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Christian Halfmann

Geheimnisse

Ein neuer Tag in Arapek, der größten Stadt des Mittelkontinents, hatte begonnen. Auf den Straßen war noch nicht viel los, da erst in seinen Anfängen war. Es war noch früh. Das große Treiben würde erst in einer Stunde beginnen.
Joris schlenderte gemütlich durch die schmutzigen Straßen. Wie jeden Morgen. Für ihn war es ein Tag wie jeder andere. Joris war mitte 30 und hatte braune Haare. Er lief leicht nach vorne gebeugt und sein Bauch war deutlich zu erkennen. Ob eins mit dem anderen zusammenhing konnte man nicht sagen. Seine Kleidung war ordentlich, auch wenn sie keinen guten Geschmack erkennen ließ. Seine durch und durch graue Kleidung - von der Hose bis zum Hemd - ließ ihn viel älter wirken, als er in Wirklichkeit war. Die Wollweste, die er trug, konnte ihm da auch nicht drüber hinweghelfen. Die schwarzen frisch geputzten Stiefel waren in Ordnung.
Wie jeden Morgen - und das mittlerweile schon 5 lange Jahre lang - war Joris auf dem Weg zum Bäcker. Nach nur circa 5 Minuten Fußmarsch hatte er den Laden erreicht - wie all die Jahre zuvor. Borek, der Besitzer des Ladens und der Bäcker, war gerade dabei seine Stube zu öffnen. Er konnte sich auf Joris verlassen. Er wußte, daß sobald Joris, sein treuster Kunde, kam, dann war es auch an der Zeit den Laden zu öffnen.
"Einen schönen guten Morgen, Joris. Pünktlich wie immer", sagte Borek und hielt Joris die Ladentür auf.
Borek war ein guter Bäcker und das wußte er auch. Seine eigene Überzeugung konnte man auch an seinem Bauchumfang messen. Er war nämlich etwas füllig und seine weiße Bäckersuniform paßte ihm nicht mehr so ganz wie es ursprünglich vorgesehen war.
"Guten Morgen, Borek", entgegnete Joris, während er die Bäckerei betrat. Hinter ihm kam sofort Borek herein und begab sich dann auch anschließend hinter die Theke.
"Was darfs denn sein, Joris", fragte Borek.
Diese Frage hätte er sich eigentlich sparen können, denn darauf gab es sowieso nur eine Antwort und er kannte sie. Joris kaufte nämlich immer dasselbe. Das hatte sich Borek schon gemerkt und außerdem legte er es auch direkt jeden Morgen bereit. Aber es war einfach Tradition einen Kunden solch eine Frage zu stellen und es gehörte genauso dazu wie das Mehl zum Brot.
"Zwei Maisbrote bitte", verlangte Joris - wie zu erwarten war.
Maisbrote waren Boreks Spezialität und es gab sie sonst nirgendwo in Arapek zu kaufen. Joris schmeckten sie einfach köstlich, also kaufte er sie immer.
Borek griff unter die Theke, holte die eingepackten Brote hervor und reichte sie Joris.
"Und, wie läuft das Geschäft ?" fragte Joris, nachdem er sich die Brote unter den Arm geklemmt hatte.
"Gut, die Leute brauchen immer Brot. Und gutes Brot gibt es bei Borek", antwortete er selbstbewußt.
Da hatte er auch recht, denn sein Brot war wirklich gut und dazu kam naoch, daß es auch preiswert war.
"Und wie geht es dir, Joris ? Was macht dein Rücken ?"
"Im Augenblick geht es wieder besser", entgegnete Joris.
Mit seinem Rücken ging es immer auf und ab seit er sich vor 5 Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Doch so richtig beklagt hatte er sich nie darüber. Und außerdem hatte er sich jetzt schon daran gewöhnt. Joris holte einige Münzen aus seiner Tasche und bezahlte die Brote.
"Jetzt muß ich aber weiter", sagte Joris.
Joris blieb selten lange in der Bäckerei. Er hatte zwar einige Male längere Gespräche mit Borek geführt, aber meistens ging er sehr schnell wieder.
"Tschüss Borek."
"Schönen Tag noch Joris."
Dann verließ Joris Borecks Bäckerei und machte sich auf den Weg zu seinem nächsten Ziel, seiner Stammkneipe, "Zum Tanzenden Bären".
