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Carmen Ritter

Am Fenster

Sie steht am geöffneten Fenster, ihr Gesicht kann er nicht sehen. Der Wind spielt mit ihrem Haar, bewegt den Saum ihres Kleides, ansonsten steht sie völlig regungslos da. Wie eine Statue, geht es ihm durch den Kopf. Die Sonne hat sich schon längst gen Westen verabschiedet und dieses diffuse Licht zurückgelassen, welches so sehr seinen Gefühlen ähnelt, diffus. Was ist sie für ihn ? Gespielin, Muse, Geliebte, Freundin ? Alles, gar nichts von dem und doch viel mehr.
Er geht leise, fast schleichend ins Zimmer, sich aber bewußt, daß sie ihn längst gehört hat. Er kann sich ihr Gesicht, ihr sanftes Lächeln genau vorstellen. Ja, daß kann er, egal wie viele Wochen seit ihrer letzten Begegnung vergangen sind. Ihr rotes, leicht gewelltes Haar hat eine Leuchtkraft, die ihn noch immer fasziniert. Ihr Haar, das so stark, so widerspenstig, so lebhaft ist. Ihr Haar treibt ihn in den Wahnsinn, wenn sie lacht, den Kopf schüttelt und wenn die Spitzen über seine nackte Haut streifen. Diese harmlose, flüchtige, oberflächliche Berührung. Nichts an ihr ist harmlos, flüchtig oder gar oberflächlich. Diese Frau weckt nur durch ihre Anwesenheit sein tiefstes Innerstes. Und ihre Abwesenheit macht sein Fühlen fast unerträglich.
Nun steht sie da. Das wadenlange, dunkelblaue Kleid umhüllt ihren Körper, faßt ihn ein, zeichnet ihn ab. Er weiß, sie trägt keinen Slip. Er sucht irgendeine Kontur unter dem Stoff, vergebens. Um die Schultern ein Seidenschal, sie liebt Seide auf der Haut, die Brust von hinten nur zu ahnen, die Taille, die ausladenden Hüften, wie sehr hat er sie vermißt. Sie steht da, das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilt, die Hände um den Körper geschlungen, wie aus Marmor geschlagen, und doch so unwirtlich, feenhaft, geschmeidig, und doch so wahr, daß er es noch immer nicht glauben kann. Schier endlose Wochen sind vergangen. Er dachte immer, diese Gier, diese Lust, dieses Verlangen muß irgendwann nachlassen. Nein, er kann sie nicht ablegen, diese Sehnsucht, er bekommt sie nicht raus aus seinem Kopf, diese Frau. Er bleibt stehen wenige Schritte von ihr entfernt, braucht nur die Hände auszustrecken, um sie endlich wieder zu spüren. Und doch zögert er noch einen Augenblick, genießt noch eben diesen Moment der Mystik, wo sie ihm schon gehört obwohl noch nicht mal berührt.
Er riecht ihren Duft, nimmt ihre Aura wahr, tritt wieder leibhaftig in ihr Leben. Seine Arme umfassen sie von hinten, drücken sie fest an sich, sie lehnt sich zurück, läßt sich fallen in der Gewißheit, aufgefangen zu werden. Sein Gesicht vergräbt er in ihrem Haar, er atmet sie ein, schwimmt gegen den Strom, kommt an. Er küßt ihren Nacken, ihren Hals, dreht sie um und umschließt ihren Körper mit seinem eigenen. Nimmt sie in seine Arme um sie zu empfangen. Sie schmiegt sich an ihn, preßt sich gegen ihn und alle Anspannung weicht der wohligen Hingabe.
Das folgende, erste Lippenbekenntnis ist ganz sanft: willst du mich noch ?, mit dunklen, fragenden Augen sieht sie ihn an. Ja, Liebes, ja, er küßt sie wild und leidenschaftlich. Will nicht von ihr lassen. Will nie mehr von ihr lassen, bis zum nächsten Morgen.

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