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"Zwiegespräch"
nicht nur von Reinhard

Reinhard: Was ist mein Ziel bezüglich der B&S-Seiten fragtest Du mich gestern. Ursprünglich habe ich die Seiten einfach aus Frust ins Leben gerufen, weil ich mir irgendwie hilflos diesem Thema 'ausgeliefert' vorkam. Aufgrund meiner Behinderung habe ich Probleme in diesem Bereich, die man vielleicht im ersten Moment nicht sieht, aber doch gravierend sind und für mich so die Partnersuche (egal wie man es auch auslegen mag) sehr schwer machte.

'Gesprächspartnerin': Aha. Ich weiss nicht ganz, ob ich verstehe was Du meinst, aber das kann auch daher kommen, dass ich die Probleme nicht kenne. Ich wuerde sagen, ich habe alle schlechten und guten Erfahrungen gemacht, die man so macht, wenn man seine Sexualitaet entdeckt. Ich hatte auch nie ein Problem, einen Freund zu finden, auch wenn man das natuerlich immer denkt als pubertierendes Wesen ("Ich finde nie den richtigen"). [...]

Reinhard: Es ist ja nicht nur so, daß die Gesellschaft Behinderte des öfteren als 'geschlechtslos' betrachten, oder es gibt auch stimmen 'die sollen gegen ihren Trieb Medikamente bekommen', sondern es kommt noch dazu, daß man sich selbst aufgrund der körperlichen Einschränkungen nichts zutraut, daß man nicht selbstbewußt genug ist, zu sich selbst zu stehen und dementsprechend aufzutreten.

'Gesprächspartnerin': Die Erfahrung mit der Gesellschaft habe ich auch gemacht, aber ich habe mich immer bemueht, mich nicht davon beirren zu lassen. Ich wusste es immer besser und habe mich immer bemueht, meine Erfahrungen selbst zu machen anstatt mir von anderen ihr Schubladendenken aufdraengen zu lassen. Meine Eltern hielten/halten es fuer ueberfluessig, dass ich ueberhaupt einen Freund habe/hatte. Erst dachte ich, sie trauen mir das nicht zu, weil ich behindert bin und denken keiner will mich. Jetzt ist meine Schwester (nichtbehindert) 19 und hat die gleichen Probleme, was mich doch etwas beruhigt :o)

Reinhard: Irgendwelche Einschränkungen kann man nicht ungeschehen machen, aber manchmal sind sie gar nicht so schlimm, wie man selbst glaubt, oder oft kommt es auf das gar nicht an.

'Gesprächspartnerin': Das stimmt. Da gebe ich Dir recht. Ich denke, es kommt auf die Leute an. Ich habe beispielsweise keine Probleme mit Sex. Es ist kein Unterschied durch meine Behinderung, da ich trotz Querschnitt volles Gefuehl habe und auch meine Beine bewegen kann, aber ich erwarte z.B. von einer guten Partnerschaft, dass mich ein Mann auch dann lieben wuerde, wenn dem nicht so waere, denn wenn mein Freund impotent wuerde, wuerde ich auch zu ihm stehen und man muesste sich einen anderen Weg ausdenken. Das hat etwas mit Vertrauen und wahrer Liebe zu tun. Ich wuerde an einer Partnerschaft sehr zweifeln, wenn ich mir nicht sicher sein koennte, dass mein Partner immer zu mir steht, egal was passiert und mich auch so liebt wie ich bin.

Reinhard: Also betreibe ich die Seiten zwecks Ansammlung von Erfahrungen, aber auch um anderen vielleicht helfen zu können. Indem sie sich einfach präsentieren, über das Thema nachdenken, ihre Träume ausleben und zu formulieren versuchen oder einfach den Kontakt zu Gleichgesinnten oder einfach Interessierten suchen.

