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Annika Senger

In der Schrottpresse

Zwei Polizeiwagen und ein Leichenwagen halten neben der Stelle, wo der Lokführer des Intercity abrupt zum Bremsen gezwungen worden ist. An beiden Enden des Zuges sind Menschen mit Arbeiten beschäftigt, die P. sich nicht in Ansätzen vorzustellen wagt. Das Bild zieht an ihr vorüber wie ein Film; das Fenster der Regionalbahn ist für zehn Sekunden ihre Leinwand. „Jetzt haben die uns auf die ICE-Strecke umgeleitet, aber was machen wir bloß, wenn wir mit einem Zug, der von vorne kommt, zusammenstoßen?“ kommentiert die weißhaarige Dame neben P. die Situation.
„Oh...“, sagt P. „Hoffentlich nicht... Eigentlich reicht 's, wenn ein Dussel von Selbstmörder stirbt.“
„Ja, ja. Da haben Sie recht.“
Um P.s Hals legt sich eine Kette der Beklommenheit. „Ein ICE aus der Gegenrichtung würde diesen Zug hier zusammenquetschen wie eine Ziehharmonika“, denkt sie. Ob sie weit genug hinten sitzt, um einen frontalen Zusammenprall zu überleben? Wenn ja, würde die Regionalbahn nicht trotzdem durch die Wucht des ICE entgleisen? Ein Stein auf ihrer Brust drückt sie tiefer in ihren Sitz. Sie muß nicht die Augen schließen, um schreiende Menschen kreuz und quer durch den Wagon fliegen zu sehen. Sie faltet ihre Hände und preßt sie fest gegeneinander. Zuerst würde die ältere Dame zu ihrer Rechten durch die Fensterscheibe auf den Acker geschleudert werden, danach sie selbst. Glassplitter würden P. das Gesicht zerschneiden; unter glücklichen Umständen würde sie schon im Fall das Bewußtsein verlieren und nicht mehr spüren, wie Mitreisende und Wagonreste ihren Körper begraben.
Aus der Gegenrichtung rast ein Güterzug an der Regionalbahn vorbei, die während dessen ihr Tempo reduziert. „Ach“, seufzt P., „wir können übrigens gar nicht mit einem ICE zusammenstoßen. Die Strecke ist doch zweigleisig.“
„Ja, wo sie es sagen... Da haben wir aber Glück gehabt“, antwortet ihre Nebenfrau.
In P.s Gehirn formen sich bereits die Konturen eines zweiten ICE, der ein paar Minuten nach der Regionalbahn den Bahnhof verlassen würde. Im Laufe ihrer zwanzigminütigen Verspätung ist zwar mehrmals über Lautsprecher verkündet worden, daß die Regionalbahn wegen eines „Personenschadens“ auf die ICE-Strecke umgeleitet werde, doch ist auch sichergestellt worden, daß diese Nachricht den Fahrer des ICE noch rechtzeitig erreichen würde? Nicht nur einmal in der Geschichte der Bahnfahrt ist es aufgrund von Signalfehlern zu schweren Zugunglücken gekommen. „Und Signalfehler sind, verdammt noch mal, auch nur das Produkt menschlicher Unachtsamkeit“, denkt P. „Genau wie die Flugzeugkatastrophe über dem Bodensee: Weil ein einziger Fluglotse rumgeschludert hat, mußten gleich so viele Leute dabei draufgehen.“
Ihre Ohren saugen die Geräusche im Wagon auf wie ein Schwamm: den Brei aus Gesprächsfetzen, den Cocktail aus Fahrtwind und Motorenlärm. Zwischen alledem hört P. das ständig intensiver werdende Donnern eines von hinten nahenden ICE. „Wie schnell fährt eigentlich so ein Bummelzug wie dieser?“ fragt sie sich ohne Worte. „80 km/h? Wenn es hochkommt, bestimmt nicht schneller als 120. Wie lange würde es wohl dauern, von einem ICE mit 250 Sachen platt gemacht zu werden?“ P. versucht, sich an ihren letzten Physik-Unterricht zu erinnern, aber vorher ertappt sie sich im Stadtpark beim Schwänzen ihrer letzten Physik-Klausur. „Scheiße, scheiße, scheiße!“ schreit ein Chor von hysterischen Stimmen in ihrem Kopf durcheinander. „Nichts als ein undefinierbarer Haufen Blech würde von uns übrig bleiben!“ Sie sieht sich fest gekettet auf dem Rücksitz eines Autos, fühlt sogar eiserne Fesseln an Armen, Beinen und oberhalb der Brust. Der Magnet, der das Auto über der Schrottpresse in die Tiefe fallen lassen wird, hat sich längst ans Dach gehaftet, zieht es höher und höher...
