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Anthalerero

Paul:

”NEEEEIN!!!” mit diesem Schrei brach der siebenjährige Junge zusammen. Er hatte zusehen müssen wie seine Mutter in den verheerenden Flammen umkam...

Irgendwann einmal wachte Paul auf. Verwirrt sah er sich um. Er war in einem Krankenzimmer, und er war allein. Alles um ihn herum war eintönig weiß, und wirkte so schrecklich leer. Und dann noch dieser nicht zu beschreibende Schmerz der tief in seinem Inneren wütete. Auf einmal wurde ihm wieder bewußt WAS eigentlich geschehen war. Erschreckend lebendig zogen die Bilder von dem Unfall noch einmal vor seinem inneren Auge vorbei. Und er weinte.
Er wußte nicht wieviel Zeit so verging in der er so dahin vegetierte, nur unterbrochen von den spärlichen und kurzen Phasen in denen ein Arzt nach ihm sah oder eine Krankenschwester ihm zu Essen brachte oder irgend etwas erneuerte oder nachfüllte oder mit sonst Etwas hantierte.
An die leichten Schmerzen im Gesicht, die von seiner Verletzung herrührten, hatte er sich schon längst gewöhnt. Viel schlimmer war dieser unbeschreibliche Schmerz der seine Seele peinigte, der Gedanke an seine Mutter. An ihren Tod. Die Art wie sie sterben mußte. Und er war allein damit. Niemand kam um ihn zu trösten, weder sein Vater, noch sein Bruder war da. Nur diese schweigenden Ärzte und Schwestern die ihn einmal kurz sonderbar betrachteten, und ihn dann wieder links liegen ließen. Alleine mit seinem Schmerz und den schrecklichen Bildern die sich tief in seine Seele gegraben hatten.
Nach einer weiteren der einsamen schlaflosen Nächte, sah er einen Arzt an seinem Bett stehen, und ihn nachdenklich Betrachten als er aufwachte. Er mußte schon lange dort gestanden sein, und er machte keine Anstalten zu gehen. Er sah ihn nur an. ”Kannst du mich verstehen?” frage er plötzlich. Paul nickte. Auf einmal, aus unerfindlichen Gründen, bekam er Angst vor diesem Mann, obwohl seine Stimme warm und sanft klang.
Mit halbem Ohr hörte er dem Arzt zu, als dieser ihm erzählte was mit ihm geschehen war. Daß er eine Stichflamme mitten ins Gesicht bekommen hatte, einen schweren Schock hatte, die Narkose nicht vertragen hätte, fast gestorben wäre, seine Wunden sich entzündet hätten und nicht abgeheilt wären, und er lange Zeit hohes Fieber hatte und nicht richtig bei Bewußtsein war. Nach diesem Vortrag von dem er nicht einmal die Hälfte richtig verstanden hatte, fuhr der Arzt fort ihn eingehend zu Betrachten.
Paul empfand diese Musterung als äußerst unangenehm. Der Arzt schien das zu merken, denn er wandte den Blick ab.
”Was will er von mir?” dachte Paul mit einem wachsenden Gefühl des Unbehagens. Wieder ertappte er den Arzt dabei das er einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht warf. Irgend etwas mußte damit sein. Vorsichtig richtete er sich auf und rutschte vom Bett. Ihm fiel auf das er keine Infusionsnadeln oder sonstiges Zeugs mehr in seinen Armen stecken hatte. Mit wackligen Schritten durchquerte er das Zimmer und blieb vor dem Spiegel stehen, nur um gleich darauf wieder zusammenzubrechen.
Die nächsten Tage verbrachte er wieder in so etwas wie Halbschlaf, betäubt von den Medikamenten die man ihm gegen sein Toben gegeben hatte. Aber inzwischen war er ohnehin so ausgelaugt das er zu nichts mehr Kraft hatte, nicht einmal mehr zum Weinen. Undeutlich bekam er mit das ihn jemand abholte, heraus aus diesem schrecklichen Zimmer in dem er soviel gelitten hatte. Irgendwohin wo es nicht so still und leer war, und wo er sich ein bißchen zuhause fühlte.
