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Arthur Fischer

Verbrannte Erde

Viertel vor neun. Ich war pünktlich. So wie ich es immer war, seit mehr als Dreißig Jahren. Auf diese Zuverlässigkeit zählte man. Man schrieb sie mir als unveränderlich, als Teil meiner Natur zu. Eine unerschütterliche Konstante. Und auch mir war es anfangs eine liebgewonnene Gewohnheit, die dann schleichend zur Regel überglitt und letztlich wie ein Gesetzt über mich herrschte, und einen Verstoß mit Gewissensbissen rügte. Ich pausierte einen Augenblick lang und stützte mich mit beiden Händen auf meinen, mit einem Messinggriff versehenen, hölzernen Gehstock. Meine Lungenflügel bettelten nach Luft, meine Glieder schmerzten und mein linkes Knie zitterte leicht. Vorbei die Zeiten, als ich noch über Stock und Stein sprang. Vorbei die Zeiten, als ich nur so strozte vor Energie und Kraft. War es nicht erst gestern, das ich mein volles, schwarzes Haar gegen einen lichten, grauen Kranz einbüßte? Und meine straffe, elastische Schale gegen diesen schlaffen, faltigen Mantel tauschte der nun von meinen spröden Knochen herab hing.
Vor mir ragte die gläserne stumme Fassade in die Höhe, in der ich Tag ein, Tag aus mein Brot bitter verdiente. Zürnend stierte sie heute, auf mich herab. Dann sog sie mich an und ich verschwand durch ihr rotierendes Maul in ihrem Inneren. Ein Wink und ein Lächeln aus dem Werbefernsehen schenkte ich dem Portier. Diese wechselten so häufig, das sie gesichts- und namenlose, uniformierte Strohpuppen für mich waren. Er erwiderte mein Grußzeichen und mauschelte ein undeutliches "Guten Morgen", oder etwas in dieser Richtung. Meine Schritte ertönten auf dem blankgebohnerten Boden und schallten in der Eingangshalle nach. In einem einladend warmen Licht präsentierte sich der auf mich wartende Fahrstuhl. Mechanisch aktivierte ich die 28. Etage, der Blick diente rein der Kontrolle. Die 28. Etage lag erhaben über den umliegenden Gebäuden, dadurch kam ich den Vorzug einen malerischen, zum träumen verleitenden, Ausblick zu genießen, dem nur der Horizont eine Grenze zog. Immer wenn ich dieses Panorama zur meiner Rechten wahrnahm, kostete ich diesen süßen Schmerz des Fernwehs. Ein Pirat der Meere, ein Segler der Lüfte, ein Wanderer und Bezwinger der Berge, das willst du sein! Brüllte es einst vor langer Zeit in mir, doch mit den Jahren wurde es leiser, wie jeder innere Ruf. Erst war ich die gezähmte Bestie und ehe ich mich versah, wandelte ich mich zum krallenlosen Kater, der sich lieber um den warmen Kachelofen platziert, als in Feld und Wiesen kleine Nager zu jagen. Ich marschierte den Flur entlang, an dessen Ende sich mein Büro befand. Viele male kreuzte mich auf diesem Weg meine Vergangenheit. Sie rannte an mir vorbei mit einer Geste die mir verriet, das sie mich als Zukunft nicht erkannte. Nicht respektlos, sondern nur unbedacht. Mein Büro teilte ich mit Manfred. Manfred war ende Zwanzig und ehrgeiziger und tüchtiger als ich es je war. Er achtete meine Erfahrung und die Art wie ich die Dinge anging. Sein Wissensdurst schien unersättlich und wahrscheinlich hätte auch er, wie so viele Andere in der Firma, mich längst überflügelt, wenn er sich nur darauf verstanden hätte ein hinterlistiger Wolf zu sein. Ich mochte ihn. Alles was ich wußte, was hilfreich sein konnte, versuchte ich ihm zu vermitteln, ob es beruflich oder privat sei. Manfred war ein seltenes Heilmittel gegen meinen Unglauben an die Jugend. Er entkräftete mein niederschmetterndes, pauschales Urteil, das auf verbranntem Grund nichts mehr erblühen könnte.
