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Annika Senger

Strafschuß

Warum mußte er sie so grausam bestrafen? Aus innigster Mutterliebe war sie 23 Jahre lang nur für Frank putzen gegangen, obwohl das Gehalt ihres Mannes bei weitem ausgereicht hätte, um ihre dreiköpfige Familie zu ernähren. Sie hatte es satt, wenn ihre Mutter sie mindestens einmal pro Woche fragte: "Warum buckelst du dich bloß so ab, Marlene?" Wollte sie nicht verstehen, dass ihre einzige Tochter auch noch Träume und Wünsche im Kopf hatte? "Hartmut ist doch Steuerberater. Da mußt du dir nicht auch noch die Hände schmutzig machen." Warum tolerierte ihre Mutter als wohlwollende Großmutter nicht ihr Ziel, ihrem Sohn die erstklassige Ausbildung zu finanzieren, die ihm zustand? Ihre Jugend war vorbei, genauso die Zeiten, in denen ein Bundesbürger es sich leisten konnte, mit einem Realschulabschluß einen Start ins Berufsleben zu wagen. "Aber wenn ich mir die derzeitige Situation mal genauer angucke... Was zählt denn heutzutage überhaupt noch das Abitur?" dachte sie. "Wie gut, dass Frank nicht als Hauptschüler geendet ist. Ich hätte mir eher einen Strick genommen." Im Fernsehen hatte Marlene sogar von Studienabsolventen gehört, die Taxi fuhren oder kellnerten. Solch ein demütigendes Schicksal wollte sie Frank um jeden Preis ersparen! Und wenn sie dafür abends im Supermarkt den dreckigen Fußboden wischen mußte! Mit jedem Zug ihres Schrubbers sah sie immer mehr teure Autos, ferne Reisen und Häuser, die mit keinen Prunkschlössern gleichzusetzen waren. Alles nur für Frank ...
Als er noch zur Schule gegangen war, wurde sie bei der Arbeit häufig von der Sorge überfallen, dass Frank bis spät in die Nacht seine Zeit vor dem Fernseher totschlagen würde. Daß Hartmut weniger auf den Schlaf des Jungen achtete, war dabei immer ihre quälendste Befürchtung gewesen. Sie solle Frank endlich einmal seine Freiheiten lassen, hatte er sie nicht nur einmal unter Druck gesetzt. Er sei ja schließlich auch ohne Zwänge seinen Weg gegangen. Aber was wußte Hartmut wirklich über sein Fleisch und Blut? Verdankte Frank es nicht der groben Nachlässigkeit seines Vaters, dass er die zehnte Klasse hatte wiederholen müssen? Morgens, wenn sie ihn um punkt sechs geweckt hatte, quollen seine Augen jedes Mal über vor Müdigkeit, und wenn er sich kurz vor sieben in Richtung Bushaltestelle bequemte, trottete er mit lustlos hängenden Armen die Straße hinab. Jeden Morgen hatte sie ihn hinter der Gardine des Küchenfensters beobachtet und leise in sich hineingeflucht, sobald Nachbarstochter Felicitas ihn mit zackigen, elanvollen Schritten überholte. In der Nachbarschaft kursierte das Gerücht, dass Felicitas hochbegabt sei und ihren Eltern eine Eins nach der anderen präsentierte. Die reich beschenkten Sonnenscheins! Frank dagegen konnte sich schon glücklich schätzen, wenn er einmal in einem halben Jahr eine Zwei Minus mit nach Hause brachte. Nur in Sport hatte er regelmäßig Einsen abgesahnt.
Marlene konnte sich trotz alledem nichts vorwerfen. Jahrelang hatte sie ihm kostspielige Nachhilfestunden in Mathe, Englisch, Französisch und Deutsch finanziert, dafür zum Ärger ihres leichtlebigen Mannes auf so manchen Urlaub verzichtet und viele Stunden ihrer freien Zeit geopfert, um Frank bei den Hausaufgaben helfend zur Seite zu stehen. Wie hätte er sonst ohne sie das Abitur geschafft? Ohne ständige Kontrolle wollte er nicht funktionieren. Ohne ihre mütterliche Obhut und Fürsorge wäre er verlottert auf der Straße gelandet, hätte zur Flasche gegriffen und in Lumpen um ein paar lausige Cent gebettelt. Sie war unendlich froh, dieses Übel mit einem angemessenen Maß an Strenge verhindert zu haben. Wenn er morgens Unterricht gehabt hatte, war ihr selten etwas anderes in den Sinn gekommen, als sich mit Stift und Papier an den Küchentisch zu setzen und Franks Zukunft in Wort und Bild zu gestalten. Mittags konnte sie dann getrost das Essen vorbereiten und gegen 13:45 Uhr heimlich lächelnd am Fenster auf Frank warten. Sie war stolz, so große Ziele für ihn aufgezeichnet und säuberlich in einer Mappe abgeheftet zu haben. Obwohl sie es vor ihren Mitmenschen als überaus peinliches Geheimnis empfand, zog es sie von Zeit zu Zeit zu den sogenannten Schulungen einer ständig wachsenden Wirtschaftssekte, die ihren naiven Mitgliedern positive Gedanken und ein menschliches Miteinander einzutrichtern versuchte. An einem Stand der dubiosen Geschäftemacher hatte sie sich ein schlaues Buch mit dem Titel Erfolg, Erfolg, Erfolg gekauft, worin geschrieben stand, dass Gewinnertypen einen klar definierten Plan benötigten. Und es wäre ihr eine alptraumhafte Vorstellung gewesen, einen Taugenichts in die Welt gesetzt zu haben!