Die Kneipe "Zum Tanzenden Bären" lag nicht weit entfernt von Borecks Bäckerei. Den Namen hatte die Kneipe von ihrem Besitzer Olaf. Er kam vor 16 Jahren aus dem hohen Norden vom Nordkontinent nach Arapek und eröffnete die Kneipe. Der Name paßte gut, denn Olaf war groß und kräftig und wirkte so beinahe wie ein Bär. Doch Olaf war immer freundlich und gutmütig. Außerdem hatte er immer gute Laune. Der Ausdruck "schlechte Laune" war seinem Wortschatz völlig fremd.
Als Joris die Kneipe "Zum Tanzenden Bären" erreicht hatte, kam ihm der letzte Gast des Vortags entgegen.
Wenn einer von Olafs Gästen mal zu viel getrunken hatte und nicht mehr nach Hause gehen konnte, ließ er ihn einfach im Schankraum schalfen. Bis jetzt hatte Olaf damit auch keine Probleme gehabt, da seine Kunden alle einigermaßen vernünftig waren.
Sobald Joris eingetreten war, scahute Olaf von seiner Theke, die er gerade am Putzen war auf und begrüßte ihn. Joris war erst der zweite Gast an diesem Morgen.
"Hallo Joris, was macht ide Kunst ?"
"Hallo Olaf. Es geht so, kann gerade noch davon leben."
Joris verdiente nun seit einigen Jahren seinen Lebensunterhalt dadurch, daß er Bilder malte. Er konnte zwar nicht gerade gut malen, aber heutzutage kauften die Leute einfach alles. Und ferner hatte Joris noch Geld aus früheren Zeiten übrig.
"Und wie geht es deinem Rücken", fragte Olaf weiter.
"Zur Zeit kann ich nicht klagen."
Joris wollte eigentlich nie über seine Rückenschmerzen sprechen, aber alle fragten ihn immer danach.
Joris setzte sich an seinen Stammtisch, der direkt neben dem Kamin stand. Das war im Winter echt von Vorteil.
Der andere Gast von Olafs Kneipe nickte Joris freundlich zu und Joris erwiederte den Gruß.
Olaf hatte nun seinen Lappen weggelegt und zwei Krüge Bier gezapft, mit denen er jetzt auf Joris Tisch zukam.
"Zwei Bier, wie immer"; sagte Olaf und stellte einen krug direkt vor Joris ab und den anderen an die gegenüberliegende Seite des Tisches. Die Krüge waren bis oben hin gefüllt und doch verschüttete Olaf nichts. Das gehörte eben zu einem Profi dazu.
Joris bezahlte das Bier sofort und genehmigte sich anschließend auch schon einen kleinen Schluck. Während Olaf zurück zur Theke ging, trafen auch schon weitere Gäste ein, die etwas zu Essen und zu Trinken haben wollten. Zum Frühstück servierte Olaf Brot, Wurst und Bier. Alternativ zum Bier konnte man auch noch Wasser oder Wein haben. Aber das kam bei Olafs Gästen so gut wie nie vor. Joris saß an seinem Stammtisch und wartete. Darin war er schon ziemlich gut. Über die Jahre hatte er auf diesem Gebiet jede Menge Erfahrungen gesammelt.
Als er schon fast seinen Krug Bier zur Hälfte ausgetrunken hatte, traf endlich sein Freund Silk ein.
Silk hatte schwarze Haare und einen schmalen Schnurrbart. Bekleidet war er mit einem weiten roten Hemd und einer weißen Hose, an der deutlich zu erkennen war, wie dreckig es Draußen war. Seine Schuhe waren nicht minder schmutzig. Und unter seinem Arm trug er einen kopfgroßen Beutel.
Silk schaute sich nervös in der ganzen Kneipe, als ob er erwarten würde, daß plötzlich irgendwo ein axtschwingender Verrückter aus einer dunklen Ecke sprigen würde. Dies gescah allerdings im Augenblick nicht.
Silk wandte sich Joris zu und ging zu seinem Tisch rüber.
Gleich würde Silk von einem großen Schatz oder einem fantastischen Abenteuer erzählen und versuchen ihn dazu zu überreden, mit ihm lozuziehen, dachte Joris. Keine Chance.
"Hallo Joris."
Silk legte seinen Beutel auf den Tisch und setzte sich hin. Er wirkte aufgeregt. Joris verstand nicht wie er das nur immer wieder schaffte.