Ich öffnete die Tür meines Arbeitszimmers, entledigte mich meines Hutes und des cremefarbenem Mantel, bevor ich in all der Gemütlichkeit eines Sonntagsspaziergängers zu meinem Schreibtisch schlenderte.
Fünf vor neun. Zu den wenigen Dingen die auf Manfred nicht abfärbten, gehörte die Pünktlichkeit. Seine übliche halbe Stunde, dachte ich mir und schmunzelte dabei. Nur heute würde ich das nicht mehr mit meinem lehrerhaften, ernsten Blick und einem tiefen Räusper tadeln, sondern ihm Konsequenzen androhen. Zwar fühlte ich mich selbst in dieser diktatorischen Rolle sehr unbehaglich, aber es war an der Zeit einen Zwang auszuüben.
Gerade als ich mich in meinen ledernen Drehstuhl niederlassen wollte, erspähte ich einen Notizzettel, den mir Jemand hinterlassen hatte. Neun Uhr im Sitzungssaal zur Besprechung des Falles, stand handschriftlich darauf, wobei "des Falles" in Anführungsstrichen hervorgehoben wurde, als wüßte ich um was es ginge. Nun ich wußte es nicht, würde es aber gleich erfahren. Die Handschrift erkannte ich als die von Frau Schmidt wieder, der Sekretärin des Chefs. "Des Falles", murmelte ich, leicht erregt, beim Verlassen meines Büros vor mich hin. Konnte sie sich nicht klarer ausdrücken?
Der Sitzungssaal war der Versammlungsort der Wölfe, die sich dort trafen um die Beute zu zerreißen. Blutige kämpfe ums saftigste Stück. Der Saal wirkte kühl und steril. Das spärliche Mobiliar war in dunkelbraunen, nahezu schwarzen Farben gehalten. Die sakrale Stille drängte einem eine schwer beschreibliche Unterwürfigkeit auf. Der wolkenverhangene Himmel verdüsterte den Raum in ein Schattenreich. Vor mir erstreckten sich sieben bis acht aneinander gereihte schlichte, aber dennoch elegante Tische. Links und Rechts waren die Plätze bereits vergeben und so blieb mir nur die unbeliebteste Sitzmöglichkeit am Kopf der Tischreihe. Das mißfiel mir zwar, aber ich versuchte mir dies, was ich als Schwäche an mir deutete, nicht anmerken zu lassen. "Die zwölf Apostel", dachte ich in meiner diabolischen Spitzfindigkeit, als ich die sechs Manager auf der einen und die sechs auf der anderen Seite, verspannt und verkrampft, sich gegenseitig beratschlagen sah. Die Mimik, die sie alle an den Tag legten, wußte ich nicht recht einzuschätzen. Sie pendelte irgendwo zwischen einer aufgesetzten Nachdenklichkeit, Verzweiflung und der vertrauten Zielstrebigkeit. Was schlug euch so auf den Magen?
Sie bemerkten meine Ankunft nicht, und flüsterten emotionslos weiter. Ich probierte Wortbrocken aufzuschnappen um mich endlich von meiner Unwissenheit zu erlösen, doch meine Ohren waren zu taub, ohne mein Hörgerät (das defekt zu Hause im Nachtisch lag). Herr Berger, der Geschäftsführer, betrat nun den Saal, und sogleich endeten sämtliche Gespräche am Versammlungstisch und jeder gab sich Mühe einen Musterschüler abzugeben, einschließlich mir. Er blickte mich als sein direktes Gegenüber kurz an, bevor er stehend mit seinem an alle gerichteten Prolog begann.
