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Gernot Schönfeldinger

Die Arbeit hoch!

Stolz und glücklich saß Schaufeldünger an seinem neuen Schreibtisch. Endlich hatte er es geschafft: Mit heutigem Datum war er gewissermaßen vom Lakaien zum Herrn aufgestiegen, war aus einem besseren Laufburschen, der gegen Honorar niedere Arbeiten verrichtete, ein richtiger Angestellter mit regelmäßigem Gehalt, Urlaubsanspruch und zahlreichen Vergünstigungen geworden. Endlich konnte er sich den wirklich wichtigen Aufgaben widmen.
Also inspizierte er zunächst den Inhalt seiner Schreibtischschubladen. Mit kindlicher Freude holte er einen Bleistift, zwei Kugelschreiber, einen Radiergummi, einen Locher und eine Heftmaschine hervor. Alles nagelneu! Während er den Bleistift genüsslich Probe kaute, testete er die Kugelschreiber auf ihre Zeichentauglichkeit. Bald hatte er ein ganzes Blatt seines gleichfalls neuen Schreibblocks mit Mustern, geometrischen Formen und Strichmännchen gefüllt. Dann begann er sorgsam die Ränder rundum zu lochen, ohne dass das Papier zwischen zwei nebeneinander liegenden Löchern einriss. Zufrieden betrachtete er sein Werk, faltete das Blatt exakt in der Mitte und trieb mit kräftigen Fausschlägen drei Heftklammern hinein.
Nun zog er seinen größten Schatz hervor: Einen Block dieser gelben Haftnotizzettelchen, für die er schon immer geschwärmt hatte. Er riss eines davon ab, klebte es auf das Papier und schrieb schwungvoll „Zur Erledigung“ darauf. Schließlich warf er das Ganze in den Papierkorb. Eben wollte er sich dem kunstvollen Biegen einer Büroklammer widmen, als sein Blick auf die Uhr fiel: Zeit für den Vormittagskaffee!
Rund um die Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum, zu dem nur die Angestellten Zutritt hatten, herrschte bereits Hochbetrieb. Schlürfend, rauchend und schwatzend standen sie da, während draußen die Honorarempfänger atemlos in alle Richtungen hetzten. Als sich die Versammlung eine halbe Stunde später allmählich aufzulösen begann, kehrte Schaufeldünger nicht direkt an seinen Schreibtisch zurück, sondern suchte zunächst einmal die Toilette auf. Er bildete sich nämlich ein, dass sich seit dem zwei Stunden zurückliegenden Beginn seiner sitzenden Tätigkeit eine gewisse Darmträgheit eingestellt hatte, der er unbedingt entgegenwirken wollte. Also saß er eine weitere halbe Stunde rauchend auf dem WC und konzentrierte sich auf die Stoffwechselvorgänge in seinem Inneren – bis ihm plötzlich einfiel, dass er etwas Wichtiges vergessen hatte!
Hektisch brach er seinen Versuch ab und eilte zum Schreibtisch. Im ansonsten leeren Posteingangskistchen lag ein sorgfältig in Folie eingeschweißtes Blatt Papier: Der Wochenspeiseplan der Kantine. Nur noch zehn Minuten Zeit zur Bekanntgabe des heutigen Menüwunsches! Und das, wo er sich so schwer zwischen Wienerschnitzel und gebackener Scholle entscheiden konnte! In seiner Unschlüssigkeit und im Bestreben, den Koch nicht schon am ersten Tag zu verärgern, kreuzte er schließlich das vegetarische Menü an und war danach völlig unglücklich über seine Wahl. Bis zum Mittagessen tat er nichts anderes mehr, als sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welch schreckliche Dinge ihn unter der Bezeichnung Grünkernlaibchen erwarten würden.
Die Realität war grauenvoller als jegliche Vorstellungskraft. Während er in seinen unansehnlich-schimmelfarbigen, trockenen Laibchen herumstocherte, fiel ihm auf, wie seine Kolleginnen und Kollegen ihre Schnitzel und Fische in demonstrativem Abstand von ihm verschlangen. Manche Dinge musste er wohl noch in den Griff bekommen, aber schließlich war es nicht so einfach, von heute auf morgen ein Angestellter zu werden.