'Gesprächspartnerin': Aha, verstehe. Ich finde die Idee auch sehr gut, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es wirklich etwas bewirken kann... Vielleicht aber einen ersten Schritt zu erkennen "ja auch ich habe eine Sexualitaet" oder einfach die Netzgemeinde mit der Nase drauf zu stossen, auch Behinderte haben Sex. Das ist nicht ironisch gemeint. Es ist eines der beliebtesten Vorurteile, das mir begegnet, naemlich dass ich keinen Sex haben kann oder die in meinen Augen echt unverschaemte Frage: Wie hast Du denn Sex? Und das teilweise in den ersten fuenf Minuten eines Gespraechs. Als ich solo war hatte ich eine zeitlang einen Tick. Ich habe jedem auf die Nase gebunden, dass ich Gefuehl in den Beinen habe, weil ich dachte, keiner graebt mich an, weil sie denken, die koennen nicht ins Bett mit mir. Natuerlich war das nicht der Grund, wie ich jetzt weiss, sondern weil einfach alle Respekt vor mir hatten und Angst hatten, einen Korb zu kassieren. Naja, ich war 17... :o)

Reinhard: Es gibt genug wissenschaftliche Arbeiten über dieses Thema, die aber in der Quintessenz alle das gleiche aussagen, aber im Endeffekt keine Lösungen anbieten, nicht einmal Lösungsansätze, so habe ich es zumindest empfunden.

'Gesprächspartnerin': Ich habe immer etwas Vorbehalte gegenueber Studien a la die Sexualitaet von Behinderten, die Psyche von Blinden und die Geschmacksverirrungen von Gehoerlosen ;o) Um festzustellen, dass ich eine normale Sexualitaet leben kann / lebe, brauche ich keine wissenschaftliche Abhandlung, das weiss ich selbst am besten... Ausserdem hat jeder/jede eine eigene Sexualitaet, das hat nichts damit zu tun, ob Behindi oder nicht.

[...]

Soweit dazu, aber der Gedankenaustausch ging dann später nochmals weiter:

[...]

Reinhard: Wie dem auch sei, natuerlich hoffe ich schon, mit meinen Seiten etwas bewirken zu koennen. Vorurteile sollten abgebaut werden und betroffenen Menschen sollte die Moeglichkeit gegeben werden, sich naeher mit dem 'Problem' auseinanderzusetzen. Ich weiss, Du meinst, dass es bezueglich Partnersuche fuer eine/einen Behinderte/n nicht wesentlich mehr Probleme gibt, als fuer eine/n 'Gesunde/n'. Vermutlich duerften sich auch nur Extremfaelle bei mir melden, die mit ihrer teilweise Schwerstbehinderung nicht zurande kommen? Oder doch nicht? Soll man es als normal betrachten, dass ein Behinderter doppelt so stark um etwas 'kaempfen' muss und dann zu sagen, ist ja eh alles kein Problem? Und das, obwohl er/sie selbst nicht richtig mit sich fertig wird und sich dann allzugerne im eigenen Schneckenhaus verkriecht? Das nur als kurzer Gedankenanstoss.

'Gesprächspartnerin': Ich kann Dir nicht ganz folgen. Also dass man als behinderter Mensch mehr kaempfen muss, da stimme ich Dir zu, auch wenn es nicht immer zutrifft. Das mit dem Schneckenhaus habe ich nicht ganz verstanden in dem Zusammenhang. Denn wenn sich jemand verkriecht, dann ist das ein generelles Problem im Leben dieses Menschen und wirkt sich "nur" u.a. auf die Sexualitaet aus. Ich denke, es ist ein bisschen wie eine Reaktion wo die Sexualitaet am unteren Ende haengt. Aber um das alles aufzuarbeiten, das kann eine Homepage nicht leisten, aber das war ja auch nicht Dein Anliegen. Mir ist schon klar, das nicht alle behinderten Menschen so ein Leben fuehren wie ich, sowohl bedingt durch die Form der Behinderung als auch durch ihr Lebensumfeld und das dies auch zum Zurueckziehen fuehren kann, aber die Frage ist wirklich, ob die Sexualitaet da der Ansatzpunkt sein sollte/kann. Ich weiss es nicht so recht. Ich denke, es kommt auf den einzelnen Menschen an und ich halte es ja gar nicht fuer ausgeschlossen, dass Deine Seiten ein Impuls sein koennen, um sich selbst wieder am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Reinhard: Ansonsten habe ich noch eine Frage an Dich. Was haelst Du eigentlich von 'Sensis'? Duerfte Dir vermutlich ein Begriff sein. Haelst Du es fuer vernuenftig, diese Institution nachzuahmen? Auch fuer Frauen? Ich bin naemlich momentan mit einem Mann in Kontakt, der meint, so ein Service anbieten zu wollen.

