tag das gleiche Lied singen, mein Lieber?“
„Sie sollten nicht so oft allein hier sein, Herr Lichtenstein.“
„Deine Sorge um mein Wohlergehen ehrt mich, aber wie du weißt, befinden sich in meinem Kassenschrank in der Hauptsache alte Bücher. Im übrigen pflegen Diebe nicht zu Zeiten zu erscheinen, in denen draußen die halbe Stadt vorbeipromeniert.“
Der alte Auslaufer musterte seinen Chef mit zusammengekniffenen Augen. „Statt den ganzen Tag in diesem zugigen Büro zu stehen, sollten Sie lieber das Bett hüten, Herr Lichtenstein.“
„Ach was“, murmelte der Klavierhändler. „Das bißchen Schnupfen vergeht von allein.“
„Wenn Sie bitte erlauben: Sie sehen aus, als plagte Sie ein wenig mehr als bloß Schnupfen.“
„Dummes Zeug!“
Achselzuckend wandte sich der Auslaufer ab und ging hinaus. Hermann Lichtenstein sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher. Anton Schick stand seit dreiundzwanzig Jahren in den Diensten der Familie Lichtenstein; er war eine treue Seele und neigte zu übertriebener Vorsicht. Und manchmal hatte er diese Art, einen anzusehen, als könne er Gedanken lesen! Der Klavierhändler schaute in den Spiegel, der zwischen zwei Fenstern hing. Die Nase war rot, das Gesicht blaß, die Augen wirkten glasig, aber das konnte man auf die Erkältung schieben. Er zündete eine Lampe an und ging über den Flur ins Lager; vier düstere Räume, in denen sich mehr als einhundert Klaviere, Harmonien und Flügel aneinanderreihten.
Der Bechsteinflügel stand vor einem ungenutzten Kamin im hintersten Zimmer. Das polierte Holz glänzte im Lampenschein. Es zu berühren war ein sinnlicher Genuß. Consolo würde begeistert sein. Hermann Lichtenstein freute sich auf den Besuch des italienischen Pianisten, der nicht nur eine Passion für edle Musikinstrumente hatte, sondern auch kurzweilig zu plaudern verstand. Er setzte sich, und die quälenden Gedanken an Fräulein Zilly verschwanden. Sanft strichen seine Finger über die Tasten aus Elfenbein; die ersten Akkorde von Beethovens viertem Klavierkonzert erklangen. Irgendwo im Haus flog eine Tür ins Schloß. Abrupt beendete Lichtenstein sein Spiel. Ihr Haar hatte geglänzt wie Gold. Und dann hörte die Erinnerung auf. Er schloß den Flügel, daß es an den Wänden widerhallte. Karl Hopf gehörte gevierteilt! Ihn in diese Pfefferhütte zu schleppen! Die Türglocke läutete. Lichtenstein zog seine Taschenuhr hervor. Kurz vor halb eins. Ernesto Consolo war früh dran. Doch es war nicht der italienische Pianist, der Einlaß begehrte.
„Du?“ fragte Lichtenstein erstaunt.
„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich wiederkomme“, entgegnete der Besucher lächelnd. „Wie versprochen, habe ich einen Interessenten mitgebracht.“
Die zweite Person war groß und schlank und stand seitlich im dunklen Flur. „Es tut mir leid“, sagte Lichtenstein. „Im Moment paßt es schlecht, ich habe gleich einen Termin. Wenn du ... Wenn Sie vielleicht heute nachmittag noch einmal kommen könnten?“
„Es dauert nicht lange. Wir möchten uns nur rasch das Piano ansehen, Herr Lichtenstein.“
„Ja. Aber ich habe wirklich nicht viel Zeit.“
„Wir auch nicht“, sagte der Besucher freundlich.
Es war absurd, und es gab nicht den geringsten Grund dafür. Doch Hermann Lichtenstein bekam plötzlich Angst.

* * *

„Das habe ich gern“, schimpfte Richard Biddling. „Sie packen in aller Seelenruhe Ihren Kram zusammen, und ich kann sehen, wo ich bleibe!“
Kriminalwachtmeister Heiner Braun grinste. „Ich habe keine Sorge, daß Sie die Frankfurter Räuber und Mörder in Zukunft auch ohne mich überführen werden, Herr Kommissar.“ Er riß eine Seite aus einem Exemplar der Frankfurter Zeitung und wickelte zwei goldbemalte Kaffeetassen darin ein.
