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"Bis heute habe ich seine Hände nicht vergessen"
von Inge

So 21 oder 22 Jahre alt war ich als wir mit der Clique durch die Stadt zogen und uns Schaufenster ansahen. Es war eine sehr warme Sommernacht und an einer Gaststätte mit Außenbewirtung wollten wir uns aus niederlassen. Leider waren schon alle Tische besetzt. Doch einige Leute vom Tisch in der Mitte riefen uns zu: "Kommt zu uns wir rutschen alle zusammen dann passen wir alle an den Tisch." Gesagt getan und die Entscheidung war gut. Sehr lustig war diese Runde und wir machten einen Witz nach dem anderen. Mir gegenüber sahs ein junger Mann der sich sehr rege an jedem Gespräch beteiligte und der mir sehr oft sehr tief in die Augen sah. "Der sieht aber gut aus!", sagte ich zu meiner Freundin. Ja, ihr gefiel er auch. Seine Art das Gespräch an sich zu reißen und alle Augen auf sich zu ziehen, kam mir zwar etwas übertrieben vor. Aber was sollīs. Manche sind so und er war so. Irgendwann rief er:"Micha, ich muß zur Toilette, kommst du." Ich verstand das überhaupt nicht. Konnte er nicht alleine zur Toilette gehen? Mußte er jemanden mitnehmen, um ihm dann schnell was ins Ohr zu flüstern? Dieser Micha war am Nebentisch in ein Gespräch vertieft, stand jedoch sofort auf und kam. "Na" dachte ich mir "den hat er sich aber schon zum Sklaven gemacht." Und mir lag schon eine Bemerkung auf der Zunge. Da trafen sich unsere Augen und er warf mir einen Blick zu, den ich im ersten Moment nicht verstand. Dieser Blick versuchte meine tiefsten Gedanken zu ergründen, hatte ich den Eindruck. Er hörte damit auch nicht so schnell auf, mir wurde es ungemütlich unter diesem Blick. Micha kam. Gott sei dank, dann würde er aufhören mich sooo anzusehen. Doch was war das?

Micha faßte von hinten an Rainer und zog den Rollstuhl vom Tisch weg....... Nein, wie unaufmerksam man doch sein kann! Wie uns das Gehirn nur allzuoft etwas vorgaukeln kann! Wir sehen jemanden an einem Tisch sitzen und gleich bildet man sich ein das dieser Mensch "normal" ist. Also nicht krank. Deshalb dieser durchdringende Blick kurz zuvor. Ich war sprachlos und er sah mich immer noch an. Aber sein Blick war traurig geworden, hatte ich den Eindruck.

Zum Nachdenken kam ich überhaupt nicht. Wie denn auch? Da sitzen fast 15 Personen am Tisch und reden kreuz und quer über den Tisch und sind fröhlich und derart gut gelaunt. Meine Gedanken überschlugen sich immer noch, als er mit Micha zurückkam. Das irritierte mich noch mehr. Wie konnte jemand der im Rollstuhl sitzt so schnell zur Toilette?

Innerlich versuchte ich mich zu sammeln. Einen lieben, freundlichen und keinesfalls erstaunten Blick wollte ich ihm zuwerfen.

Micha kam zu mir. "Rainer fragt, ob du mit ihm jetzt ein Stück spazieren gehen möchtest?" Ich spürte den Blick von Rainer in meinem Rücken, ich brauchte mich dafür nicht umzusehen, er fieberte der Antwort entgegen. "Ja" sagte ich und stand auf. Eine Erklärung hatte ich jetzt eigentlich von Micha erwartet, tja vielleicht so in der Richtung wie der Rollstuhl funktioniert oder was ich sonst hätte eventuell beachten müssen.

Doch Micha verschwand sehr schnell wieder und ich bekam es mit der Angst zu tun. Wie konnte er nur einfach gehen! Ich wußte doch nichts! Doch sollte ich jetzt einfach hier vor allen ihn zurückrufen? Und wenn er nicht kam, hätte ich dann etwa meine Frage laut stellen sollen? Ohh, würde sich doch nur die Erde öffnen und mich verschlingen.

Da stand Rainer vor mir und lächelte mich an. "Schönen guten Abend, junge Frau. Warten Sie schon lange auf mich?" "Ja,schon seit bestimmt 2 Minuten," und lachte ihn an.

Meiner Freundin flüsterte ich nur schnell zu:"Ich gehe mit Rainer einmal um den Block." Sie wußte was diese Worte zu bedeuten hatten. Übersetzt so viel wie: geh ruhig nach Hause. Ich komme später heute Nacht oder erst morgen früh.