'Gesprächspartnerin': Also ich muss Dir ehrlich sagen, dass ich Sensis nicht fuer eine Loesung des Problems "Sehnsucht nach Zaertlichkeit und Sexualitaet" halte. Ich kann verstehen, dass Menschen diesen Service nutzen, aber ich finde trotzdem, dass es Prostitution ist. Schliesslich bezahlt der behinderte Mensch fuer diese Dienstleistung und ich finde, es ist auch egal, ob es jetzt zum Geschlechtsverkehr kommt oder nicht, wenn jemand fuer Geld Zaertlichkeiten austauscht, dann ist es Prostitution und keine caritative Taetigkeit. Ausserdem sehe ich die Gefahr, dass das eigentliche Problem (Muessen Schwerstbehinderte auf eine Beziehung verzichten?) verlagert und vertuscht wird, denn wenn man ehrlich ist, dann sehnt man sich nicht (nur) nach Sex sondern nach Geborgenheit und nach dem "Geliebt werden". Ziel muss sein, dass behinderte Menschen Beziehungen fuehren, wie es auch nichtbehinderte Menschen tun. Sensis befriedigt nur den koerperlichen Teil der Sehnsucht, nicht den seelischen, und wenn nur fuer kurze Zeit. Ausserdem rueckt es behinderte Menschen in eine Ecke, naemlich in die Ecke, das sie zwingend auf so einen Service angewiesen sind, und das ist nicht der Fall. Ich kenne viele schwerstbehinderte Menschen, die auf so einen Service nicht angewiesen sind. Desweiteren habe ich Sensis nicht als sonderlich serioes empfunden. Die waren mir zu oft im Fernsehen, und zwar in Sendungen jedes Nieveaus. Ich hatte viel mehr den Eindruck, dass die nach Sponsoren fuer Ihren Verein aus sind, zumal die ganze Angelegenheit ja auch noch teuer war. Wenn man bedenkt, dass Leute in Behindertenwerkstaetten teilweise nur 350,- DM verdienen, und die sind es ja, die u.U. auf so einen Service anegewiesen sind, dann hat das fuer mich nicht mehr viel zu tun mit caritativer Arbeit, sondern mit Geldmacherei.

'Gesprächspartnerin': Die gleiche Meinung habe ich auch, was solch ein Service fuer Frauen angeht. Hinzu kommt noch die lebhafte Scharr der Amelotatisten und Behindertenfetischisten, die an einem solchen Arbeitsangebot ihre helle Freude haetten.


Reinhard: Nicht weil er eine vermeintliche Schwaechesituation ausnuetzen moechte, sondern weil er helfen moechte. Und ich dachte mir, dass man da so eine Art Netzwerk aufbauen koennte, von Frauen und Maennern, die es Behinderten ermoeglicht sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Denn ich weiss ganz genau, wie das ist, wenn man sich danach sehnt und sich nicht helfen kann (weil man vielleicht ein schwerer Spastiker im Rollstuhl ist, oder inkontinent und deswegen wahnsinnige Beruehrungsaengste hat).

'Gesprächspartnerin': Ja, das kann ich ja sehr gut nachvollziehen, aber das loest das Problem nicht. Hinterher hat man naemlich immernoch die gleichen Beruehrungsaengste, schliesslich "hat man es noetig", wegen seiner Inkontinenz oder was auch immer, einen solchen Service in Anspruch zu nehmen. Wenn man selbst seine Inkontinenz, Behinderung etc. akzeptiert, dann akzeptieren es auch andere und die, die es nicht akzeptieren, mit denen will man normalerweise auch keine Beziehung fuehren und Sex haben, unabhaengig davon, ob man behindert ist oder nicht...

[...]

'Gesprächspartnerin': Aber ich denke, dass jeder seinen Weg finden muss, wie es mit einer Behinderung moeglich ist, ein normales Leben zu leben, nicht nur in Bezug auf Partnerschaft.