Mit der Zeit lichtete sich der Schleier vor seinen Augen, und er erkannte das es sein Vater war der ihn geholt hatte. Auch seinen Bruder erkannte er daneben. Der gleiche Ausdruck den er schon auf dem Gesicht des Arztes gesehen hatte, lag auch auf den Zügen seines Bruders. In den Augen seines Vaters las er eine regelrechte Feindseligkeit und Abneigung. Irgend etwas stimmte nicht.
”Du mußt dich ausruhen.” sagte sein Vater, trug ihn in ein dunkles Zimmer und legte ihn aufs Bett. Leise verließ er das Zimmer und sperrte ab.
Nun war er wieder allein. Aber etwas stimmte nicht, etwas war nicht so wie früher. Dieser Ausdruck auf dem Gesicht seines Bruders, die Feindseligkeit in den Augen seines Vaters. Was war los? Was war mit ihnen geschehen? Warum brachte man ihn in dieses Zimmer? Den Kopf so voller Fragen schlief er ein. Irgendwann zwischen Phasen des Schlafens und des Nachdenkens fand er etwas zu Essen und zu Trinken neben dem Bett. Nachdem er es gegessen hatte fiel er wieder in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Als er aus diesem wieder aufwachte hatte sich das Gefühl des Unbehagens noch weiter verstärkt, und ihm war kalt. Aber sein Kopf war klar und er sah wieder alles deutlich. Jetzt fiel ihm auf das er nicht mehr in dem Zimmer war in das sein Vater ihn gebracht hatte. Er sah sich um, und schaudernd wurde ihm klar das er in einem Keller war. In einem kalten und dunklen Keller. Allein.
Wo war sein Vater? Wo sein Bruder? Diese Ungewißheit nagte noch schlimmer an ihm als der Hunger und der Durst der sich inzwischen eingestellt hatten. Irgendwann schlief er vor Erschöpfung wieder ein. Als er, noch immer gequält von Hunger, Durst und Kälte aufwachte, gewahrte er eine Gestalt die sich an seinem Fuß zu schaffen machte. Bevor er erkennen konnte wer sie war verschwand sie wieder im Dunkel. Etwas Kaltes war auf einmal um seinen Fuß herum. Als er sich aufgesetzt hatte und das Essen das dastand verschlang, erkannte er das es eine Kette war die um seinen Fuß geschlungen war und sich nicht mehr lösen ließ. Jemand hatte ihm angekettet. Aber zu welchem Zweck? Was hatte er getan?
Die folgenden Tage, Wochen, oder vielleicht waren es sogar Monate, brachte er damit zu Nachzudenken. Manchmal auch zu Toben und zu schreien, oder auch zu Bitten und zu Flehen. Doch nie bekam er eine Antwort. Er bemerkte das seine Kräfte langsam zurückkehrten, auch wenn er noch immer unter Hunger und Kälte litt. Doch immer bevor dieser unerträglich wurde fand er etwas zu Essen vor. Als die Kälte immer schlimmer wurde (es mußte Winter sein) tauchte auch eine Decke auf.
Irgendwann als er sich bereits aufgegeben hatte, nur mehr apathisch dahockte und akzeptiert hatte das es keinen Ausweg mehr gab tauchte die Gestalt die er schon einmal gesehen hatte wieder auf. Da sich seine Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten erkannte er seinen Vater. Freudig, aber mit einem nicht zu unterdrückenden Gefühl der Angst wollte er zu ihm hingehen. Doch die zu kurze Kette hinderte ihn daran.
