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Gernot Schönfeldinger

Grausame Grüße

(aus: "Schaufeldüngers Weltsicht. Satirische Betrachtungen über Gott und die Welt und die Wesen, die darin ihr Unwesen treiben.")

Zu den heimtückischsten und grausamsten menschlichen Erfindungen zählen zweifellos die Ansichtskarten. Entworfen von einem garantiert hochgradig perversen Sadisten, haben sie sich wie eine Seuche über die ganze Welt ausgebreitet. Hinter dem bunten, verlogenen Schein der Vorderseite verbirgt sich heimtückisch ihr einziger Zweck: Das Quälen der Schreibenden wie der damit Beglückten.
Kaum jemand kann sich dem entziehen, denn es findet sich immer jemand, den die gewollt stimmungsvollen Schwülstigkeiten in den beim Drehen aufmunternd quietschenden Kartenständern dazu verleiten, zumindest eine davon mit Urlaubsgrüßen, Adresse und Marke zu versehen und in den Briefkasten zu werfen (selten aber doch geschieht es freilich aus Bosheit oder Angeberei).
Meint es das Schicksal gut mit einem, so geht die Karte auf dem Postweg verloren und endet als Blindgänger in irgendeinem stinkenden Abfallhaufen zwischen hier und Feuerland - ganz so, wie sie es verdient hat. Meist aber klappt die Zustellung selbst aus den entlegensten Weltgegenden, wodurch ein praktisch unaufhaltsamer Kreislauf in Gang kommt. Der Erhalt von Urlaubsgrüßen setzt nämlich den Empfänger unter Zugzwang; denn nun ist es an ihm, sich beim Absender - sei es Freund, Bekannter oder Erbtante - persönlich zu melden.
Dieser Verpflichtung kann er sich nur entziehen, indem er innerhalb vertretbarer Zeit selbst auf Urlaub fährt, mit der alleinigen Absicht, Ansichtskarten zu verschicken. Eine elegante, wenn auch teure Lösung, die jedenfalls den Vorteil hat, das Lästig-Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.
Was folgt, ist absehbar: Die Adressaten geraten ihrerseits unter Druck, und da sie so rasch keinen weiteren Urlaub antreten können, müssen sie wohl oder übel zum Telefonhörer greifen. Tun sie es nicht, ist es ihre Schuld, daß man so lange nichts voneinander gehört hat.
Die Sache klingt hier noch relativ einfach. Sie kann sich aber rasch zu einem gewaltigen Problem auswachsen: In der Regel ist es ja nicht nur eine einzige Person, von der man im Laufe eines Jahres Ansichtskarten zugeschickt bekommt, sondern - da jede von ihnen im Kreislauf gefangen ist - mehrere bis etliche. In Extremfällen sind es so viele, daß sich die bedauernswerten Empfänger nicht mehr anders zu helfen wissen, als die wichtigsten 300 bis 400 Adressen im Computer zu verwalten und vor Reiseantritt auf Etiketten auszudrucken. Aber auch Kopiergeräte leisten diesbezüglich gute Dienste. Wehe jenen, die keinen Zugang zu solchen Hilfsmitteln haben! Im Grunde können sie nur noch ihre Identität wechseln, in eines der wenigen von der Post noch nicht erschlossenen Gebiete der Erde auswandern oder sich eine Kugel in den Kopf schießen. Die Nachrede wird in allen Fällen eine schlechte sein - aber immer noch leichter zu ertragen, als ein normales Weiterleben, ohne ihren Verpflichtungen nachgekommen zu sein.
Zu einer solchen Ausnahmesituation wird es unter gewöhnlichen Umständen freilich nicht kommen, sodaß man als Durchschnittsbürger damit rechnen kann, die Karten innerhalb von nur drei bis vier Tagen und Nächten geschrieben, frankiert und abgeschickt zu haben, den restlichen Urlaub doch noch auf erholsame Weise zu verbringen und als weiterhin lebendiges, angesehenes und nicht enterbtes Mitglied der Gesellschaft nach Hause zurückkehren zu können.

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