Glücklicherweise wurden in der Kantine Manner-Schnitten feilgeboten. Schaufeldünger deckte sich mit drei Packungen ein und begab sich – nach einem diesmal nicht vergeblichen Umweg über die Toilette – an seinen Schreibtisch, um die Köstlichkeiten mit Genuss zu verspeisen. Er liebte es, eine Schicht nach der anderen freizulegen. Zuerst die Deckwaffel, dann die Haselnusscreme, dann wieder eine Waffel und so weiter und so fort. Eine Stunde später war der Inhalt der drei Packungen aufgezehrt und Schaufeldünger verspürte auf einmal die drohende Leere der Untätigkeit. Die Rettung erschien in Gestalt einer Kollegin, die ihn daran erinnerte, dass die erste Nachmittagskaffeerunde überfällig sei. Schaufeldünger war über ihr Erscheinen doppelt froh, denn offenbar hatte man ihm auch seinen Fauxpas mit den Grünkernlaibchen verziehen.
Als er später an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, erschrak er: In seinem Posteingangskistchen lag ein offiziell aussehendes längliches Briefkuvert! Damit hatte er an seinem ersten Tag und zu dieser fortgeschrittenen Stunde nicht mehr gerechnet. Üblicherweise war doch hier – wie er in den vergangenen Jahren neidisch beobachtet hatte – nach dem Mittagessen nichts mehr los.
In angemessenem Abstand umkreiste er das Posteingangskistchen und versuchte auszumachen, worum es sich bei dem Schreiben handelte. Von außen war aber nicht einmal ein Absender zu erkennen, er musste es wohl zur Hand nehmen. Davor brauchte er jedoch eine Zigarettenpause!
Die halbe Belegschaft hatte offenbar das gleiche Bedürfnis verspürt, denn der Aufenthaltsraum war gut besucht – irgendwie musste man sich ja die Zeit bis zur dritten Kaffeepause vertreiben. Doch während die anderen sich gut gelaunt über den nahenden Feierabend unterhielten, kreisten Schaufeldüngers Gedanken fortwährend um das Schriftstück in seinem Kistchen. Die Abneigung, heute noch an den Schreibtisch zurückzukehren, wuchs. Andererseits wollte er es unbedingt vermeiden, aufzufallen – weder im positiven noch im negativen Sinne. Er wollte in den nächsten 30 Jahren einfach nur still die wirklich unvermeidliche Arbeit erledigen und dann reibungslos in die Pension hinübergleiten. Und da es sich bei besagtem Schriftstück vermutlich um unvermeidliche Arbeit handelte, die man nicht an einen Honorarempfänger delegieren konnte, musste er jetzt in sein Zimmer gehen und die Sache hinter sich bringen – selbst wenn er deswegen die Kaffeepause versäumen sollte. Entschlossen verließ er den Aufenthaltsraum und eilte mit großen Schritten zur Toilette. Die bevorstehende Aufgabe ließ sich mit leerer Blase leichter bewältigen, meinte er. Dann war es so weit: Er stand vor dem Posteingangskistchen...zögerte einen Moment...griff plötzlich zu und ließ das Kuvert wie eine heiße Kartoffel auf den Schreibtisch fallen. Misstrauisch beäugte er es von der Seite. Die Lasche war nicht zugeklebt, der Inhalt ragte ein Stück weit heraus. Da erkannte Schaufeldünger das Firmenlogo und atmete kurz auf. Wenigstens kam es nicht von außen von irgendeinem lästigen Kunden, sondern war ein internes Schreiben. Beruhigt sein konnte er freilich noch nicht, denn auch von Seiten der Firma selbst drohten mitunter unerfreuliche Überraschungen, die durchaus in Arbeit ausarten konnten. Nervös fingerte er das Blatt Papier aus dem Kuvert und faltete es auseinander. Eine Einladung zum Betriebsausflug! Die Kaffeepause war gerettet!
Nun schmeckte Schaufeldünger der Kaffee besonders gut. Genussvoll schlürfte er Schluck für Schluck und sah einem geruhsamen Feierabend entgegen. Fast wäre ihm dabei entgangen, dass es nur noch 15 Minuten bis zum offiziellen Büroschluss waren. Rasch ging er in sein Zimmer und räumte den Schreibtisch auf. Nachdem er heute nicht mehr dazu gekommen war, legte er als Vorbereitung für morgen zwei Büroklammern zur Seite, die er am Vormittag zu kunstvollen Figuren biegen wollte. Zuerst würde er allerdings in Ruhe die Menüwahl treffen und sich ein wenig um seinen trägen Stoffwechsel kümmern.
Auf der Straße angelangt, drehte Schaufeldünger sich um, betrachtete zufrieden das Bürogebäude und freute sich schon auf die kommenden 30 Jahre.

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