Literarisches / GästeFür Zugestiegene: Startseite 
[Absurdistan - Der Wochenrückblick] [Zeit für ein Gedicht?] [LiteraturWettbewerbe] [Veranstaltungen] [LiteraturChat] [Buchwelt] [Allerlei & Tipps]


 Alle Gast-Autoren

 zurück zur Auswahl dieses Künstlers

 HITLISTE - Stimm mit!

zurück zu: Gäste
Werbung:
Ärzte ohne Grenzen: Jeder Euro rettet Kinderleben. Jetzt klicken und helfen. Bist Du Single? Suchst Du einen netten Partner? Hier warten über 390.000 aktive Mitglieder auf Dich. Melde Dich jetzt an!
Auftragsgedichte:
Du möchtest Deine/n
Liebste/n überraschen?
Arthur Fischer

Irgend etwas ging da draußen vor sich. Nur ich konnte nicht erkennen was. Da draußen, das war der Marktplatz, und da drinnen, das war meine vergitterte Zelle. Es war nicht einfach für mich einen Blick auf den Marktplatz zu werfen. Mein Fenster lag sehr hoch. So hoch das ich mich auf meine Zehenspitzen stellen mußte um etwas von der Aussicht zu erhaschen, dann griff ich mit den Händen um die metallischen Stäbe, damit ich mich noch etwas näher heranziehen konnte, aber viel verbesserte sich dadurch nicht. Hinzu kam noch das mich zu jener Stunde auch noch Die Morgensonne fast erblinden ließ. Immer und immer wieder stierte ich hinaus, denn dort tat sich was. Ich zermarterte mir schon eine ganze Zeitlang das Hirn, laufe dabei meinen feuchten, kalten, erdigen Untergrund wie ein gepeitschter Tiger. Diese Ungewißheit machte mich wild. Es waren drei oder vier, genauer konnte ich es nicht sagen, kräftige Männer in einheitlicher Kluft. Der eine von ihnen kniete, mit dem Rücken zu mir gewandt, in der Mitte des Platzes. Während die Anderen stetig zu einer Kutsche marschierten und von dort lange Holzlatten holten. Der Kniende wirkte auf mich als sei er der Älteste von ihnen. Seine Ellenbogen wedelnden auf und ab. Er schien etwas zu montieren. So schnell und sicher wie er handelte, mußte es ein gewohnter Arbeitsablauf für ihn sein. Wahrscheinlich sogar die reinste Routine. Es machte mich wahnsinnig, ich preßte mein Gesicht gegen die Gitter und brüllte entflammt: "Ihr! Was treibt ihr da?!" Aber sie reagierten nicht. Sie haben mich nicht gehört. Nein, nein sie wollten mich nicht hören, das ist es. Diese Schweine! Wenn ich sie doch, von hier aus nur hätte anspucken können. Dreckshunde! Wenn ich hier eines Tages raus komme, dann Gnade euch Gott! Aha, Aha, was geschieht jetzt? Die anderen Beiden waren nun fertig mit dem Entladen der Latten und standen dem Älteren nun hilfreich beiseite. Es sah aus als zimmerten sie sich ein Gerüst, das etwa nur einen Meter hoch war, dafür aber zehn Meter lang und ca. acht Meter tief. Außer sie stellten es auf, dann wäre es acht Meter hoch und einen Meter tief, aber das wäre unsinnig. Der Ältere steht nun auf und tritt drei Schritte zurück um sein Werk zu betrachten. Er klatschte seine Hände auf die Oberschenkel um sie vom Dreck zu befreien. Das Gestell war wohl fertig. Verflucht noch mal, wo waren die anderen Zwei hin? Ich hatte sie aus den Augen verloren. Eine kleine Menschentraube hatte sich mittlerweile drumherum versammelt, was es für mich nicht gerade einfacher machte den Überblick zu bewahren. Überall starrte ich hin, wo waren sie nur abgeblieben. Ach! Am anderen Ende des rahmenartigen Gerüsts hantierten sie mit den langen Holzpanellen, die sie auf dem Rahmen aneinander reihten und fest hämmerten. Jetzt erst begriff ich langsam, und all die Menschen, all diese Gaffer da unten wußten es schon längst. Es sollte eine Bühne werden. Möglicherweise wird heute Abend ein Theaterstück präsentiert, vielleicht auch Clownerien oder es dient Musikern als Plateau. Was auch immer, es wird mir eine willkommene Abwechslung sein, in meinem tristen Alltag. Am liebsten wären mir die Clowns. Herzhaftes, lautes Lachen brächte einen alten mageren Greis wie mich um. Einen schöneren Tod könnte ich mir nicht wünschen. Noch auf dem Scheiterhaufen, bliebe mein obszönes Lächeln als Triumph über mein armseliges, leidvolles Leben erhalten.