Als Frank jedoch das sinnlose Hirngespinst vor ihr ausgebreitet hatte, er wolle nach dem Abitur Zivildienst im Behindertenheim leisten, hatte sie ihn rechts und links geohrfeigt. Wäre er nur ein paar Jahre jünger gewesen, hätte sie ihn liebend gern übers Knie gelegt und mit ihrem größten Holzlöffel verprügelt. "Willst du wirklich ein verweichlichter Jammerlappen werden?" hörte sie sich immer noch außer sich vor Wut schreien. "Du gehst gefälligst zum Wehrdienst und studierst anschließend beim Bund Wirtschaft und Maschinenbau!" So manchen Abend hatte sie sich mit Hartmut gestritten, der gedankenlos behauptete man müsse Frank seine eigenen Entscheidungen treffen lassen. Am Ende war es ihr doch gelungen, sich durchzusetzen. Und Frank sah so akkurat aus in seiner grünen Soldatenuniform! Konnte er nur nicht endlich einmal aufhören, andauernd über die Bundeswehr zu fluchen und zu murren? Sie hatte zu viel Böses über das lasche, undisziplinierte Leben deutscher Studierender an regulären Universitäten gelesen. Die Verrohung der Sitten in Deutschland würde zu allem anderen als zu einer Verbesserung der miserablen Wirtschaftslage führen, glaubte Marlene. Hätte Frank bloß die schriftlichen Abhandlungen ihrer Pläne studiert und gelebt!
Es war der späte Vormittag des Heiligen Abends, als sie nach langem Warten endlich Resultate von ihm sehen wollte und Frank undankbar "Mir reicht 's!" gebrüllt hatte. Vorher hatte sie wie so oft wehmütig aus dem Fenster geschaut und die liebevolle Ordnung mitsamt der Weihnachtsdekoration vor dem Haus der Sonnenscheins bewundert. Nicht ohne Trauer und Wut in ihrem Herzen! Felicitas hatte bereits so viel in ihrem jungen Leben erreicht: Sie war frischgebackene Doktorin der Zahnmedizin, während Frank in die bösen Fänge einer Drogen-Clique gerutscht war. Beim Durchwühlen seiner schmutzigen Wäsche am Nachmittag des 23. Dezembers mußte sie eine fürchterliche Entdeckung machen: In seiner Reisetasche steckte ein Döschen mit grünen Kräutern und der Aufschrift "White Widow". "Kannst du mir das bitte erklären?" versuchte sie, Frank zur Rede zu stellen.
"Reg' dich ab, Mama. Ich rauche das höchstens zweimal im Monat. Du solltest mal einige der anderen sehen. Die kiffen täglich und sind in jeder Vorlesung high."
Seine so reuelose Antwort konnte und wollte sie nicht einfach im Raum stehen lassen. Für das Neue Jahr hatte sie sich jedenfalls vorgenommen, sich von Hartmut scheiden zu lassen, weil er die Machenschaften seines Früchtchens als harmlos abtat. "Dann sollte man dir genauso verbieten, nach jeder Mahlzeit Schnaps zu saufen. Das nimmt ja langsam Überhand!" hatte er Marlene vorgeworfen. Aber sie brauchte keinen Schnaps zum Leben. Er verbesserte lediglich ihr allgemeines Wohlbefinden, und im Gegensatz zu Marihuana war er wesentlich günstiger und obendrei legal zu erwerben. Abend für Abend stimmte sie nickend dem Werbeslogan im Fernsehen zu: Laß dich nicht verarschen, vor allem nicht beim Preis. Sie lebte die Kraft dieser Worte, handelte beim Einkaufen danach und war fest überzeugt, dass sie Heilung für die deutsche Wirtschaft versprachen. "Siehst du das denn nicht ein, Frank? Du schmeißt dein ganzes Geld für Drogen zum Fenster raus!"
"Ich bin müde", sagte er monoton und latschte träge in sein Zimmer. Fünf Minuten später durchfuhr sie ein ohrenbetäubender Knall. "Frank!" heulte sie auf und wurde niedergedrückt von einer schmerzenden Last auf ihrem Herzen. Ihr wurde schwindlig zumute. Tausend grinsende Teufel zerrten sie kopfüber in das Zimmer ihres Sohnes.
Frank kauerte noch immer auf der Kante seines Bettes, sein Gesicht schmerzverzerrt, die Lippen zitternd. Mit beiden Händen umklammerte er seinen rechten Oberschenkel, der durch den zerfetzten Stoff seiner Jeans zu bluten begann. Vor seinen Füßen lag die Pistole, die zu seiner akkuraten grünen Soldatenuniform gehörte.

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