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Christoph Aistleitner

Abends

Es war bereits spät und Heinrich Mahringer bereitete sich soeben vor schlafen zu gehen als es an der Türe läutete. Verwundert ging er zur Tür und blickte durch den Türspion. Vor der Türe zu seiner Wohnung standen zwei Männer, beide vielleicht dreißig Jahre alt, und warteten geduldig. Er dachte kurz nach. Nein, diese beiden Herren hatte er noch nie gesehen.
Er hielt kurz inne, dann öffnete er langsam die Türe. Die beiden Herren zeigten keinerlei Anzeichen von Ungeduld. Einer war in einen schwarzen Anzug gekleidet, mit schwarzer Masche, der Andere wirkte nicht ganz so elegant, er trug einen hellgrauen Anzug zu einem hellroten Hemd. “Ja, bitte”, fragte Herr Mahringer etwas barsch, der Uhrzeit aber durchaus angemessen, wie er meinte.

“Sehen Sie, wertester Herr Mahringer, wir wollten Ihnen nur eine Frage stellen, sagen Sie nur schnell, wie viel wäre Ihnen wohl das Leben dieses Mannes wert?”, sagte der Herr im schwarzen Anzug, und er machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Mannes im weißen Anzug, der sich wohl keine zwanzig Zentimeter von ihm entfernt befand und unbeteiligt geradeaus blickte.
“Ich verstehe nicht ganz”, begann Herr Mahringer, “was wollen Sie denn, nein, ich verstehe nicht, ...”.

“Sehen Sie”, erklärte der Herr im schwarzen Anzug, “es soll sich ja auch gar nicht um eine bedeutende Summe handeln, keine Sorge, sagen Sie nur bitte, was ist Ihnen denn das Leben dieses Mannes wert?”
“Mein Leben”, bekräftigte der Mann im weißen Anzug, der bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte.

“Aber ich habe doch schon gespendet”, erklärte Herr Mahringer, “für die Caritas und für die Krebshilfe, mehr kann ich wirklich nicht geben, ich bin doch schon ein alter Mann…“, und er wollte schon die Türe schließen.
“Nein, Sie verstehen nicht”, beeilte sich der Mann im schwarzen Anzug klarzustellen, “wir sammeln nicht für eine solche Organisation, es geht hier nur um uns beide”, und er machte wieder mit dem Kopf eine kurze Bewegung nach dem anderen Mann hin, “oder vielleicht”, fügte er nach kurzer Pause hinzu, “geht es auch nur um mich allein, ich kenne ja diesen Herrn nicht.”.
“Sie müssen schon erklären worum es sich handelt”, versuchte Herr Mahringer sich Klarheit zu verschaffen, “denn wieso sollte ich denn etwas spenden wenn sie mir noch nicht einmal erklären wofür, und schließlich habe ich auch schon gespendet...”
“Sehen Sie, die Sache ist die Folgende”, erläuterte der Mann im schwarzen Anzug, “wenn Sie eine angemessene Summe zu geben bereit sind werde ich das Leben dieses Mannes verschonen; andernfalls sehe ich mich gezwungen ihn zu erschießen.”, und bei diesen Worten nahm er die Hand aus der linken Anzugtasche, und in dieser Hand befand sich eine Pistole.
“Ihn erschießen? Aber doch nicht hier vor meiner Türe?” Herr Mahringer war entsetzt.
“Keine Sorge”, beeilte sich der Herr im schwarzen Anzug klarzustellen, “ Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, ich würde ihn natürlich an einem ruhigen diskreten Ort erschießen, ich möchte Ihnen doch keine Unannehmlichkeiten bereiten.”
“Das soll doch wohl ein schlechter Scherz sein?” Herr Mahringer begann wütend zu werden.
“Keineswegs”, antwortete der Herr im schwarzen Anzug, “das ist mein voller Ernst, todernst, gewissermaßen. Aber sagen Sie doch, Herr Mahringer, denn wissen Sie, diese peinliche Situation ist schließlich auch uns beiden unangenehm, wie viel wären Sie wohl bereit für das Leben dieses Mannes zu bezahlen?”
“Ich weiß nicht recht”, murmelte Herr Mahringer verlegen, “vielleicht zehn Euro etwa...” Der Mann im schwarzen Anzug blickte erstaunt, und auch der Mann im weißen Anzug schien ein wenig erschrocken, und so beeilte sich Herr Mahringer zu verbessern: “Zwanzig Euro, natürlich, zwanzig Euro, es sind doch schreckliche Zeiten, das verstehen die Herren doch ”, und er machte eine entschuldigende Geste in Richtung des Herren im weißen Anzug.
Schritte waren zu hören auf der Treppe. Es war der alte Herr Patrak, Herrn Mahringers Nachbar. Herr Patrak blieb auf der obersten Stufe stehen und blickte in die Runde.
“Guten Abend, Herr Patrak”, beeilte sich Herr Mahringer zu sagen, und der Mann im schwarzen Anzug grüßte freundlich. Herr Patrak machte eine Bemerkung übers Wetter und verschwand in seiner Wohnung und Herr Mahringer stelle mit Ärger fest, dass Herr Patrak wieder einmal das Licht beim Verlassen seiner Wohnung nicht abgeschaltet hatte, denn es brannte immer noch, Herr Mahringer konnte es genau erkennen, in der kurzen Sekunde zwischen Öffnen und Schließen der Tür.

“Aber bedenken Sie doch”, sprach der Mann im schwarzen Anzug nach einer kurzen Pause, “es handelt sich doch immerhin um das Leben dieses Mannes, ein junger gesunder Mensch, keine dreißig Jahre alt”, und der Mann im weißen Anzug wiederholte bekräftigend “Mein Leben”. “Verstehen sie bitte meine Lage”, rechtfertigte sich Herr Mahringer, “ich bin nicht reich, und ich kenne diesen Mann nicht”, und er deutete mit der Hand auf den Herrn im weißen Anzug, “wenn es doch wenigstens ein Verwandter wäre, oder doch zumindest ein Freund oder ein Bekannter, oder allerwenigstens ein Arbeitskollege, oder eine Berühmtheit, ein Politiker oder Schauspieler, aber diesen Mann kenne ich doch gar nicht …“ “Bedenken Sie doch”, sagte der Herr im schwarzen Anzug, höflich, aber bestimmt, “es handelt sich um Leben und Tod, ich hatte gedacht, nun ja”, und er wurde verlegen, über Geld spricht man nicht, das ist ja bekannt, “ich hatte gedacht vielleicht zehntausend Euro oder doch zumindest fünftausend oder...”
“Nein”, unterbrach Herr Mahringer erschrocken, “Nein, verstehen sie, ich habe schon gespendet, zweimal, und die Wirtschaft, sie verstehen...”

“Nein”, sagte der Mann im schwarzen Anzug, und er klang etwas verärgert, “Herr Mahringer, ich hatte Sie falsch eingeschätzt, ich sehe mich gezwungen diesen Herren zu erschießen, entschuldigen Sie die Störung, es wird nicht wieder vorkommen”, und, an der Herrn im weißen Anzug gewandt, “Kommen Sie bitte, wir gehen”.
“Einen schönen Abend wünsche ich noch”, verabschiedete er sich freundlich, und Herr Mahringer sagte “Auf Wiedersehen”, und dann gingen die beiden Herren die Treppe hinab, und Herr Mahringer hörte noch einige Zeit das Klappern der Schuhe auf der Stiege und dann ging die Haustüre auf und wieder zu und danach war es ruhig.

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