Was beobachtete ich denn da? Wie seltsam. Inmitten der Bühne befand sich eine kleine quadratische Öffnung. Mit verkniffenem Gesichtsausdruck, kratzte ich mich am Schädel. Heute nahmen die Rätsel kein Ende. Hallende Schritte, die sich meiner Zelle näherten, unterbrachen meine Grübelei. Konnte es sein? Ja, tatsächlich, es war bereits Mittag und damit Zeit zum Essen. Wenn ich mich geschickt verhalten würde, könnte ich meinem stumpfsinnigen Wärter womöglich das ein oder andere entlocken. Ungeduldig zappelte ich vor meiner Gefängnistür. Der Schlüssel sucht seine Führung im Schloß und entriegelte es dann. Die Tür sprang auf und der dicke Hintern Edgars, der beinahe aus der Hose herausquoll, wackelte herein. Edgar zog ein kleines quietschendes Wägelchen mit sich. Doch das darauf nicht die übliche Brotsuppe stand, die meist kalt und zu wässerig war, sondern eine Reihe von Delikatessen, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Alle Fragen wurden zunächst zurückgestellt. Der Magen ging vor. Ich langte wahllos zu und stopfte so viel meine Finger fassen konnten, in meinen zahnlosen, rissigen Mund. Das weiche Fleisch zerging mir auf der Zunge, und die Hühnerbrühe war so kräftig das sie in meinem Rachen brannte, den ich dann mit einem Rotwein löschte. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nach diesem Fressen, mit meinem vollgeschlagenen Wanst, ohne irgendwie entgegenwirken zu können, einschlief. Dem stand der Sonne nach bzw. der Lage und Streckung der Schatten die daraus resultierten, schlummerte ich zwei bis drei Stunden. Das kleine Edelstahlwägelchen und alles was auf Speisen und Getränke hätte deuten können, bis auf meine fetttriefenden Finger, war fortgeräumt. Edgar, ich mochte ihn nicht. Ich haßte ihn sogar. Jeder haßte Edgar, sogar die anderen Aufseher. Aber in diesem Moment sehnte ich mich danach, das er sein unförmiges Selbst durch die Tür rollte, damit er mir Rede und Antwort stehen konnte. Seit vielen Jahren bin ich hier inhaftiert und nie, nicht an meinem Geburtstag oder an Weihnachten, bekam ich je mehr als diese lausige Brotsuppe, und nun das! Und was um Himmelswillen spielte sich da auf dem Marktplatz ab? Der Marktplatz! Den hatte ich völlig vergessen. Ich sprang ans Fenster und zog mich mit meiner ganzen Kraft hinauf, um die bestmögliche Sicht zu haben. Die Menschenmenge die sich um die Bühne versammelt hatte, bekam beachtlichen Zulauf. Ansonsten jedoch hatte sich nicht viel verändert. Auf dem quadratischen Durchbruch im Zentrum des Bretterbodens lag eine bronzefarbene metallische Klappe. Dahinter ragte ein Holzbalken in die Höhe, an dessen Spitze stand ein kurzes Kantholz senkrecht ab, das durch eine Querstrebe verstärkt wurde. Die Handwerker waren verschwunden. Ihre Arbeit war wohl erledigt. Ein Mann in schwarzer Montur betrat nun das Podium. Er trug eine Kapuze die sein Gesicht bedeckte und lediglich mit zwei ovalen Öffnungen für die Augen versehen war. Er schleppte ein langes Tau mit sich an dessen einen Ende sich eine Schlinge befand. Die stark übergewichtige Gestalt hatte merkliche Schwierigkeiten das Seil am hochgelegenen Kantholz zu befestigen. In der Unbeholfenheit seiner Bewegungen erinnerte er mich an Edgar.
Auf dem kurzen Sparren, auf und ab marschierend, präsentierte sich ein kohlschwarzer Rabe, der hin und wieder, laut aus sich heraus krächzte, das wie ein verstimmtes Lachen klang. Ich ließ mich wieder sacht herab und kombinierte alle Begebenheiten. Der Kapuzenmann, die Falltür im Boden. Das sprach alles gegen Clownerien oder eine Theatervorführung und wozu sollte eine Musikkapelle eine Falltür benötigen?
