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Annette Scheller

Zeit für einen Bettler

Kati sah mich skeptisch an. "Ein Interview? Mit mir?" "Mit euch allen, mit dir, Karl und Thomas", erwiderte ich und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. "Ihr müsst es auch nicht umsonst machen. Ich zahle euch 200.- DM dafür. Karl stand mit offenem Mund neben uns und kratzte bedächtig über seine Bartstoppeln. Thomas hatte sich abgewandt, so, als könne er sowieso nicht ernst nehmen, was ich da von mir gab. Dabei sollte er meine Hauptperson werden. Er wusste nur noch nichts von seinem Glück.
"Also, wie siehts aus", sprach ich Kati wieder an. "Mit dir würde ich gerne beginnen." "Na ja", druckste sie und drehte sich zu Thomas um. "Was meinste?" Doch der zuckte nur die Schultern. "Mm, ich machs". Sie grinste mich unsicher an. "Dann wollen wir gleich beginnen. Komm, wir zwei setzen uns dort auf die Bank. Dort redet es sich besser. Und ihr zwei wartet auf uns, ok?", rief ich Karl und Thomas noch schnell zu.
"Also Kati, erzähl mir etwas von Thomas." "Von Thomas?" "Ja, ist er dein Freund?" "Das kann man wohl sagen, der beste, den ich jemals hatte. Er ist so stark und gut sieht er aus." Ich nickte. "Keiner kann es mit ihm aufnehmen. Und zärtlich kann er sein, zärtlich, wie ich es nie erlebt habe. Manchmal küsst er mir sogar die Hand", kicherte Kati, "wie einer Dame. Wenn ich dann aber anfange zu kichern, wie jetzt auch, lacht er mich so laut aus, dass sich alle nach uns umdrehen. Das mag ich nicht." "Er genießt es wohl, im Mittelpunkt zu stehen?" "Er mag es auch, die Menschen zum Lachen zu bringen. So wie gestern, als er in der Fußgängerzone vor einer alten Frau auf die Knie fiel und ihr mit einem herzerweichenden Grinsen seinen Hut entgegenhielt. Manchmal kann er auch schockieren." "Hast du ein Beispiel?" "Als ihm einmal jemand zurief: "Verpiß dich, du Schmarotzer!" zog er seine Hose herunter und streckte ihm den nackten Arsch entgegen. Das war ein Theater. Zum Schluss kam sogar die Polizei."
"Weißt du auch, was er früher gemacht hat?" "Da hat er mal studiert, dann Pech gehabt. So kann es gehen im Leben, auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt. Was genau passiert ist, weiß ich nicht, aber an ihm kann es nicht gelegen haben. Da musste ihn schon selber fragen." "Ja, fällt dir sonst noch etwas zu ihm ein? "Seinen Kumpels gegenüber ist er manchmal zu großzügig. Wenn er Geld zusammen hat, bekommen alle etwas ab. Aber so ist er eben. Und was er alles weiß. Intellektuell nennt man so was wohl. Ich kenn mich nicht so aus. Jedenfalls ist er gebildet und ein guter Mensch."
"Danke Kati, das war sehr nett. Nun würde ich gerne mit Karl sprechen. Kannst du ihn bitten, her zu kommen?"
"Mach ich."
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Karl bedächtig zu mir herüber schlurfte. "Wofür soll das eigentlich gut sein?", waren seine ersten Worte. "Ich bin Journalistin bei der hiesigen Zeitung, meine erste Festanstellung. Dies wird mein erster eigener kleiner Artikel und der muss gut werden", stieß ich aufgeregt hervor. Karl sah mich zuerst zweifelnd an, dann lächelte er. "Na Mädchen, dann wollen wir dir mal helfen. Wie lautet denn dein Thema?" "Zeit - Zeitspanne im Leben eines Bettlers", erwiderte ich. "Und ich beobachte euch schon eine ganze Weile und Thomas scheint euer Anführer zu sein, oder? "Er ist ein Spinner, den ich gerne habe und ein guter Freund." Erzähl mir von ihm."