" Sehr geehrte Herrn, ich danke ihnen das sie sich alle hier zur Besprechung dieses "Falles" und der daraus für uns neu entstandenen Situation, versammelt haben." Er trank einen Schluck Wasser, aus einem Glas das für ihn bereit stand, um seine Kehle anzufeuchten, dann preßte er beide Handflächen auf die Tischkante vor ihm, stützte sich auf seine Arme und fuhr fort, " Ich hoffe das unsere weitere Verfahrensweise bis Mittag feststeht. Herr Leihninger und Herr Zaum wurden bereits im Vorfeld von mir beauftragt Fakten gegeneinander abzuwägen und Kalkulationen und Prognosen zu erstellen. Bevor ich nun an Herrn Leihninger übergebe, möchte ich mein Bedauern über all dies zum Ausdruck bringen.- Herr Leihninger, bitte."
Ausgerechnet Leihninger, die Pflaume! Dachte ich in meiner Antipathie, während dieser sich erhob und schnurstracks nach vorne galoppierte. Berger setzte sich und drehte sich samt Stuhl zum Referenten. Leihninger stand vor vielen Jahren, als die Arbeit für ihn als Schulabgänger noch ein unentdecktes Land war, kurze Zeit unter meinen Fittichen. Wenn dieser Nichtsnutz von hundert, hundert abzog dann kam er auf zweihundert, und nun brachte er eine Kalkulation vor! Er wirkte sehr unsicher und zittrig. Unaufhörlich kratzte er sich an seiner Wange und vermied jeden Blickkontakt mit seinen Zuhörern. Er wollte einige einleitende Worte herausbringen, da ihm aber nichts passendes einfiel, lief er nach seiner kurzen Ratlosigkeit, zur nahe gelegenen Tafel, bediente sich eines Markers und schrieb nicht endenwollende Subtraktionen, Additionen, Divisionen, Multiplikationen, Gleichungen und weiß der Teufel was noch, an. Hin und wieder unterbrach er, wendete sich uns zu und erläuterte die eine oder andere Stelle seines Zahlendschungels. Ich gebe zu, das mir des öfteren meine bleischweren Augenlider niedersanken und ich nicht den blassesten Schimmer hatte, von dem was er da veranstaltete. Zudem erreichten mich seine Erörterungen, die er mit seiner Fistelstimme herausquitschte, nicht. Am Schluß dieses Martyriums, unterstreichte Leihninger eine Zahl doppelt, kästelte sie ein und schrieb drei Ausrufezeichen dahinter. Herr Berger bedankte sich für die Ausführlichkeit seines Berichts, was ich als Sarkasmus verstand, und bat nun Herrn Zaum fortzufahren.
Herr Zaum fing vor zwei oder drei Jahren bei uns an und galt als alter Hase der Branche. Über ihn wußte ich nichts, naja, jedenfalls nicht viel, nur eines, wenn man sich morgens aus dem Bett erhob, war er der erste der einem mit Anlauf ins Kreuz sprang. Er hatte ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis zu Berger. Keine Spur von Nervosität, wie ein Löwendompteur bei seinem großen Auftritt, nur überheblicher. Mittlerweile regnete es und die leise an die Scheiben prasselnden Tropfen überbrückten die Stille. Dann donnerte mir Zaums freie Rede, durch seine kraftvolle Aussprache klar verständlich, gegen den Schädel.