Doch dann fiel der Groschen endlich und ich tanzte in meinem Zimmer wie von der Tarantel gestochen, völlig aufgelöst im kindlichen Jubel. Schon mein leben lang wünschte ich mir Zeuge einer Zauberdarbietung zu sein. Der Fettsack war zweifelsohne der Magier. Ich rieb mir die Hände aneinander. Es näherten sich die Abendstunden, das heißt daß es bald beginnen müßte. In meiner Ekstase, merkte ich gar nicht das zwei Herren meine Zelle aufsuchten. Sie standen leicht geschockt und paralysiert mit offenem Mund in der Tür. Sie hatten eindeutig kein Verständnis für meinen huldigenden Freudentanz. Den einen von ihnen kannte ich. Es war Phillip ein Wärter, der sonst für die obere Etage zuständig war. Er war spindeldürr und schlagsig. Sein Gesicht hatte spitze Züge und eine auffallend große Nase. Er machte sich gleich daran meine Hände auf den Rücken zu fesseln. Währenddessen musterte ich den anderen Gast, dem ich noch nie zuvor begegnet war. Nach seiner Aufmachung zu urteilen (ein langer schwarzer Rock, ein goldenes Kruzifix um den Hals und eine aufgeschlagene Bibel in den Händen) mußte es sich um einen Pfarrer handeln. Phillip packte mich rüde am Ellenbogen und führte mich den Gang entlang, während der Geistliche unentwegt, in einer monotonen Art und Weise, aus dem alten Testament brabbelte.
"Phillip", sprach ich und ein langes Echo verlieh dem Nachdruck, "Phillip, können wir uns in die erste Reihe stellen, damit ich alles sehen kann?"
Seine Stirn legte sich in Falten ehe er zur Antwort gab: "Alter Knabe, du hast heute Abend deinen großen Auftritt. Glaub mir, du wirst nichts verpassen." Wie bitte? Meinen großen Auftritt? Wie meinte er das? Ist es möglich? Konnte es sein? Sollte ich mit auf die Bühne? Dem Magier ein hilfreicher Assistent sein? Aber ich war doch gar nicht vorbereitet. Ich wollte das Publikum doch nicht enttäuschen. Allmählich breitete sich Lampenfieber in mir aus. Jeder in seiner Rolle, kamen wir am Spielort an. Der Horizont glich einer Ofengluht. Die Meute diskutierte, lachte und mauschelte. Als sie uns bemerkten, verstummten sie abrupt, wie das ersterben einer Windböe. Sie bildeten einen breiten Gang zur Bühne, und als wir ihn entlang wanderten, las ich die Ehrfurcht von ihren Gesichtern ab. Vor dem Podium ließ Phillip mich los. Mein Entschluß war es eine gute Darbietung zu liefern, also hopste ich auf den Bretterboden und legte mir mein gewinnendes Grinsen auf. Ich begrüßte den Zauberkünstler mit einem Kopfnicken, wendete mich der Menge zu, vor der ich mich dann tief verbeugte. Der Kapuzenmann dirigierte mich auf die rostige Falltür. Durch diese sollte ich zur Verwunderung aller verschwinden. Ich zwinkerte ihm zu, um zu signalisieren daß das Geheimnis dieses Tricks bei mir gut aufgehoben war. Seine Wortlosigkeit wies darauf hin, daß er als alter Profi, ebenfalls nervös war. Ich suchte unter dem Publikum nach einem bekannten Kopf, wurde jedoch nicht fündig. Unterdessen legte der Magier mir die Schlaufe des Taus um den Hals und zog sie fest. Dieser Teil war mir nicht ganz klar. Die Menge erstarrte zur Salzsäulen und kein Atemzug war hörbar. Nur der kreischende Rabe wollte mir meine erlangte Aufmerksamkeit streitig machen. Hinter mir ertönte ein knirschendes Geräusch und die Platte unter mir begann zu vibrieren. Vielleicht hatte ich ja Glück und bliebe auf immer verschwunden.

Falls er Dir gefallen hat, dann stimm' für diesen Beitrag.

zurück

Werbung:

Mitarbeit...
Du willst diese Online-Zeitung mitgestalten? Schick mir Deine Gedichte, Kurzgeschichten, CD-Kritiken, Buchbesprechungen - oder vielleicht ganz was Neues? Erlaubt ist, was Spaß macht und keinen kränkt oder geschmacklos ist.

Schreib', was Dich bewegt: leitner@wiend.at


http://www.wiend.at
E-Mail:leitner@wiend.at