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Dagmar Garbe

Emily

Die Mitteldecke lag schief. Emily schüttelte den Kopf, legte sie erneut auf den cremefarbenen Damast. Rückte sie gerade, strich die alten Spitzen glatt. Überprüfte die Sofakissen auf den scharfen Mittelknick. Stellte sich an den Türrahmen, ließ die Stimmung des festlich gedeckten Tisches auf sich wirken. Emily war sehr zufrieden.

Mittwochs um halb vier blühte Emily auf. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, um sich hübsch zu machen. Seit sie das Haus nicht mehr verlassen konnte, war das Kaffeestündchen der schönste Teil ihres Lebens.

Emily entschied sich für das dunkelbraune Samtkleid. Knöpfte den chamoixfarbenen Spitzenkragen an das hohe Halsbündchen. Darin hatte René sie immer am liebsten gesehen. Ach, ja, René. Als Emily das Kaffeestündchen ins Leben rief, war René eine wundervolle Bereicherung. Er mischte sich niemals in Damengespräche ein. Spielte im Hintergrund leise Melodien am Flügel. Manches Mal meinte Emily, kleine Anzeichen der Belustigung in seinen Augen zu sehen. Als René am Mittwoch vor einem dreiviertel Jahr nicht pünktlich erschien, wußte sie, daß er nie wiederkommen würde. Es bestätigte sich zwei Tage später in der Tageszeitung.

Es klingelte. Pünktlich, wie immer, freute sich Emily. Herr Warnecke lieferte die Cremeschnittchen und Pralinés. Akzeptierte Emilys Wunsch, den Karton vor die Wohnungstür zu stellen. Verstand ihre Ängste vor fremden Menschen. So tauschten sie Mittwochs Geld unter dem Abtreter gegen Konditorkünste.

Emily brachte das Päckchen in die Küche. Kicherte. Änne würde sicher wieder essen, bis ihr übel war. Und Rosalie sich vor jedem Stück zieren. Kein Wunder, daß sie bei ihrer ganzen Ziererei eine alte Jungfer geblieben war. Dabei glühten ihre Wangen, wenn Änne ihre häufigen Affären wiederkäute. Je mehr Rosalie sich zierte, gar empörte, um so männermordender wurden Ännes Geschichten. Wenn Änne erzählte, leuchteten auch Renés Augen. Emily hat nie herausbekommen, ob er auch ein „Opfer“ Ännes war.

Vier Uhr. Änne und Rosalie waren da. Saßen erwartungsvoll im Eßzimmer. Emily brühte den Kaffee zu Ende, hängte den schwammigen Schmetterling zum Tropfen Fangen an die Tülle, servierte. Setzte sich fröhlich dazu. Erst gab es ein Likörchen, das lockerte die Stimmung. Emily hielt dieses Kaffeestündchen schließlich seit über einem Jahr. Sie hatte Erfahrung gesammelt. Punkt achtzehn Uhr beendete Emily stets die Geselligkeit. Mehr Kraft hatte sie nicht mehr. In sieben Tagen war schließlich wieder Mittwoch.

Herr Warnecke lieferte. Schaute unter dem Abtreter nach seinem Geld. Nichts. Herr Warnecke klingelte. Einmal. Mehrfach. Er benachrichtigte die Polizei.

Sie fanden Emily neben der zerbrochenen Kaffeekanne in der Küche. „Zirka seit einer Woche,“ sagte der gerufene Gerichtsmediziner. Aus dem Eßzimmer rief er: „Und diese Zwei etwa ein Jahr!“

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