„Wahrscheinlich die neueste Ausgabe“, brummte Richard. „Die ich selbstverständlich noch nicht gelesen habe.“
Heiner nahm die Zeitungsreste. „Hm ja, fast. 17. Januar 1904, Viertes Morgenblatt. Literarisches. Das Mineralreich von Dr. Reinhard Brauns, ordentlicher Professor der Universität Gießen. Der Verfasser der chemischen Mineralogie und der kleinen Mineralogie hat uns ein Werk vorgelegt, das im Vergleich zu den üblichen Handbüchern einen ganz eigenartigen Charakter trägt ...“
„Es reicht.“
„Von chromolithographisch erzeugten Krystallbildern kann man billigerweise nicht überall Vollkommenes erwarten.“ Richard nahm seinem Untergebenen die Zeitung weg. „Wollen Sie mir an Ihrem letzten Tag unbedingt den allerletzten Nerv rauben?“
Heiner sah ihn erstaunt an. „Ich hätte nicht gedacht, daß Sie nach fast zweiundzwanzig Jahren Zusammenarbeit noch einen übrig haben.“
„Es wird Zeit, daß Sie mir aus den Augen kommen, Braun!“
Heiner schloß seine abgewetzte Ledertasche. „Ich hätte einen Antrag auf Verlängerung gestellt. Aber Helena ...“
„Schon gut“, fiel ihm Richard harsch ins Wort. Er haßte Verabschiedungen, vor allem, wenn sie endgültig waren.
„Was die Sache bei Pokorny & Wittekind angeht, bin ich allerdings wie Sie der Meinung, daß da einer tüchtig nachgeholfen hat, um das Ganze wie einen Unfall aussehen zu lassen, Herr Kommissar.“
„Das kann Ihnen jetzt gleich sein.“ Richard gab ihm die Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute.“
„Wenn Sie Zeit haben ... Helena würde sich über einen Besuch freuen.“
„Mhm“, sagte Richard. Sentimentalitäten haßte er noch mehr als Verabschiedungen. Er blätterte in einer Akte.
„Ich war gestern abend noch mal in Bockenheim und habe mir diese Maschine erklären lassen. Der Dampf kann unmöglich von selbst ...“
„Braun! Haben Sie die feierlichen Worte unseres Herrn Polizeirats schon vergessen? Sie sind seit einer Stunde im Ruhestand.“
„Ich würde ...“
„Grüßen Sie Ihre Frau von mir.“
„Ja.“ Heiner nahm seine Tasche und ging zur Tür. Sein von unzähligen Fältchen durchzogenes Gesicht wirkte müde, und Richard wurde klar, daß seinem Untergebenen der Abschied mindestens so schwer fiel wie ihm selbst.
„Glauben Sie ja nicht, daß ich Sie aus der Pflicht nehme. Sollte ich in dieser verflixten Sache Ihren Rat brauchen, werde ich ihn suchen.“
„Danke.“
Richard schlug die Akte zu. „Herrje! Verschwinden Sie endlich!“
Heiner salutierte. „Zu Befehl, Herr Kommissar!“
Richard lachte. Vom Flur drangen Stimmen herein. Ein junger Polizist stürzte ins Büro. Sein Gesicht war rot vor Aufregung. „Herr Kommissar Biddling, Wachtmeister Braun ... Bitte entschuldigen Sie die Störung! Herr Polizeirat Franck läßt unverzüglich alle im Haus befindlichen Männer zu sich befehlen. Soeben ist ein Mord auf der Zeil gemeldet worden!“
Laura Rothe nahm ihren Koffer und schaute sich suchend um. Der Centralbahnhof war viel größer, als sie ihn sich vorgestellt hatte; vielleicht weil die von grauen und dunkelblauen Eisenträgern gestützten Perronhallen durch offengehaltene Wände als Ganzes wirkten. Die Fenster in den seitlichen Umfassungsmauern gaben wirkungsvolles Seitenlicht. Die Gußteile, die die Granitsockel mit den schmiedeeisernen Bögen verbanden, waren mit palmblattähnlichen Ornamenten versehen, die Blechflächen der hohen Bogendächer mit Zierstreifen geschmückt. Es waren die Details, die dem Bauwerk die Bedrohlichkeit nahmen. Überall eilten Menschen hin und her, und im Gegensatz zu Laura schien jeder genau zu wissen, wohin er wollte. Die Bremsen eines einfahrenden Zuges kreischten. Ein Schaffner stieg aus und rief einem Kollegen etwas zu, aber seine Worte gingen im Getöse eines abfahrenden Zuges unter.