"Nie würde er mich im Stich lassen. Als ich mich mal an der Hand verletzte und die Wunde sich entzündete, gab er nicht eher Ruhe, bis er mich zur Bahnhofsmission geschleppt hatte. Das vergesse ich ihm nie. War kurz vor einer Blutvergiftung." Karl nickte unterstreichend und ich tat es ihm nach. "Trotzdem nervt er manchmal ganz schön, weil er immer den Clown spielt. Wenn der Park im Sommer gut besucht ist, hangelt er sich z.B. wie ein Affe von Ast zu Ast, um sich danach wie ein Zirkusdirektor vor der lachenden Masse zu verneigen. Ich schwitze Blut und Wasser und für ihn zählt nur der mit Geldstücken gefüllte Hut. Von dem wir alle profitieren. Das muss ich dazu sagen. Habe nie einen großzügigeren Menschen kennen gelernt." Karl stand auf. Empörung im Gesicht geschrieben, erzählte er weiter. "Manchmal gehen seine Späße aber auch unter die Haut, wie im letzten Winter. Da hat er sich im Park bei minus 20 oder so in den Schnee gelegt und toter Mann gespielt. Er wollte sehen, ob ihm jemand helfen würde. Zwei Stunden hat es gedauert, bis ein junges Mädchen von ihm Notiz nahm und den Krankenwagen rief." "Die haben ihn hoffentlich gleich mitgenommen?" Ja und zwei Wochen hat er es sich im Krankenhaus gut gehen lassen. Eine magere Zeit für mich." "Das war sehr interessant, Karl, danke. Ob du jetzt Thomas überreden könntest, zu mir zu kommen?" "Klar und machs gut." Thomas blieb noch eine ganze Weile bei Karl stehen, der ihm wohl erst alles erzählen musste, dann kam er aber grinsend auf mich zu, setzte sich und meinte sehr freundlich: "Was willst du denn wissen?" "Erzähl einfach, was du denkst."
"Mir ist es egal, was die Leute über mich reden", begann er zögernd."Die meisten sind wirklich nett und lachen über meine Späße. Ich brauche das, um nicht über das Elend meines Lebens nachzudenken." Und ganz still hörte ich, was er zu sagen hatte.
"Als ich siebzehn Jahre alt war, starb meine Mutter. Meinem Vater zuliebe studierte ich einige Jahre Philosophie und Geschichte, dann konnte ich nicht mehr. Unsere Wohlstandsgesellschaft widerte mich an. Ich machte mich frei von allen Zwängen und Vorschriften. Und von allen Bindungen." Thomas schluckte. "Das war das Schwerste. Mein Vater weinte und bettelte mich an, es nicht zu tun.
Heute kennt er mich nicht mehr. Er zerbrach an dieser Schande. Eine Schuld, die ich tragen muss." Thomas seufzte. "Nun spiele ich den Clown, der innerlich in seinen Tränen ertrinkt. Und doch bin ich froh, diesen Weg eingeschlagen zu haben. Ich hätte sonst niemals so wertvolle Menschen kennen gelernt, wie meinen Kumpel Karl und die kleine Kati. Davon bin ich fest überzeugt. Was wäre ich ohne sie. Ein gestelztes, geknechtetes, zurecht gezimmertes Mosaik unserer Gesellschaft. Nein danke."
Mit diesen Worten sprang Thomas auf und ging schnell davon. Ich blieb wie betäubt sitzen.
Konnte ich wirklich über diesen Menschen einen kurzen Artikel von vielleicht zehn Zeilen schreiben? Ich blickte auf den beschriebenen Notizblock in meinen Händen, denn ich hatte mir fleißig Notizen gemacht.
ZEIT, das Wort sprang mir in die Augen. ZEIT für einen Bettler, ging es mir durch den Kopf. ZEIT -ZEITspanne - ZEITlebens - ZEITgerecht .........
Nein, ich würde mir nicht die ZEIT abfordern lassen, diesen Mini-Artikel zu schreiben, nicht für Geld und alle ZEIT der Welt.

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