"Hallo Silk."
Silk trank erst einemal einen kräftigen Schluck Bier, als wolle er sich so beruhigen. Dann fing er an:
"Hör mir zu, Joris. Was ich dir jetzt erzählen werde, wirst du mir bestimmt nicht glauben."
"Stimmt", sagte Joris einfach und ohne ein Grinsen auf dem Gesicht.
Silk ignorierte diese Äußerung und fuhr fort: "Wir können einen riesen Schatz finden, ein großes Geheimnis lüften und uns in ein Abenteuer stürzen." - Er machte eine Pause, um Spannung zu erzeugen. - "Wir werden die legendäre Insel im Nebel finden."
Jetzt hätte Joris aber gerne losgelacht. Doch auch diesmal beherrschte er sich.
"Das ist doch nur ein Märchen, Silk, eine schöne Geschichte. So eine Art Geschichte wie Väter sie ihren Kindern erzählen kurz vorm Schlafengehen. Die Insel existiert gar nicht. Und somit kein Schatz, kein Geheimnis und erst recht kein Abenteuer."
Silk hob abwehrend die Hand.
Jetzt würde der zweite Teil kommen. Joris wußte genau, was jetzt folgen würde: der Beweis.
"Nicht so voreilig, Joris."
Silk deutet auf seinen Beutel und fügte dann hinzu." Ich habe nämlich einen Beweis."
Er öffnete seinem Beutel und zog eine Vase heraus.
"Diese Vase ist der Schlüssel. Besser gesagt diese uralte Vase ist eine Karte, die uns direkt zur Insel im Nebel führen wird."
Silk stellte die Vase aufe Mitte des Tisches und lehnte sich stolz zurück, die Arme über der Brust verschränkt.
Joris zeigte sich skeptisch. Er nahm sich die Vase und betrachtete sie aufmerksam. Mal nur mit dem linken Auge, dann nur mit dem rechten und natürlich auch mit beiden. Sie sah wirklich alt aus. Joris drehte sie und untersuchte sie von allen Seiten. Als er den Boden angeschaut hatte, war es vorbei. Jetzt konnte er sich nicht mehr halten. Er fing an zu lachen.
Silk war empört.
"Hey, was ist los. Wieso machst du dich lustig über mich ?"
Joris drehte die Vase so, daß Silk den Boden sehen konnte.
"Da bist du wohl jemandem ordentlich auf den Leim gegangen. Diese Vase ist bestimmt nicht uralt und erst recht nicht die Karte zur Insel im Nebel. Hier unten steht nämlich der Herstellungsort und der Name des Künstlers: Arapek, Rogney Rorg. Den kenn ich sogar. Von dem hab ich auch ne Vase zu Hause stehn."
Nun war Silk enttäuscht. Er nahm die Vase und steckte sie zurück in den Beutel. Dann nahm er noch einen Schluck Bier.
Kurz darauf hatte sich Silk wieder von seinem Schock erholt.
"Aber denk doch mal nach Joris. So kann das doch nicht weitergehen. Wir können hier doch nicht ewig bleiben und versauern. Wir müssen raus, auf zu neuen Abenteuern."
"Schau mich doch mal an Silk. Ich bekomme schon langsam graue Haare. Ich bin zu alt für sowas. Die Luft ist raus. Ich bin immerhin schon fast 40."
"Du bist 35."
"Na gut, aber trotzdem. Vergiß es doch einfach."
"Aber ...", wollte Silk erneut ansetzen.
"Laß es. Laß uns lieber über was anderes reden. Wie war denn dein gestriger Tag."
Sil gab auf. Erst einmal. Für jetzt. Für Heute.
Die beiden wechselten das Thema und unterhielten sich über andere Dinge, über die vielen Interessanten Dinge die Tag für Tag in einem normalen einfachen Leben auf einen einströmen.

In dieser Nacht schlif Joris schlecht. Sein Rücken hatte ihn wieder zu schaffen gemacht. Bis zum Mittag würde wieder alles besser sein, dachte er sich. Und so machte er sich auch wie gewöhnlich auf seine morgendliche Tour.
Es hatte geregnet und die Straßen waren matschig. Außerdem nieselte es noch und der Himmel bot ein dementsprechendes Bild, grau in grau. Einzelne Wolken waren schon gar nicht mehr zu sehen.

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