”Bitte... hilf mir.” sagte er, und warf einen flehentlichen Blick zu seinem Vater. Plötzlich verzog dessen Gesicht ein grausam anmutendes Grinsen. Bevor Paul zurückweichen konnte hatte sein Vater eine Art Peitsche in der Hand und begann erbarmungslos auf ihn einzuschlagen, immer mit diesem furchtbaren Gesichtsausdruck. Schreiend und fast wahnsinnig vor Schmerzen wälzte sich Paul am Boden. Doch sein Vater kannte kein Erbarmen. Immer wieder schlug er zu, bis das von ihm nur noch ein Wimmern zu hören war. Dann ließ er ihn liegen, achtlos wie ein Ding das man wegwirft.
Lange lag Paul so am Boden, mit den scheußlich brennenden Striemen am Rücken. Vor Schmerzen unfähig sich zu Bewegen, und mit diesem schon einmal gefühlten tiefen Schmerz in seiner Seele den der Verlust seiner Mutter ausgelöst hatte. Sein Vater hatte ihn geschlagen. Einfach so. Und dann noch dieser haßerfüllte Ausdruck in seinen Augen. Nie würde er ihn vergessen.
Er war unsäglich müde, aber er konnte nicht schlafen. Die Schmerzen und dieses schreckliche Gefühl verraten worden zu sein hielten ihn wach.
Auf einmal ging die Tür auf, und der Schatten seines Vaters fiel in den Keller. In panischer Angst vor weiteren Schlägen drückte sich Paul an die Wand. Doch sein Vater brachte ihm nur etwas zu Essen. Wortlos stellte er es auf den Boden und ging wieder.
So ging es nun wieder lange Zeit hindurch. Sein Vater kam, stellte das Essen auf den Boden und ging wieder ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Immer wieder quälte ihn das Gefühl der Ungewißheit und der Angst. Panischer Angst, wenn er an die Peitsche in der Hand seines Vaters dachte. An das scheußliche Geräusch wenn sie durch die Luft schwirrte und die wahnsinnigen Schmerzen wenn sie seine Haut berührte.
Noch schlimmer dachte er, konnte es nicht kommen. Doch leider hatte er unrecht.
Sein Vater hatte inzwischen begonnen Paul zu unterrichten, ihm Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Es stellte sich heraus das er sehr schnell und mühelos lernte. Das Meiste seines Wissens erwarb er sich aus den Büchern die ihm sein Vater zu lesen gab.
Und doch lebte er ständig in Einsamkeit und Angst. Immer wenn er sich etwas nicht merkte oder etwas nicht verstand wurde er geschlagen. Manchmal auch einfach so, weil seinem Vater gerade danach war.
Doch dann traten ein Spiegel und sein Bruder in seine dunkle, kalte Welt ein. Den Spiegel brachte sein Vater eines Tages zum Vorschein als er Paul gerade wieder einmal geprügelt hatte. Ungeachtet der Schmerzensschreie und des Flehens drückte er seinen Sohn mit aller Gewalt auf die Knie und zwang ihn in den Spiegel zu sehen. Paul sah ein häßliches, von Brandnarben entstelltes Gesicht. Sein Gesicht. Sein Vater schrie mit ihm. Er schrie das er Schuld wäre an dem Tod seiner Mutter. Das er es verdient hätte so auszusehen. Das er kein Mensch mehr sei, sondern ein Monster. Ein Monster das man einsperren müsse, vor dem man die Welt schützen müsse.
Dann fesselte er ihn und ließ ihn liegen. Paul wußte selbst nicht wie lange er so dalag am kalten Boden, unfähig sich viel zu bewegen wegen der festen und schmerzenden Fesseln. Irgendwann schlief er trotz der Kälte und der Schmerzen ein.