„Wo finde ich bitte die Gepäckaufbewahrung?“ fragte Laura einen Jungen in schmuddeligen Hosen, der auf dem Perron saß und sie interessiert musterte.
„Ei, do driwwe.“
„Wie bitte?“
Der Junge stand auf und deutete grinsend zum anderen Ende der Halle. „Dort drüben, gnädigstes Fräulein! Wenn ich bitte Ihne Ihrn Koffer tragen dürfte?“
„Das ist sehr nett, danke. Aber ich trage ihn lieber selbst.“
Der Junge sah sie derart verblüfft an, daß sie lachen mußte. Eine junge Dame, die ohne Begleitung aus einem Zweite-Klasse-Abteil stieg und auf die Dienste eines Gepäckträgers verzichtete, kam sicher nicht alle Tage vor. Laura zeigte zum gegenüberliegenden Bahnsteig, auf dem eine ältere und zwei jüngere Frauen zwischen Koffern und Körben standen. „Ich glaube, die Herrschaften brauchen deine Hilfe nötiger als ich.“
Auf dem Kopfperron und im Vestibül wiesen Schilder den Weg, und zehn Minuten später hatte Laura ihren Koffer aufgegeben. Kurz darauf trat sie auf den Bahnhofsvorplatz hinaus. Nieselregen wehte ihr ins Gesicht. Sie schlug den Kragen ihres Mantels hoch und spannte ihren Regenschirm auf.
„Halt!“
Erschrocken fuhr sie zusammen, als plötzlich zwei mit Säbeln bewaffnete Schutzmänner vortraten, die offenbar rechts und links des Eingangs gestanden hatten. Grimmig musterten sie einen schmächtigen jungen Mann, der in den Bahnhof hineingehen wollte.
„Wer sind Sie? Wohin wollen Sie?“ fragte einer der Beamten in scharfem Ton. Er hatte einen martialischen schwarzen Bart und trug ein goldenes Portepee. Der Mann stotterte etwas Unverständliches.
Laura sah, daß auch die anderen Eingänge von Schutzleuten bewacht wurden, die ohne Ausnahme jeden, der in den Bahnhof hineinwollte, kontrollierten. Was hatte das zu bedeuten? Sie spürte die Blicke des bärtigen Polizisten und ging rasch weiter. Das fehlte noch, daß man sie festhielt oder sogar mit zur Wache nahm. Sie überquerte den Platz und stieß fast mit einem Fahrradfahrer zusammen, der ihr wütend etwas hinterherrief, das sie nicht verstand. Vielleicht wäre es besser, mit der Trambahn zu fahren? Andererseits hatte sie genügend Zeit, und ihr Geld würde sie für wichtigere Dinge brauchen. Außerdem bot der Gang zu Fuß eine erste Möglichkeit, sich in der Stadt zu orientieren. Während der vergangenen Wochen hatte sie alles gelesen, was sie an Informationen über Frankfurt am Main hatte auftreiben können, und sie war gespannt, ob die Bilder in ihrem Kopf mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Die in einem Reiseführer als Prachtboulevard gerühmte Kaiserstraße sah im Regen jedenfalls reichlich trist aus.
Das Trottoir war voller Menschen, die in Gruppen zusammenstanden und durcheinanderredeten. Und dazwischen immer wieder Polizei. Irgend etwas stimmte nicht! Laura wich auf die Fahrbahn aus, um schneller voranzukommen. Als sie den Roßmarkt erreichte, hörte es auf zu regnen. Sie überlegte, ob noch Zeit war, sich das Gutenberg-Denkmal anzuschauen, als ein Automobil an ihr vorbeiknatterte und sie von oben bis unten naß spritzte. Konnte dieser dumme Mensch nicht aufpassen, wohin er fuhr? Vergeblich versuchte sie, mit einem Taschentuch die Flecken aus ihrem Wollmantel herauszureiben. Ein Antrittsbesuch in schmutziger Garderobe! Ihre Mutter würde in Ohnmacht fallen, wenn sie es sähe.