Einmal geht's noch :-)

[...] Reinhard: Warum verstehst Du das mit dem Schneckenhaus nicht. Gerade unter den Menschen mit Handicap treffe ich immer wieder Leute an, die zwar im normalen Leben mit ihrer Behinderung umgehen koennen, aber gerade wenn's darum geht, eine Freundin zu erobern oder in Richtung partnerschaftliche Beziehung zu gehen, dann gibt's die groessten Schwierigkeiten. Also, es ist oft sicher so, dass eben dieses in sich Verkriechen gerade in diesem Bereich besonders stark zum Ausdruck kommt. Ich muss aber eingestehen, dass ich das hauptsaechlich nur von der maennlichen Seite her betrachten kann, vielleicht gibt es da zwischen Mann und Frau wirklich so markante Unterschiede.

'Gesprächspartnerin': Hmmm, kann sein. Ich weiss nicht... Vielleicht bin aber auch nur ich so, ich kann nicht fuer alle Frauen sprechen.

Reinhard: Es stimmt schon, (m)eine Homepage kann sicher nicht alles aufarbeiten, aber sie kann zum Denken anregen, sie kann Ansaetze fuer Loesungsmoeglichkeiten bieten. Aufgrund einiger positiver Erfahrungen in diesem Bereich, weiss ich, dass ich da nicht so falsch liege. Und ich glaube auch nicht, dass die Sexualitaet am unteren Ende der Kette haengt.

'Gesprächspartnerin': Ja, vielleicht kann man das einfach nicht so verallgemeinern. Ich habe noch einmal nachgedacht. Ich denke, es ist einfach bei jedem anders. Die Lebenssituation, die Behinderung, das Umfeld ist immer individuell. Wahrscheinlich gibt es keine schluessige Theorie.

Reinhard: Warum hat man Minderwertigkeitskomplexe als Koerperbehinderter? Weil man eben den eigenen Koerper (mit all seinen Schwaechen) nicht so akzeptieren kann, wie er eben ist.

'Gesprächspartnerin': Aber die Frage ist, warum man das nicht tut. Wahrscheinlich auch deshalb, weil einen andere immer darauf aufmerksam machen, dass man selbst und der Koerper anders ist... Ich denke, es ist ein bisschen wie ein Kreislauf...

Reinhard: Und natuerlich ist es dann doppelt schwer, sich nach aussen hin zu verkaufen, darauf zu pfeifen, dass nicht alles so funktioniert wie es sich ein 08/15 Mensch vorstellt und darauf zu warten, dass einem wer unterkommt, der einem so nimmt, wie man eben ist. Unsere Welt ist eben auf 'schoen', 'gerade', 'stark' ausgebaut und da muss man dann als nicht 'perfekter' doppelt kaempfen (im Berufsleben, im allgemeinen sozialen Umfeld und natuerlich auch in puncto partnerschaftlicher Moeglichkeiten).

'Gesprächspartnerin': Naja, ich weiss nicht, ob ich das in Sachen Partnerschaft als kaempfen bezeichnen wuerde. Das trifft vielleicht auf das Berufsleben zu, aber Liebe kann man sich nicht erkaempfen... Uebrigens gibt es genug nicht behinderte, die genau das gleiche Problem haben, einen Partner zu finden. Deutschland ist voll von Singles, die alle nicht den/die Richtige finden. Es ist vielleicht auch ein gesamtgesellschaftliches Problem, das eben Behinderte im besonderen Masse trifft.

Reinhard: Und es ist nicht immer leicht, fuer alles doppelt kaempfen zu muessen.

[...]

Und ich bin davon ueberzeugt, dass es im Berufsleben und im ausserberuflichen Umfeld leichter ist mit einer Behinderung umzugehen (diese zu verstecken, zu kaschieren, oder einfach zu akzeptieren) als in der Sexualitaet, im Streben nach einer Partnerschaft, weil das ja viel tiefer geht. Man wird so oft verletzt schon im allgemeinen Leben, dass es, wenn man nach 'mehr' strebt, dieses fast unmoeglich erscheint.

'Gesprächspartnerin': Aber das geht nicht behinderten Menschen auch so, denke ich. Man hat normalerweise immer mehr Probleme in der Partnerschaft als im Beruf, aber das kann sich natuerlich u.U. bei behinderten extremer auswirken, aber das will ich nicht verallgemeinern.

