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Birgit Oldenburg

Der Knaller

Carl war der letzte nächtliche Reisende. Als der Zug mit leise quietschenden Bremsen hielt, sprang er auf den leeren Bahnsteig und starrte den sich rasch entfernenden Lichtern nach. Als der letzte Schimmer in der Dunkelheit verschwand, schnipste er seinen Zigarettenstummel auf den kalt glänzenden Gleiskörper. Er nahm seinen kleinen Koffer und betrat zögernd die Stufen, die zu einem Tunnel führten, durch den man zum östlichen Seitenausgang gelangte. Carl hasste diesen Bahnhof, und noch mehr hasste er diese Stadt. Doch einmal musste er noch hierher kommen...
Aus der gekachelten Wölbung hallte laut das Echo seiner Absätze. Im trüben Licht einer Deckenfunzel wirkten Graffiti-Schmierereien wie groteske Kreaturen. Seine starken Wangenknochen traten hervor und malten heftig. Nicht aus Angst - vor Ekel! Es stank entsetzlich nach Urin und Alkohol. Er beschleunigte seinen Schritt, nahm jeweils zwei der Treppenstufen, die nach oben führten, auf einmal. Seine Nasenflügel blähten sich, als er tief die frische Winterluft einatmete, die ihm auf dem letzten Absatz entgegenwehte.
Helle Lichter einiger Fahrzeuge blendeten ihn. Mit zusammengekniffenen Augen winkte er ein einsames Taxi heran, das mit abgeblendeten Scheinwerfern wartend auf einem dunklen Seitenstreifen stand.
”Wohin?” Der Taxifahrer warf seine Kippe aus dem Fenster.
”Winkelgasse. Ich sag Ihnen, wo Sie anhalten sollen.” Der Mann drückte den Koffer gegen seine Brust. Zu dieser späten Stunde war kaum Verkehr auf den Straßen.

Nach einer halben Stunde waren sie am Ziel. Er entlohnte den Fahrer, stieg aus und wartete, bis das Taxi sich entfernte. Dann ging er einige Schritte den Gehweg hinunter, blieb vor einem heruntergekommenen Wohnhaus stehen und schloss die Haustür auf.
Brütende Hitze, Salami- und Knoblauchgeruch schlug ihm entgegen. Ihm wurde schlagartig übel. Eine ausgetretene Holztreppe knarrte schauderhaft, als er sie betrat. Das Treppengeländer wackelte so stark, dass er sich nicht getraute, es anzufassen. Aus Angst, sich schmutzig zu machen, wickelte er seinen hellen Kaschmir-Mantel eng um sich. Schließlich pochte er gegen eine Tür und hörte ein Krächzen.
Ein alter Mann sah ihm aus einem Polstersessel mit wässrig blinzelnden Augen entgegen, als er ins Zimmer trat. ”Carl”, zischte er unfreundlich. ”Hast du Edith mitgebracht?” Er klopfte mit den Fingerspitzen auf eine verschlissene Decke, die um seine Beine gewickelt war.
”Deine Tochter - meine Frau, ist schon vor Monaten auf und davon, hast du das immer noch nicht begriffen?” Was für ein Glück, dass er diese keifende Schlampe nicht mehr ertragen musste. Die Jahre, in denen sie gemeinsam in diesem Haus gelebt hatten, waren die Hölle für ihn gewesen. Doch als sie vor einigen Monaten in eine andere Stadt zogen, verschwand Edith kurz danach auf Nimmerwiedersehen. Seitdem führte er die Geschäfte in der Papierfabrik seines Schwiegervaters, der dafür zu senil geworden war. Und mittlerweile hatte er sich - als angemessenes und gerechtfertigtes Gehalt - schon ein hübsches Sümmchen beiseite geschafft.
”Hier herrscht eine Hitze wie in den Tropen”, sagte Carl und zog seinen Mantel aus. Er musste nach dem Brennofen sehen. Hoffentlich war er nicht wieder defekt. Einen Tag vor Silvester bekam man bestimmt keinen Heizungsfachmann mehr ins Haus.
”Du musst eine Taschenlampe mitnehmen, die Birne ist kaputt. Hier kümmert sich ja niemand mehr um irgend etwas”, murrte der Alte.
Carl griff nach seinem Handgepäck und nahm die Taschenlampe vom Wandhaken. Im Treppenhaus wurde ihm gleich wieder übel. Der Keller war stockdunkel, doch er wusste nur zu gut, wo der Brennofen stand. Als er um die Ecke bog, hörte er schon das brausende Geräusch und öffnete die Tür. Ihm stockte plötzlich der Atem, und er bekam eine Gänsehaut. Nur immer langsam, beruhigte er sich selbst.
Der Temperaturregler war auf achtundzwanzig Grad gestellt. Na, kein Wunder, dass man da oben gebraten wurde. Er öffnete die große Klappe des Ofens und sah in die lichterloh brennenden Flammen. Sein Adamsapfel hüpfte rauf und runter, so heftig musste er schlucken. Mit hochrotem Kopf und verschwommenem Blick schloss er wieder die Tür.
Hinter dem Heizgerät holte er einen Karton hervor und trug ihn zu seinem Köfferchen. Die Taschenlampe stellte er auf den Boden, so dass der Lichtschein unter die Decke geworfen wurde. In seinem Kopf fing es an zu summen.
Carl öffnete sein Gepäckstück und brachte eine selbst gebastelte Silvesterrakete zum Vorschein. Er zog die Spitze ab und füllte den Körper mit ascheähnlichem Inhalt aus dem Karton. Anschließend setzte er sie wieder auf, umwickelte sie mit Klebeband und deponierte sie wieder im Koffer.
Den Karton warf er in den Ofen.

Fünf Minuten vor Zwölf Uhr goss Carl zwei Gläser voll Martini.
”Ich will mit Edith anstoßen”, greinte sein Schwiegervater.
”Nun, du siehst ja, was deine Tochter von dir hält, sonst wäre sie ja hier...”
Punkt Mitternacht trank er das Glas auf einen Zug leer und ging mit seiner Tasche nach draußen. Carl wartete, bis ringsherum die ersten Feuerwerkskörper gezündet wurden und holte dann seinen Knaller heraus. Er steckte den Stab in die Erde und zündete die Lunte. Mit leisem Zischen schoss die Rakete in den Himmel und explodierte unter grellen Blitzen.
Das hast du ja schon immer gewollt: Von hoch oben auf alle herabzublicken. Nun - manchmal gehen Wünsche in Erfüllung! ”Prost Neujahr, Edith”, sagte Carl. Während ihre Asche langsam vom Himmel rieselte.

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