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Annette Scheller

Die Münstermanns

Helma schob den letzten Happen Toast in den Mund, von dem die Erdbeermarmelade tropfte. Sie schmatzte und schleckte mit der Zungenspitze bedächtig über ihre Lippen. Sie lächelte, reckte die Arme und streckte die Beine weit von sich.
Mein freier Tag, dachte sie, endlich. Ich werde lesen, ich werde faulenzen und jede Minute auskosten.
Sie stand auf, schüttelte ihre ungekämmten dunkelbraunen Locken und trat ans Fenster. Sie liebte die Aussicht auf die buschigen Kastanien, die das Grundstück ihrer Nachbarn von der stillen Nebenstraße trennte. Goldgelb leuchteten die Margeriten, die den gegenüberliegenden Holzzaun säumten. Violette Blüten wilder Veilchen lukten unter ihnen hervor, schienen sich zu verneigen.
So verweilte sie einen Moment, stutzte und blickte irritiert auf die Uhr. Kurz nach elf.
Warum saßen Münstermanns nicht im Garten?
Sie kannte das alte Ehepaar seit zehn Jahren, und in dieser Zeit verbrachten sie alle schönen Sommertage zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, auf dick gepolsterten, verblichenen gelben Gartenstühlen, eng beieinander.
So eng, dass sich die Armlehnen berührten.
Warum heute nicht? grübelte Helma, trat zum Wandregal und vergaß ihre aufkeimende Besorgnis. Sie fand ihr Lieblingsbuch "Die Muschelsucher", ging zurück zum Fenster und kuschelte sich in den wuchtigen dunkelblauen Sessel. Sie zog die Beine hoch, die in ausgebeulten, verwaschenen Jeans steckten, strich über Gerds blau weiß kariertes Flanellhemd, das sie angezogen hatte, und das sich wie Samt anfühlte.
Wahllos blätterte Helma in den Seiten, las einige gekennzeichnete Absätze, und seufzte.
Sie legte das Buch zur Seite, steckte sich eine Marlboro an und sog kräftig einige Lungenzüge in sich ein.
”Mist”, murmelte sie hustend, sprang auf, und zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher.
Als die große Standuhr zwölf Uhr schlug, blickte Helma erneut aus dem Fenster.
Leere Stühle blickten sie an.
Helma runzelte die Stirn.
Erst jetzt fiel ihr auf, dass es Wochen her sein musste, seit sie die kleine, mollige Frau Münstermann mit ihrem schneeweißen Haar gesehen hatte. Sie trug ein rosa geblümtes Kleid, wie sie es immer tat und umfasste die Hand ihres Mannes.
Herr Münstermann, mager, mit schütterem grauen Haar. Bekleidet mit einem dunkelblauen Jogginganzug.
Sie sah sein Gesicht vor sich, überzogen von unzähligen Lachfältchen, seiner Frau zugewandt. Rührselig dachte Helma daran, dass sie im Alter mit Gerd so dasitzen wollte. Sie würde sich an ihn schmiegen, seinen Geruch einsaugen, die Sicherheit seiner Nähe spüren.
Bekümmert fragte sie sich, ob es ihr entgangen sein könnte, dass Frau Münstermann blass ausgesehen hatte? Und Herr Münstermann? Sorgenvoll?
So sehr sie überlegte, sie erinnerte sich nicht.
Ruhelos verbrachte Helma die nächste Stunde. Sie wartete auf Gerd.
Als er nach Hause kam, hatte sie den Sessel ans Fenster gerückt. Sie hockte auf den Knien und sah in Münstermanns Garten.
Gerd trat hinter sie und drückte ihr zärtlich einen Kuss auf die Wange, wie er es immer tat. Da sie nicht wie sonst über sein hellblondes Haar strich, und seinen Kuss erwiderte, sah er sie aufmerksamer an.
Helmas Wangen waren übersät von roten Flecken, die sich bis zum Hals hinzogen.
”Was ist passiert?” fragte Gerd und Helma erzählte sehr aufgeregt, was ihr aufgefallen war.
Dann war nur noch ihr schweres Atmen zu hören.
Gerd starrte sie ungläubig an. Er stammelte: ”Aber Helma, Münstermanns wohnen seit voriger Woche in einem Altenheim! Frau Meiners, die Freitags für sie putzte, fand sie. Sie lagen abgemagert im Bett, sprachen kein Wort. Ich dachte, du wüsstest es!”
Als Helma nichts erwiderte, räusperte sich Gerd. ”Im Garten haben sie seit einem Monat nicht gesessen.”
Seine Stimme wurde leiser. ”Niemand hat es bemerkt.”
”Nein, niemand”, wiederholte Helma mit rauher Stimme, "auch ich nicht."

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