Der Gedanke an zu Hause schmerzte. Es gab Dinge, die für eine junge Dame viel verderblicher waren als ohne Begleitung zu reisen und das Gepäck selbst zu tragen: einen Beruf zu erlernen, dem jüdischen Glauben abzuschwören und mit achtundzwanzig ledig zu sein. Laura steckte das Taschentuch weg und ging weiter. Sie hatte sich all das bestimmt nicht erkämpft, um vor ein paar Wasserflecken zu kapitulieren! Rechts vor ihr tauchte der Turm der Katharinenkirche auf. Als sie näher kam, sah sie vor dem Portal und dem Eingang des danebenliegenden Hauses eine Menschenmenge. Mehrere Schutzleute bemühten sich, sie auseinanderzutreiben.
„Machen Sie Platz!“ rief einer von ihnen, als sich zwei Männer in Zivil näherten. Sie trugen dunkelgraue Tuchmäntel und schwarze Hüte. Der jüngere, ein grobschlächtig wirkender Mensch, stieß die Leute fluchend beiseite, um sich einen Weg zu bahnen, der ältere, der ihn fast um Haupteslänge überragte, folgte wortlos. Keine Frage: Irgend etwas mußte in diesem Haus geschehen sein. Ob das der Grund war, den Bahnhof unter Bewachung zu stellen? Die Uhr an der Katharinenkirche schlug zur vollen Stunde und erinnerte Laura daran, daß Polizeirat Franck sie erwartete.
Sie erreichte die Neue Zeil 60 zehn Minuten vor der Zeit. Das Polizeipräsidium der Stadt Frankfurt war ein dreistöckiger Bau im Stil der deutschen Renaissance und, wie Laura wußte, erst achtzehn Jahre alt. So imponierend das Gebäude von außen wirkte, so zweckmäßig bot es sich dem Besucher von innen dar: die Flure mit schlichten Deckenwölbungen versehen, die Treppen aus Eisen gefertigt. In der Polizeiwache im Erdgeschoß fragte sie nach dem Büro von Herrn Polizeirat Franck. Die beiden Beamten musterten sie ungeniert. Was sie sahen, schien ihnen nicht zu gefallen. „Herr Polizeirat Franck empfängt in seinem Büro keinen Damenbesuch“, sagte der ältere. „Und schon gar nicht ohne vorherige Anmeldung!“
Laura erwiderte seinen Blick ohne Scheu. „Woher, bitte, wollen Sie wissen, daß ich nicht angemeldet bin?“ Sie zog ein Schriftstück aus ihrem Mantel und gab es ihm.
Er las sorgfältig. „Oh, das ... Ich bitte höflichst um Verzeihung, Fräulein Rothe. Ich konnte ja nicht ahnen ...“
„Dürfte ich nun endlich erfahren, wo ich das Büro von Herrn Franck finde?“ wiederholte Laura schärfer als beabsichtigt. „Erster Stock, rechts. Es steht angeschrieben. Aber Sie werden kein Glück haben. Er ...“
„Danke!“ sagte Laura und ging.
Sie war kaum aus der Tür, als der jüngere Beamte losplatzte: „Ist sie das?“
„Sieht so aus.“
„Na, das wird lustig werden.“
Der ältere zuckte mit den Schultern. „Was interessiert´s mich? Solange sie uns nicht in die Parade fährt, ist es mir herzlich egal, ob sie Haare auf den Zähnen hat oder nicht.“
„Die wär´ das erste Weibsbild, mit dem der Heynel nicht fertig wird“, sagte der jüngere grinsend.