[...]

Reinhard: Ueber Sensis habe ich schon solche und solche Stimmen gehoert. Manche sind Deiner Meinung und sagen, Sensis ist eine Art der Prostitution und loest nicht das eigentliche Problem. Andere wiederum meinen, eigentlich habe ich grundsaetzlich nichts dagegen, fuer Sex und 'Zaertlichkeit' zu bezahlen, weil ich das auch erleben moechte und einen Zugang in diese 'Materie' erlangen moechte, was mir ansonsten bisher verwehrt blieb.

'Gesprächspartnerin': Ich finde trotzdem, dass man fragen muss, warum es Ihnen verwehrt blieb. Das finde ich einen erheblich besseren Ansatzpunkt als an den Symptomen herumzudoktern. Behinderteneinrichtungen muessten viel sensibilisierter sein, was dieses Thema angeht. Aber ich kenne so viele Faelle, wo Behinderte in Einrichtungen bevormundet wurden, dass es mich nicht wundert, wenn sie es bei der Sexualitaet auch werden. Da trifft uebrigens mein Bild mit der Kette zu. Wenn andere Dinge im Argen (schreibt man das so?) liegen, dann klappts auch nicht mit Liebe und Sexualitaet. Aber das Bild trifft nicht immer zu, da hast Du recht.

Reinhard: Auch ich habe es fast schon in Erwaegung gezogen zu einer Prostituierten zu gehen, weil ich einfach Erfahrungen in diesem Bereich sammeln wollte, weil ich meinte, dass ich dann ueberhaupt offener an dieses Thema herangehen kann.

'Gesprächspartnerin': Inwiefern offener? Ich glaube nicht, dass man weniger verklemmt (bloedes Wort) ist, wenn man mal Sex hatte als ohne, aber vielleicht verstehe ich Dich da auch nur falsch. Oder meinst Du, man kann nur ueber Sex reden, wenn man ihn schon hatte? Das denke ich nicht. Schliesslich hat jeder eine Sexualitaet auch ohne Sex... Aber vielleicht meintest Du das gar nicht so...

Reinhard: Sicher ist das nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber das ist dann auch eine Moeglichkeit seinen Koerper wirklich kennenzulernen, zu wissen, wo die Grenzen sind, ohne sich gleich ins Ungewisse stuerzen zu muessen.

'Gesprächspartnerin': Naja, aber es macht ja auch Spass, den Koerper gemeinsam zu entdecken. Dafuer braucht es natuerlich eine Vertrauensbasis. Uebrigens glaube ich, dass man den Koerper wirklich erst entdeckt, wenn man so eine Basis hat, auch wenn man vorher schon mit anderen geschlafen hat. Ich denke, das duerfte bei einer Prostituierten schwierig sein, auch wenn man sie sich aussuchen kann...

[...]

Reinhard: Und Du hast auch recht, aber es ist trotzdem alles doppelt so schwer. Ich hoffe, Du verstehst, was ich meine. Sexualitaet (im Rahmen der Liebe) ist so etwas Nahes, erfordert, dass man sich total oeffnet und wenn man dann verletzt wird, tut's doppelt weh. Jetzt bin ich ein wenig abgeschweift, sorry.

'Gesprächspartnerin': Ich verstehe sehr gut, was Du meinst, aber das ist eigentlich nichts Behindertenspezifisches, sondern das ist immer so, wenn man in einer vertrauenvollen Beziehung enttaeuscht wird. Aber vielleicht kann man sogar sagen, dass Behinderte es diesbezueglich etwas leichter haben. Die Spreu trennt sich frueher vom Weizen als bei nicht behinderten Menschen. Kann auch ein Vorteil sein. Ich denke, ich kann mir z.B. eine oberflaechliche Beziehung auf Dauer nicht leisten, wenn sie ueberhaupt zu realisieren ist. Man merkt es vielleicht frueher, wenn es der/die falsche ist. Dann tut es u.U. weniger weh...