„Hat das einen Grund, weshalb die Motoren plötzlich so dröhnen?“ fragt sie ins Leere.
„Sehen Sie mal, jetzt sind wir wieder auf der Regionalstrecke“, antwortet die ältere Dame.
P. entfährt ein Seufzer der Erleichterung: „Was für ein Glück!“
„Sie sehen blaß aus. Ist Ihnen nicht gut?“
„Doch, doch“, weicht P. aus. „Was sollte denn sein?“
„Na, ich habe ja immer noch ein bißchen Sorge, daß ich meinen Bus nicht mehr kriege. Ich seh' es schon kommen, daß ich mir wieder für teures Geld ein Taxi nehmen muß.“
„Hm, das ist natürlich dumm gelaufen. Zum Glück weiß mein Freund Bescheid, daß ich später komme.“
P. hat ihn sofort angerufen, nachdem sie erfahren hatte, daß sich die Abfahrt ihres Zuges auf unbestimmte Zeit verzögern würde.
„Dann fahre ich am besten erst um halb acht zu Hause los“, sagte er.
Als sie am Bahnhof ankommt, ist es zehn vor acht. Mürrisch wirkende Menschen warten schätzungsweise schon länger als eine halbe Stunde auf ihren Zug, andere sitzen Zeitung lesend oder bei Radiomusik in ihren Autos vor dem Bahnhofsgebäude. Nach und nach gesellen sich P.s Mitreisende zu ihren Abholern. Nur das Auto ihres Freundes ist nirgends zu sehen. „Warum kann Ingo nicht ein einziges Mal pünktlich sein?“ fragt sich P. in Gedanken. „Wäre er wirklich um halb acht losgefahren, müßte er schon vor zehn Minuten hier gewesen sein.“
Sie beobachtet das Fortschreiten ihres Minutenzeigers. Punkt acht beginnt sie im Gleichschritt mit dem Sekundenzeiger einige Meter vor und zurück zu schleichen. Sie läßt sich kurz auf der Treppe vor dem Bahnhofsgebäude nieder, aber eine Rastlosigkeit in ihren Unterschenkeln reißt sie zurück in den Stand. Auf der Bundesstraße wimmelt es nur so von Rasern. Diese lebensmüden Idioten überholen auch bei Gegenverkehr. Wie oft hat sich Ingo schon darüber beklagt? Und P. hat solch rasante Überholmanöver selbst unzählige Male miterleben müssen. Einmal hätte es Ingo und sie fast von der Fahrbahn gerissen! Sie ist sich sicher, daß es nicht zu verhindern gewesen wäre, wenn er nicht in Windeseile reagiert hätte. Damals sah sie sich schon eingeklemmt in dem Wrack seines Autos, ihr eigenes Leben am seidenen Faden hängend, Ingo auf der Stelle tot. Das Bild verfolgte sie noch Stunden später und bohrte sich in der Nacht darauf in ihre Träume. „Ingo! Ich will dich nicht verlieren! Bitte verlaß mich nicht!“ hatte sie im Schlaf geschrien. Ingo mußte sie wachrütteln und ihre Hände fest in die Matratze drücken. Ihre Fingernägel hatten sich so tief in ihrer Haut verzahnt, daß sie eine Kratzspur am linken Arm hinterlassen hatte. Am nächsten Morgen schämte sie sich für ihren Anfall und konnte Ingo kaum noch in die Augen blicken. Mit seiner stets verständnisvollen Stimme gab er ihr den Rat: „Laß dir bitte helfen, P. Langsam bin ich wirklich mit meinem Latein am Ende.“