* * *

Es gab keinen Grund, anzunehmen, daß Kommissar Biddling in der nächsten Zeit ins Präsidium zurückkehrte. Dennoch wartete Heiner Braun bis kurz nach drei Uhr, bevor er sich entschloß, zu gehen. Ein letztes Mal betrachtete er das nüchtern eingerichtete Büro: Biddlings Schreibtisch mit Federkasten, Tintenfäßchen, Stempeln und Akten darauf, sein eigenes leergeräumtes Stehpult am Fenster, den alten Aktenschrank, den Tisch mit der neuen Schreibmaschine. Eine Underwood mit Radschaltung, sichtbarer Schrift und Tabulator, wie der Kommissar Besuchern gern erläuterte.
Heiner erinnerte sich an seinen ersten Tag als blutjunger Polizeidiener im Polizeicorps der damals noch Freien Stadt Frankfurt und daran, wie stolz er nach der Ernennung zum Kriminalschutzmann auf sein erstes Büro gewesen war, eine zugige Kammer im ehemaligen Präsidium Clesernhof, das längst der Spitzhacke zum Opfer gefallen war. Er hatte seinen Beruf geliebt, und schon drei Stunden nach seiner Pensionierung ließ nichts mehr erahnen, daß er fast achtzehn Jahre in diesem Raum gearbeitet hatte. Er schloß die Tür und ging durch den verwaisten Flur zur Treppe. Es fiel ihm schwer zu akzeptieren, daß er nicht mehr gebraucht wurde. Er dachte an Helena, und sein Gesicht hellte sich auf. Sie brauchte ihn.
„Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wann Herr Polizeirat Franck zurückkehrt?“
Heiner fuhr zusammen. „Bitte ...?“
Eine junge Frau erhob sich von der Holzbank, die in einer Nische neben der Treppe stand. „Sehe ich so schlimm aus, daß Sie sich vor mir erschrecken?“ Sie hatte eine melodische Stimme, ein nicht übermäßig schönes, aber sympathisches Gesicht und trug ein Tuchkleid im Stil der Reformbewegung. Ihr Haar war entgegen der herrschenden Mode zu einem schlichten Knoten geschlungen. Mantel und Hut hatte sie neben sich auf die Bank gelegt.
„Verzeihen Sie, ich war ein wenig in Gedanken“, sagte Heiner.
„Dann bin ich ja beruhigt, Herr ...?“
„Wachtmeister Braun.“
„Laura Rothe“, stellte sie sich vor. „Ich warte auf Herrn Franck. Er hatte mich um halb drei in sein Büro bestellt.“
„Sind Sie die Polizeiassistentin aus Berlin?“
Sie nickte.
„Es tut mir leid, aber Polizeirat Franck ist mit allen verfügbaren Kriminalbeamten zu einem Mordfall unterwegs.“
„Ich vermute, in dem Haus neben der Katharinenkirche? Jedenfalls läßt der Menschenauflauf, den ich auf dem Weg hierher sah, diesen Schluß zu.“ Sie sah ihn neugierig an. „Und warum sind Sie noch hier?“
Die Frage war ein wenig direkt, aber Heiner nahm es ihr nicht übel. Er holte seine Taschenuhr hervor. „Weil ich seit drei Stunden und sieben Minuten pensioniert bin.“
„So alt sehen Sie gar nicht aus!“ Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund und murmelte eine Entschuldigung.
Heiner Braun lachte. „Wenn ich Ihnen als altgedienter Beamter dieses Hauses einen Rat geben darf? Polizeirat Franck schätzt vorlaute Mitarbeiter nicht besonders. Möchten Sie einen Kaffee?“
„Ich dachte, Sie sind pensioniert?“
„Einen Kaffee kochen werde ich schon noch können.“
Zehn Minuten später saßen sie in Richard Biddlings Büro vor zwei dampfenden Tassen. „Ich hatte mir meinen Antrittsbesuch anders vorgestellt“, sagte Laura. „Abgesehen davon, wüßte ich gern, welche Aufgaben mich erwarten.“
„Soweit ich gehört habe, sollen Sie in der Fürsorge eingesetzt und Kriminaloberwachtmeister Heynel zugeteilt werden, Fräulein Rothe.“
„Ich hoffe doch sehr, über die Fürsorge hinaus auch die anderen Tätigkeitsfelder der Kriminalpolizei kennenzulernen. Erzählen Sie mir von ihm.“
„Bitte?“
„Wachtmeister Heynel - was ist er für ein Mensch?“
Heiner lächelte. „Warum interessiert Sie das?“
„Ich weiß gern, mit wem ich es zu tun habe.“
„Er neigt zu ... Nun ja, wie soll ich sagen? Er hat zuweilen eine etwas einnehmende Art.“
„Sie mögen ihn nicht“, stellte Laura fest.