Rainer war schon etwas 5 Meter vorgefahren und erwartet mich mit seinem umwerfenden lächeln. Er legte meine Jacke auf seinen Schoß. Und wir gingen. Zunächst kam aber nur schleppend ein Gespräch zustande. Nach etwa 300 Meter sahen wir eine kleine Kirche mit einer kleinen Grünanlage. Auf einer Bank dort setzte ich mich und er stellte sich mit dem Rollstuhl neben mich.

Irgendwann war das Eis dann doch gebrochen und wir unterhielten uns sehr lange und sehr angeregt über Gott und die Welt. So bemerkten wir nicht, daß schon Stunden vergangen waren. Mit Erschrecken stellte ich fest, daß ich dringend zur Toilette mußte. Ich sagte ihm das und wir wollten uns auf den Weg zurück zur Gaststätte machen, doch die war geschlossen! Es wurde so langsam dringend bei mir und er merkte das.

"Ich wohne nicht weit von hier. Setzt dich auf meinen Schoß und ich schalte den Turbo ein. Dann sind wir in 3 Minuten bei mir."

Gesagt, getan. In der Zeit in der ich auf Toilette war, machte er Kaffee.

Mich wunderte allerdings das er nicht zur Toilette mußte, denn er hatte einige Gläser Bier getrunken.

Wir tranken eine Tasse Kaffee. Doch recht stumm, wir sahen uns nur in die Augen. Als wenn er meine Gedanken gewußt hätte, erzählte er von seiner Behinderung. Die ganze Zeit über hatten wir über anderes gesprochen.

- Das er nicht zur Toilette zu gehen brauchte, weil er einen Urinbeutel hatte. Der mußte nur ab und zu geleert werden. - Durch einen Unfall, oh verzeiht nach all den Jahren weiß ich nicht mehr was es war, konnte er nicht mehr gehen. - Seine Beine waren gelähmt. - Die Arme konnte er normal bewegen. - Er konnte keine Erektion mehr bekommen, doch wollte er trotzdem mit einer Frau ins Bett und ob ich damit einverstanden wäre und sein Urinbeutel ist voll, ob ich den leeren könnte.

Bei den letzten Worten war ich nur etwas erschrocken, sagte dann aber sofort ja, ist in Ordnung. Er hatte sehr schnell gesprochen, also war es ihm unangenehm, was ich sehr gut verstehen konnte.

"Muß ich dir beim Ausziehen helfen?" fragte ich ihn noch.

Dieser Mann hatte tausend Hände und tausend Arme und es war einfach toll mit ihm zu schlafen. Noch zwei Tage blieb ich bei ihm. Wir lagen nur im Bett oder wir aßen etwas zusammen in der Küche.

Erst Montag ging ich wieder nach Hause. Wir waren vielleicht 6 Monate zusammen. Er veränderte sich dann plötzlich dermaßen zum seinem Nachteil, daß keiner verstehen konnte was in ihm vorging. Er hatte mich und meine Tochter. Wir kamen mit allem gut klar und wir konnten sehr gut reden. Doch er wurde immer aggressiver und es kam immer häufiger vor, daß er mich von einer Sekunde zur anderen anschrie. Selbst sein langjähriger Freund Micha hatte er so vergrault, daß er nichts mehr von ihm wissen wollte, so sehr war er verletzt worden mit Worten von Rainer.

Rainer meinte, er wüßte nicht warum er so ist. Er sei nun mal so, er sei ja auch ein Krüppel. Dies aber meinte er sehr, sehr negativ. Und ich hätte ihn so zu ertragen. Keiner aus der Clique oder von meinen Bekannten konnte mehr mit ihm reden. Er verschloß sich oder er brüllte die Leute sofort an.

Ich glaube, er hat niemandem die Wahrheit gesagt, was er wirklich dachte und wie es wirklich um ihn innerlich stand.

So plötzlich und einfach so wollte ich ihm nicht sagen das wir am besten die Freundschaft beendeten. Als ich meinte es ihm sagen zu können antwortet er nur:"Geh, ich weiß sowieso nicht, warum du es so lange bei mir ausgehalten hast. Dich und alles andere habe ich nicht verdient."

Das er einen recht großen Konflikt hatte, wußte ich. Doch wie sollte ich ihm helfen? Selbst seine Eltern hatte er vergrault.

Von anderen hörte ich nur, daß er sehr zurückgezogen wohnte. Als ich ihn anrufen wollte, gab es die Nummer nicht mehr und keiner wußte wo er war.

Seit dieser Zeit war er verschwunden und ich habe ihn nicht verstanden. Lange habe ich darüber nachgedacht was ich falsch gemacht haben könnte. Ob ich zu ihm vielleicht anders hätte sein sollen?

Irgendwann hörte ich auf darüber nachzudenken.

Doch bis heute habe ich seine Hände nicht vergessen.

Inge

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