"Wenn wir es geahnt hätten, verehrte Herrn, wir hätten es verhindert. Dem war aber nicht so und nun müssen wir eben damit leben und dies bedeutet vor allem eines und das ist ihnen bestimmt genauso klar wie mir, es bedeutet viel Arbeit! Ich wurde von Herrn Berger mit der Erstellung eines neuen Arbeitsplans beauftragt und hoffe das diese Neuverteilung zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen ist." Er nahm eine Papierrolle zur Hand, die neben seinem Platz bereitlag, breitete sie aus, und befestigte sie mit magnetischen Steinen an der Tafel. Zu sehen waren Dreizehn rechteckige Felder in denen unsere Namen verzeichnet waren und unter den jeweiligen Namen zweigten die Tätigkeiten ab. Der Jammer war, das meine altersmüden Augen kaum etwas entziffern konnten. Grübelnd versuchte ich zu enträtseln welche neue Last er mir aufgebürdet hatte, doch ohne Erfolg. Das Rauhnen das durch den Saal ging, verriet den Verdruß der Einzelnen, von denen sich jeder als am schlimmsten betroffen deklarierte. Zaum verließ die Manege und kehrte zurück auf seinen Stuhl. Berger wartete geduldig bis sich die Verärgerung ein wenig legte und ergriff dann abermals das Wort.
" Dieser Widerwille, meine Herrn, hat doch keinen Zweck. Ich bitte sie inbrünstig dem ganzen positiv entgegen zu gehen. Wir müssen zusammen an einem Strang ziehen, um möglichst schnell wieder oben auf zu sein. Diese, wie ich ihnen verspreche, nur temporäre Zusatzbelastung wird ihnen anerkannt.- Bevor ich nun die Sitzung für beendet erkläre und sie mit ihren neuen Erkenntnissen in die Mittagspause entlasse, möchte ich das der Mann, den alles wohl am meisten mitgenommen hat, für den diese Tragödie ein herber Schlag gewesen sein muß, zwei oder drei Sätze spricht. Herr Wagner!" Ich begutachtete gerade meine Armbanduhr und war mit meinen Gedanken bereits beim Uhrmacher der mir heute Nachmittag ein neues Mineralglas einsetzten sollte, als ich plötzlich bemerkte das ich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Rudels beanspruchte. Berger signalisierte mir mit der offenen Hand mich zu äußern. "Wie bitte?" fragte ich kleinlaut. "Herr Wagner, seien sie so freundlich und halten sie die Schlußrede zu dieser Tragödie. Nur ein paar Worte aus ihrem Blickwinkel." Mein Kinn fiel herab, meine Augen stierten aufgerissen und hilfesuchend umher, meine Wangen wurden rot und mein Herz rutschte in die Hose. Er hatte mich eiskalt erwischt. Ich brachte keinen Ton heraus und überlegte kurz mich auf Alterssenilität herauszureden oder einen Schlaganfall zu simulieren. "Herr Wagner, bitte. Wir warten." -Stille, absolute Stille. "Ich bin etwas.......momentan......ich......vielleicht......", stotterte ich. "Ein paar Sätze zu ihrem Freund Manfred Seidel." Mittlerweile perlte der Schweiß auf meiner Stirn. Was hatte Manfred damit zu tun? Jeder hörte wie mein Herz trommelte. "Sie wissen doch was sich gestern Abend hier ereignet hat?" Schuldig, mit zu Boden gerichtetem Blick, schüttelte ich langsam meinen Kopf. Zu meiner Rechten gab sich jemand angestrengt Mühe, sein Kichern zu verbergen.
"Gestern Abend, Herr Wagner, als sie allen Anschein nach sich schon zu Hause in ihrem Sofa lümmelten, spielte ihr Busenfreund und Mitarbeiter, Manfred Seidel, verrückt. Er vernichtete wertvolle Unterlagen im Reißwolf, löschte unwiederbringlich Daten, kurzum er zerstörte monatelange Arbeit ehe er, ja, ehe er sich dann entschloß seinem Leben ein Ende zu setzten und aus seinem und ihrem Arbeitszimmer aus dem 28. Stockwerk sprang. Das größte Desaster der Firmengeschichte." Verständnislos schüttelte er seinen Kopf und verkündete, "Die Sitzung ist beendet!" Alle verließen allmählich dem Raum, nur ich blieb mit einem eingeschnürten Brustkorb unbeweglich zurück und starrte, ohne einen Gedanken fassen zu können, vor mir ins Leere.
Zwölf Uhr. Mittagspause.

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