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Gernot Schönfeldinger

Ein Schriftstelleur hat's schwör oder Das unstete Leben der Lektoren

Buchverlage sind, entgegen anderslautenden Meinungen, überhaupt nicht neugierig darauf, daß ihnen selbsternannte Nachwuchsautorinnen und -autoren irgendwelche vollgekritzelten Papierstöße zusenden, die sie in grenzenloser Selbstüberschätzung als Buchmanuskripte bezeichnen. Nein, die Verlage fördern und pflegen lieber Altbewährtes, wobei diese Vorgangsweise die Frage im Raum stehenläßt, wie es dazu kam, daß ehemals auch jung, neu und unbekannt Gewesenes überhaupt die Chance bekam, sich zu bewähren. Vermutlich liegt es daran, daß die Verlage damals wie heute den Papierwust von ihren Lektorinnen und Lektoren zumindest oberflächlich beschnüffeln lassen, in dem Bewußtsein, daß die Hausautoren unverschämterweise und entgegen allen vertraglichen Vereinbarungen eines nicht mehr allzu fernen Tages unter der Erde liegen werden. Dann ist es zu spät, mit der Nachfolgersuche zu beginnen.
Daß die hoffnungsfrohen Autoren arme Schweine sind, steht jedenfalls außer Zweifel. Aber auch die Lektoren haben, bei näherer Betrachtung, in ihrem Dasein wenig zu lachen, sind sie doch schlecht bezahlt und müssen sich für das Wenige ihre Augen und ihre Nerven ruinieren. Die Nerven deshalb, weil natürlich vieles von dem, was ihnen vorgelegt wird, von eher zweifelhafter Qualität ist, und kaum haben sie ein Manuskript vom Tisch, liegen zwei neue in der Post.
Nichtsdestotrotz finde ich, daß sich viele von ihnen zu sehr gehen lassen und ihr Leben offensichtlich nicht im Griff haben. Ich schließe dies aus dem rein äußerlichen Zustand der Manuskripte, die ich selber schon eingeschickt und von einem mehr oder weniger freundlichen Brief begleitet wieder zurückbekommen habe.
Punkt 1: Sie rauchen zuviel, das riecht man sofort beim Öffnen des Kuverts, wobei Frau A. vom Verlag M. Zigarren den Zigaretten vorzieht. Es müssen übrigens ganz schöne Kaliber sein, denn immerhin paßt durch das Brandloch auf Seite 23 meines Manuskripts locker eine Zehn-Schilling-Münze.
Grundsätzlich habe ich es mir angewöhnt, Rücksendungen von Verlagen nur im Freien zu öffnen. Es genügt, daß die herausrieselnde Asche mir einmal meinen Teppich versaut hat.
Punkt 2: Sie trinken zuviel - und nicht nur Kaffee; das sieht man an den Rändern und Flecken auf dem Papier. Beliebt sind Wein (roter mehr als weißer) und Kognak. Bier in größeren Mengen ist im Kommen. Mein Manuskript vom Verlag S. ist ab Seite 136 nahezu unleserlich und stinkt impertinent nach abgestandenem Gerstensaft. Was ich aber überhaupt nicht vertrage, ist dieser picksüße Kirschlikör, mit dem Frau H. ihre Gehirnwindungen und 24 Manuskriptblätter verklebt hat.
Punkt 3: Sie ernähren sich traditionell und somit ungesund, das beweisen die zahllosen nach Butter, Bratöl, Fleischschmalz und Grammeln riechenden Fettflecken. Eines meiner Manuskripte ist stichflammenartig in Rauch aufgegangen, als ich es in der Nähe einer brennenden Kerze abgelegt habe. Weit vernünftiger ist Frau L., die Fisch in zahlreichen Variationen zuspricht. Freilich wäre es mir lieber, wenn sie ihn in Zeitungspapier und nicht in mein Manuskript eingewickelt hätte. Und auch der gebratene Tintenfischfangarm war nach dem Posttransport eher unappetitlich.
Punkt 4: Sie verwenden billige Parfums und Deos und gehen äußerst verschwenderisch damit um. Besonders beliebt sind Produkte der Richtung Duftbäumchen und WC-Ente. Herr F. hingegen scheint sein Rasierwasser eigenhändig aus der Sickergrube zu schöpfen.
Punkt 5: Sie führen ein zügelloses, unmoralisches Leben. Ich möchte gar nicht darüber sprechen, welche Arten von Flecken ich sonst noch auf meinen zerknitterten Blättern gefunden und welche Rückschlüsse ich daraus gezogen habe. Spannend ist es allerdings schon, wenn ich untrüglich ein Zusammentreffen mehrerer mir schon bekannter Flecken und Duftnoten in einem Manuskript feststelle. Na ja, man kennt sich halt in der Branche.

So, jetzt habe ich es vermutlich geschafft, sämtliche Lektorinnen und Lektoren dieses Universums gegen mich aufzubringen. Kein Wunder, daß ich keinen Verlag finde, der meine Texte abdrucken möchte. Aber bevor ich speichelleckend zu Kreuze krieche bleibe ich lieber mein eigener Verlag, und mein eigener Lektor. - Da fällt mir ein, ein Krügel Bier und ein Schmalzbrot wären jetzt genau das Richtige ...

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