„Ich könnte nicht mehr atmen, wenn mich jemand so bedrängen würde wie ich Ingo“, beginnt P. laut zu denken. Aber um zehn nach acht glaubt sie, einen Rettungshubschrauber Richtung Bundesstraße fliegen zu sehen. Sie versucht, die Geräuschfäden in ihrer Umgebung zu entwirren: das ferne Rauschen der Autos und... Sie hat es ganz deutlich vernommen: ein ganzes Aufgebot an Polizei – und Krankenwagen! Sie konzentriert sich auf das Heulen der Sirenen, oder ist es doch nur der böige Westwind? Sie lauscht eindringlicher. Ein Güterzug auf der Durchfahrt durchschneidet den Klangteppich; P. zuckt zusammen. „Ich will nicht vom Zug überrollt werden!“ jammert sie. Nervös gleiten ihre Hände in die Jackentaschen. Sie tastet nach ihrem Handy – sollte sie Ingo nicht langsam anrufen? Nein, Ingo ist bestimmt längst von zu Hause aufgebrochen. Es würde sich lediglich sein Anrufbeantworter melden und seinen Tod bestätigen. Weiß überhaupt irgend jemand außer ihm, daß sie am Bahnhof auf ihn warten würde? „Wie lange soll ich hier denn noch stehen? Oh Gott, mach', daß dieser Alptraum bald ein Ende hat!“ P. hält sich den Mund zu, um nicht zu schreien. Ihr Blick schweift hinüber zu den Gleisen hinter dem Bahnhofsgebäude. Sie ringt nach Atem, sieht sich selbst auf den Schienen liegen; ihr eigenes Gewicht lastet wie ein Felsbrocken auf ihrer Lunge. „Ruf' ihn doch endlich an!“ fleht sie sich an. „Nein, verdammt noch mal, nein – gleich fährt sowieso ein Polizeiwagen vor!“ Zwei Beamte in Uniform würden aussteigen, auf P. zugehen, mit finsterer Miene auf sie einreden: „Es geht um ihren Freund...“ Sie hätten gar keine andere Wahl, als P. anzusprechen, denn ihre Mitreisenden sind wahrscheinlich schon alle zu Hause und haben angefangen, den Selbstmörder zu vergessen. Sie wissen nicht, daß P.s Hände gerade verkrampfen und unkontrolliert zittern. Es ist, als würden leichte Stromschläge ihre Fingerspitzen bis zu den Handgelenken durchzucken. „Ingo... Ingo!“ schluchzt sie ohne Tränen.
„Sie warten auf ihren Freund?“ würden sie P. fragen. „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, daß er nicht imstande ist, sie abzuholen. Es gab einen schweren Unfall auf der Bundesstraße...“
„Nein!“ brüllt sie. „Nein!!!“
Ihre Knie geben unter ihrem Gewicht nach. Es gelingt ihr noch, sich am Geländer festzuhalten, um nicht auf die Treppenstufen zu stürzen. Schübe von Schüttelfrost ergreifen ihren Körper. Sie kauert sich in sich zusammen, preßt die Hände fest über beide Ohren, als ein Auto vor dem Bahnhofsgebäude vorfährt. „Das sind sie! Ich will es gar nicht wissen! Die sollen gehen!“ will sie schreien. Ihre Stimme versagt, bevor sich die Worte von ihren Lippen lösen. Sie hört das Klappen einer Autotür. Schritte. Sie steuern geradewegs auf sie zu. Sie werden sie zwingen, ihnen bei Überbringung der Hiobsbotschaft in die Augen zu schauen. Sie werden verlangen, daß sie nicht länger vor der Wahrheit davonlaufe. Ihr ganzes Leben lang hat sie nichts anderes getan! Eine Hand gleitet durch ihr Haar. „Hey P., was ist denn jetzt schon wieder los?“ hört sie Ingo aus einer anderen Welt zu sich sprechen.

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