Ein peinigender Schmerz in der Magengegend riß ihn aus dem Schlaf. Er wurde brutal auf die Füße gerissen und sah sich von mehreren Männern mit abweisenden harten Gesichtern umringt die ihn lachend umherstießen. Als sie ihn endlich in Ruhe ließen sah er eine große muskulöse Gestalt aus dem Dunkel treten. Es war sein Bruder. Auf seinem Gesicht lag derselbe kalte haßerfüllte Ausdruck wie er ihn bei seinem Vater gesehen hatte.
”Aus meinem kleinen Brüderchen ist wahrlich ein Monster geworden.” sagte er betont spöttisch und verletzend.
Paul erkannte das er schon sehr lange hier gefangen sein mußte, denn sein Bruder hatte sich sehr verändert. Er war viel größer und muskulöser geworden, hatte einen Bart und die Haare trug er lang. Er hatte gehofft das sein Bruder ihn noch gerne haben würde, aber der unheilverkündende Gesichtsausdruck belehrte ihn eines Besseren.
”Kämpfe!” befahl die kalte Stimme seines Vaters.
Verwirrt sah Paul sich um. Plötzlich faßte ihn einer der unbekannten Männer grob an den Haaren und stieß ihn zu seinem Bruder hin ”Du sollst kämpfen, hörst du nicht?” brüllten sie.
Verzweifelt sah er auf zu seinem Bruder. Da traf ihn der erste Schlag mitten ins Gesicht und ließ ihn stürzen. Unter dem Hohngelächter der Männer versuchte er erfolglos sich umzudrehen und aufzustehen, oder wenigstens die Fesseln abzustreifen. Wieder wurde er grob an den Haaren gepackt und auf die Füße gezerrt. Ein brutaler Fußtritt von seinem Bruder ließ ihn an die Wand krachen. Halb benommen spürte er noch die harten Faustschläge und Fußtritte bevor er endgültig zusammenbrach.
Als er wieder halbwegs klar Denken konnte bemerkte er das er inzwischen wieder allein war. Zaghaft versuchte er seine schmerzenden Glieder zu bewegen, und erkannte zu seiner Erleichterung das er nicht mehr gefesselt war. Nur die Kette um seinen linken Fuß hatte man ihm wieder angelegt.
Verzweifelt dachte er nach warum man ihm so etwas antat. Was hatte er getan das er so eine Behandlung verdiente? Woher kam dieser namlose Haß auf ihn? Hatte es etwa nur mit seinem Gesicht zu tun?
Die Männer die ihn so brutal behandelt hatten und sich über den ungleichen Kampf so amüsiert hatten kamen noch oft wieder. Immer wieder amüsierten sie sich über seine verzweifelten Versuche die Fesseln abzustreifen, oder den Schlägen seines Bruders und seines Vaters zu entgehen. Und wenn er, erschöpft und blutig geschlagen, aufgehört hatte sich zu wehren dann mißbrauchen sie ihn. Immer wieder machten sie ihn zum Spielzeug ihrer perversen sexuellen Neigungen. Obwohl es ihn zutiefst anekelte mußte er es über sich ergehen lassen. Er hatte gar keine andere Möglichkeit, er konnte sich nicht wehren.
Immer wieder mußte Paul mit Abscheu an diese gräßlichen Männer denken, auch als sie schon längst nicht mehr kamen. Sein Vater und sein Bruder waren beinahe noch schlimmer. Immer wieder bezeichneten sie ihn als Monster und zwangen ihn im Spiegel seine Narben zu betrachten. Sie wußten das er sehr darunter litt.
Als die Männer seine kalte dunkle Welt endgültig wieder verlassen hatten, begann sein Vater wieder ihn zu unterrichten. Oft war sein Bruder auch dabei, welcher ihm dann auf Anweisung seines Vaters ”bestrafen” durfte wenn er etwas falsch gemacht hatte.
Sein Bruder war inzwischen körperlich sehr stark geworden, sodaß er Paul wie ein Spielzeug in der Gegend herum schleudern konnte. Paul mußte von da an auch ein hartes körperliches Training über sich ergehen lassen. Oft wurde er am Rande des Zusammenbruchs einfach liegen gelassen weil sich niemand um ihn kümmerte. Aber meistens fand seine Erschöpfung in der Peitsche seines Vaters oder in den Fäusten seines Bruders ihren Meister.