„Ich kenne ihn kaum. Darf ich fragen, warum Sie ausgerechnet diesen ungewöhnlichen Beruf gewählt haben?“
„Die Aussicht, mein Leben in den philiströsen Verhältnissen von Kontor und Küche zuzubringen, gefiel mir nicht.“ Als sie Heiners verständnislosen Blick sah, fügte sie hinzu: „Ich habe drei Jahre als Korrespondentin und Buchhalterin in der Firma meines Vaters gearbeitet.“
„Ihr Herr Vater war sicher nicht angetan von Ihrem Berufswechsel.“
„Mein Vater glaubt, ich bin in Berlin.“ Sie sagte es in einem Ton, der jede weitere Frage verbat. Sie trank ihren Kaffee aus. Heiner ging hinaus, um die Tassen zu spülen. Als er zurückkam, saß sie an Biddlings Schreibtisch und blätterte in der Akte Pokorny & Wittekind.
„Kommissar Biddling wird nicht erfreut sein, wenn Sie ungefragt in seinen Akten lesen!“
Sie stand sofort auf. „Entschuldigen Sie. Ich habe nicht nachgedacht.“
Heiner wickelte die Tassen wieder in Zeitungspapier ein.
„Die hat eine Frau ausgesucht“, stellte Laura fest.
„Bitte?“
„Ihre Kaffeetassen! Die haben Sie von einer Frau bekommen, oder?“
„Mhm. Es dürfte wenig Sinn haben, weiter auf Polizeirat Franck zu warten. Am besten hinterlegen Sie auf der Wache Ihre Adresse und bitten um Nachricht, wann er Sie empfangen kann.“
„Leider habe ich noch keine Adresse. Und außerdem nicht das geringste Verlangen, mich ein weiteres Mal mit diesen beiden unhöflichen Beamten dort unten abzugeben.“
Heiner Braun mußte lachen. „Sie erinnern mich an eine junge Dame, mit der ich vor vielen Jahren zusammengearbeitet habe.“
Sie sah ihn verblüfft an. „Man sagte mir, daß ich die erste Frau bin, die in Frankfurt in den Polizeidienst eintritt.“
„Die junge Dame, von der ich spreche, war genötigt, sich in einen jungen Mann zu verwandeln. Und es hat vier Jahre gedauert, bis ich es gemerkt habe.“
„Sie haben sie dafür bewundert.“
„Ja.“
„Lassen Sie mich raten: Die Kaffeetassen sind von ihr.“
„Wie ...?“
„Sie gehen so sorgsam damit um, als ob sie eine besondere Bedeutung für Sie hätten. Was ist aus Ihrer heimlichen Mitarbeiterin geworden?“
„Kommissar Biddlings Gattin.“
„So etwas Dummes passiert mir nicht!“
„Was, bitte, ist daran dumm, wenn zwei Menschen ...“
„Nichts!“ fiel ihm Laura ins Wort. Sie nahm ihren Mantel und ihren Hut. Heiner schloß die Tür ab und legte den Schlüssel auf den Rahmen. Laura folgte Heiner bis zur Treppe und setzte sich wieder auf die Bank.
Heiner lächelte. „Sie werden vergebens warten, Fräulein Rothe.“
„Lassen Sie das bitte meine Sorge sein.“
„Es gibt eine Art von Mut, die der Starrköpfigkeit recht nahe kommt, gnädiges Fräulein. Ich wünsche Ihnen viel Glück.“
Sie schluckte. „Könnten Sie mir vielleicht ein gutes Zimmer empfehlen? Allerdings ... Es dürfte nicht allzu teuer sein. Meine Mittel sind begrenzt.“
„Wenn Sie keine besonderen Ansprüche an den Komfort stellen, fragen Sie im Rapunzelgäßchen 5.“
„Ich lege Wert auf ein untadeliges Haus.“
„Für den Leumund der Wirtin verbürge ich mich.“
„Ach ja?“
„Sie ist meine Frau.“
Bevor Laura etwas erwidern konnte, war er gegangen.

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