Reinhard: Aber ich glaube trotzdem, dass es schon wichtig sein kann auch durch eine Institution wie Sensis (falls sie serioes ist) Erfahrungen zu sammeln, einmal dieses besondere Gefuehl zu erleben. Auch wenn's nur eine Hilfskruecke ist.

'Gesprächspartnerin': Wenn ueberhaupt.... Aber es gibt doch Prostituierte, die vielleicht sogar preiswerter sind als Sensis... Ich weiss nicht mehr, was sie genau nehmen, ich weiss nur noch, das ich dachte, das koennen sich die wenigsten mehr als einmal im Monat leisten....

[...]

Reinhard: Ich haette eigentlich auch nichts dagegen einzuwenden, fuer solche 'Dienste' zu zahlen, weil ja natuerlich dem/derjenigen Kosten entstehen und auch von etwas leben muss.

'Gesprächspartnerin': Was entstehen denn da fuer Kosten? Keine, wenn man mal vom Benzingeld absieht... das wars aber auch schon. Fuer mich verkaufen die ihren Koerper, das hat nichts mit Kostenauslage zu tun...

Reinhard: Das mag jetzt vielleicht ein wenig einfach klingen, aber gerade vor ein paar Tagen schrieb mir ein Mann, dass Sensis (inzwischen nur mehr in der Gestalt von Frau Senger) die einzige Moeglichkeit ist, Sexualitaet zu erfahren.

'Gesprächspartnerin': Ich muss sagen, ich finde es so erniedrigend fuer einen Menschen, wenn er auf Frauen angewiesen ist fuer die er bezahlt. Ich koennte mir nie vorstellen, mit einem Mann zu schlafen, der sich prostituiert, auch wenn ich nie mehr in meinem Leben Sex haette. Es stellt fuer mich einfach keine Loesung dar, aber ich kann akzeptieren, wenn jemand zu solchen Mitteln greift. Dazu kommt eben noch, dass ich Behinderte kenne, die sich auch kaum ruehren koennen, die eben nicht darauf angewiesen sind. Ich kann und will nicht glauben, dass die einfach nur Glueck haben...

Reinhard: Natuerlich waere es schoener, wenn auch Schwerstbehinderte unbefangen in eine Beziehung gehen koennen. Nur das spielt's in der Praxis einfach nicht so oft. Wo sollen sie wem kennenlernen und noch dazu jemanden, der sie so akzeptieren kann, wie sie sind? Wie sollen sie die Mauern einreissen, die sie sich aufgebaut haben oder die Gesellschaft um sie herum errichtet hat?

'Gesprächspartnerin': Ja das ist schwer. Das sehe ich ein, aber Sensis ist auch nicht die Loesung...

Reinhard: Und natuerlich deckt die Inanspruchnahme einer 'Prostituierten' nur einen Teil des gesamten Spektrums, was sich Liebe, Zaertlichkeit, Beziehung, Sex oder was auch immer nennen mag, ab. Und ich glaube auch nicht, dass man damit in eine Ecke gerueckt wird. Wenn man so ein Service in Anspruch nimmt, dann ist man bereits in dieser Ecke und erhaelt aber dadurch wieder die Moeglichkeit, da rauszukommen,

'Gesprächspartnerin': ....oder einfach drinzubleiben!? Hinterher ist doch nichts anders? Man hat immernoch die Komplexe und fuer das naechste Mal muss man wieder bezahlen. Wie gesagt, ich finde das erniedrigend...

Reinhard: oder einfach wirklich schoene Stunden zu erleben, was einem sonst sowieso verwehrt bliebe.

'Gesprächspartnerin': Naja, aber so pauschal kann man das nicht sagen... Das entspricht dem Klischee, Behinderte fuehren ein tristes Leben...

Reinhard: Inwieweit das gerade bei Sensis nur Geldmacherei ist, dazu kann ich leider kein Urteil abgeben, weil mir da die Erfahrung fehlt und zu wenige Menschen kenne, die dieses 'Service' in Anspruch genommen haben.

'Gesprächspartnerin': Ich frage mich halt, wieso es so teuer sein muss? Ich finde sogar, dass so eine Notlage ausgenutzt wird. Wie gesagt, wenn es ein soziales Projekt waere, dann waere es preiswert oder umsonst.

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