In dieser Zeit begann Paul zum ersten mal seinen Vater zu hassen. Er malte sich in Gedanken aus was er einmal mit ihm machen würde wenn er nur die Gelegenheit dazu bekäme. Gleiches galt auch für seinen Bruder der ihm leicht hätte helfen können, es aber nicht getan hatte.
Auf einmal bemerkte er eine sonderbare Veränderung bei den Beiden. Sie ließen ihn viel mehr allein, und auch sein Essen brachte jetzt jemand Anderer. Seinen Vater sah er nur noch selten, während sein Bruder so gut wie gar nicht mehr zugegen war.
Aber auch er selbst hatte sich verändert. Er war größer geworden und überragte seinen Vater nun um einiges, wenngleich er noch immer zu seinem Bruder aufsehen mußte. Er trug seine Haare schon seit jeher lang, aber nun begann auch bei ihm ein Bart zu sprießen, was ihn mit einem Male erwachsener, aber auch furchterregender aussehen ließ. Auch in der Statur war er durch das harte Training seinem Bruder sehr ähnlich geworden.
All dies war sicherlich mit ein Grund warum ihn sein Vater immer brutaler behandelte. Oft hieß er Paul vor ihm niederzuknien oder demütigte ihn sonstwie. Auch mit Peitschenhieben ins Gesicht und auf das nackte Geschlechtsteil traktierte er ihn immer öfter. Paul begann dann wieder als er allein war zu Toben und zu Schreien und zertrümmerte was auch immer ihm in die Finger kam. Sein Vater verstärkte daraufhin die Kette die sein linkes Fußgelenk umfangen hielt noch durch weitere Ketten am rechen Fuß und den Händen, was Paul durch sein Toben die Hand- und Fußgelenke wund scheuerte.
Die Einsamkeit, der Schmerz und die Angst unter der er litt konnte er weder beschreiben noch irgendwie ausdrücken. Zum erstenmal wußte er wirklich was HASS war, wenn er nur an seinen Vater oder seinen Bruder dachte.
Als er eingesehen hatte das ihm sein Toben nichts weiter brachte als mehr Schläge und weniger Essen, begann er wieder zu Trainieren. Diesmal jedoch ohne den Zwang der Peitsche, nur angetrieben von dem schwelenden Haß und der verzweifelten Hoffnung in seinem Inneren.
An einem Tag an dem sein Bruder wieder einmal zugegen war stellte er, ohne es zu wissen, die Weichen für sein späteres Leben. Bisher hatte er in Angst gelebt, doch diese wollte er nun Niemanden mehr zeigen, besonders nicht seinem Vater oder seinem Bruder. Und nie mehr würde er ihnen die Genugtuung geben das sie ihn vor Schmerz schreien hören würden.
Sofort als Paul seinen Bruder erblickte wollte er sich auf ihn stürzen. Dieser wich überrascht zurück, nur um dann mit einem spöttischen Lächeln wieder vorzutreten. Gemein lachend sah er zu wie Paul verzweifelt an den Ketten riß die ihn zurückhielten. Einen Augenblick lang standen sie sich reglos gegenüber und Paul bedachte seinen Bruder mit einem haßerfüllten Blick in dem unsägliches Leid geschrieben stand.
Schmerzgepeinigt verzog er das Gesicht als der erste Schlag seinen nackten Rücken traf. Er krümmte sich unter den Schlägen seines Vaters und den Fußtritten seines Bruders, doch er schrie nicht. Diese Genugtuung würde er ihnen nicht gönnen, nie mehr.
Endlich ließen sie von ihm ab. Zitternd und Keuchend vor Schmerzen lag er am Boden. Als er aufblickte gewahrte er wie sein Vater verächtlich auf ihn niederblickte. Vollkommen ausgelaugt von der Qual die sie ihm bereitet hatten begann er lautlos zu Weinen. Er bemerkte nicht einmal das ihm sein Vater inzwischen die Ketten von seinen Handgelenken genommen hatte. Aber er hätte fast wieder geschrien als ihm sein Bruder brutal die Arme auf den Rücken drehte und ihn fesselte. Peinigend eng zog er Paul die kräftigen Stricke um die Handgelenke und die Taille. Dann zog er ihn auf die Füße, nur um ihn Bruchteile von Sekunden später mit einem harten Schlag ins Gesicht und einem Tritt zwischen die Beine wieder zu Boden zu schicken.
“Du wirst immer schwach bleiben kleiner Bruder... Du bist nichts weiter als ein Feigling der aussieht wie ein Monster.” sagte er geringschätzig.
Paul warf einen Blick so voller Leid auf seinen Bruder das dieser kurz zögerte. Aber dann hob er den Stiefel und trat ihn mitten ins Gesicht. Rücksichtslos riß er ihn wieder auf die Füße und schüttelte ihn derb.
“Kapierst du es jetzt?” schrie er ihn an.
Paul nickte matt. Er konnte einfach nicht mehr. Der Schmerz und die Demütigungen hatten seinen Widerstand und Kampfgeist gebrochen. Zufrieden lachend warf ihn sein Bruder aufs Bett, und ohne seine Fesseln zu lösen, noch sich sonstwie um ihn zu kümmern verließen er und sein Vater sein Gefängnis.
Als er nach einer langen Zeit des Erschöpfungsschlafes aufwachte, erkannte er das er wieder die gewohnten Ketten um Hand- und Fußgelenke trug. Auch zu Essen und zu Trinken war wieder bereitgestellt worden. Lustlos schlang er alles hinunter. Tagelang döste er vor sich hin, ohne an irgend etwas zu denken. Er wollte nicht mehr denken, nie mehr diesen Schmerz spüren der seine Seele quälte, nie mehr diesen Haß empfinden der ihn innerlich verbrannte.
Eines Morgens merkte er das man ihm auch die Ketten abgenommen hatte. Er konnte sich also seit langer Zeit einmal wieder etwas freier bewegen. Doch er hatte keine Lust dazu. Alles was er wollte war nur mehr zu Sterben. Es gab keinen anderen Ausweg. Nur der Tod würde ihn erlösen von diesem unsäglichen Leiden, von dieser schrecklichen Einsamkeit und dem Dunkel und der Kälte. Ja, er wollte sterben.
Doch statt zu sterben hatte sein Schicksal etwas anderes mit ihm vor.
An einen weiteren einsamen und kalten Tag in seinem Gefängnis bemerkte Paul das etwas gewohntes fehlte. Zuerst wußte er nicht was es war, das ihn hellhörig gemacht hatte. Doch dann kam schlagartig die Erkenntnis. Es war das Klicken des Schlosses nachdem man ihm sein Essen gebracht hatte. Damit glomm der Funke der Hoffnung wieder in ihm auf. Er würde frei sein. Endlich.
Nach Stunden des Nachdenkens beschloß er sein Glück zu versuchen. Mehr als ihn wieder zu schlagen wenn es ihm nicht gelang zu fliehen konnten sie nicht mehr tun. Vorsichtig und mit der Angst das die Tür doch nicht aufgehen könnte drückte er die Klinke herunter. Und die Tür ging auf.
Schnell fand er ein nicht verschlossenes Fenster und stieg hinaus. Und dann rannte er. Er rannte weg von diesem gräßlichen Haus in dem er soviel zu erdulden hatte. Weg von seinem Vater. Weg von seinem Bruder. Er wußte nicht was er jetzt machen sollte, aber er war frei. Einfach nur frei.

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